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Die Bosnier von Istanbul

Eine Reise zu den Türken, deren Vorfahren aus dem Balkan fliehen mussten

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Foto: Freepik

(iz). Während ich durch die Mahalle (Nachbarschaft oder Kiez auf Deutsch) gehe, fühle ich mich nicht mehr wie in der Türkei. Die Straßen, Läden und die körperliche Erscheinung der Leute schaffen in meinem Geist die Empfindung, in Sarajevo, Mostar oder Novi Pazar zu sein. Hier, in der Saban Baglari Mahalle von Pendik an der Südspitze von Istanbuls asiatischer Seite, bewerben Restaurant bosniakisches Burek und Cevapcici. Hier hängen Poster der Sänger Dino Merlin, Halid Beslic, Hanke Paldum sowie Angebote einer regulären Buslinie zwischen Pendik und Novi Pazar. Eine Grünanlage trägt den Namen Bosna Park und eine der Nachbarschaftsmo­scheen, 2004 ­erbaut, nennt sich Alija Izetbegovic-­Moschee.

In den Kafanas (Bistros) entlang der Mimar Sinan Caddesi spielen Bosniaken Backgammon und schlürfen statt tür­kischem Tee Kaffee auf bosnische Art. Dieser wird in der Dzezvici, Kännchen aus gehämmertem Kupfer, mit Lokum und kaltem Wasser serviert.

Ihre Anwesenheit in Istanbul und der Türkei reicht weit in die Vergangenheit zurück. Bis in die frühen Glanzzeiten des osmanischen Reiches, nachdem die Osmanen im 15. Jahrhundert Serbien und Bosnien übernommen haben.

Die ersten in Istanbul waren Devisirem, Jungen aus christlichen Balkandörfern, die in regelmäßigen Abständen eingesammelt und in die Hauptstadt gebracht wurden. Man hat sie als Muslime erzogen und zu Mannschaften der Janitscharen ausgebildet. Als solche dienten sie entweder im Umfeld des Sultans oder als Beamte in verschiedenen Ämtern. Viele der Janitscharen des Balkans wurden später führende Paschas oder Wesire. Insgesamt gab es im 16. und 17. Jahrhundert neun Großwesire bosniakischer Herkunft. Sie wurden bereits 1488 als Verwalter zur Regierung nach Bosnien entsandt.

Mindestens 200.000 Kinder wurden vom Balkan nach Istanbul gebracht. Da die Mehrheit slawisch war, kam das ­Serbokroatische an den Hof. Ein westlicher Beobachter merkte 1595 an, dass „Slawonisch“ nach Türkisch und Arabisch die dritte Amtssprache war – denn es war die Zunge der Janitscharen. Ein anderer beobachte 1660, dass „die türkische Sprache kaum am Hof des Sultans zu hören ist“, denn „der gesamte Hof und die Mehrheit der Einflussreichen“ waren Slawen vom Balkan.

Beim Sultan standen die Bosniaken in besonderem Ansehen. Ein österreichischer Autor schrieb, dass er ihre Rekrutierung vorzog, weil er sie für „die besten, die frömmsten und die treuesten Leute“ hielt. Sie unterschieden sich von anderen „Türken“ darin, dass sie „viel größer, ansehnlicher und fähiger“ waren.

Als Österreich-Ungarn 1878 Bosnien-Herzegowina usurpierte, kam es zur ersten Einwanderungswelle in die Türkei. Dabei handelte es sich um Bosniaken, die aus religiösen Gründen nicht bereit waren, unter der Herrschaft Wiens zu leben. Die Türkei hieß ihre ehemaligen Untergebenen willkommen. Zur einer zweiten Einwanderungswelle kam es nach 1918. Danach kamen weitere Bosniaken während des 2. Weltkriegs, als sie vor Verfolgung durch serbische Tschetniks fliehen mussten. In den 1950er ­Jahren konnten viele die Herrschaft Titos nicht ertragen und wanderten in die Türkei aus. Nach ihrer Ankunft ­erhielten sie Land zugeteilt, sodass es auch heute noch rein bosnische Dörfer im Land gibt; einige sind mehr als hundert Jahre alt. Andere ließen sich in mittleren und größeren Städten nieder – in spezifischen, ethnisch kompakten Mahalles wie Pendik.

Manche Bosniaken in der Türkei ­brachen alle Beziehungen zu zurückgebliebenen Verwandten ab. Sie gaben ihre jugoslawische Staatsbürgerschaft auf und veränderten ihre Familiennamen. Viele Familien nannten sich ab jetzt – in voller oder in abgekürzter Form – nach den Städten, Ortschaften und Dörfern des heimatlichen Balkans. Ihre ursprüng­lichen Namen wurden entweder mündlich weitergegeben oder gerieten in Vergessenheit. Anfänglich formten sie enge Gemeinschaften, heirateten untereinander und blieben unter sich. Schrittweise integrierten sie sich in die türkische ­Gesellschaft, was ihnen wohl wegen der gemeinsamen Religion leichter fiel. Schließlich heiratete man auch außerhalb der eigenen Abstammung.

