IZ News Ticker

Die bessere Antwort

Islamfeindlichkeit: Abdul Hakim Murad formuliert Alternativen zu wütendem Ressentiment und gottesfernem Aktivismus

Werbung

Foto: igmg.org

(iz). Es gibt Bücher, die kommen zu früh oder zu spät. Doch nicht so „Travelling Home: Essays on Islam in Europe“ des bekannten britischen Gelehrten und Autors Abdal Hakim Murad. Seine Zeit ist gekommen. Und es ist ein Text, von denen man sich wünscht, ihn selbst geschrieben zu haben.

In elf Kapiteln (jedes einzelne die überarbeitete Form eines bestehenden Aufsatzes) mit hilfreicher Dokumentation durch Fußnoten behandelt der Brite das Phänomen der Islam- beziehungsweise Muslimfeindlichkeit in Europa. Aber nicht – wie zu erwarten wäre – in einem aggressiven oder larmoyanten Ton der Klage oder aus einem tiefsitzenden Ressentiment heraus.

Als solches stellt das Buch ein dringend benötigtes Korrelativ, wenn nicht gar einen Gegenentwurf, zu den heute im Westen dominanten innermuslimischen „Diskursen“ dar, die durch Ressentiment und/oder intellektuelle Gottesferne geprägt sieht. Gottesferne insofern, als dass Diskurse über anti-muslimische Vorurteile in ihrer überwältigenden Mehrheit auch innerhalb muslimischer Gemeinschaften ohne Rückgriff auf die Göttlichkeit und die spirituelle Lebenspraxis der Muslime auskommen. Eines seiner Ziele ist dabei, die Ablehnung Ismails (als vergessenem Sohn Ibrahims und Murads Synonym für Muslime) aus der europäischen Geschichte des Glaubens und Denkens zu erklären.

Murads Ziel ist kein simples Abbild der in Großbritannien (und: in Europa) gegebenen Mentalitäten und Verhältnisse. Vielmehr macht sich der Autor immer auf die Suche nach ihren Wurzeln, den Phänomenen Angst und Atheismus, sowie ihren Bedeutungen. Er macht aber nachvollziehbar deutlich, dass die jetzt angebotenen Optionen – ein aus Ressentiment gespeister Extremismus, die „Rasse-Tempel“ (seine nicht ganz unzutreffende Formulierung) sowie die gottesferne Postmoderne – weder dabei helfen können, Antworten zu finden noch eine Zukunftsvision einer beheimateten muslimischen Wirklichkeit zu definieren.

Gleich im ersten Aufsatz erinnert er die europäischen Muslime, dass ein Verständnis für den sie umgebenden Ort Teil des abrahamitischen Maqam ist. Muslim zu werden, oder sich das traditionelle Bewusstsein von Allahs überwältigender Allgegenwart bewahrt zu haben, bedeute, das Land verstehend zu sehen. Und daher Wurzeln zu schlagen sowie sich mit dem Ort auseinanderzusetzen. Murad selbst versteht seine „Sammlung polemischer Essays“, als Gegenentwurf zur heutigen Gewohnheit, Islam und Europa als fremde Phänomene zu begreifen.

Damit wird er nicht nur den angeschwollenen Bocksgesang der brutalen Muslimfeindlichkeit ansprechen, sondern auch innermuslimische Denkmodelle, die einen solchen Widerspruch verinnerlicht haben. Das sind entweder jene, für die Allahs Din das ausschließliche Erbe von Stamm beziehungsweise Ethnie ist sowie die, welche „weißen“ Europäern ob ihrer imaginierten „Privilegien“ den Zugang zur göttlichen Rechtleitung nicht zugestehen wollen.

Darüber hinaus haben diese Texte in den Worten ihres Autors ebenso den Anspruch, Wege zu entdecken, auf denen „traditioneller Islam“ eine bessere und moralische zusammenhängendere Antwort formulieren kann, als „entweder säkularer Szientismus oder Islamismus“ zu leisten vermögen. Und dass ist eine Aufgabe, welche die europäischen Muslime zu leisten hätten, denn „nichtmuslimischer Thinktankler, Sozialverwalter und Parteipolitiker haben keinen Zugriff auf innere Fragen des muslimischen Glaubens, seines Weltverständnis und der Praxis“.

