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Die bisher genialste Jugend

Sturm und Drang: Was heißt es, ein Genie zu sein?

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Foto: Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

(iz). Was wir als selbstverständlich empfinden; nämlich unsere Gefühle, unsere Gedanken, unsere Vorstellungswelt in Worte zu fassen, das war in Deutschland lange Zeit nicht selbstverständlich. Wir schreiben die 60er Jahre des 18. Jahrhunderts. Der Verstand und die Regeln, die er angeblich aufstellte; die gesellschaftlichen Konventionen, denen sich jeder zu fügen hatte – das heißt, wenn du zufällig in die richtige Familie hineingeboren wirst, dann bist du ein Adeliger! Dann besitzt du Wert! – herrschten vor. Fatih Sultan Mehmet hat bereits 200 Jahre zuvor Konstantinopel von der elendigen und die Würde und Ehre des Menschen belei­digenden Ständegesellschaft befreit. Doch hier soll der Zufall über mein Schicksal entschieden!?

Herder, Goethe, Lenz, Klinger, Schiller… Auch sie duldeten die Ketten, die ihnen die Gesellschaft anlegte nicht. „Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!“ Dies war eine berühmt-berüchtigte Aussage der Stürmer und Dränger! Sie galt der Regelpoetik der Aufklärer und Franzosen, die griechisch sein wollten und sich dadurch anketteten. Ihr Vorbild fanden sie in Shakespeare!

Dem Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und Figuren formte, die menschlich fühlen wie er – so fühlen auch die Stürmer und Dränger und ­formen gefühlsüberschwängliche Gedichte, die keiner Regel noch Norm folgen – außer ihrem Genie! „Hier sitz’ ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde, / Ein Geschlecht, das mir gleich sei, / Zu leiden, weinen, / Genießen und zu freuen sich, / Und dein nicht zu achten, / Wie ich!“ Wie ich bedeutet menschlich! Und was bedeutet es Mensch zu sein? Herz zu haben bedeutet Mensch zu sein! Das fasst Lenz wundervoll zusammen in seinem Gedicht An das Herz: „Lieben, hassen, fürchten, zittern, / Hoffen, zagen bis ins Mark, / Kann das Leben zwar verbittern; / Aber ohne sie wär’s Quark!“

Aufklärung findet nicht durch Regelpoetik, dem Einhalten der Einheiten, statt! Sie findet dadurch statt, dass ich mit Herz ein Werk verfasse! Ein Werk, dass mir zeigt und mich fühlen lässt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein! Die mich fühlen und erkennen lässt, was mich bisher kein Philosoph hat lehren können. Es geht um das, was Shakespeare in seine Stücke hat reinlegen können: „seine Stücke drehen sich alle um den geheimen Punkt (den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat), in dem das Eigentümliche unsres Ichs, die prätendierte Freiheit unsres Wollens, mit dem notwendigen Gang des Ganzen ­zusammenstößt.“

Die Griechen und Römer haben zu ihrer Zeit geleistet, was zu leisten war und haben Genie bewiesen! Shakespeare hat zu seiner Zeit Genie bewiesen, indem er beobachtete, nachdachte und zu dem Schluss kam, dass die Regelpoetik nicht dem Zeitgeist entspricht! Ein Werk soll Furcht und Mitleid hervorrufen; doch was, wenn das Einhalten der Gesetze und Regeln, weder Furcht noch Mitleid hervorrufen? Was soll den Menschen dann noch läutern?

Was nützt es, beständig über die Vergangenheit und über Traditionen zu sprechen, wenn keiner mehr Großes und Heroisches leistet? „Pfui! Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert, zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden des Altertums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen“!

Vor Palaverern und bloßen Kommentatoren hatten die Stürmer und Dränger keinen Respekt, keine Achtung. Respekt wird dem Genie gezollt. Dem, der belesen, aufmerksam und tollkühn genug ist, seine Erkenntnisse, die er mal mit dem Verstand und mal mit dem Herzen macht, niederzuschreiben, zu leben! Das Diktat der Gesellschaft, die verlangt, dass man sich integriere, dass man als Adler wie eine Taube lebe, galt es zu zerreißen. „O Weise!“ sprach der Adler, und tief ernst / Versinkt er tiefer in sich selbst, / ‚O Weisheit ! Du redst wie eine Taube!’„ Wenn der Ratschlag vom Falschen kommt, so ist es kein Ratschlag, so ist es List! Ein Adler, der auf Ratschläge einer Taube hört, der wird was? Der wird zu einer Taube. Ein Adler lebt nicht nach den Gesetzen einer Taube, er ist der Herr der Lüfte: „Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.“

Die Sprache ist keine künstliche, es ist die Sprache des Volkes. Volkslieder: Poesie, die nah am Volke ist. Worte, die jeder nachvollziehen kann: „Manchmal sag’ ich mir: dein Schicksal ist einzig; preise die übrigen glücklich – so ist noch keiner gequält worden. – Dann lese ich einen Dichter der Vorzeit, und es ist mir, als säh’ ich in mein eignes Herz.“ Und geht es uns nicht allen so, wenn der Sänger eines Textes uns aus der Seele spricht? Was sind Poeten anderes als die Lehrer aller Songwriter? Doch Belesenheit, Genie will bei dem Werke sein.

