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Die Frauen zur Zeit der Rechtgeleiteten Kalifen

Vorwort von Dr. Ahmet Inam zur Einleitung des neuen, gleichnamigen Buches

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Foto: Danskim, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 3.0

(iz). Das zu dieser Übersetzung vorliegende Buch ist aus dem Jahr 1996. Die Anzahl verfügbarer Quellen und Forschungen zum Thema dürfte heute deutlich höher sein als zu jener Zeit. Daher dürften dem einen oder anderen hierzu bekannte Bücher oder aktuelle Forschungsarbeiten fehlen.

Die Arbeit besteht hauptsächlich aus Überlieferungen und Berichten aus den Geschichts- und Hadithsammelwerken. Während die Überlieferungen in den Hadithwerken seitens verschiedener Hadithgelehrten mehrmalig und zugleich verschieden auf ihre Authentizität überprüft wurden, gilt dies nicht für alle Überlieferungen und Berichte in den Geschichtswerken. Der Autor hat demnach auch nicht die Intention der Prüfung der Authentizität dieser Berichte. Da es sich hierbei nicht um ein Rechtswerk handelt, das in erster Linie nur authentische Überlieferung in Betracht zieht, um daraus Rechtsurteile abzuleiten, sondern um eine geschichtswissenschaftliche Forschung, ist dieser Vorgang auch verständlich. Selbst wenn manche Überlieferungen als schwach eingestuft und diese für ein Rechtsurteil nicht zugelassen werden, so finden sich dennoch Informationen in diesen Überlieferungen, aus denen unter anderem moralische Botschaften herzuleiten sind, Informationen über das Leben dieser Zeit ausfindig gemacht werden und nicht selten auch das  Denkvermögen der weiteren Generation beeinflussen können. Denn diese als „schwach“ (daif) beurteilten Überlieferungen gelten nicht als „erfunden“ (mawdu) und besitzen somit eine (…) Wahrscheinlichkeit, richtige Informationen zu bergen. Die letztgenannte Kategorie von Überlieferungen, nämlich mawdu, sind wiederum gänzlich abzulehnen.

Viele Überlieferungen wurden in der Geschichte aus einer männlichen Perspektive gelesen, entsprechend ausgelegt und in das Zeitdenken der nachfolgenden Gesellschaften verankert. Was der Autor mit dieser Forschung nun beabsichtigt, ist die Hervorhebung der weiblichen Sicht der Geschehnisse. Bekannte Hadith- und Geschichtswerke wurden herangezogen, Überlieferungen und Berichte aussortiert, die in irgendeiner Form die Frau oder eines der Themen für Frauen thematisiert. Aufgrund dessen, dass der Autor nicht nur die damaligen Verhältnisse positiv erklärenden Berichte auswählt, sondern solche heranzieht, in denen die Rechte der Frauen verletzt werden, oder ein negatives Frauenbild darstellen, kann von einer Romantisierung der dama­ligen Zeit nicht die Rede sein. Der Autor überlässt den LeserInnen selbst, wie sie mit diesen Informationen umgehen und welche Lehre sie daraus ziehen werden.

Gewiss werden jene Überlieferungen und Berichte in diesem Buch, die auf ein negatives Frauenbild verweisen, für ideologische Pauschalisierungen (man denke an die zahlreichen „Islamexperten“) missbraucht werden. Andererseits könnten die gegenteiligen die Thematik der Frau nur positiv darstellenden Überlieferungen und Berichte, die ein für die damalige Zeit revolutionäres und positives Frauenbild liefern, für die ebenfalls einseitige „muslimische“ Vorstellung herangezogen werden. Es hängt daher vom Vermögen der Aufrichtigkeit der LeserInnen ab, wie die Informationen zu lesen sind. Das heißt für die muslimischen LeserInnen, inwieweit sie bereit sind, ihre festgebildeten Denkstrukturen auch für neue Informationen zu lösen. Und es heißt für die nicht muslimischen LeserInnen, inwieweit sie bereit sind, die eigenen negativen Vorstellungen aufzugeben und die Verhältnisse der damaligen Zeit auf die gesellschaftlichen Strukturen und sozialen Probleme verweisen, anstatt diese auf die Religion zu projizieren. Wie die verschiedenen LeserInnen mit den Informationen in diesem Buch  auch umgehen mögen, Fakt ist, dass diese Überlieferungen, die sowohl ein positives als auch ein negatives Frauenbild aus dieser Zeit liefern, in den wichtigsten muslimischen Werken seit über 1200 Jahren vorhanden sind und für alle Zeiten die nötigen Informationen für weitere Diskussionen in sich bergen. Um auf die eben erwähnte revolutionäre Entwicklung noch einmal hinzuweisen: Der vermeintliche Islamexperte mag noch so viele Belege aus dem Qur’an oder Überlieferungen für die Benachteiligung der Frau vorweisen, sowohl der Qur’an selbst als auch die Überlieferungen halten – nicht nur für die damalige Zeit – mit den positiven historischen Entwicklungen, den vorbildhaften Handlungen und Aussagen des Propheten und den universellen Aussagen im Qur’an immer dagegen.