„Fundamentalistisch und islamistische Narrative der Gegensätzlichkeit“, stellen für Abdul Hakim Murad eine Bedrohung eines muslimischen Aufblühens in Europa dar. Denn sie stimmten überein mit dem grausamen Image des Feindes und rekrutierten Eiferer für seine Sache. Die Hinwendung zu einem traditionellen Islam könne keine vorrangig strategische Sache sein. Sie müsse vielmehr eine standfeste Zurückweisung zweier, gegenwärtiger muslimischer Schwächen beinhalten:

„Erstens, eine reaktive Identitäts-Religion mit ihrem Verlangen nach Status und Ego, das vom Selbst (Nafs) getrieben wird. Und zweitens, ein schwindender Bezug zur Gegenwart, Macht und Barmherzigkeit Gottes; ein Schwächeln, das zu dem führt, was ich Furchtsamkeit nenne.“

Seine Texte hätten keine „Reform“ zum Ziel. Vielmehr sollen sie dasjenige reparieren, was deformiert und beschädigt sei. Entfremdung lasse sich nur durch Echtheit heilen; und gewiss nicht durch eine andere. Diese wiederhole unbewusst Eigenschaften und Niederlagen der Moderne – von der sie in vielerlei Hinsicht eine bloße übertragene Version ist.

Angesichts der weitgehenden Unwilligkeit beispielsweise der deutschsprachigen, innermuslimischen Debatte, die Anwesenheit, Identität und Lage in Europa auch unter „religiösen“ Vorzeichen zu diskutieren, stellt „Travelling Home“ eine Seltenheit dar. Das wiederum erhöht den Wert des Buches umso mehr. Für den Autor selbst ist es daher „theologisch anstatt soziologisch“. Es bewege sich im Rahmen eines kleinen Genres des innermuslimischen Schreibens über Ismails Suche nach einem festen Ort in einer westlichen Minderheitensituation.

In den Augen Abdul Hakim Murads wurde die quantitative Präsenz von Muslimen als Minderheit im Westen bisher nicht von einem Wachstum an theologischer und islamrechtlicher Reflexion begleitet. Gleiches lasse sich über das Fehlen einer angemessenen qualifizierten Führung sagen, welche beide befördern könnte. Als Folge eines zweiseitigen Scheiterns seien viele Gelegenheiten für Wachstum und Stärkung verloren worden, während den diskursiven und politischen Gegnern der Muslime unnötigerweise viele Tore geöffnet wurden.

Das liege auch an gegenwärtigen identitären Diskursen. Im Gegensatz zu vielen nationalen Populisten, deren Wurzeln nicht tiefer reichten als ihr Ego und ihre Ängste, seien muslimische Gemeinschaften Erben einer enorm reichhaltigen Hinterlassenschaft. Dessen Zweck bestehe nicht in der Vermittlung einer selbst-bestätigenden Identität, sondern in der Orientierung der Menschen in Richtung ihres Schöpfers.

„Diese Welt und in einiger Hinsicht unser Zeitalter im Besonderen ist getrieben und geteilt von dem, was wir Angst nennen“, beschreibt Abdul Hakim Murad die jetzige menschliche Lage. Nur ein gereiftes Wissen von der Einen und Gerechten Quelle dieser Phänomene, dem Verursacher der Ursachen (arab. musabbib al-asbab) könne uns vor ihnen schützen. „In der Erinnerung Allahs finden die Herzen Ruhe.“ (Ar-Ra’d, Sure 13, 28)

Iman, „was wir nachlässig als ‘Glaube’ übersetzen“, beschriebe vielmehr einen Zustand des wissenden Vertrauens. Wenn Tauhid, die göttliche Einheit, tief im Herzen verankert sei und die menschlichen Reaktionen leite, werde der Mumin (derjenige mit Iman) Allahs Zufriedenheit folgen und die Ursachen nicht fürchten. „So fürchtet nicht sie, sondern fürchtet Mich!“ (Al-Baqara, Sure 2, 150) daher weise ein Islam, der im Tauhid wurzelt, jede Sicht von Gesellschaft zurück, die eine „bloß soziologische“ sei.

