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Die Debatte: Überlegungen zur Teilung des familiären Vermögens im Islam. Von Fatima Kaniz

Das Erbrecht und die Frauen

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(iz). Wer das islamische Erbrecht beherrscht, so ein Bonmot unter Gelehr­ten, kennt die Hälfte des islamischen Rechts. Unabhängig davon nahm es neben seiner sozialen und religiösen Funktion sogar Einfluss auf die Entwicklung der Rechenkunst. Immerhin erforderten die gelegentlich hochkom­plexen Anforderungen der Erbteilung mathematische Fähigkeiten, die Teil des Beitrages muslimischer Mathematiker wurden.

Eine Quelle signifikanter Kontroversen – sowohl innerhalb, als auch außerhalb der muslimischen Welt – ist das islamische Erbrecht. Dabei dreht sich der Streit nicht um die Frage, ob Frauen erben können. Es handelt sich vielmehr um eine Debat­te über den zu erbenden Anteil von Frauen. Die ­Regel, dass ein männlicher Verwandter (Sohn) den doppelten Betrag einer weiblichen Angehörigen (Tochter) erhält, hat heftige Debatten über die Ebenbürtigkeit der Geschlechter im Islam hervorgerufen.

Einige argumentieren, dass die unterschiedliche Behandlung aufgrund des Geschlechts im Erbrecht eine Menschen­rechtsverletzung darstellt und dass im ­Islam der weibliche Erbanteil ungerecht verteilt werde. Einige Nichtregierungsorganisationen und Einzelpersönlichkeiten in der muslimischen Welt ­for­dern daher ein „gleichwertiges“ Erbrecht. Andererseits, so argumentieren Muslime, ist der männliche Anteil doppelt so groß, weil Männer die Verpflich­tung haben, ihre Familie zu versorgen, während Frauen von allen finanziellen Verpflichtung enthoben sind. Sie ­können ganz alleine über ihren Erbteil verfügen, ohne etwas abgeben zu müssen. Die Mehrheitsposition unter den Muslimen, auch unter Musliminnen, ist ­relativ einfach: Was Allah an Erbteilen bestimmt hat, kann nicht geändert werden, und die Anwendung dieser ­formalen Erbregeln bezüglich der festgelegten Anteile muss im weiteren sozio-ökonomischen Kontext verstanden werden. Von einer ganzheitlichen Warte aus betrachtet wird schnell deutlich, dass Frauen hier finanziell wesentlich besser gestellt werden als Männer.

Es muss verstanden werden, dass der Islam bisherige Erbregeln auf den Kopf stellte. Zuvor erhielten nur die ­wenigsten Frauen etwas und blickten – auch wenn sie auf wohlhabendem Hause stammte – nach dem Tod eines Ehemanns oft genug auf eine düstere Zukunft. So ging nach dem englischen Gewohnheitsrecht das Eigentum einer Frau mit ihrer Heirat in den Besitz ihres Ehemanns über. In Frankreich wurde verheirateten Frauen erst 1938 das Recht zugestanden, eigenständig Verträge einzugehen.

In der qur’anischen Offenbarung ­legte Allah fest, dass Frauen ein ­eigenständiges Recht auf das Erbe haben und so wurde ihr Status auf bisher ungeahnte Art und Weise geändert. Dort heißt es: „Den Män­nern steht ein Anteil von dem zu, was die Eltern und nächsten Verwandten hinterlassen, und den Frauen steht ein Anteil von dem zu, was die Eltern und nächsten Verwandten hinterlassen, sei es wenig oder viel – ein festgesetzter Anteil.“ (An-Nisa, 7)

Die konkrete Teilung des familiären Erbes ist ein komplexes Thema, das hier in seinen Einzelheiten nicht angeschnitten werden kann. Die allgemeine Regel ist, dass der weibliche Anteil die Hälfte des männlichen ausmacht. Diese Regel mag – wenn sämtliche, andere Bestimmungen außer Acht lässt – ungerecht erscheinen. Man muss die Absicht hinter dieser Regel beachten und in Betracht ziehen, dass die finanziellen Verpflichtungen der Männer die der Frauen um ein Vielfaches überwiegen.

In unserer heutigen, von Hollywood-Romantik verzerrten Sicht auf die postmoderne Kleinfamilie wird vergessen, dass die Familie vor allem auch ein Projekt zur Bewahrung und Mehrung von Eigentum ist.

Innerhalb der Familie haben Frauen Anspruch auf drei Einkommens- beziehungsweise Besitzquellen: ihr Erbe, Mahr (die anlässlich einer Hochzeit vertraglich vereinbarte Summe) und Unterhalt. Auf der anderen Seite erhalten Männer zwar eine doppelte Menge des Erbteils. Sie müssen aber die Mahr an ihre Frauen zahlen, sowie den Unterhalt für Frauen, Kinder und – gegebenenfalls andere Familienmitglieder – übernehmen.

Für den Unterhalt der Familie trägt der Mann – unabhängig, ob die Frau Eigentum besitzt oder berufstätig ist – die alleinige Verantwortung für jenen Unterhalt. Ihr Besitz und ihr Einkommen stehen unter ihrer alleinigen Kontrolle. Unabhängig, in welcher Familienposition sich eine Frau befindet, ihre Versorgung ist – in der Norm – gesichert: Ehemänner, Väter, Söhne oder Brüder tragen die jeweilige Verantwortung.

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Fatima Kaniz

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