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Die Blaupausen für Bildung in Medina bildeten die Grundlage für spätere Institutionen. Von Arif Agirbas

Charakter und Wissen: Schulen des Islams

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(iz). Da die Prophetengefährten in Medina stets auf dem Hof der Prophetenmoschee (Mas­dschid An-Nabawi) unter einem Sonnendach verweilten, das „Suffa“ hieß, wurden sie die Gefährten der Suffa (Ashabi Suffs) genannt. Nachdem der Prophet Muhammed Friede und Segen seien mit ihm, von Mekka nach Medina auswanderte, widmete er sich mit als erstes der Schaffung dieser (Bildungs-)Einrichtung direkt neben der neuerbauten Moschee.

Dieser Ort war eine Einrichtung, die sich täglich mit lernwilligen Besuchern füllte und von wohlhabenden Muslimen finanziert wurde. Außerdem gab es einige Muslime, die ihr ganzes Leben der Bildung widmeten und Tag und Nacht dort verbrachten. Die dortige Bildung und jene in der Prophetenmoschee ­waren stets eine Einheit.

Die Zahl der Gefährten der Suffa schwankte zwischen 10 und 400. Niemals wichen sie von der Seite des Prophe­ten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, und sie fehlten bei keinem der Augenblicke, in denen er unterrichtete. Tag und Nacht lernten sie, lasen den Qur’an und lernten Überlieferungen und Aussprüche des Propheten (Hadithe) auswendig. Ihre Tage verbrachten sie mit Gottesdienst. Sie beteten in Gesellschaft des Propheten. In der Suffa gab es außerdem noch ei­nen Bereich, der ausschließlich dem Unterricht von Frauen vorbehalten war. Jeden Donnerstag wurden die Frauen dort direkt vom Propheten Muhammed, Friede und Segen seien mit ihm, unterrichtet.

Nachdem diese Gefährten ihre Lehre vollendeten und ein gewisses Niveau erreichten, gingen sie als Abgesandte des Propheten in ferne Länder und wirkten dort als Lehrer. Der Gesandte Allahs sagte: „Wer meine Stätte aufsucht, hat das Lernen und Lehren im Sinn und ist jemand, der sich auf Allahs Weg abmüht.“ Die Prophetenmoschee und die Suffa waren ein unentbehrlicher Quell von Lehre und Wissen und die Prophetengefährten wurden vom Volk in Medina geliebt und geschätzt.

Wenn der Gesandte Gottes zu einem Essen eingeladen wurde, nahm er auch seine Gefährten mit. Er war stets der erste, der sich um die Bedürfnisse und Anliegen der Leute der Suffa kümmerte. Wenn ihm Spenden zuteil wurden, gab er sie, ohne diese auch nur anzurühren, an seine Gefährten weiter. Und wenn ihm Lebensmittel geschenkt wurden, aß er etwas davon und rief seine ­Gefährten, damit sie mitessen konnten.

Da die Suffa-Gefährten stets mit dem Propheten zusammen waren, nährten sie sich direkt von der spirituellen Quelle, sodass sie ihren Charakter und Anstand binnen kurzer Zeit veredelten und das aufgenommene Wissen nachhaltig behielten. Auch bei der Verbreitung des ­Islam und der Wahrung von Wissensquellen spielten sie zweifelsohne eine große Rolle.

Gewiss besteht bezüglich der Spiritualität und Lebensart eine Ähnlichkeit zwischen den Suffa-Anhängern und den heutigen Sufis. Im Allgemeinen führten die Gefährten der Suffs ein Leben, in welchem sie dem Diesseits und dem Materiellen keine besondere Bedeutung beimaßen. Sie waren in tiefer Liebe mit ­Allah verbunden und verrichteten ihre Gottesdienste, um sich ihrem Schöpfer weiter zu nähern. Eine ihrer ­wichtigsten Eigenschaften war, dass sie sich dem Dhikr (Lobpreisung und Anrufung ­Allahs) widmeten. Die heutigen Sufis bemühen sich, mit der gleichen Sichtweise auf das ­Leben im Dies- und Jenseits zu leben und messen dem Dhikr eine große Bedeutung bei.

