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„Die Debatte“: Gehört der Islam zu Deutschland? Ein kritischer Rückblick von Nurulhuda Hajjir

Die Talkmaster reden

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(iz). Seit geraumer Zeit wird in Politik und Medien eine Debatte geführt, die – siehe Überschrift – vor allem für Muslime kaum nervtötender sein könnte. Offensichtlich war die Behauptung des Bundespräsidenten zum Tag der deutschen Einheit so provokativ, dass der neue Innenminister dieses Thema gleich nach Antritt seines neuen Amtes, das heißt, etwa sechs Monate nach der Rede des Bundespräsidenten, wieder aufgriff. Es wirkte fast so, als hätte er quasi darauf gewartet, nun in eine Position befördert zu werden, die seine Stellungnahme mit ausreichend viel Gewichtigkeit stützt.

Was die Muslime vor allem empörte, war nicht nur die Äußerung an sich, sondern deren Umstände. Denn wie viel muss es dem neuen Innenminister daran gelegen haben, diesen Irrglauben, der Islam gehöre zu Deutschland, zu revidieren, dass er ihn als Punkt eins seiner Agenda zu stehen hat? Und was bedeutet die Haltung Friedrichs zukünftig für die Integrationspolitik, mit der er sich als neuer Innenminister eben auch befassen muss? Die Diskussion „Islam-Deutschland“ war fast schon verebbt, als sie neue Wellen schlug. Bleibt nur noch, die Sinnfrage zu klären: wozu das Ganze?

Dass es hier wirklich um eine his­torische Auseinandersetzung geht, ist zwei­felhaft. Dazu fehlt es in der Diskus­sion an Historikern, Kultur- und Sozial­wissenschaftlern. Nicht etwa, weil es sie nicht gibt, im Gegenteil. Aber ihre Einbe­­ziehung würde der Popularität der Diskussion schaden. Das soll nicht heißen, dass nur Historiker über Geschichte zu sprechen können; auch wir sprechen über Politik, ohne Politiker zu sein, oder über das Gesundheits­system, selbst wenn wir nicht in diesem Bereich tätig sind.

Dennoch: Eine öffentliche Auseinandersetzung erhebt nur dann den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Glaubwürdigkeit, wenn die Akteure über entsprechende Ressourcen verfügen. Andernfalls gleicht sie mehr der polarisierenden Meinungsäußerung. Deshalb: Nicht mehr und nicht minder als das sollte sie bewertet werden. Die gegenwärtigen Diskussionen scheinen diesen Rahmen weit zu sprengen. Die überproportionale Wahrnehmung der Relevanz vieler Fragen, zum Beispiel die der Zugehörigkeit des ­Islam zu Deutschland, ist auf einen neuen Pole­mik-Kult zurückzuführen, der ­Diskussionen scheinbar nur um ihrer Existenz willen pflegt. Ich diskutiere, also bin ich. Anders als während der ­öffentlichen „Kopftuchdebatte“, in der man um einen reellen Gegenstand – nämlich um das Kopftuch – stritt sowie über seine Bedeutung und die berufliche Verträglichkeit mit ihm debattierte, wird nun weiter gegangen (in ­Sachen Fortschritt: nach hinten).

Jetzt lautet das Stichwort „Zugehörigkeit“, womit stets auch ein gesellschaftlicher Anspruch der Dazugehö­rigen und ein Ablehnungspotenzial ­gegenüber den Nichtdazugehörigen ­verbunden sind. Aber nicht beirren ­lassen, denn nicht um die Muslime geht es, sondern – wie Friedrich gewissenhaft betont – um den Islam. Und hoppla, da stolpern wir über das nächste Problem.

Gerade die Unterscheidung zwischen Muslimen und dem Islam in dieser Frage ist problematisch. Auch wenn eine Differenzierung zwischen Religion und Religionsanhängern einerseits in vielen Fällen notwendig ist – etwa um den theoretischen Islam und das Praktizierte, als Islam Ausgegebene auseinanderzuhalten -, kann sie andererseits als Verfremdungsinstrument angesehen werden, das verhindern soll, dass sich die Anhänger der Religion unmittelbar angegriffen fühlen.