In seiner Essay-Sammlung spricht der Brite einen Aspekt an, der in den verschiedenen Ausformungen des Ressentiments nur selten oder nur verzerrt zu finden ist. Als Meta-Bürger würden Muslime nicht zu ihrem jeweiligen Kollektiv aufrufen, sondern zur kollektiven Qibla (Gebetsrichtung) aller Menschen. „Und so rufen wir andere zu unserem Weg auf.“ Das sei Da’wa, eine der Aufgaben der Gesandten „und die jeder edlen Seele seit dem frühesten Zeitalter des Menschen“.

Während sie eine Pflicht für alle Muslime zu jeder Zeit sei, ruhe sie insbesondere auf den Schultern jener, die in einem spirituell erodierten und moralisch losem Okzident leben. Allerdings, so die Einschätzung, entspricht dies nur selten dem eigentlichen Antrieb der meisten, die einmal hier herkamen. „Die meisten Muslime in Frankreich wanderten ein, um mehr Tagine zu essen oder um EU-Pässe zu haben. Aber das stellt – in Hinblick auf die Schari’a – üblicherweise keinen guten Grund für Hidschra dar. ‘Wessen Auswanderung für eine weltliche Sache ist, oder für die Heirat einer Frau, dann ist seine Auswanderung dafür.’ (Bukhari)“

Einer der roten Fäden vieler Texte ist die berechtigte Warnung Murads vor Ärger aus Verzweiflung und einem Gefühl der Belagerung. Dahinter verberge sich in extremeren Situationen eine schlecht verhüllte Wut auf Allah und Seine Bestimmung der Geschichte. Entgegen einem Teil der Kritik, die in den letzten Jahren und Monaten von Seiten des politischen Aktivismus vorgetragen wurde, plädiert der Brite nicht für einen teilnahmslosen Pietismus.

Verärgerung über Ungerechtigkeit und den Typus des „Abu Lahabs“ sei Teil der prophetischen Wirklichkeit gewesen. Jedoch stellte seine, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, Konformität mit Allah sicher, dass die Nachsicht des Propheten dessen bestimmende Eigenschaft sei. Imam An-Nawawi kommentierte das berühmte Hadith „werdet nicht wütend“ wie folgt: „Handelt nicht in Übereinstimmung mit eurer Wut.“ Das Verbot erstreckt sich nicht auf den Ärger selbst, der Teil der menschlichen Natur ist.

„Wut ist sündhaft, tatsächlich eine Todsünde, wenn sie eine implizite Herausforderung von Allah und Seiner Bestimmung beinhaltet. Wenn wir behaupten zu glauben, dass die Ursachen eine göttliche Quelle haben, dann muss eine der gefährlichsten Formen des Götzendienstes Schirk al-Asbab sein. Das heißt, geschaffenen Dingen ein wahres Handlungsvermögen zuzugestehen, dass im absoluten Einheitsdenken des Islam tatsächlich direkt und vollkommen Seinem Befehl unterworfen ist“, attestiert Abdul Hakim Murad die tiefsten Fehler in dieser Hinsicht.

Eine wichtige Erinnerung ist der Verweis des Autors auf den leidenschaftlichen Aufruf des großen Sufi-Lehrers ‘Abdalqadir Al-Dschilani, jeglichen Ärger auf Allahs Bestimmung zu bereuen. Anstatt uns zu suggerieren, wir hätten Einfluss auf Seine Bestimmung, sollten wir in der Bedrängnis die Gelegenheit für Höflichkeit, Schweigen, Geduld, Zufriedenheit und Übereinstimmung mit Seinen Befehlen finden.

In Anlehnung an den Psychoanalytiker und Autoren Erich Fromm ist für Murad die Futawwa ein Prinzip des „positiven Konflikts“. Dieser werde zur Bewahrung der „fünf Ziele“ der Gesellschaft geführt, die vom Recht des Islam anerkannt werden. Ohne diesen Antrieb wäre die prophetische Sendung zur Förderung von Gerechtigkeit abgewehrt. Ohne diese „gutartige Aggression“ (Erich Fromm) könne Gerechtigkeit in der Welt nicht überstehen. Jedoch sei sie vollkommen dem Geist, dem Ruh, unterworfen.

