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Die Feuerpausen sollte man angesichts der Opfer auf beiden Seiten zum Nachdenken nutzen. Von Abu Bakr Rieger

Die Hamas-Debatte

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(iz). Es ist die – hoffentlich nicht ewige – Wiederkehr des Gleichen. Die Hamas und einige andere Bewegungen in Palästina setzten ihre Nadelstiche mit Raketen, Israel – oder ­besser die israelische Militärführung – nutzt die Vorlage für eine so ­unverhältnismäßige, wie brutale militärische Antwort. Die Zivilbevölkerung in Israel muss den ­Terror rund um die Raketenangriffe dulden, erleidet auch einige Todesfälle – im Gaza­streifen bebt dagegen die Erde. Die paläs­tinensische Bevölkerung „bezahlt“ mit einem ungeheuren Blutzoll.

So weit die traurigen Rahmenbedingungen für die übliche emotionale Mobilisierung der Palästina- oder Israelanhänger im Lande. Wo Emotionen herrschen, haben nüchterne Analysen es schwer oder setzen sich dem Verdacht der Kälte aus. Sie sind aber nach dem Desaster der letzten Jahre unbedingt notwendig. Für viele Muslime mag der Kampf um Palästina so etwas wie die „Mutter aller Schlachten“ geworden sein, mit ungeheurer Symbolkraft und – ­leider – auch mit einem Hang zur Irrationalität. Aber dennoch tut ein wenig Nachdenken in den Feuerpausen not.

Man kann Opfer nicht miteinander verrechnen oder allein aus ihrer Zahl die Bedeutung eines Konfliktes ableiten. Das wäre zynisch. Dennoch sei eine Feststellung an dieser Stelle erlaubt: Weder das Schicksal der Rohingyas oder der Zivilbevölkerung in Syrien konnte in den letzten Monaten eine ähnliche „innere“ Mobilisierung verursachen, wie es der Konflikt in Gaza tut. Wenn es in Palästina kracht, so ein Vertreter einer islamischen Hilfsorganisation lapidar, wird nur noch nach Palästina gespendet. Der Konflikt in Gaza ist aber letztendlich ein Konflikt unter vielen Konflikten, in ­denen wir uns alle stärker engagieren müssen.

Was gibt aber dem Konflikt rund um Jerusalem diese ungeheure Symbolkraft? Ist es die Beteiligung der Juden und etwa der latente Antisemitismus der Muslime, wie es einige Pro-Israel-Fraktionen behaupten? Ist es der traurige Umstand, dass viele arabische Länder ihre Identität nicht mehr aus dem Islam, sondern nur mehr noch aus der Feindschaft mit dem israelischen Staat ziehen?

Egal, wie man zu diesen Fragen steht, ist es tatsächlich Zeit für die Muslime, zumindest einige selbstkritische Überlegungen anzustellen. Ja, die Negierung internationalen Rechts durch Israel, die Siedlungspolitik, der latente Rassismus gegen die Araber sowie die Unverhältnismäßigkeit der Angriffe mögen alle schwere Provokationen darstellen. Sie sind aber noch lange kein Grund, die palästinensische Strategie der militärischen Konfrontation und des Terrors nicht auch in Frage zu stellen.

Wahr ist auch, dass sich die muslimische Community seit Jahren um diese Debatte herumdrückt. Wer etwa die Hamas kritisiert, dem wird schnell mangelnde Solidarität, Unverständnis und – schlimmstenfalls – Abfall vom Glauben vorgeworfen. Vor allem das Letztere ist dabei mehr als fragwürdig, denn das islamische Recht erlaubt weder Terrorismus, noch Selbstmordattentate und auch nicht die Führung eines völlig aussichtslosen Krieges, gegen eine Atommacht und auf dem Rücken der wehrlosen Zivilbevölkerung.

Kritik an der militärischen Strategie im Gaza-Streifen regt sich selten. Warum? Nach einer hitzig geführten Debatte über die Legitimität der Strategie der Hamas auf dem Facebook Account der IZ fasste Chefredakteur Sulaiman Wilms das Problem zusammen: „Dialektik ist der Tod des Denkens und macht jedes Sich-Verständlich-Machen sehr schwer. Schön sieht man das an der aktuellen Gaza-Krise: Eine fundamentale Ablehnung von Hamas & Co. wird als Zustimmung zum israelischen Vorgehen und ein Ignorieren der palästinensischen Leiden gedeutet. Dieses Wenn-Du-Nicht-So-Denkst-Wie-Ich, produziert immer nur grobe Holzschnitte.“

Darf es nach dem Willen einiger Hardliner keine Debatte über die Politik der Hamas geben, weil man sich dann einigen schmerzlichen Fragen stellen müsste? Zum Beispiel über das Verhältnis von Politik und Islam?

