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Die Freiheit des Einzelnen

Essay: Oscar Wilde oder der verstoßene Migrant

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Foto: Napoleon Sarony, Wikimedia Commons | Public Domain

(iz). Was kann einen Menschen sein gesellschaftliches Ansehen kosten? Dafür gibt es viele Gründe. Im ausgehenden 19. Jahrhundert war einer dieser Gründe, dass ein Mann die Gesellschaft, in der er lebte, demaskiert hat. „In diesem Land genügt es, dass jemand vornehm ist und Geist hat, damit jede gemeine Zunge sich gegen ihn rührt.“ – Die Rede ist von Oscar Wilde, dem Iren, der mit seinem Charme, Witz und seiner Wortgewandtheit die Londoner Tische eroberte. Doch, er war zu geistreich und er hatte zu viel Gewissen, als dass er sich – wie gewöhnliche Menschen es tun – als Moral und Tugend par excellence präsentieren konnte. Stattdessen deckte er die Fehler und Tugenden seiner Zeitgenossen auf und behauptete nicht, besser zu sein. Bei diesem Unterfangen spart er nicht mit Verallgemeinerungen, ja, Verallgemeinerungen sind die Quelle seines Witzes. Das Opfer seiner Kunst? England, das zu der Zeit, das vielleicht mächtigste Land auf Erden war. Und was macht Oscar Wilde, der selbst nicht einmal Engländer war, der bloß ein Migrant aus Irland war? Er mokiert sich über die Menschen, des Landes in das er gekommen war.

„Wenn man einem richtigen Engländer eine Idee vorträgt – schon an sich eine Tollkühnheit – denkt er nie daran zu erwägen, ob die Idee richtig oder falsch ist. Das einzige, was ihm von Bedeutung scheint, ist, ob man selbst daran glaubt.“

Das kommt einem im Deutschland des 21. Jahrhunderts doch recht bekannt vor. Oscar Wilde scheint ein Mann unseres Jahrhunderts zu sein. „In England ist ein Mann, der nicht zweimal die Woche einem großen, normalen, unmoralischen Publikum Moral predigen kann, als seriöser Politiker erledigt.“ Für den Wagemut, diese Art der Gesellschaftskritik in Form von Kunst zu präsentieren, zog er den Zorn der Gesellschaft auf sich. Das war dann etwas zu viel künstlerische Freiheit! Diese fühlte sich angegriffen. Wie denn auch nicht, bei den Seitenhieben, die er, während das Publikum unterhalten werden will, auf eben dieses einprasseln lässt. „Moral ist nichts als die Haltung gegenüber Leuten, die einem unsympathisch sind.“ Ein Mensch, der demaskiert, ist gewöhnlichen Menschen in höchstem Maße unsympathisch.

Doch auch Oscar Wilde arbeitete mit Masken und hielt dies nicht geheim. In einem Brief lässt Wilde verlauten, dass er der Welt bewusst als Dandy erscheint, da es töricht sei, der Welt sein wahres Herz offen darzulegen. Dies erscheint logisch, wenn die Gesellschaft, in der man lebt, dermaßen heuchlerisch ist, wie Wilde es beschreibt: „Wenn sie die Bilanz ziehen, gleichen sie die Dummheit durch Reichtum und das Laster durch Heuchelei aus.“ Es kümmere keinen, dass man dumm ist, wenn man reich ist, genauso wenig, wie es jemanden kümmere, dass man sündige, wenn man diese nur verbergen kann.