Abdal Hakim Murad findet eine der Heilungsmittel in Liebe. Diese könne jedoch nicht bestehen, solange wir nicht voll beschäftigt seien mit Gottes Schöpfung und uns erlauben, durch „die Kontemplation ihrer Schönheit gereinigt“ zu werden. Das sei auch eine klare qur’anische Lehre: „In der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Unterschied von Nacht und Tag liegen wahrlich Zeichen für diejenigen, die Verstand besitzen.“ (Al-i-’Imran, Sure 3, 190) Welcher alchemische Zusatz, fragt der Autor, könnte den heutigen Schmelztiegel der Wut besänftigen? Eine seiner Antworten verweist auf die klassischen Künste und das rituelle Zuhören, Sama’. „Sicherlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe.“ (Ar-Ra’d, 13, 28)

„In unserem islamophoben Zeitalter bestand eine muslimische Antwort auf den säkularen Gewalt-Diskurs aus einem reziproken Retourkutsche.“ Nicht wenige Ghetto-Prediger begegneten dem nationalistischen Populismus mit wütender Agitation. Das zeige einen bekannten Rückgriff auf die Wiedervergeltung, die nur in einer feudalen Fehde enden könne. „Ein Teufelskreis, dessen sicheres Ergebnis – wie so oft – ein beiderseitig parasitärer Chauvinismus ist.“

In Abdal Hakim Murads Augen stünden Muslime vor dieser Herausforderung: Eine muslimische Sprache auf eine beleidigende und stigmatisierende Verbalkultur zu finden. Das Erfahrene als „den reinsten und wertvollsten Bestand an Tugenden und Lebensformen“ zu verteidigen, aber gleichzeitig dem anti-mu’tazilitischen Stil der Bestätigung von Gerechtigkeit in ihrer Transzendenz treu zu bleiben. „So treten wir aus dem Teufelskreis, dessen säkulare Logik eine Welt der Dornen zu verheißen droht.“

Dazu gehört, wiederholt Murad einen Gedanken anderer europäischer Muslime, die Frage nach der Form. So provoziere eine Kopfdeckung, die vom Lokalen inspiriert sei, weniger Angriffe als eine, welche die Zugehörigkeit zur Kultur eines schönen, aber fernen Landes proklamiert. Ein Mann, der in den kalten und regennassen Straßen Frankfurt in Wüstenkleidung herumläuft, lädt aller zur Mutmaßung ein, dass die Wege des Islam nicht dazugehören. „So viele banale Allgemeinplätze, die den Moscheeälteren am Herzen liegen, neigen dazu, den Passanten das Nicht-Europäisch-Sein der vertretenen Gemeinschaft zu übermitteln. Und der Vorbeigehende mag sogar Anspruch auf seine Empörung haben.“

Der lokale Brauch (arab. ‘urf) sei anerkannte Quelle und Faktor des islamischen Urteilens in allen vier sunnitischen Schulen. Das schaffe Gründe für notwendige Variationen in Interpretation und Praxis.

„Außerhalb der Rasse-Tempel und einiger fundamentalistischer Umgebungen, die das klassische Recht zurückweisen, bestehen erkennbare europäisch-muslimische Gebräuche und Erwartungen bereits heute als anthropologische Realitäten.“

„Travelling Home: Essays on Islam in Europe“ ist ein Buch für diese Zeit. Es stellt – ohne Übertreibung – eine Pflichtlektüre für all jene dar, die heute an den relevanten Debatten in und mit der muslimischen Gemeinschaft teilnehmen. Die enthaltenen Gedanken sind eine Navigationshilfe zwischen den Klippen des Ressentiments und den Untiefen einer rein soziologischen Perspektive, die ihren Bezug zum klassischen Selbstverständnis des Muslim-Seins verloren hat.

Abdal Hakim Murad, Travelling Home: Essays on Islam in Europe, Quilliam Press, ISBN 978-1-872038-20-9, derzeit nur als eBook (corona-bedingt soll die Printversion ab Mitte Juni lieferbar sein).

The following two tabs change content below.
Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen