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Die gefährdete Wahrheit

Postfaktisches Denken wird zum Geburtshelfer der Postdemokratie

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Foto: Shutterstock

„Während diese gefälschte Welt heranwuchs, haben wir alle mitgemacht, denn ihre Einfachheit war beruhigend. Selbst diejenigen (die Radikalen, Künstler, Musiker und die Gegenkultur), die meinten, sie würden das System angreifen, wurden tatsächlich zum Teil des Betrugs. Auch sie hatten sich in die Fantasiewelt zurückgezogen. Daher blieb ihre Opposition wirkungslos und alles beim Alten.“ Adam Curtis

„Mit der Umarmung der Subjektivität ging die Schmälerung objektiver Wahrheit einher: die Feier der Meinung über Wissen, von Gefühlen über Fakten.“ Michiko Kakutani

(iz). Nach dem islamischen Verständnis sind die Phänomene dieser Welt häufig in Gegensatzpaaren angeordnet: innen und außen, gut und schlecht, Mann und Frau oder wahr und falsch. Letztere Begriffe sind essenzielle Kategorien in der islamischen Lehre. Im Qur’an tauchen sie daher immer wieder auf und einer der Namen Allahs – Al-Haqq – beschreibt die Wahrheit oder auch den Herrn der Welt als die ultimative Realität.

Das heißt, entgegen des zeitgenössischen Hangs zur Filterblasenschwäche und permanenter Dekonstruktion von Wirklichkeit in viele, kleine Subjektivitätsschnippsel besteht ein Anspruch auf verbindliche Wahrheit und Wirklichkeit. Insofern ist es interessant, wie und warum so viele einflussreiche Stimmen des muslimischen Aktivismus in der Lage sind, einerseits die kosmologische Existenz von Wahrheit beispielsweise in ihrem Gebet zu bestätigen, aber gleich­zeitig im Denken grundlegenden Denkregeln zu folgen, welche die Existenz einer objektiven Wahrheit in Frage stellen.

Das Abdriften in den radikaleren Subjektivismus ist keineswegs das Problem spezifischer Gruppen, sondern entspricht zeitgenössischen Entwicklungen. Die postmoderne Philosophie, so heißt es in dem sehr lesenswerten Buch „Der Tod der Wahrheit: Gedanken zur Kultur der Lüge“ der US-Literaturwissens­chaftlerin Michiko Kakutani, anfänglich Vehikel postmarxistischer Metropolen-Linker, wurde in den letzten Jahren sukzessive von rechten und anderen populistischen Bewegungen übernommen. Kakutani schreibt zwar spezifisch über die Lage in den USA seit dem Siegeszug des Trumpismus. Ihre Erkenntnisse jedoch gehen alle an, denen an Mindeststandards der Objektivität gelegen ist.

Für Kakutani befindet sich der „Relativismus“ seit den Kulturkämpfen der 1960er im Aufwind. Damals sei er von der „Neuen Linken“ und den akademischen Aposteln eines postmodernen Evangeliums vertreten worden. Man sei bestrebt gewesen, die Vorurteile des westlichen, männlich-dominierten und bürgerlichen Denkens bloßzustellen. Sie stellten die steile These auf, wonach es keine allgemeinen Wahrheiten gibt, sondern nur kleinere, personalisierte Wahrheiten; Wahrnehmungen geformt durch kulturelle und soziale Kräfte der jeweils eigenen Zeit. „Seitdem wurden relativistische Argumente von der populistischen Rechten – darunter Kreationisten und Klimawandelleugnern – gekapert, die darauf bestehen, dass ihre Sichtweisen gleichberechtigt neben ‘wissenschafts-basierten’ Theorien Platz hätten.“

Der amerikanische Schriftsteller und Kritiker David Shields beschreibt in seinem neuen Buch „Nobody hates Trump more than Trump“ (2018) den US-­Präsidenten und andere als post-pos­tmo­derne Wiedergänger. Es habe den Anschein, als hätten sie die gesamte fran­­zösische Dekonstruktion nach 1968 übernommen und zur Waffe im politischen Theater gemacht. Und für den kanadischen Kritiker und Journalisten Jeet Heer ist Donald Trump „in fast jeder Einzelheit die perfekte Verkörperung des Postmodernismus“.

