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Die Gestalt des Islam

Die Lebenswirklichkeit der Muslime, ihr Ursprung und ihre Zukunft

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Foto: gio.tto, Shutterstock

(iz). Der Begriff der „Gestalt“ ist nicht nur mehrdeutig, er regt auch durch die Jahrhunderte immer wieder zum Nachdenken an und ist Teil einer typisch deutschen Diskurstradition. In vielen Sprachen gibt es das Wort Gestalt nicht und wird daher – zum Beispiel im Englischen – einfach übernommen. In englischen Wör­­ter­büchern wird eine ganze Reihe von Übersetzungsversionen angeboten: form, build, character, coherent perception, ­figure, frame, guise, likeness, shape, stature und natürlich noch das deutsche Wort Gestalt selbst. Um sich also diesem Wort anzunähern bedarf es diversen Interpretationen, die je nach Blickwinkel zudem unterschiedlich ­ausfallen. Eine Gestalt kann man unter anderem als äußeres Objekt wahrnehmen, man kann sie als Subjekt sehen, und man kann sie, innerhalb einer ­psychischen Struktur, als Erfahrung in sich haben.

„Die Gestalt umfasst mehr als seine sie bildenden Teile“, könnte man den Begriff zunächst ganz allgemein erklären. So ist eine Melodie offensichtlich etwas anderes als die Summe der Töne, aus der sie besteht. Nehmen wir zum Beispiel unseren eigenen Körper: er besteht aus verschiedenen Teilen, unseren Gliedmaßen, unseren Organen und unseren Sinnesorganen. Alle diese Teile sind Teil unseres Körpers, die Gestalt des Menschen und unsere Leibhaftigkeit ist ­damit aber noch nicht umfassend ­beschrieben. Zur ganzen Gestalt des Menschen gehört auch sein Glauben oder Unglauben, seine Moral oder Ethik und seine ihn prägende Ideenwelt. Die Gestalt des Menschen, wenn man diese nicht nur rein materiell definiert, setzt sich so aus seinen körperlichen Merkmalen, seinen Seelen- und Geisteskräften, seinen schöpferischen und triebhaften Elementen, seinem Tun und seinem Handeln zusammen.

Muslime würden diesen Begriff ihrer menschlichen Gestalt noch genauer fassen, zum Beispiel ihre Bezogenheit zum Schöpfer hinzufügen, ihre Nachahmung der Propheten erwähnen und ihre Lebenspraxis an sich mit den fünf Säulen des Islam verknüpfen. Das Mensch- und Muslimsein ergibt so erst seine typische Gestalt. Von jeher gab es große philo­sophische Debatten über die Prozesse, die die Gestalt des Menschen, aber auch die Gestalten an sich hervorbringen. In der Kunst wird der Mensch zum Gestalter, je nach seiner Philosophie oder ­seinen Glaubensvorstellungen aber auch von zeitlosen Gestalten geprägt oder ­ergriffen.

Friedrich Schiller beschäftigte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert mit dem  Gestaltbegriff, die er in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des ­Menschen reflektiert. Für Schiller bildet das Wechselspiel von Leibhaftigkeit und Intention die wesentliche  Verbindung: „Ein Marmorblock, obgleich er leblos ist und bleibt, kann darum nichts desto weniger lebende Gestalt durch den ­Architekt und Bildhauer werden; ein Mensch, wiewohl er lebt und Gestalt hat, ist darum noch lange keine lebende Gestalt. Dazu gehört, daß seine Gestalt Leben und sein Leben Gestalt sei. So lange wir über seine Gestalt bloß ­denken, ist sie leblos, bloße Abstraktion; so lange wir sein Leben bloß fühlen, ist es gestaltlos, bloße Impression.“

In seiner Schrift „Von deutscher Baukunst“ von 1772 benutzte Goethe den Gestaltbegriff, um die Erbauung des Straßburger Münsters durch Erwin von Steinbach bewundernd zu idealisieren. Der Dichter war fasziniert, dass auf jeder Ebene und in jedem Blickwinkel auf das Gebäude immer auch die Gestalt des Ganzen durchdringt. Sprachlich verbindet Goethe das Organische der Natur mit dem überirdisch Sakralen, welche durch die mit göttlicher Inspiration ­geführte Hand des Gestalters entsteht: „Steinbach ist der erste, aus dessen Seele die Teile, in ein ewiges Ganzes zusammengewachsen, hervortreten (…) der zuerst die zerstreuten Elemente in ein lebendiges Ganzes zusammenschuf.“ ­Immer wieder ist Goethe an das monumentale Gebäude zurückgekehrt, um dort, wie er sagt, die himmlisch-irdische Freude zu genießen und „in jedem Lichte des Tags zu schauen seine Würde und Herrlichkeit.“