In einem Café, das mit bosniakischem Burek wirbt, kam ich mit dem Kellner Safet ins Gespräch, der in der Mahalle geboren wurde. Er spricht Deutsch, weil er früher in Hamburg auf dem Bau arbeitete. „Die ganze Straße, die ganze Mahalle, ist bosnisch“, sagt er. Ihre Fußballer sind bekannt. Alle drei großen Vereine – Galatasaray, Fenerbahçe und Besiktas – haben Spieler aus der bosni­schen Gemeinschaft Pendiks. Die Leute hier hätten es gut. Natürlich sei es nirgends wie im Sandschak – der mehrheitlich muslimischen Provinz Serbiens, aus der die meisten hier abstammen. Aber nur vor den Kriegen. Danach sei es ­„finito capito“ gewesen, sagt Safet, ­während er sich die Hände reibt.

Ich bestelle türkischen Kaffee, der wie im Sandschak in großen Tassen gebracht wird, und bosnisches Burek. Laut Safet unterscheidet sich sein Geschmack von der türkischen Variante. Der Kellner mag die Türken, aber hat Probleme mit Kurden. „Zu viele Kurden“, sagt er. Es kommen zwei Passanten. „Kurden“, sagt er stirnrunzelnd.

Wie viele Bosniaken es wirklich in der Türkei gibt, ist sehr umstritten unter Historikern. Zahlen der einstigen österreichisch-ungarischen Behörden besagen, dass zwischen 1883 und 1905 32.625 Bosniaken ihre Häuser verließen. Weitere 24.000 gingen zwischen 1906 und 1918. Einige muslimische Historiker gehen von einer Gesamtzahl von 300.000 Menschen aus. Ein Geograph, der die migrantische Bevölkerung und ihre Nachkommen untersuchte, schätzt, dass rund 350.000 in die Türkei gekommen seien. Laut offiziellen tür­kischen Zahlen leben derzeit zweieinhalb Millionen Bosniaken in der Türkei, während andere von mehr ausgehen. Nach Ansicht des bosnischen Diplomaten Ramo Bralic liege die Zahl eher bei sechs Millionen. Daher könnte es sein, dass in der Türkei mehr Bosniaken leben als in Bosnien-Herzegowina und dem Sandschak zusammen.

Soweit es die Menschen angeht, ist Pendik die zweitgrößte Kommune Istanbuls beim bosnischen Bevölkerungsanteil. Vom Zentrum Kadiköys sind es wacklige 45 Minuten per Minibus in Richtung Saban Baglari Mahalle. Hier folgen die Hochzeiten dem gleichen ausgefeilten Protokoll wie im Sandschak. Das Gleiche gilt für Sünnets (Beschneidungen), Bestattungen und das Fastenbrechen im Ramadan. Hier nähmen es die Leute, so heißt es, genauer mit der Erfüllung religiöser Pflichten (schwer zu glauben, wenn man die aufgereihten Kafanas sieht, die Bier, Raki und Sliwowitz verkaufen). Währenddessen singt eine alte Dame ihren Enkeln alte bosniakische Lieder vor, als sie Mahlzeiten aus der alten Heimat kocht.

Allerdings sprechen in Istanbul im Lauf der Jahre immer weniger Menschen noch das Bosnische. Die in den Kafanas ­entlang der Mimar Sinan ­Caddesi belauschten Gespräche werden eher auf Türkisch als auf Bosnisch ­geführt. Einige Einheimischen haben das Bosnische völlig vergessen, während andere es sprechen, aber mit seltsamen Akzenten.

Die Männer haben vielleicht ein paar bosnische Lieder und ein paar liebevolle Erinnerungen aus dem alten Land im Kopf, aber auch Souvenirs aus einem Besuch in Sarajevo, wo sie Wasser aus dem Sebilj-Brunnen in Bascarsija tranken. Sie seufzen vielleicht vor melancholischer Sehnsucht nach dem alten Land, aber viele waren noch nie in Bosnien und kennen es nur vom Fernsehen. Einige haben zwei Wünsche in diesem Leben: Die Hadsch zu vollenden und Bosnien zu besuchen.

Jene Bosniaken, die in den 1950er Jahren aus dem Sandschak kamen, nahmen Arbeit in Fabriken auf. In jenen Tagen war Pendik eine unabhängige Kleinstadt, getrennt von Istanbul, in der man sich kannte. Die Kinder taten, was sie wollten, die Straßen waren sicher und in jenen Tagen war das Meer sauber und man konnte schwimmen gehen. Die Menschen kamen aus Ankara, um hier den bekannten Iskender-Kebab zu essen.

Es ist ein Sandschak in der Sandschak Mahalle Pendiks und ich sitze in einem Restaurant namens „Sancak“. Mit verschiedenen Anwohnern unterhalte ich mich konfus mit Handgesten („Tarzan-Sprache“, wie die Türken sagen) und einem Mix aus Bosnisch, Türkisch, Deutsch und Englisch. Bei mir sitzen Osman und Meho aus Novi Pazar. Beide sind in ihren Sechzigern, haben als Gastarbeiter in Deutschland gearbeitet, aber den Großteil ihres Deutsch vergessen.

„Wie viele Menschen aus Bosnien-Herzegowina und dem Sandschak leben hier in der Türkei?“, frage ich die beiden. „Gute sieben Millionen“, glaubt Meho. „Sie kommen alle 50 Jahre. Denn dann gibt es immer einen Krieg und die Muslime müssen gehen. Aber für mich ist ein Mensch ein Mensch. Es ist egal, ob Bosnier oder nicht. Sein Glaube ist mir unwichtig. (…) Jeder muss sterben. Also muss sich jeder mit dem Einen über uns gutstellen. Politik ist Politik. Aber Mensch ist Mensch.“

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Robert Rigney

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