Nach Ansicht von William Deresiewicz, einem Kollegen von Michiko Kakutani, leitet sich die englische Ent­sprechung für Tatsache etymologisch von einem Tun ab – das heißt, einer Tat oder Handlung. Erst im 16. Jahrhundert, einem Zeitalter, welches das Herausziehen des neuen empirischen Geistes sah, übernahm es seine gegenwärtige Bedeutung für den „wirklichen Zustand der Dinge“.

Im Falle der USA sowie einen großen Teil Europas herrschen spätestens seit Beginn der Jahrtausendwende Unzufriedenheit, die durch veränderte soziale Normen, demographische Veränderungen, steigende Einkommensunterschiede, die Finanzkrise sowie die gesichtslosen Elemente Globalisierung und Technologie viele Arbeitsplätze insbesondere unter der weißen Arbeiterschaft vernichteten. Das führte zu einem kaum artikulierten Unwillen aber auch neuen Unsicherheiten und Ängsten. Weltweit haben Trump und andere nationalistische Führer wie Le Pen in Frankreich, Salvini in Italien, Duterte auf den Philippinen oder Modi in Indien diese Gefühle der Angst und Entrechtung angeheizt. Was sie bieten, sind Sündenböcke, keine Lösungen.

Für Michiko Kakutani reflektiert die Verachtung des Weißen Hauses für Sachkenntnis und Erfahrung umfassendere Einstellungen, die in die weitere US-amerikanische Gesellschaft eingedrungen seien. Angesichts des „hysterischen Diskurses“ (Lacan), der auch in Europa oft zu verspüren ist, können wir begründet von einer umfassenderen Entwicklung ausgehen. Der Technologieunternehmer Andrew Keen warnte bereits 2007 in seinem Buch „The Cult of the Amateur“ davor, dass das Internet Informationen nicht nur über das wildeste Vorstellungsvermögen demokratisiert habe. Es habe echtes Wissen „mit der Weisheit der Masse“ ersetzt. Dadurch seien die Grenzen zwischen Fakt und Meinung, wohlbegründetem Argument und wildester Spekulation gefährlich vermischt worden.

Ein Jahrzehnt später schreibt Tom Nichols in „The Death of Expertise“ über die willentliche Feindlichkeit gegenüber dem fundierten Wissen. Dieses erwachse sowohl auf der Rechten als auch der ­Linken. Ihm zufolge gelte heute, dass „jede Meinung zu irgendeinem Thema genauso gültig ist wie jede andere“.

Dieses Phänomen ist – hier müssen wir selbstkritisch genug sein – ebenso auf muslimischer Seite zu finden. Es ist schon einige Zeit her, dass im innermuslimischen Gespräch der Rückgriff auf anerkannte Punkte von islamischer Lebensweise und Lehre als konsensstiftendes Mittel gelten konnte. Mehr noch, heute herrscht eine Kakophonie der Meinungen, die noch durch gestiegene Atomisierung des/der Einzelnen vorangetrieben wird. Kurz gesagt: Heute befinden wir Muslime uns in der Moderne in einem Vorgang, der damit enden könnte, dass jede/r schließlich sein/ihr eigene/r Qadi, Imam und Faqih ist. Eine andere Facette dieser Erosion ist die schwindende Bereitschaft des „politischen Islam“, muslimischer „Personen des öffentlichen Lebens“ und des virtuellen Aktivismus, das eigene Sprechen überhaupt noch mit Substanz der islamischen Lehre zu unterfüttern beziehungsweise es an sie binden zu wollen.

Ignoranz sei, so Nichols, längst schick geworden. „Wenn Bürger sich nicht um eine grundlegende Kenntnis in den sie betreffenden Fragen bemühen“, schreibt er, „dann geben sie – ob sie es wollen oder nicht – die Kontrolle über diese ab.“ Verlören Wähler die Kontrolle über, für sie wichtige Entscheidungen, riskierten sie das Kidnapping ihrer Demokratie durch ignorante Demagogen „oder den eher ruhigen und schrittweisen Verfall ihrer demokratischen Institutionen hin zu einer autoritären Technokratie“. In Deutschland sehen wir das am bereits lange bestehenden Ausklinken vieler BürgerInnen aus gesellschaftlichen Prozessen, indem sie auf die Seite von Nichtwählern schlagen. So nachvollziehbar diese Entscheidung angesichts der heutigen, parteipolitischen Malaise sein mag, man gibt die vorhandenen Einflussmöglichkeiten so an andere ab.