In thematisch aufgeteilten Kapiteln zitiert der Autor mehrere Berichte und Überlieferungen, die unter anderem untereinander verschieden und auch zueinander widersprüchlich sein können. Hierbei lassen sich die zwei wichtigsten Intentionen des Autors erkennen.

Der Autor will zeigen, wie die Frauen, ihre aus der Zeit des Propheten erkämpften Rechte, auch in der Zeit der rechtgeleiteten Kalifen weiterhin ausleben konnten. Dies geschah sowohl durch das gewonnene Selbstvertrauen der Frauen selbst, als auch durch die Unterstützung der männlichen Prophetengefährten. In Anlehnung an die Offenbarung und an das vorbildhafte Leben des Propheten, welche die erwähnte revolutionäre Entwicklung erst möglich machten, hatten die Prophetengefährten und -gefährtinnen auch nach dem Tod des Propheten und dem Ende der Offenbarung ihre „Leitquellen“ noch frisch im Gedächtnis.

Die universelle Regel „nichts bleibt wie es ist“ galt auch für diese Zeit. Durch das Fehlen des Propheten als religiöse Instanz und als Staatsoberhaupt, entstanden die ersten Streitigkeiten zwischen den Muslimen schon sehr früh. Die junge muslimische Gesellschaft hatte seitdem mit vielen Problemen und Schwierigkeiten zu kämpfen. Da wären die Revolten einiger Stämme, die Eroberungszüge der muslimischen Armee, das Gedeihen der Wirtschaft und derer Folgen in der Gesellschaft, der Kontakt mit nichtmuslimischen Gesellschaften und Kulturen zusammen mit ihren Vorstellungen von einem sozialen Leben, die ersten Bürgerkriege zwischen den Muslimen etc. Die zweite Intention des Autors liegt nun darin, aufzuzeigen, inwieweit diese neuen Entwicklungen auf das Frauenbild ihre Spuren hinterlassen haben, die positiven Entwicklungen aus der Zeit des Propheten zum Negativen verändert haben und wie sich die Veränderungen auf die nächsten Generationen ausgewirkt haben. Nicht minder spielt hierbei die Rückentwicklung mancher Muslime auf die – für die Frauen zumeist negativen – Strukturen der vorislamischen Zeit, der sogenannten Dschahiliyya, eine besondere Rolle.

Die Prophetengefährten und – gefährtinnen waren auch Menschen und machten Fehler. Sie gehören zwar für die Muslime zu der „Besten Generation“, zumal sie die Offenbarung miterlebten und den Propheten leibhaftig kannten und sich entsprechend charakterlich und menschlich entwickelten, doch waren auch sie nicht vor Fehlern gefeit. In diesem Fortsetzungswerk befinden sich nun Überlieferungen, die so manche LeserInnen überfordern könnten, wenn sie erstens die hier thematisierten Personen nicht richtig kannten und zweitens die Geschichte der rechtgeleiteten Kalifen und insbesondere die Geschichte über die Ermordung des dritten Kalifen Uthman und ihre Auswirkungen nicht kennen. In den bekanntesten muslimischen Geschichtswerken befinden sich Überlieferungen und Berichte, die nicht nur auf die großartigen Leistungen dieser Menschen hinweisen, sondern auch auf ihre menschlichen Handlungen und Eigenschaften, zu denen auch fehlerhafte gehören. Im Gegensatz zu der heute in vielen Kreisen verbreiteten Romantisierung der ersten Generation von Muslimen, deren menschliche Fehler mehr ignoriert wurden (eine gute und fromme  Absicht könnte darin liegen, oder aber auch Unkenntnis), haben die muslimischen Gelehrten in der Geschichte, von den Rechtsgelehrten bis hin zu Historikern, die erste Generation der Muslime so wahr genommen wie sie auch waren: charismatisch, fromm, beispielhaft aber auch eben menschlich emotional und menschlich handelnd.

