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„Die Blätter fallen“

Im Gedenken an Prof. Bekir Topaloğlu (1936-2016). Ein Nachruf

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Screenshot: haber24.com

(iz). Verliert man einen nahen Verwandten durch einen unerwarteten Tod, so kommen in dem Moment der tiefen Trauer verschiedene Gedanken auf. Nicht selten ist es die Einsicht und Reue darüber, dass man der Bedeutung des Verstorbenen nicht gerecht werden konnte und ihm die verdiente Aufmerksamkeit nicht geschenkt hat. Diese Einsicht und Reue gewinnt eine weitere Ebene, wenn es sich um den Tod eines bedeutenden Menschen handelt, der Werke von großer Bedeutung vollbracht und hinterlassen hat.

Handelt es sich um den Heimgang einer Autorität aus dem Bereich der klassischen islamischen Wissenschaften, folgt der tiefen Trauer eine gewisse Besorgnis. Es ist die Besorgnis um die Bindung an die wertvolle Kette der Wissenstradierung, die uns wie eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart mit der Quelle des Geistes der Wahrheit verbindet.

Man solle nach Wegen beziehungsweise nach Anlässen trachten, die uns Allah nähern, heißt es in einem Qur’anvers (5:35). Gelehrte, die uns mit ihren Werken das Verstehen und Verinnerlichen der Botschaft Allahs nahebringen, durch das entsprechende Handeln uns zu Seinem Wohlwollen führen und somit Allah nahekommen lassen, stellen für uns wichtige Wege und Mittel dar, die uns der Aussage des Verses entsprechend zu Allahs Nähe führen (und Seine Nähe spüren lassen). Das Gedenken an den Ausspruch des Propheten (s), dass von Generation zu Generation die Wissenstradierung Einbußen erleiden wird, bekräftigt diese Gefühlslage. Diese Einsicht, Reue und Besorgnis bezüglich der Bindung zur Wahrheit vervielfacht sich mit jedem weiteren Verlust eines derartigen Gelehrten.

An die Kette der großen Verluste reihte sich in der vergangenen Woche der Tod Bekir Topaloğlus. Ein in Hinblick auf seine wissenschaftlichen Errungenschaften bedeutender und mit Blick auf sein Leben bescheidener Gelehrter, der mit seinen Werken und seiner Persönlichkeit über seine Zeit hinweg wirken wird.

Bekir Topaloğlu starb am letzten Mittwoch im Alter von 80 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Wenige Tage vor ihm verschied mit Ahmet Yasar ein anderer bedeutsamer sufischer Gelehrter, der im Stillen wirkte und Tausende von Menschen mit seinem Wirken inspirierte. Eine Generation bedeutender Persönlichkeiten, die sich in schwierigen Zeiten in ihrem Streben nach Wissen und ihrer Vermittlung verdient gemacht haben. Weitere wichtige Namen der islamischen Gelehrsamkeit, die mit der Trauer um ihren Verlust zusammen viele Werke und Schüler hinterlassen haben, sind unter anderem Wahba Zuhayli und Taha Jabir al Alwani. Auch ihnen ist dieser Artikel gewidmet.

Am Donnerstag, 10. März fand das Totengebet Prof. Dr. Bekir Topaloğlus an der Istanbul Marmara Universität statt, wo er bis 2002 als Professor Jahre lang Hunderte von Studenten unterrichtete. Zu seinen bleibenden Hinterlassenschaften (sadaqa jariyya) gehört vor allem die 18-bändige kritische Edition des Tafsir-Werks „Taʾwilat al-Qurʾan“ des berühmten Abu Manṣur al-Maturidi. Topaloğlu gehörte zusammen mit Hayreddin Karaman, Tayyar Altıkulaç und Yasar Kandemir zu den wichtigsten Persönlichkeiten im Bereich der universitären islamischen Theologie in der Türkei der letzten 50 Jahre.

