IZ News Ticker

„Verbundenheit gibt dem Leben einen Wert und erhebt es über das nackte Überleben”

Die Anatomie der Freundschaft´. Von Prof. Dr. Ferid Muhic

Werbung

Jugendliche bei der jährlichen öffentlichen Iftarveranstaltungen im Luitpoldmark, organisiert vom Muslimrat München. Foto: Armin Etemovic

(iz). Es gibt wahrlich Themen, zu denen der Mensch immer wieder zurückkehrt. Dies sind keine gewöhnlichen Themen, denn es gibt nicht viele Dinge, über die es sich auch nur zweimal nachzudenken lohnt. Es ist notwendig, wenigstens einmal über alles zu grübeln, was uns zum ersten Mal passiert, denn wir sind per Definition rationale, denkende Wesen (so anmaßend das auch ist, so selten sich dies auch in unserem Leben wirklich bestätigen mag!), aber nicht öfter: Derjenige, der sein ganzes Leben mit dem Nachdenken verbracht hat, der hat das Leben verpasst. Unter den wenigen Themen also, über die es sich bei jeder Gelegenheit lohnt, nachzudenken, ohne dabei das Risiko einzugehen, das Leben dadurch zu erschöpfen, nimmt die Freundschaft einen besonderen – wenn nicht sogar den ersten – Platz ein.

Es ist nicht leicht, ein gutes und wahres Wort über die Freundschaft zu finden. Denn die Sprache der Freundschaft machen nicht Worte aus, sondern Bedeutungen. Wenn ich „Bedeutungen“ sage, meine ich damit gereinigte, saubere Bedeutungen, ohne Doppeldeutigkeit. Dieses direkte, intuitive Verständnis in den kompliziertesten Situationen, das ist die Eigenschaft, aus der sich die Sprache der Freundschaft bildet. Wenn die Menschheit heute trotz allem ein mehr oder weniger Ganzes geblieben ist – so konfliktreich sie auch sein mag –, dann nur deshalb, weil sie durch das Zement der Freundschaft zusammengehalten wird. Freundschaft ist in erster Linie die Abwesenheit jeglicher Selbstsucht, demnach ist sie ein gänzlich unüblicher Zustand, welcher dem Egoismus als bedeutendem Prinzip der Selbsterhaltung entgegensteht. Während im alltäglichen, „normalen“ Leben der Mensch sich lange daran erinnert, was er alles gegeben hat und schnell vergisst, was er alles bekommen hat, so ist die Freundschaft der Moment, wenn man sogleich alles vergisst, was man gegeben hat und für immer all das in Erinnerung behält, was man bekommen hat.

Ich laufe nicht vor der Tatsache weg, dass Freundschaft keinen Nutzen per se hat. Nicht einmal die aufrichtigste Freundschaft kann uns auch nur eine der grundlegenden Fragen des Fortbestehens beantworten. Wie auch die Philosophie, die Lyrik, die Musik oder die Kunst als Ganze, so kann auch die Freundschaft kein gutes Paar Schuhe ersetzen, wenn wir im Schnee stehen. Sie kann uns nicht einmal wie ein einziger Teller Suppe nähren, wenn wir Hunger haben. Ebenso wie die Philosophie und die Kunst, wie die Tugend und die Schönheit, kann die Freundschaft nicht die Probleme des Lebens lösen. Doch sie gibt dem Leben einen Wert, sie erhebt es über das nackte und sinnlose Überleben hinweg, sie veredelt es und macht es lebenswert.

Es gehört mehr Glück dazu, einen wahren Freund zu finden, als einen Schatz voller Gold zu finden. Jedoch, um eine Freundschaft auch erhalten zu können – dazu braucht es Göttlichen Segen. Wer einen Freund gefunden hat, ist zu einem besseren Menschen geworden, als er es bis dahin war. Freundschaft macht uns besser und edler als es alle Lehrer und alle Universitäten der Welt zu tun vermögen. Wie oft habe ich Sätze gelesen, in denen die Freundschaft als Verlängerung des Egoismus gefeiert wird: „Der Mensch muss erst sich selbst lieben, bevor er einen anderen lieben kann! Liebe den anderen wie dich selbst! Wer sich selbst nicht liebt, kann auch keinen anderen lieben! Der Mensch kann andere Völker nicht lieben, wenn er sein eigenes nicht liebt!“ Und jedes mal dachte ich – welch großer Irrtum! Der Mensch kann sich selbst lieben, ohne dass er sich um andere schert. Er kann andere lieben, während er sich selbst gegenüber weitaus skeptischer ist. Er kann sein Volk lieben und alle anderen hassen oder sie nicht schätzen, oder auch, ganz im Gegenteil, ein anderes Volk lieben, während er das eigene verachtet.

Grundsätzlich ist die Liebe zu sich selbst, oder der Egoismus in allen Facetten und Intensitäten, keine Garantie oder Voraussetzung – weder für die Liebe noch für die Freundschaft. Mystiker, die wahrhaften Kenner der Liebe, haben erkannt, dass es gerade die Gleichgültigkeit dem eigenen Selbst gegenüber und das Zurückdrängen des Egos sind, die der Schlüssel zur Liebe zum Anderen sind. In allen mystischen Traditionen wird Gott bedingungslos geliebt, durch das völlige Auslöschen jeglichen Egoismus, aller Eitelkeit und des diesseitigen Verwöhnens unserer Selbst.

Dennoch stellt sich bei allen Überlegungen zur Freundschaft ein Paradox auf, wie Kant sagen würde, eine Antinomie, denn: Freunde sind für die Pause und die Erholung. Auf dem Weg jedoch bleibt der Mensch allein. Der Freund ist das größte Geschenk im Leben, daran gibt es keine Zweifel. Er ist das Pferd, welches uns das glückliche Schicksal schenkte, um den Weg, der uns bestimmt ist, leichter zu bestreiten. Doch selbst auf dem Pferd reitet der Mensch allein, selbst während es, den Reiter auf seinem Rücken tragend, galoppiert, so ist er dennoch allein. Sie sind sich so nah, wie es zwei Geschöpfe überhaupt sein können. Doch ihre inneren Wege verlaufen getrennt von einander – jeder für sich selbst, jeder in seinen Gedanken, jeder mit seinem Schicksal. Für die Antinomie der Freundschaft gibt es keine Lösung.

Diese Verschiedenheit lässt sich nicht auflösen, ihre inneren Wege lassen sich nicht auf einander legen, so sehr ihre Pfade, auf denen sie sich bewegen, auch dieselben sein mögen. Erst wenn sie innehalten, um sich auszuruhen, um durchzuatmen, auf der Wiese im Schatten einer einsamen Eiche liegend, oder unter der blühenden Krone eines wilden Kirschbaums, erst dann kehren sie zu einander zurück. Dann teilen sie denselben Moment miteinander. Dann ist selbst der Reiter kein Reiter mehr und das Pferd kein Pferd. Dann sind es zwei Freunde. Und dies ist das Höchste, was uns dieses Leben zu geben hat. Vielleicht sagt man deswegen: „Einem geschenktem Gaul schaut man nicht ins Maul!“ Dem Freund – erst recht nicht.

Folgt uns für News auf:
https://www.facebook.com/islamischezeitungde

und:
https://twitter.com/izmedien

Noch kein IZ-Abo? Dann aber schnell!

Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen