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Die doppelte Freude

Im Fastenmonat berühren sich das Überzeitliche und der aktuelle ­Moment. Von Schaikh Abdalhaqq Bewley

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(iz). Der große Prophetengefährte Salman, möge Allah mit ihm zufrieden sein, berichtete folgende Worte des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, vom letzten Tag des Scha’ban, des Monats vor dem Ramadan: „Oh ihr Leute! Ein großer und gesegneter Monat ist zu euch gekom­men. Ein Monat, in dem es eine Nacht gibt, die besser ist als tausend Monate. Ein Monat, in dem Allah das Fasten zur Pflicht machte und in dem er das Stehen im nächtlichen Gebet zu einer freiwilligen Sache machte. Jeder, der sich Allah durch freiwillige Handlungen in ihm annähert, ist wie jemand, der eine verpflichtende Handlung außerhalb erfüllt. Und der Vollzug einer Pflicht ist wie die Verrichtung von siebzig verpflichtenden Handlungen zu jeder anderen Zeit. Dies ist der Monat der standhaften Geduld. Und ihre Belohnung ist der Garten. Es ist der Monat des großzügigen Gebens und der Monat, in welchem die Versorgung eines Gläubigen vermehrt wird. Wenn jemand einem Fastenden etwas gibt, mit dem er sein Fasten brechen kann, wird dies ihm Vergebung für seine falschen Handlungen bringen und ihn aus dem Feuer nehmen. Er wird dieselbe Belohnung haben wie derjenige, den er speist, ohne dass dies dessen Belohnung in irgendeiner Weise mindert.“ (Sahih Ibn Khuzaima)

Der Ramadan hat zwei Aspekte. Der erste ist das Fasten und der zweite das Wesen von Zeit an sich. Es gibt keine spirituelle Tradition, die nicht auf die eine oder andere Weise das Fasten kennt. Es ist eine grundlegende menschliche Praxis. Nur ein Mensch ist in der Lage, durch einen Willensakt sich von Dingen wie Essen in bestimmten Umständen zu enthalten. Das macht es zu einer sehr ­besonderen Form der Anbetung, die von Allah hoch belohnt wird, wenn sie um Seinetwillen geschieht. Es gibt viele ­Vorteile, aber der vielleicht größte liegt in der Tatsache, dass wir durch den ­Verzicht auf Essen und Trinken, obwohl wir es wollen, eine der fundamentalen Ketten brechen, die uns an die niedere Welt fesseln.

Unsere erste und vorrangige Verbindung zur Welt findet statt, wenn wir anfangen, an der Brust unserer Mutter zu saugen. Dies setzt sich fort in Ernährungsmustern, die wir in der Kindheit bilden, und die uns durch das erwachsene Leben begleiten. Die Folge des Brechens dieser Muster öffnet uns Zugang zum direkten Wissen von der Substruktur unseres Selbst und – darüber hinaus – zur Gegenwart eines all-versorgenden Herrn.

Schaikh Dr. Abdalqadir as-Sufi spricht über die höchsten Möglichkeiten, die sich uns im Prozess des Fastens eröffnen. In seinem wegweisenden Werk „Der Weg Muhammads“ schreibt er: „(…) Das ganze Selbst öffnet sich dem Fastenden, um sehen zu können. (…) Er ist sich bewusst, dass jede Dauer des Selbst, die er sich vorstellte, nur eine oberflächliche Illusion war, die durch Gewohnheitsmuster und Verhaltensstrukturen getragen wurde, um eine Illusion von Festigkeit zu erzeugen. Er beginnt, sich selbst als eine erschütternde, flüchtige, schmelzende, bewegende Realität zu erkennen. (…) Wenn der Schleier sich hebt, wird das Licht heller. (…) Fasten ist die Öffnung zur Wirklichkeit. Es ist das Abschmelzen des Festen, die Auf­lösung der Wolken und das Erscheinen des sonnengleichen Geistes.“

Das hilft vielleicht bei der Erklärung der Bedeutung eines Hadithes des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, in dem er sagte: „Jede gute Handlung des Sohnes Adams wird zehn- bis siebenhundertmal vervielfacht. Allahs sagt: ‘Außer dem Fasten. Es ist Mein und Ich belohne es Selbst. Der Fastende verzichtet auf Essen und Trinken um Meinetwillen.’ Der Fastende hat zwei Freuden – wenn er sein Fasten bricht und wenn er seinem Herrn begegnet.“ (überliefert von Ahmad, Muslim, An-Nasa’i und Ibn Madscha)

Zweifelsohne ist Ramadan eine besondere Zeit. Jeder Muslim weiß das. Er ist qualitativ verschieden von jedem anderen Augenblick. Das ist unabhängig von der Aktivität des Fastens. Es ist nicht so, dass das Fasten den Ramadan anders macht. Sondern Allah hat es zwingend vorgeschrieben in ihm zu fasten, damit die Muslime den maximalen Nutzen aus seiner Besonderheit ziehen können. Allah, der Erhabene, hat ihn zum Moment für ein großes Geheimnis gemacht: Die Lailat’ul-Qadr.

Diese Nacht, die besser ist als tausend Monate. Und aus diesem Grund hat der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sie zur Zeit für seine Zurückgezogenheit gemacht, bevor seine Prophetie bekannt wurde. Dann, während dieser Nacht, kam es zur großen Öffnung. Das Jenseits-der-Zeit und das In-der-Zeit überkreuzten sich. Die Offenbarung von Allahs Buch begann. Viele Qur’ankommentatoren weisen darauf hin, dass eintausend ­Monate mehr oder weniger eine menschliche Lebensspanne sind. Mit anderen Worten: Die gesamte Erfahrung von Zeit, die wir haben können. Auf was im Qur’an durch die Beschreibung der Lailat’ul-Qadr hingewiesen wird, ist, dass sie außerhalb der Zeit liegt. Ein Moment im Jahr, wenn sich ein Fenster der Zeitlosigkeit öffnet. Wenn Menschen Zugang zur Gegenwart Allahs haben.

Es ist in diesem Augenblick, der den ganzen Monat durchzieht, sodass die Tore des Gartens offen sind und eine weiche und duftende Brise von ihnen ­herab in diese Welt strömt. Und die ­Teufel, die sich üblicherweise unter die Menge mischen, sie reizen, es den Menschen schwierig machen, sich an Allah zu erinnern und rechtschaffen zu handeln, sie sind angekettet. Das gibt den Herzen einen willkommenen Geschmack von Erleichterung und Freiheit.

Aus diesem Grund wird das richtige Handeln so hoch während des Monats Ramadan bewertet, wie es in dem Hadith heißt. Jedoch, wie bei jeder guten Nachricht, ist hier auch eine Warnung enthalten. Weil diese Zeit so wertvoll ist, können wir Muslime es uns nicht leisten, sie zu verschwenden.

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