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Deutschlands schönste Fake-Moscheen (1)

Dieses Mal: das Potsdamer Dampfmaschinenhaus. Von Fabian Goldmann

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Foto: Tobias Nordhausen, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Sie verfügen über goldene Kuppeln, prächtige Minarette und reich verzierte Innenräume. Nur betenden Muslime trifft man in einigen der schönsten Moscheen Deutschlands nie an. Fabian Goldmann stellt Moscheen vor, die keine sind.

(iz). Touristen, die mittels Ausflugsboot bei Potsdam die Havel entlang fahren, erleben an der Neustädter Bucht eine dicke Überraschung: Inmitten von 1970er-Jahre Plattenbauten steht dort eine der schönsten Moscheen Deutschlands. Die gestreifte Fassade erinnert an die berühmte Moschee von Córdoba. Die blassgrüne Kuppel ziert ein goldener Halbmond. Ein Minarett ragt 38 Meter in den Potsdamer Himmel.

Für jene Touristen, die anschließend auch noch einen Blick in die Moschee hinein werfen, fällt die Überraschung noch größer aus: Denn statt auf Gebetsnische oder teure Teppiche fällt der Blick auf eine fette Dampfmaschine. Statt Koranrezitationen des Imams dröhnen hinter dem Eingangstor nur zwei Elektromotoren vor sich hin. Der Grund für das ungewöhnliche Schauspiel: Die Moschee am Potsdamer Havelufer ist gar keine.

Mit diesem Schicksal ist Potsdams Dampfmaschinenhaus nicht allein. Wer sich für Moscheebauten in Deutschland und Europa interessiert, stößt schnell auf ein seltsames Phänomen: Ausgerechnet die prächtigsten unter ihnen haben nie einen betenden Muslim erlebt. Während heute die wenigen repräsentativen Moscheen vielerorts aus allen Nähten platzen, bauten Könige, Fürsten und Industrielle zwischen dem ausgehenden 18. und beginnenden 20. Jahrhundert islamisch anmutende Gebäude, ohne dass irgendein Muslim je danach gefragt hätte.

In Wien und Dresden entstanden Fabriken im Orient-Look. In Düsseldorf und Wiesbaden tranken Kaffeehausgänger ihren Mokka stilecht unter Minarett-Imitationen. In Prag, Budapest und Berlin errichteten Juden ihre Synagogen im maurischen Stil. In Bayern, der Pfalz und London verschönerten viel Herrscher ihre Anwesen mit „Gartenmoscheen“.

Die Suche nach den Ursprünge von Potsdams Dampfmaschinenhaus führt allerdings zunächst nicht in die islamische Welt, sondern ins französische Versailles. Preußenkönig Friedrich der Große waren hier Mitte des 18. Jahrhunderts die riesigen Wasserfontainen aufgefallen. Zurück an seinem Hof, wies er seinen Architekten an, auch in seinem Schlosspark Sanssouci das Wasser zum sprudeln zu bringen. Der Plan: Mittels Windmühlenpumpen und einem 1,8 Kilometer langen Rohrsystem aus ausgehöhlten Baumstämmen sollte Havelwasser erst in ein Wasserreservoir auf den Ruinenberg gepumpt werden, um von dort aus in den Schlosspark zu schießen. Das Ergebnis: platzende Rohre. Das einzige, was am Ende sprudelte, waren die Kosten.

Es dauerte noch 60 weitere Jahre bis König Friedrich Wilhelm IV. dank neumodischer 81-PS-Mega-Dampfmaschine die Träume seines Urgroßonkels in die Tat umsetzte. Dieser stieß nun aber auf ein neues Problem: Von der Schlossterasse drohte jetzt der Blick auf ein schnödes Dampfmaschinenhaus. Sein Wunsch an Hofarchitekten Ludwig Persius: Ein Gebäude „nach Art der türkischen ­Moscheen mit einem Minarett als Schornstein“. Wobei man es mit den Begriffen nicht so genau nehmen darf: Unter „türkisch“ oder „maurisch“ subsumierte man alles, was nach Moschee aussah. Egal ob das reale Vorbild nun in Indien oder Andalusien stand. Und so vereinte das von 1841 bis 1843 ­erbaute Dampfmaschinenhaus dann auch ebenso Elemente der Moschee von Córdoba und der Alhambra-Burg wie ägyptischer ­Moscheen.

Warum Friedrich Wilhelm IV.  sich seine Inspirationen für die Verschönerung seines Schlosspark ausgerechnet in der islamischen Welt suchte, ist schnell erklärt: Er war schlicht ein Kind seiner Zeit. Der 1795 ­geborene Preuße wuchs in einer Ära auf, in der die Erinnerungen an die Bedrohungen des Osmanische Reiches verblasste und ersetzt wurden durch Geschichten aus Tausendundeiner Nacht und Gedichten aus Goethes „West-östlicher Divan“. An Europas Höfen wartete man gespannt auf Neuigkeiten von Napoleons Ägypten-Expedition. In Wien dröhnten türkische Militärtrommeln zu Mozarts „Entführung aus dem Serail“. In Berlin lieferte Lessings „Nathan der Weise“ den Soundtrack zum Toleranzgedanken der Aufklärung. Der „Orient“ wurde vom Symbol des Schreckens zum Sehnsuchtsort. Das eigene Bekenntnis zum „türkischen“ Lifestyle: Ausdruck von Weltgewandtheit, Sinnlichkeit und Toleranz.

Diese Sehnsucht schlug sich nicht nur im Dampfmaschinenhaus nieder. Schon als Kronprinz soll Friedrich Wilhelm IV.  in Briefen an seine Schwester von der islamischen Welt geschwärmt haben. Um indische Werke im Original lesen zu können, ließ er sich von Wilhelm von Humboldt Sanskrit beibringen. Noch heute geht die Sammlung arabischer Handschriften in der Berliner Staatsbibliothek maßgeblich auf Friedrich Wilhelm IV. zurück. Wie wichtig ihm insbesondere der Bau seiner Moschee war, wird in einem Brief seines Hofarchitekten ­Ludwig Persius deutlich. Als der Bau wegen einer verspäteten Pumpenlieferung drohte in Verzug zu geraten, schrieb dieser an den säumigen Lieferanten, dass es sich um „das größte Bauvorhaben im Staate“ handle und dass „der König, das Land, ja man kann sagen, die Welt an der von Ihnen zugesagten Vollendung des Werkes Anteil nimmt“.

Anteil nehmen Besucher an Potsdams Fake-Moschee bis heute. Auch über 150 Jahre nach ihrem Bau gehört Potsdams Dampfmaschinenhaus zu den beliebtesten Touristenzielen. Auch wenn die Dampfmaschine unter der grünen Kuppel längst keine ­Wasserfontainen mehr in die Höhe schießt. Dafür sind seit 1976 zwei elektrische Pumpen verantwortlich. Betende Muslime hat das Gebäude allerdings bis heute nicht erlebt. Die treffen sich seit 2018 ebenfalls Nahe der Havel, nur ein paar Hundert ­Meter vom Dampfmaschinenhaus entfernt. An „türkische“ oder „maurische“ Architektur erinnert das Gebäude der Al-Farouk-Moschee allerdings nicht. Und auch Touristen dürften sich hierher eher selten verirren. Bei der echten Potsdamer Moschee handelt es sich um ein ehemaliges Heizhaus des lokalen Energieversorgers.

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