Um das Verbergen eines Fehlers dreht sich auch Wildes mit eigenen Worten „bestes Theaterstück“ „An Ideal Husband“: Sir Robert Chiltern kam bereits in jungen Jahren durch einen unmoralischen Akt zu Reichtum, den er daraufhin dafür verwendete, um in der Welt Gutes zu tun. Er vollbrachte das Kunststück den unmoralischen Akt geheim zu halten, so geheim, dass seine eigene Frau nicht davon wusste, die ihn fast verlassen hätte, nachdem sie davon erfuhr. Sie ist der Meinung, dass Prinzipien über allem stehen und wenn die Achtung vor einem Menschen einmal verloren ist, diese nicht wiederherzustellen sei. Aufgrund eines Briefes, den sie in ihrer Trauer unbewusst zweideutig verfasst, gerät sie selbst in eine missliche Lage, doch mit der Hilfe eines Freundes, schafft es das Ehepaar nachsichtig miteinander zu sein. Der Freund des Ehepaares, Lord Goring, äußert selbst: „Alles, was ich weiß, ist, dass man das Leben nicht verstehen kann, ohne viel Mitgefühl, dass man es nicht leben kann, ohne viel Mitgefühl. Allein die Liebe, und nicht die deutsche Metaphysik, kann uns die Welt erklären.“ Und eine der wichtigsten Äußerungen des gesamten Stückes: „Was Sie von ihm wissen, ist nicht sein wahrer Charakter. Es war ein Akt jugendlicher Torheit, charakterlos, zugegeben, beschämend, zugegeben, unter seiner Würde, zugegeben, ergo… nicht sein wahrer Charakter.“ Während die Einen Fehler als den wahren Charakter eines Menschen ansehen, wird der Fehler hier als eine Ausnahme angesehen und nicht als wahrer Charakter. Auch das erinnert an heutige Verhältnisse. Um einem Menschen seine Zukunft ruinieren, genügt es, ihm einen Fehler, der plötzlich Skandal genannt wird, vorzuhalten und womöglich – wie im Stück – zu erpressen. Auch Oscar Wilde wurde zu seiner Zeit erpresst.

Die Themen, die in diesem Stück angesprochen werden, haben höchste Aktualität. Hat ein Mensch, der in seiner Vergangenheit Fehler aufzuweisen hat, das Recht auf eine schönere Zukunft? Wodurch wird der Charakter eines Menschen definiert? Unterscheidet sich die Moral im öffentlichen Leben von der im privaten? Wilde bezweckte, die englische Gesellschaft um 1900 zu charakterisieren, doch hat viel mehr eine zeitlose Vorlage geschaffen, indem er zeitlose Themen im Werk anspricht. Beispielsweise galt sein einziger Roman als dermaßen anrüchig, dass dieser vor Gericht gegen ihn verwendet wurde.  Es ist erstaunlich… zu genau dieser Zeit konnte im Osmanischen Reich zeitgleich eine Sehnsucht nach den Freiheiten in England verzeichnet werden. Was Oscar Wilde wohl den damaligen Osmanen zu sagen gehabt hätte? Wilde verlor den Gerichtsprozess, der gegen ihn eingeleitet wurde. Männliche Prostituierte sagten aus, mit ihm verkehrt zu haben. Dies bedeutete zwei Jahre Zwangsarbeit. Zwei Jahre Einsamkeit für Wilde. Nachdem er aus der Haft entlassen wurde, beklagte er sich über Kälte der englischen Gesellschaft: „Ich lebte zwei Jahre lang in Schweigen und Einsamkeit im Gefängnis. […] Jetzt ist es vorgesehen, dass ich in Schweigen und Einsamkeit leben und gar nichts zu essen bekommen soll. […] Dieses Vorhaben wird aus moralischen Gründen ausgeführt! Man will, dass ich Hungers sterben oder mir in einem Neapolitaner Pissoir eine Kugel durchs Hirn jagen soll. Ich habe nie einen moralwütigen Menschen getroffen, der nicht herzlos, grausam, rachsüchtig, strohdumm und ohne die geringste Menschenliebe gewesen wäre. Sogenannte moralische Menschen sind wilde Tiere.“

Dies solange, wie ihnen die Fähigkeit zur Vergebung fehlt. Die Begriffe haben hier eine völlig neue Bedeutung. Moral, an sich ein guter und schöner Begriff, wirkt bei Wilde wie eine Beleidigung. Alles, was nicht den eigenen Vorstellungen von Moral entspricht, wird bei einem moralwütigen als unmoralisch deklariert und abgelehnt: „Die moderne Moral besteht darin den Maßstab ihres Zeitalters zu akzeptieren. Ich bin der Meinung, dass es für jeden einigermaßen kulturfähigen Menschen eine Form der gröbsten Unmoral ist, den Maßstab seiner Zeit zu akzeptieren.“ Denn ein moralwütiger Mensch akzeptiert andere Lebensstile nicht. Er lässt andere nicht leben. Wilde sagt dazu: „Selbstsucht heißt nicht: So leben, wie man zu leben wünscht; sie heißt: Von anderen verlangen, so zu ­leben, wie man zu leben wünscht. Und Uneigennützigkeit heißt: Anderer Menschen Leben in Ruhe lassen, sich nicht hineinmischen. Die Selbstsucht strebt immer danach, um sich herum eine ­absolute Gleichförmigkeit des Typus zu erzeugen.“