Aufgrund dieser Gegebenheit ist es wichtig zu beachten, aus den hier erwähnten Überlie­ferungen keine übereilten Urteile über die historischen Ereignisse und über die Personen zu bilden. Dies ist wichtig aus wiederum ­zweierlei Gründen.

Erstens waren auch die Geschichtsschreiber Menschen und hatten selber bestimmte Vorstellungen von Recht und Unrecht, über Mann und Frau, über die Rechtmäßigkeit der Nachfolge des Propheten etc. und manche haben entsprechend auch diese Vorstellungen in ihren Werken mit eingeführt beziehungsweise haben Partei ergriffen. So konnte ein Gelehrter, welcher der Meinung war, dass Ali eigentlich der rechtmäßige Nachfolger des Propheten sei, dieser Meinung passende Überlieferungen hauptsächlich in seinem Werk aufgenommen haben. Dazu musste er nicht einmal ein Schiit sein. Oder ein anderer Gelehrter konnte die Auffassung haben, dass die Reihenfolge der Kalifen, so wie es war, auch ihre Rechtmäßigkeit besitzt und dieser Gelehrte übernahm eventuell Überlieferungen, welche diese Sicht bestätigten. Dies gilt insbesondere in den muslimischen und zum Teil heftigen Streitthemen über die Wahl des ersten Kalifen, über den Streit zwischen Abu Bakr (1.Kalif) und der Prophetentochter Fatima, über den Streit zwischen Ali und Uthman, über die Ermordung Uthmans, über den Streit zwischen Uthman und der Prophetengattin Aischa, über den Streit zwischen Ali und Aischa und dem ersten Bürgerkrieg zwischen den Muslimen, oder über den Streit zwischen Ali und Muawiya und dem zweiten Bürgerkrieg, der sogenannten Fitna (Versuchung, Zwietracht, Unruhe). Zusammengefasst können die Überlieferungen ­eventuell auch subjektiv beladen sein, weshalb diese Überlieferungen und Berichte auch mit Vorsicht zu betrachten sind. Folglich sollten die menschlichen Handlungen und Emotionen dieser vorbildhaften Menschen die LeserInnen nicht dazu verleiten, diese eventuell zu verurteilen und ihre Dienste für den Islam dadurch schmälern. Eine nüchterne Lesart der damaligen Ereignisse wäre sehr förderlich und ­empfehlenswert.

Der zweite Grund, weshalb es nicht richtig wäre, aus den hier erwähnten Überlieferungen und Berichten eine feste Meinung zu bilden, ist die oben erwähnte Thematik bezüglich der Authentizität dieser. Wie bereits gesagt, geht es dem Autor nicht darum die Authentizität dieser Überlieferungen und Berichte zu prüfen, sondern so viele Informationen wie möglich daraus zu schöpfen. Selbst wenn eine Überlieferung auf eine schlechte Handlung eines Gefährten verweisen sollte, diese Überlieferung authentisch oder schwach sein sollte, möchte der Autor mit dieser Überlieferung, welche für die Muslime aus einer Zeit vor etwa 1400 Jahren stammt, auf die „Nebenthematik“ beziehungsweise auf die kleinen Details und Indizien in diesen Berichten verweisen. Um dies mit einem Beispiel zu belegen: Selbst, wenn Aischa zuerst gegen Uthman und dann gegen Ali opponierte und dieses Ereignis bei den einen oder anderen Lesern eventuell Unbehagen auslösen könnte, so zeigt diese Überlieferung wiederum, dass eine Frau offen ihre Meinung aussprechen, politisch aktiv sein konnte und auch Einfluss besaß. Und aus diesen Details lassen sich zu der eigentlichen Thematik dieses Buches (Die Frau und ihre Rechte) viele Informationen aus erster Hand einholen. Die Fokussierung des Autors gilt auf die Indizien und Themen zum eigentlichen Thema und nicht auf die historischen Ereignisse und auf die Fragen: Wer hatte Recht, wer Schuld, wer hätte das Kalifat verdient etc.?

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