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Die „Geopolitik des Impfstoffs“

China erzielt mit dem Export des Vakzins Einflussgewinne

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Foto: jcomp, Freepik.com

BERLIN/BEIJING(Eigener Bericht) – Trotz des deutsch-US-amerikanischen Durchbruchs bei der Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs sagen Experten im globalen Kampf gegen die Pandemie chinesische Einflussgewinne voraus. Während in Deutschland diskutiert wird, wie das Vakzin nun in der EU verteilt werden soll, hat China nicht nur erste Impfungen im eigenen Land durchgeführt, sondern auch angefangen, anderen Staaten Impfdosen zur Verfügung zu stellen; damit ist etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten bereits medizinisches Personal immunisiert worden.

Chinesische Impfstoffe sollen in Südostasien sowie in Afrika in Lizenz produziert werden, um in ausreichendem Maß vorhanden zu sein; zahlreiche Länder sollen privilegiert beliefert werden. Beobachter konstatieren, China könne sich damit „als verlässlicher Partner“ präsentieren und seine internationale Position stärken. Auch Russland hat mehreren Ländern eine bevorzugte Versorgung mit seinem Impfstoff in Aussicht gestellt. Unter Experten ist bereits von einer „Geopolitik des Impfstoffs“ die Rede.

Das erste Vakzin im Westen
Deutschland und die EU haben sich erste 200 Millionen Dosen des neuen Covid-19-Impfstoffs gesichert, den das Mainzer Biotechunternehmen BioNTech sowie der US-Pharmakonzern Pfizer gemeinsam entwickelt haben. Der Impfstoff dürfte in Kürze in den USA und in der EU zugelassen werden; damit wäre er nicht nur das erste Vakzin gegen Covid-19, sondern auch das erste auf der Basis sogenannter Boten-Nukleinsäuren (mRNA) wirkende Mittel, dessen Nutzung im großen Stil im Westen genehmigt wird. mRNA-Vakzine gelten als Zukunftswaffe gegen Epidemien sowie möglicherweise auch gegen Krebs.

Der BioNTech-Pfizer-Impfstoff bietet mutmaßlich einen 90-prozentigen Schutz. Neben der EU haben sich auch die USA (100 Millionen Dosen), Japan (120 Millionen) und Großbritannien (30 Millionen) Zugriff gesichert; Brüssel hält außerdem die Option auf weitere 100 Millionen. Die beiden Hersteller geben an, bis Jahresende 50 Millionen Dosen produzieren zu können; im kommenden Jahr sollen bis zu 1,3 Milliarden Dosen folgen. Da die EU ihre Dosen nach Bevölkerungsgröße an ihre Mitglieder vergeben wird, könnte Deutschland mit zunächst gut 37 Millionen, im Falle einer optional aufgestockten Gesamtmenge von 300 Millionen EU-Dosen mit 56 Millionen rechnen. Pro Person werden zwei Dosen benötigt. Wie lange die Impfung wirksam bleibt, ist noch nicht bekannt.

Erfolgreich geimpft
Mit dem Impfstoff holt der Westen in der globalen Konkurrenz auf. In Russland hatte das Gamaleya-Institut bereits im August einen Impfstoff registrieren lassen, dabei freilich auf die als obligatorisch geltende dritte Testphase verzichtet – ein Vorgehen, das weithin als riskant eingestuft wird, wenngleich das Gamaleya-Institut bereits seit den 1980er Jahren an Adenoviren forscht, also als sehr erfahren gelten kann und einen international anerkannten Ebola-Impfstoff entwickelt hat.

In China sind im Oktober die ersten Impfungen vorgenommen worden, auch wenn die dritte Testphase bei den dortigen Herstellern gleichfalls noch andauerte; geimpft wurden, da die Pandemie in der Volksrepublik praktisch besiegt ist, vor allem Chinesen, die aus beruflichen Gründen ins Ausland reisten.

Sinopharm, einer der Impfstoffproduzenten, berichtet nun, unter den rund 56.000 Chinesen, die nach der Impfung in andere Länder aufgebrochen seien, seien weder Nebenwirkungen noch Ansteckungen verzeichnet worden. Als ein Beispiel nannte der Konzern das Huawei-Büro in Mexiko, von dessen 99 Mitarbeitern 81 geimpft worden und gesund geblieben seien, während zehn nicht geimpfte Angestellte sich inzwischen infiziert hätten. Mexiko zählt zu den Ländern, die besonders schwer von der Pandemie betroffen sind.

Fast alles aufgekauft
Mit Blick auf die globale Konkurrenz um die Herstellung und die Verteilung der Vakzine sprechen Beobachter längst von einer „Geopolitik des Impfstoffs“. Dabei geht es zum einen um das Prestige, das gewinnen kann, wer als erster das begehrte Mittel herstellt. So urteilte beispielsweise die Londoner Financial Times im August, die abschätzigen Äußerungen im Westen über die rasche, nicht risikolose Registrierung des Impfstoffs in Russland noch vor der dritten Testphase wurzelten womöglich „mehr in der Geopolitik als in der Wissenschaft“.