Für Michiko Kakutani ist es „ironisch“, dass die populistische Rechte die postmodernen Argumente und die ­Zurückweisung des objektiven Denkens übernommen habe. Und, obwohl sie seit Jahrzehnten an die Linke und sehr elitäre akademische Zirkel angebunden seien, die von Trump und Konsorten verachtet werden.

Warum sollten wir uns für diese oft obskur klingenden Argumente interessieren? Man könne, so die Autorin, mit Sicherheit sagen, dass Trump niemals die Werke von Derrida, Baudrillard oder Lyotard durchpflügte. Und Postmodernisten könnte man kaum für den frei schwebenden Nihilismus in aller Welt verantwortlich machen. „Aber einige ­verdummte Folgerungen ihres Denkens sickerten in die Popkultur ein und wurden von den Verteidigern des Präsidenten gekapert, die seine relativistischen Argumente zur Verharmlosung seiner Lügen benutzen.“

Für die Literaturwissenschaftlerin sind die Anhäufung der Ideen (die unter den breiten Schirm des Postmodernismus ­fallen) entscheidend für den Zusammenbruch anerkannter Narrative des Denkens. Dieses Denken habe sich in Literatur, Film, Architektur, Musik und Malerei als befreiend und „in einigen Fällen als transformativ“ erwiesen. Würden postmodernistische Theorien allerdings auf Sozialwissenschaften und ­Geschichte angewandt, führe das zu beabsichtigten und unbeabsichtigten Ergebnissen, die schließlich durch unsere gesamte Natur schnellen würden. „Es gibt viele Bereiche der Postmoderne und verschiedene Interpretationen, aber im weitesten Sinn leugnen postmoderne ­Argumente eine objektive Realität unab­hängig von der menschlichen Wahrnehmung, die durch die Prismen von Klasse, Rasse, Geschlecht und anderen Variablen gefiltert wird.“

Ob es uns bewusst ist oder nicht: In seiner Zurückweisung jeglicher Möglichkeit von Wirklichkeit und ihrer Erset­zung von Wahrheit durch Perspektive und Blickwinkel, zementiert postmodernes Denken das, sowieso schon vorangetriebene Prinzip des Subjektivismus. Und selbst die Idee von Menschen als potenziell rational und autonom handelnden Einzelnen wird beiseite geschoben, während demnach jeder von uns – bewusst oder unbewusst – durch eine bestimmte Zeit und Kultur determiniert werde. Und so bereitet die vorgeblich „linke“ Postmoderne in ihrer Absage an Vernunft und in Folge sogar von Freiheit den Boden für eine latent „rechte“ ­Tyrannis der „Post-Demokratie“.

Für den Sprachwissenschaftler und streitbaren politischen Denker Noam Chomsky verhindert eine postmoderne Dekonstruktion die Möglichkeit des politischen Handelns. „„Einer der Wege, aufregende, neue Ideen zu haben, besteht darin, alles niederzureißen und zu sagen, alles war falsch. Das war auf vielen Gebie­ten sehr willkommen, denn dergleichen unterminiert engagierten Aktivismus. Das Maß von Unvernunft, das hieraus erwächst, unterminiert die Möglichkeiten für ein wirklich bedeutsames und wichtiges Handeln.“ Rationalität sei ein nötiges Werkzeug, wenn man wirklich etwas erreichen wolle.

Auch der britische Regisseur und Journalist Peter Pomerantsev sieht hinter der grundlegenden Untergrabung von objektiver Wahrheit durchaus auch praktische Interessen. „Putin und Trumps Hintertreibung einer möglichen Feststellung von Realität“, schreibt er, „ist taktisch klug. So entfernen sie den Ort, an dem man rational gegen sie argumentieren könnte.“ So verliere sich Kritik in einem Nebel des Nichtwissens. „Vielleicht ist Putins und Trumps postmodernistische Verachtung objektiver Tatsachen ein Teil ihres Reizes. Fakten sind unangenehme Dinge. Sie sagen dir, dass du sterben wirst, dass du vielleicht nicht gut aussehend, reich oder klug bist.“

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Sulaiman Wilms

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