In seinem Fachgebiet, der Kalam-Wissenschaft, leistete Topaloğlu in mehrerer Hinsicht Pionierarbeit. Er schrieb gemeinsam mit den oben genannten Personen die ersten Lehrbücher – sowohl für den Religionsunterricht an den Schulen als auch für die theologischen Fakultäten. Jahrzehntelang wurden religiöse Studien in der Türkei verboten, sodass ein radikaler Bruch mit der Gelehrtentradition der osmanischen Zeit entstand. In dieser schwierigen Phase des Neuanfangs hat teBekir Topaloğlu durch seine unermüdliche Arbeit, seine Aufrichtigkeit und Kompetenz wichtige Grundlagen für die späteren Generationen gelegt.

Bekir Topaloğlu wurde 1936 im Dorf Caykara (heute: Dernek Pazari) nahe Trabzon am Schwarzen Meer geboren. Sein erster Lehrer war sein Großvater mütterlicherseits, Mehmet Hanefi Kutluoglu, der ein sehr frommer und fachkundiger Medresse-Lehrer war. Bei ihm hat Topaloğlu mit bereits acht Jahren den gesamten Qur’an auswendig gelernt und die Regeln der Rezitation sowie Phonetik studiert. Als er mit 12 Jahren in die dritte Klasse der Grundschule eingeschult wurde, war er bereits mit dem Studium der arabischen Sprache und der religiösen Wissenschaften vertraut.

Mit 17 Jahren schloss er 1949 seine Ausbildung bei seinem Großvater mit der Lehrerlaubnis (Idschaza) in allen Disziplinen der islamischen Wissenschaften ab. Mit dieser Urkunde war er befähigt, die religiösen Wissenschaften zu unterrichten. Nachdem er ein Jahr lang zusammen mit seinem Großvater an der Medrese gelehrt hatte, ging er in einem anderen Dorf der Region Trabzon für zwei Jahre einer Tätigkeit als Imam nach.

1952 schickte ihn sein Großvater nach Istanbul, damit er am neu eröffneten Imam Hatip-Gymnasium studieren konnte. Er kam mit einer klassischen Lehrerlaubnis in den religiösen Wissenschaften (idschaza) nach Istanbul und begann, in der Mittelstufe erneut religiöse Wissenschaften zu studieren. Gleichzeitig war er als Prediger in verschiedenen Moscheen in Istanbul und in anderen Städten tätig. Er absolvierte 1959 als Jahrgangsbester vor Tayyar Altıkulaç das Imam Hatip-Gymnasium und schrieb sich unmittelbar danach an der Islamischen Hochschule in Istanbul (Istanbul Yüksek Islam Enstitüsü) ein.

Von 1959 bis 1963 studierte er an diesem Institut und war gleichzeitig als Imam in der zentral gelegenen, berühmten Firuz Aga-Moschee am Sultanahmet-Platz tätig. Genauso wie seine Weggefährten aus dem Istanbuler Gelehrtenzirkel, Hayrettin Karaman oder Tayyar Altıkulaç arbeitete auch Bekir Topaloğlu nach dem Abschluss des Instituts zunächst drei Jahre als Lehrer am Istanbuler Imam-Hatip Gymnasium. Dort stellte er gemeinsam mit Hayrettin Karaman viele Lehrbücher für die arabische Sprache und die religiösen Wissenschaften zusammen, die noch heute in diesen Schulen als Unterrichtsmaterial eingesetzt werden. Darüber hinaus verfasste er in diesen Jahren seine erste Monographie mit dem Titel „Frau im Islam“.

1966 schließlich begann seine wissenschaftliche Karriere am Istanbuler Institut für Islamische Wissenschaften, wieder gemeinsam mit Hayrettin Karaman und Tayyar Altıkulaç[1]. Dort arbeitete er im Bereich des Kalam als Mitarbeiter des damals berühmten maghrebinischen Theologen Prof. Dr. Muhammad Tanci. Unter seiner Leitung legte er seine erste wissenschaftliche Qualifikationsarbeit mit dem Titel „Die Existenz Gottes bei den islamischen Theologen und Philosophen (Islam Kelamcilari ve Filozoflarina göre Allah’in Varligi)“ ab. Die Seminare und Vorlesungen von Tanci fanden auf Arabisch statt. Topaloğlu übersetzte sie für die Studenten ins Türkische.