Zum anderen geht es um die künftige globale Verteilung der Vakzine. Sie kann keineswegs als gesichert gelten. So rief noch vor kurzem die US-Zeitschrift Foreign Affairs in Erinnerung, als im Jahr 2009 die „Schweinegrippe“ gewütet habe, sei es zwar gelungen, in lediglich sieben Monaten einen Impfstoff herzustellen; doch hätten dann reiche Länder fast die gesamten Bestände aufgekauft.[7] Erst nach Intervention der WHO hätten sich einige Staaten bereitgefunden, zehn Prozent ihrer Vakzine mit ärmeren Ländern zu teilen. Weil eine ähnliche Entwicklung auch diesmal nicht ausgeschlossen schien, startete die WHO ihre „Covax“-Initiative, die eine globale Verteilung eines künftigen Impfstoffs plant. Freilich beteiligen sich nicht alle Länder an ihr; insbesondere die USA bleiben ihr fern.

Feste Lieferzusagen
Russland und China, das zugleich an Covax teilnimmt, haben ihrerseits begonnen, andere Länder mit dem Impfstoff zu unterstützen. Bereits im September wurde berichtet, Moskau habe dazu erste Absichtserklärungen mit mehr als zehn Ländern Asiens, Südamerikas sowie des Mittleren Ostens getroffen. Ägypten beispielsweise wird von Russland 25 Millionen Dosen erhalten; selbst das EU-Mitglied Ungarn hat mittlerweile explizit Interesse bekundet.

China wiederum befindet sich in der günstigen Lage, nach dem Sieg über die Pandemie im eigenen Land zur Zeit nicht akut auf Impfungen angewiesen zu sein; es kann seine Impfstoffe daher in größerem Umfang exportieren. Feste Lieferzusagen haben unter anderem die Länder erhalten, in denen chinesische Konzerne die Vakzine testen, was in China mangels Ansteckungsgefahr faktisch nicht möglich ist; so werden beispielsweise Indonesien und Brasilien beliefert, etwa der brasilianische Bundesstaat São Paulo, der 46 Millionen Dosen erhalten soll. Die Vereinigten Arabischen Emirate, in denen ebenfalls ein chinesisches Vakzin getestet wurde, haben bereits im Oktober ein Notprogramm realisiert, bei dem unter anderem medizinisches Personal, Lehrer und Flughafenangestellte geimpft wurden.

Verlässlicher Partner
Darüber hinaus bietet Beijing diversen Ländern Südostasiens und Afrikas privilegierten Zugang zu seinen Impfstoffen an. Indonesien, das Tests für Sinovac durchführt, wird das Vakzin im eigenen Land produzieren dürfen. Eine ähnliche Vereinbarung erstreben die Philippinen. Prioritären Zugriff hat die Volksrepublik Malaysia, Vietnam, Laos, Kambodscha, Thailand und Myanmar versprochen. Dazu hieß es vergangene Woche auf dem auf die Asien-Pazifik-Region spezialisierten Portal „The Diplomat“, China nutze die Chance, sich den Staaten Südostasiens „als verlässlicher Partner“ zu präsentieren, dies in einer Zeit, in der der Westen alles daran setze, sie gegen Beijing in Stellung zu bringen.

Ähnlich verhält es sich auf dem afrikanischen Kontinent. Dort hat die Jack Ma Foundation in enger Kooperation mit Ethiopian Airlines, einer der größten Fluggesellschaften des Kontinents, bereits erhebliche Mengen an Schutzausrüstung für den Kampf gegen die Covid-19-Pandemie geliefert; der chinesische Biotechkonzern BGI hat in einem Außenbezirk von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba eine Fabrik zur Herstellung von Covid-19-Testskits errichtet.

Beijing hat darüber hinaus Unterstützung bei der Belieferung mit Impfstoffen zugesagt – während, wie die Zeitschrift „The Africa Report“ konstatierte, die USA sowie die Staaten Europas „auffallend still“ geblieben seien. Gelinge die Impfung, dann stehe Beijing vor „einem enormen diplomatischen Sieg auf dem Kontinent“ – dies in einer Zeit, in der Berlin und die EU sich vergeblich bemühen, ihren schwindenden Einfluss in Afrika wieder zu intensivieren.

Gewinner: China
Bereits Ende Oktober konstatierte ein Experte des US-amerikanischen Council on Foreign Relations (CFR), China werde letztlich „der Gewinner“ bei dem Versuch sein, „seinen Einfluss im globalen Rennen um Impfstoffe zu vergrößern“. Die Entwicklung in Südostasien und auf dem afrikanischen Kontinent gibt der Einschätzung recht – ebenso wie die Fokussierung der EU in Sachen Impfstoff auf sich selbst.

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