Dieses Beispiel möge man sich in der heutigen Zeit in Erinnerung rufen, wenn in Deutschland gebürtigen Menschen die Wahl genommen werden soll, welchen Lebensstil im Rahmen der Gesetze sie auszuleben wünschen. Menschen, die mit dem Finger auf andere zeigen und laut brüllen, hat Wilde Folgendes zu sagen: „Und was für eine Sorte Leben führen diese Menschen, die sich als moralisch aufspielen, selber? Mein Lieber, du vergisst, dass wir in der Heimat der Heuchler leben!“ Während beständig über ein Kopftuch diskutiert wird, statt den Frauen die freie Wahl zu lassen, entgehen einem die wirklich gewichtigen Probleme der Gesellschaft, von denen eines Wilde in diesem Bonmot treffend benennt: „Heutzutage kennen die Menschen den Preis von allen Dingen und den Wert von keinem.“ Wir leben in einer Gesellschaft, die Wilde bereits vor über 100 Jahren beschrieben hat. Und dasselbe, was er sagte, können auch wir heute sagen: „Mit einem Gesellschaftsanzug und einer weißen Binde kann jeder, selbst ein Börsenmakler, in den Ruf eines Gebildeten kommen.“ Wir haben den Blick für die eigentlichen Probleme in der Gesellschaft verloren. Neid auf den Besitz anderer, Missgunst – Kinder werden von nicht wenigen als Last angesehen, als Kostenfaktor, statt sie als Bereicherung, als Freude anzusehen. „Unser Jahrhundert liegt vor dem Geld auf den Knien. Geld heißt der Götze unserer Zeit.“ Wie viel ist es wert, dass ein Kind lächelnd angerannt kommt und sagt, dass es bereits bis 10 zählen kann?

Es wird über den Qur’an diskutiert, der angeblich zu wenig Liebe enthalte. Wie sagte Wilde: „Bücher, die von der Welt als unmoralisch bezeichnet werden, sind solche, die der Welt ihre eigene Schande aufzeigen.“ Was geschieht jedes Mal mit mir, wenn ich den Qur’an lese und wenn ich islamische Lektüre zu mir nehme? Ich fühle den Drang mich verbessern zu müssen, noch menschlicher zu werden, was nicht beinhaltet, andere zwingen zu dürfen, es genauso zu tun, denn: „Er herrscht kein Zwang im Glauben.“ Dies steht im Qur’an selbst. Jemand, der andere zwingt, dasselbe zu glauben, wie man selbst, ist eben einer der moralwütigen Menschen. Doch zwinge ich einen anderen Menschen, dasselbe zu glauben wie ich, nur weil ich gerne über meinen eigenen Glauben spreche? Weil ich fünf Mal am Tag bete? Einmal im Jahr faste? Auf die charakterliche Stärke, Ausdauer und die Willenskraft, die mir diese rituellen Übungen einbringen, gehen wir hier jetzt nicht ein. Zwingt eine Frau durch das bloße Tragen eines Kopftuchs andere dazu, es ihr gleich zu tun? Sieht es nicht in der Realität eher so aus, dass junge Menschen, ob Junge oder Mädchen, in der Schule argwöhnisch angesehen werden, wenn sie nicht Alkohol trinken, Freund oder Freundin haben? Und Haut zu zeigen und sich reichlich zu schminken ist laut Oscar Wilde auch nicht zwingend ein Anzeichen von Freiheit, wie uns oft weisgemacht werden will. Auch europäische Größen können darin – ohne an eine ­Islamisierung zu denken – etwas völlig anderes erkennen. So lässt Wilde eine seiner Figuren aussagen: „Gestern Abend war sie üppig geschminkt und spärlich bekleidet. Das ist bei Frauen immer ein Anzeichen von Verzweiflung.“

Oscar Wilde zu lesen, ist eine Herausforderung, denn Begriffe verlieren bei ihm manchmal ihre bekannte Bedeutung. Es ist notwendig, sich in ihn hinein­zuversetzen, was für mich als Kind von Migranten nicht schwer ist, um ihn zu verstehen. Sodann regt er zum Nachdenken an. Er lebte in seiner Zeit, aber dies machte ihn nicht blind. Er war ein scharfsinniger Beobachter, der es verstand seine Beobachtungen in brillante Werke zu verwandeln.

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Ahmet Aydin

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