Die militärische Taktik der Hamas mag politisch (für einige) nachvollziehbar oder alternativlos sein. Im Einklang mit dem islamischen Recht sind die Taten der Kämpfer deswegen noch lange nicht. Diese Abgrenzung ist, mit Verlaub, auch für die Muslime in Europa fundamental, wäre doch sonst die Gefahr gegeben, dass einige Einzeltäter die desperate Taktik der Hamas auch hierzulande übernehmen könnten. Die etwaige Gleichsetzung des Islam mit der Hamas ist auch aus diesem Grund eine große Gefahr .

Überhaupt sollte man sich dem Argu­ment stellen, ob ein Vergleich der Ideologien des Zionismus und des so genann­ten „Islamismus“ nicht auch Anhaltspunkte ergibt, die für eine Art Brüderschaft im modernen Geiste sprechen. Die Passion für die Vernichtung und der permanente Bezug zum Feind mögen dafür durchaus sprechen. „Les extremes se touchent. Die Extreme berühren sich“, ist eine sprichwörtliche Redensart, eine Art politischer Lehrsatz, die sich dem Sinne nach schon bei den altklassischen Philosophen findet.

Fakt ist: Alle Ideologien – mit welchem Hintergrund auch immer – gleichen sich insoweit, als sie sich über die eigene Rechtstraditon hinwegsetzen, ihr eigenes Anliegen verklären und so den Ausnahmezustand und die Priorität des Politischen über das Recht begründen. Es gehört zu den weiteren Merkwürdigkeiten der Freund-Feind Dialektik, dass dem Zionismus des öfteren „Rassismus“ vorgeworfen wird, während die Hamas ganz gerne das eigene Volk und die eigene Lage als etwas „Auserwähltes“ bestimmen und so ihren Anspruch auf Führung mystifizieren.

Ernst Jünger hat einmal die geistige Lage beschrieben, als Hitler und seine dumpfen nationalsozialistischen Anhän­ger die Juden zum Feind erhoben und ihnen kollektiv negative Eigenschaften zuschrieben. „In diesem Moment“, so Jünger, „waren genau diese ­Eigenschaften in den Gesichtern der Männer um Hitler zu erkennen“. Dass die Welt ein Spiegel ist, ist ein Aussage des Propheten.

Die Differenz zwischen einer Ideologie und einer Lebenspraxis lehrt uns ein Blick in vergangene Tage. Über Jahrhunderte konnten in der islamischen Welt die Einwohner ganzer Dörfer, Stadtteile und Regionen trotz unterschiedlicher Konfession oder ethnischer Zugehörigkeit friedlich nebeneinander leben. Der Islam war kein Konzept zur Raumberrschung, sondern Garant eines effektiven Minderheitenschutzes und damit nicht etwa Träger einer Ideologie, die die Auslöschung des Feindes oder unschuldiger Zivilisten als „Sieg“ begreift, geschweige denn feiert. Das Symbol dieser Zeit ist nicht der Islam und die Partei, sondern der Islam und der offene, für jedermann zugängliche Marktplatz.

In unserer Zeit nun, die wir als Musli­me intensiv erleben, ist der düstere Dreiklang der Moderne endgültig im ­Orient angekommen. Er besteht nicht nur aus der Faszination für das Explosive, der Ma­gie der Auslöschung oder der zynischen Profitgier der Waffenhändler und ihrer Aktionäre in aller Welt. Der Dreiklang verändert vielmehr die Grenzen, verformt schleichend die innere und äußere Landschaft. Es gibt keinen Zweifel, jeder Nationalismus endet im Rassismus und jeder Rassismus führt über kurz oder lang zur ethnischen Säuberung. Diese Art der modernen Staatsgründung wird so zur tristen Einheit von Rasse und Territorium. Die eigene Sache wird zum sakralen Fixpunkt. Ein Gefängnis.

Viele Muslime – auch hier in Europa – argumentieren, dass es zum palästinensischen Staat angeblich keine Alternative gäbe. Das wirkt merkwürdig auf einem Kontinent, der das Eigenleben von Regionen fördert, aber weiß Gott und mit guten Gründen keinen Nationalismus oder starre Staatsgrenzen mehr predigt. Im arabischen Raum ist das Konzept von Nationalstaaten noch viel weni­ger zukunftsfähig und nichts anderes als eine Fata Morgana.

Ein friedensfähiger Nomos des arabischen Raumes kann im Korsett nationa­ler Diktaturen, in einer traditionell fein zerfaserten Region, gerade nicht entstehen. In Deutschland verstehen wir nach unseren historischen Erfahrungen zudem die Frage, die schon heute die arabischen Gesellschaften zerreißen könnte: Was tun, wenn nach der legalen Machtergreifung, die Mehrheit im Staat ihre Interessen – seien sie säkular oder religiös motiviert – ideologisch und zum Nachteil der Minderheit umsetzt?