Die gesellschaftliche Prägung durch „christliche Werte“ ist außerdem eine Aussage über Gesellschaftsentwicklung, deren Wurzeln historisch verankert sind. Auch das ist ein Verfremdungsinstrument zeitlicher Art; es erzeugt bei den Betroffenen eine thematische Distanz. Viel empörter wären die Muslime wahrscheinlich, wenn es hieße: Der Islam gehöre in Zukunft nicht zu Deutschland. Das wäre nämlich eine anmaßende Zukunftsvoraussage, die mehr an Wunschdenken erinnert und daher nicht sachlich sein kann. Eine Aussage jedoch über Einflüsse von Religion auf das Wertesystem, was wir heute haben, könnte dagegen unter dem Oberbegriff „Geschichtsunterricht“ fallen, verkauft sich also besser und ist für die Religionsanhänger weitaus erträglicher.

Dass zwar der Islam nicht zu Deutschland gehöre, die Muslime natürlich schon, weil sie Bürger dieses Staates seien, ist ein schwer verdauliches Verständnis von Gesellschaft. Denn es sind immer die Menschen, die das Wertesystem einer Gesellschaft beeinflussen und darin als Akteure wirken. Selbstverständlich mag das Werteverständnis des Einzelnen auf eine bestimmte Weltanschauung beruhen, doch tritt das Werteverständnis erst dann in Kraft, wenn es durch den Menschen verwirklicht wird.

Die theoretische Grundlage, das heißt, die Religion, muss also erst gelebt, realisiert, praktiziert werden, um Einfluss auf das gesellschaftliche ­Leben zu nehmen. Wenn es hier also scheinbar nur um den Islam geht, so sind immer auch die Muslime betroffen. Eine verneinende Aussage über die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland in der Zukunft würde quasi das Dasein der Muslime als Mitgestalter der gegenwärtigen Gesellschaft ausblenden. Eine retrospektive Aussage über die Zugehö­rigkeit des Islam weicht diesem Dilemma aus.

Brauchen wir diese Debatte überhaupt? Ungeachtet dessen, wie sie – wenn sie denn nach wissenschaftlichen Maßstäben abgehalten werden würde – ausgeht, bleibt die Frage nach ihrem Nutzen. Nehmen wir einmal hypothetisch an, Friedrich und seine Unterstützer hätten Recht: Deutschland ist nicht geprägt durch Einflüsse aus dem islamischen Raum und daher folgerichtig (beziehungsweise folgefalsch) ange­nommen, der Islam gehört nicht zu Deutschland. Nun, was jetzt? Sind damit die „integrationsunwilligen“ ­Mus­li­me abgeschafft? Löst das das Bildungs­problem von sozial schwachen, gleich arabischen und türkischen, gleich muslimischen Kindern? Hilft es dabei, die so genannte „Deutschenfeindlichkeit“ zu bekämpfen? Genau. Diese Fragen sind ebenso unsinnig wie die Debatte selbst.

Es liegt jetzt an uns, zu entscheiden, welchen Weg die Diskussionen einschlagen. Je gelassener wir mit der Zurückweisung des Islam als Teil Deutschlands umgehen, desto langweiliger wird die Debatte, desto kürzer ist ihre Lebenserwartung – Gott sei Dank. Nicht nur manch genervtem Muslim kommt das gelegen. Auch die Kontrahenten tun sich keinen Gefallen damit, den Islam als einen demokratieunfähigen Angreifer zu betrachten, den es zu bekämpfen gilt (in diesem Fall mittels Anwendung historischer, scheinbar unanfechtbarer Zusammenhänge).

Denn auf Dauer wirkt die Positionie­rung in der Defensive politisch äußerst schwach. Sie entlarvt vielmehr eine Kampf­­methode, in der im Grunde kein realer Feind existiert und somit keine rea­len Gründe zum Kämpfen. Und die eigentliche, unterschwellig gewollte Botschaft, der Islam habe mit dem ­Westen unvereinbare Werte, stößt abermals auf ihr unbefriedigtes Bedürfnis, dif­fe­ren­ziert und sachlich überprüft zu werden. Vielleicht ein Impuls für die nächste Schwatzrunde, Entschuldigung, Debat­­te?

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