Die Lebens- und Lehrweise wird heute in ähnlicher Weise in den Tariqas (Gemeinschaften des Sufismus/Tasawwuf unter Leitung eines befähigten Schaikhs) in ähnlicher Form umgesetzt. So wie die Ahl As-Suffa vom Propheten oder einem seiner Lehrvertreter erzogen wurden, werden auch die heutigen Sufis von ihren Schaikhs beziehungsweise Meistern oder deren befugten Vertretern erzogen und angeleitet und gehen ihren täglichen Dhikr-Übungen nach. Einige Tariqas haben das größere Glück, von einem Nachkommen des Propheten Muhammed, Friede und Segen Allahs auf ihm, geführt zu werden, der die ­Eigenschaften des Propheten verinnerlicht hat und seine Schüler zu einem vollkommenen Charakter anleitet.

Tekke und Zawija
Die Tradition der Suffa wurde in den islamischen Ländern fortgesetzt. Die gottesdienstlichen Einrichtungen hatten nicht nur die Funktion einer Gebetsstätte, sondern auch die einer Schule. Diese Methode ist bis heute erhalten geblieben. Obwohl die Einrichtungen der Tariqas nach dem Ende des Osmanischen Reiches und der Gründung der Türkischen Republik in der Türkei offi­ziell geschlossen wurden und staatlich nicht anerkannt sind, konnten die Methodik und traditionelle Lehre bis heute, wenn auch unter schwierigen Bedingungen, bewahrt werden, sodass sie in Einrichtungen einiger Tariqas, die man Tekke, Dergah oder Zawija (arab. für Ecke) nennt, zur ganzheitlichen Bildung des Menschen beitragen und hohen Anklang finden.

In den Tekkes kann man den Islam auf eine fortschrittliche Weise erlernen, da er von den Aulija, also gesegneten Gottesfreunden gelehrt wird, welche die höchste Stufe der menschlichen Veredelung und Vervollkommnung erreicht haben. Wie am Anfang beschrieben, beinhalten diese Einrichtungen die Lehrtradition der Ahl As-Suffa, aus dem das Wort „Sufi“, die Bezeichnung für die Schüler solcher Einrichtungen, abgeleitet wurde. Neben Moral, Ethik und vielen Themen der Islamischen Theologie, werden unter anderem auch Geschichte, Kunst, Literatur, Rhetorik und Naturwissenschaften gelehrt und haben das Ziel, den Lernwilligen zu einem Vorbild für die Gesellschaft und zu einem vollkommenen Menschen (Al-Insan Al-Kamil) zu erziehen. Außerdem hatten die Tekkes die Funktion einer Raststätte für Reisende und einer Armenküche für Bedürftige. Heute noch wird vielen Bedürftigen – mit großem Bedacht auf Diskretion – geholfen, um die Würde jener nicht zu verletzen.

Das Schulsystem bei den Osmanen
Im Osmanischen Reich wurden so genannte „Sibyan Mektebi” als Elementarschulen errichtet. Sie waren eine Vorstufe zu den Medrese-Schulen, den Ober- und Hochschulen. Sie waren in jedem Wohngebiet vorhanden, was die Teilnahme der Kinder erleichterte, die im Alter von fünf bis sechs Jahren eingeschult wurden. Die Söhne der Sultane (Sheikhzadeh) jedoch mussten im Alter von vier Jahren, vier Monaten und vier Tagen ihre Lehre beginnen. Auch Fatih Sultan Mehmed, unter dessen Herrschaft Istanbul eingenommen wurde, wurde ab diesem Alter intensiv ausgebildet und erzogen.

Unterrichtet wurden diese Kinder von jenen, die selbst im Sufismus unterrichtet worden waren. Denn Sufis beziehungsweise Derwische hatten zu dieser Zeit das höchste Wissen und edelste Eigenschaften, um die Kinder wie ihresgleichen zu erziehen. Es gab keine Unter­teilung in Klassen oder Schuljahre. Die Kinder besuchten die Schule so lange bis sie die vorgesehenen Unterrichtseinheiten abgeschlossen hatten.

Der Bau und der Erhalt dieser Schulen wurde vom Sultan, von Wesiren oder wohlhabenden Menschen finanziert, die rechtschaffene Taten verrichten wollten. Die Ausgaben der Schulen wurden von den Eltern der Schulkinder getragen. Die Kosten der Kinder aus bedürftigen Fami­lien wurden von den jeweiligen Wohngebieten der Schulen übernommen. Man schätzte und unterstützte jedes Kind mit dem Bewusstsein, dass es mit seiner erworbenen Bildung wiederum zur Weiterentwicklung der Gesellschaft beitragen kann. Auch Waisenkinder wurden in diesen Schulen aufgenommen, für ihren Bedarf an Kleidung und ihr Taschen­geld kamen die Sultane auf.