1971 begann er nach zweijährigem Militärdienst als Lehrbeauftragter im gleichen Institut Kalam und Philosophie zu lehren. In dieser Zeit hat er unter anderem neben den Lehrtätigkeiten verschiedene Werke veröffentlicht, zahlreiche wissenschaftliche Nachwuchskräfte (Assistenten) ausgebildet, an Seminaren, Symposien und Tagungen im In- und Ausland teilgenommen und, Vorträge gehalten. Nachdem die Islamische Hochschule in Istanbul zur Theologischen Fakultät umgewandelt wurde, erhielt er 1983 mit einem Beschluss des Universitätskongresses den Doktortitel. Drei Jahre später wurde er zum Assistenzprofessor, 1988 zum Professor für Islamische Philosophie und 1993 schließlich zum Professor für die Kalam-Wissenschaft ernannt. Im Oktober 2002 wurde er schließlich emeritiert. Aber auch nach seiner Emeritierung ging er seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten nach und veröffentlichte zahlreiche Werke.

Bekir Topaloğlu war neben Tayyar Altıkulaç und Hayrettin Karaman auch einer der Hauptakteure bei der Gründung des Forschungszentrums für Islamische Studien (ISAM). Er ist einer der tragenden Säulen der vom ISAM herausgegebenen Enzyklopädie des Islam, für die er seit 1983 ununterbrochen arbeitete. Er verfasste mehr als 150 Artikel selbst und über redigierte über tausend. Die Türkiye Diyanet Vakfi islam Ansiklopedisi ist mit ihren 45 Bänden die umfangreichste und qualitativ hochwertigste Enzyklopädie in der Türkei. Bis zu seinem Tode arbeitete er in ihrer Redaktion.

In seiner mehr als 40-jährigen wissenschaftlichen Laufbahn drückte Topaloğlu den Kalam-Studien in der Türkei seinen Stempel auf. Er bildete eine ganze Generation von Kalam-Wissenschaftlern aus, die heute an verschiedenen Universitäten und Forschungsinstituten zu den besten in ihren Gebieten gehören. Er hat 40 Jahre lang ununterbrochen sowohl an der Universität, als auch in privaten Kreisen Studenten, Wissenschaftler, Akademiker, Dozenten und andere Interessierte unterrichtet. An fast allen Universitäten werden seine Lehrbücher über die Kalam-Wissenschaft als Lehrmaterial verwendet.

Darüber hinaus hat er wichtige klassische Werke der Kalam-Literatur wie As-Sabunis „Al-Bidaya fi uṣul ad-din“ oder Maturidis „Kitib at-tauhid“ kritisch ediert und ins Türkische übersetzt. Sein vielleicht größtes Verdienst ist die bereits oben erwähnte 18-bändige kritische Edition des Qur’ankommentars „Taʾwilat al-Qurʾan“ von Imam Maturidi, sowie die Übersetzung der ersten beiden Bände ins Türkische. Die Übersetzung des zweiten Bandes wurde erst Dezember 2015 veröffentlicht.

Trotz seines hohen Alters ließ ihn die Begeisterung und Beständigkeit in seiner Arbeit mit den religiösen Wissenschaften nie los. Er schlief wenig und arbeitete rastlos und unermüdlich. Kurz vor seiner Erkrankung konnte er seine Autobiographie, die voraussichtlich in diesem Jahr erscheinen wird, vollenden.

Diese wird allen Interessierten die Gelegenheit bieten, in eine spannende Zeit und ein facetten- und erlebnisreiches Leben einzutauchen. Ein Leben, das in vielfacher Hinsicht als Vorbild für seine Schüler, Leser und Bewunderer dienen kann. (Co-Autor: Yilmaz Gümüs)

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Hakki Arslan

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