In Palästina geht es jedenfalls nicht um eine Gegnerschaft zwischen „Muslimen“ und „Juden“. Der so genannte Frieden, der ja nur ein Waffenstillstand ist, beruht vielmehr auf einem fatalen Zirkelschluss und auf der Idee der militärischen Option. „Nach acht Tagen schweigen die Waffen in Nahost. Israel stand kurz vor einem Einmarsch in den ­Gazastreifen – doch dann sagten die USA dem Land mehr Geld für die Armee zu“, las man dazu auf ZEIT-Online. Die Zeit der Aufrüstung nimmt ihren Lauf und lässt die Aktienkurse der beteiligten Rüstungsfirmen zyklisch steigen.

Yotam Feldman hatte schon in der ZEIT die Interessen des industriellen-militärischen Komplexes in Israel und anderswo klug beschrieben. Über die Absichten der israelischen 0,1 Prozent macht sich Feldman keine Illusionen: „Während vergangene Kriege die israelische Wirtschaft belasteten, kommen ihr die Offensiven gegen Gaza eher zugute. Der Gazastreifen bietet sich als Testgebiet für Produkte der israelischen Rüstungsindustrie geradezu an, ‘kampferprobte Waffen’ – so heißt es im Werbematerial der Hersteller – lassen sich erfolgreich auf dem internationalen Markt verkaufen.“

Tatsächlich bezieht sich Israels Militärführung mit größerer Verve auf die Hamas, im Vergleich zu der leblosen Fatah-Bewegung, weil sie der idealere Gegner ist. Man braucht sich. Die Hamas gibt die Vorlagen für den Ausnahmezustand, schafft die Notwendigkeit für immer mehr Rüstung, bedient das Kalkül der Sicherheitsindustrie und rettet das eigene Land über die inneren Widersprüche hinweg. Der leicht anzuheizende Konflikt schafft immer wieder den Zeitgewinn für eine noch aggressivere Siedlungspolitik.

Israel wiederum ermöglicht den Hamas-Funktionären die Bildung von Hierarchien, Kaderbewusstsein, das Regieren ohne Recht, den Ausnahmezustand, die zunehmend ungefragte Ideologisierung und Erhöhung der eigenen Position im Lager der Palästinenser. Die Gleichsetzung der Hamas-Strategie mit dem Islam ist – sozusagen nebenbei und von Islamhassern erwünschte Neben­folge – der fatale Propagandaerfolg, der sich spürbar auf die Muslime in Europas ­auswirkt.

Die Kriegsziele der Hamas sind im Vergleich zu den ungeheuren Opfern, die ihre Taktik mitverursacht, eher profan. Der angestrebte Kleinstaat ist nicht viel mehr als ein Konstrukt. Im Hintergrund bereiten bereits Hamas-Funktionäre den ersehnten Kleiderwechsel vor. Aus dem Kampfanzug heraus soll bei sich bietender Gelegenheit in den Anzug übergewechselt werden. Es winken Amt und Ehre. Ein „islamischer“ Staat soll gegründet werden, der sich im religiösen Kern durch ein Alkoholverbot und den Kopftuchzwang auszeichnet. Aber sonst? Die übliche Kopie westlicher Staaten. Aus der Türkei und Ägypten kommt die Versorgung mit internationalen Supermärkten und die Netzwerke der arabischen Banken.

Eine kleine Elite wird dann wie überall sonst auf der Welt sehr reich ­werden. Palästina, sollte es denn je ein Staat werden, braucht bald genormte Politiker im Nadelstreifenanzug, die die Kreditverträ­ge für den nicht-lebensfähigen Staat unterschreiben werden.

Die Lösung des Palästina-Problems ist nicht von der politischen und ökonomi­schen Zukunft der ganzen Region zu trennen. Hierzu braucht es Geduld und keinen einzigen der selbstmörderischen Kriege. Europa macht es nach den verheerenden Erfahrungen seiner Kriege, mit der leitenden Idee eines übergeordneten und verbindenden Wirtschaftsrau­mes, grundsätzlich vor. Die Idee ist alt, die Idee ist gut – über Jahrhunderte waren freie Handelswege und Marktplätze auch für die Muslime wichtiger als starre Grenzen. Die Freiheit des Handels – das ist keine monopolisierte Distribution – war die Basis der Zivilisation und des zivilisierten Verhaltens.

Sollte die islamische Welt je von den Fehlern des Westens lernen, dann gründet sie ihren eigenen Wirtschaftsraum; allerdings innerhalb einer Ordnung ohne Rechtsfreiheit für das Kapital, also nicht nur eine kapitalistische Kopie und ­dafür mit einem Recht, das der Spekulation und Inflation Einhalt gebietet.

Die Frage der Vernunft jedenfalls, in dieser Zeitung immer wieder gestellt, bleibt mehr als berechtigt: „Was wäre eigentlich der Nachteil für die palästinensische Bevölkerung, wenn die Hamas die Waffen niederlegen würde und die Palästinenser sich auf einen reinen zivilen Widerstand konzentrieren würden?“

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