Ohne Zweifel waren die Medrese-Schu­len die wichtigsten Institutionen für die Bildung und Lehre der Osmanen. Es wurden unter anderem Mathematik, Astronomie, Philosophie, Geschichte, Erdkunde, Qur’anwissenschaft, Hadithwissenschaft und Fiqh unterrichtet. Die Schüler bekamen eine Ausbildungsvergütung vom Staat und die Bediensteten wurden ebenfalls für ihre Dienste entlohnt. Die Medrese hatten mehrere Zimmer zur Verfügung, in denen die Schüler nächtigten.

Die Schüler der Medrese waren beim Volk hoch angesehen, denn die Absolventen dieser wurden als Amtsträger und auf anderen wichtigen Posten des Staates eingesetzt: etwas als Theologen, Lehrer, Forscher, Richter, Ärzte, Mathematiker usw. Manche stiegen sogar so weit auf, dass sie als Berater für die Sultane agierten.

Gelehrte wurden wieder zu Schülern
Trotz allem fällt auf, dass die hoch angesehenen Medrese-Schulen die Tekkes im Osmanischen Reich nicht ersetzen konnten. Die Medrese-Absolventen hatten in der Gesellschaft zwar hohe Positionen inne, dennoch wurden Sufis und Derwische vom Volk schon immer mit Hochachtung angesehen, weil sie sich allein Allah hingaben und fern von weltlichen Belangen waren. Da die Medrese-Absolventen ihr Wissen gegen eine gewisse Entlohnung erlangten (was auch nicht verpönt war) und die Sufis und Derwische aber allein auf Allahs Wohlgefallen hofften, waren diese in den Augen des Volkes noch ­vertrauenswürdiger. Denn die Tekke-Schüler machten hilfebedürftige Menschen im Volk ausfindig und halfen ihnen mit Verpflegung oder körperlicher Arbeit, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Jene Sufis, die Geld verdienten, aber in einer Tekke lebten, erließen ihren gesamten Lohn der Tekke.

Es war nicht unüblich, dass viele Absolventen der Medrese ihre Ausbildung abbrachen oder ihr Amt niederließen, um Schüler eines Schaikh zu sein. Die Lebensweise und Güte der Derwische beeindruckte alle Menschen, sodass ihnen jeder Respekt entgegenbrachte. Selbst die Sultane unternahmen nichts, ohne diese Schaikhs aufzusuchen und um ihren Rat und Segen zu bitten. Die Geschichte zeigt uns Namen auf, die aus solchen Tekkes stammen und sich in den Herzen der Menschen ihren Platz gewahrt haben: Maulana Dschalaluddin Rumi war Direktor einer Hochschule, bevor er sich der Erziehung durch Shams Täbrizi widmete. Aziz Mahmud Hüdayi war ein Richter, der dachte, er kenne alle Regeln des Islam, bis er den Satz eines Sufis nicht in seinen Büchern wieder fand. „Du glaubst daran, dass Shaitan, obwohl er ein Feind Gottes ist, zur gleichen Zeit an mehreren Orten sein kann, um verschiedene Menschen vom rechten Weg abzubringen. Wieso aber glaubst du nicht, dass ein Gottesfreund eine weite Entfernung in der kurzen Zeit eines Augenaufschlags zurücklegen kann?“

Aksemseddin war ein Hochschulabsolvent und auf der Suche nach mehr Wissen. Als Arzt, Forscher und eigentlicher Entdecker der Bakterie verließ er all seinen Besitz und wurde Schüler von Haci Bayram Veli. Später war er Lehrer von Fatih Sultan Mehmed und eroberte mit ihm zusammen Istanbul. Als die Menschen in Istanbul Fatih Sultan Mehmed als Zeichen ihrer Freude und Bewunderung Blumen überreichen wollten, entgegnete er „geht und überreicht die Blumen ihm. Ich bin zwar der Sultan, er aber ist mein Lehrer, ihm gebühren diese Blumen“ und deutete auf Aksemseddin.

Ob nun in der Elementarschule, Hoch­schule oder Tekke – es ist offenkundig, wie sehr die Erziehung und Bildung eines Menschen aus der Perspektive des Islam betont wird. Noch höher und wichtiger sieht der Islam jedoch die Veredelung des Charakters, des Anstandes und der Moral an. Ohne diese Vorzüge ist jegliche Bildung wertlos, da sie das Fundament jedes Wissens sind. Die Worte des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, dazu lauten: „Der im Glauben vollkommenste unter den Gläubigen ist der mit dem besten Charakter.“ (Abu Dawud)

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Arif Agirbas

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