Die Stürmer und Dränger waren nicht so töricht, die Regeln willkürlich zu brechen. Sie brachen sie, weil es eine Notwendigkeit war. Wie Shakespeare, das Genie. Um ,Gefühle zu erzeugen, Mitleid und Furcht zu wecken, bedarf es höchster Kunst: „Das Interesse ist der große Hauptzweck des Dichters, dem alle übrigen untergeordnet sein müssen – fordert dieses – fordert die Ausmalung gewisser Charaktere, ohne welche das Interesse nicht erhalten werden kann, unausbleiblich und unumgänglich Veränderung der Zeit und des Orts, so kann und muß ihm Zeit und Ort aufgeopfert werden.“

Beim Brechen der Gesetze ist Verstand am Werke. Französisch, Latein, Griechisch, Englisch, Deutsch: Die Stürmer und Dränger sind bewandt in zahlreichen Sprachen.

Sie besitzen genug Bildung, um einzusehen, dass die bestehenden Gesetzmäßigkeiten, die gesellschaftlichen Verhältnisse unnatürlich sind; über genug Bildung, um ernstgenommen zu werden und über genug Mut und Entschlossenheit, diese Ideen vorzutragen, schriftlich festzuhalten und auf die Bühne bringen zu lassen.

Natur, Natur! In allen ihren Bedeutungsebenen. Brüder nennen sie sich, Brüder! Und als prophetisches Genie sahen sie Muhammad an: „Und mit frühem Führertritt / Reißt er seine Bruderquellen / Mit sich fort. / Drunten werden in dem Tal / Unter seinem Fußtritt Blumen, / Und die Wiese / Lebt von seinem Hauch. // Doch ihn hält kein Schattental … Zedernhäuser trägt der Atlas / Auf den Riesenschultern; sausend / Wehen über seinem Haupte / Tausend Flaggen durch die Lüfte, / Zeugen seiner Herrlichkeit. // Und so trägt er seine Brüder, / Seine Schätze, seine Kinder / Dem erwartenden Erzeuger / Freudebrausend an das Herz.“ Goethe und auch Herder schwärmten außerordentlich für den Propheten. Wie Muslime nennen sie sich Brüder, wie Muslime sehen sie in der Natur das Wirken Allahs. Und im Werther… nicht bloß Muslime sehen diese Zusammenhänge. Als Goethe seinem Friedrich Riemer das 3. und 4. Kapitel seiner Autobiographie zusandte, antwortet Riemer am 03. August 1813, dass Muhammad eines der „ungeheuerlichen Erzlager aller Art“ gewesen sei, die im Werther „zusammengeschmolzen sind“. Als Beispiel für diese Einflüsse lassen sich zwei von Goethe notierte Verse des Qur’an anführen: „Gott gehört der Aufgang und der Niedergang der Sonnen, und wohin ihr euch wendet, ist Gottes Angesicht da“ und „Er hat Zeichen genug davon gegeben, in der Schöpfung der Himmel und Erden“.

Natur, Mensch, Herz, Seele, Freiheit: Sie machen das Genie. Respekt gebührt jenen, die schöpferisch tätig sind, die Kenntnis über Regeln und Normen der Gesellschaft haben und sie dann brechen und biegen, wenn es notwendig ist. Doch ein Absolutheitsanspruch an das eigene Ich gibt es nicht. Bescheiden genug sind die Stürmer und Dränger, denn sie ­wissen, dass die Größen der Vorzeit ihr Genie bereits bewiesen haben. Sie müssen es erst noch tun: „Damit sich meine Asche im Grabe nicht empöre / Für Scham, daß auch ich einst wagte zu ­dichten!“

Beobachtende, belesene, reflektierende junge Menschen, die genug Mut besitzen, ihren Gedanken in einem künstlerischen Werk Ausdruck zu verleihen. Rassismus, Freiheit, Mut, Würde, Sünde, Liebe, Geschichte, Veränderung – echte Charaktere künstlerisch stilvoll darzustellen! Das ist wieder nötig…

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Ahmet Aydin

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