Zeitlebens versuchte Goethe, nicht ­zuletzt als Naturwissenschaftler, die ­­­Ur-Phänomene und Ur- Gestalten zu ­finden, die das komplizierte Geschehen der Bildung von Gestalten zu erklären vermag. Für Goethe verbinden sich der Betrachter, die Ästhetik, die Natur und die Geschichte im Begriff der Gestalt.

Sein „morphologischer Blick“ impliziert dabei das Vergegenwärtigen der ­Genese der Gestalten. Für Goethe ist der Mensch nicht nur ein unbeteiligter Beobachter, sondern selbst Teil der Schöpfung. Den Bauplan dazu trägt – nach der Auffassung Goethes – der Schauende in seinem eigenen Leib. Die Erfahrung von innen und außen manifestiert sich in den berühmten Zeilen Goethes: „Wär‘ nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken?“ Der Dichter erklärt das Phänomen weiter: „Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen thierischen Hülfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seines ­Gleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte für’s Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete.“ Das Licht, ohne das Nichts entstehen kann, ist für Goethe in diesem Kontext eine Metapher für die Strahl- und Schöpferkraft des Göttlichen.

Auch die Geschichte des Islam ist ohne genaue Kenntnisse über sein Ursprünge nicht zu verstehen. Blickt man dabei auf das Ur-Phänomen der ersten islamischen Gemeinschaft zurück, erscheint zunächst die Gestalt des Propheten, Friede sei mit ihm. Er empfängt mit dem Koran eine Botschaft der höchsten Wirklichkeit und vermittelt sie an seine Gefährten. Die Gestalt des Islam erklärt der Prophet in einem berühmten Hadith aus dem Dreiklang von Islam, Iman, Ihsan. Die Lebenspraxis umfasst so rechtliche, politische, soziale, religiöse und spirituelle Elemente. Nimmt man aber eines der Teile heraus oder missachtet man den Gesamtzusammenhang, verändert sich die Gestalt des Islam und damit die Gestalt des Muslim. Der Qur’an weist deswegen den Menschen ausdrücklich an, den Islam ganz und nicht etwa nur in Teilen zu praktizieren. Die Offenbarung hat so eine umfassende gestaltbildende Kraft und wirkt auf das Zusammenleben der Menschen in Madina ein.

Die erste Stadt der Muslime, Madina, wird durch wichtige Institutionen geprägt, die das muslimische Gemeinschaftsleben entscheidend ausmachen werden: Moschee, Markt und Stiftungen. Sie prägen und verknüpfen die geistigen und materiellen Bedürfnisse der Muslime. Dieser ursprüngliche Bedeutungszusammenhang des islamischen ­Lebens droht bis heute immer wieder auseinander zu fallen. Die Folge sind die bekannten Mutationen der islamischen Praxis; sie zeigen sich in Muslimen die nur noch reine Theologie betreiben, zu Esoterikern werden oder eine fanatische und gnadenlose Gesetzesreligion pre­digen. Jeder dieser Extremfälle beruht letztlich auf einem Missverständnis der fundamentalen Einheit von Islam, Iman und Ihsan.

Auch für Nichtmuslime ist gerade heute die eigentliche Gestalt des Muslims und des Islam nur noch schwer zu fassen, gerade dann, wenn der Muslim nur noch seinen Namen trägt oder aber als moderner Typus, zum Beispiel als Terrorist, Ideologe oder Parteigänger erscheint. In den modernen Medien ist die umfassende Lebensgestalt des Muslims, mit seinen sichtbaren und unsichtbaren Elementen, schwer vermittelbar, immer häufiger prägt das Bild nur noch bestimmte muslimische Typen, die als Einzelfälle oder Extreme die komplexe Lebenswirklichkeit der Muslime nicht verkörpern können. Zudem sind die sichtbaren Zeichen muslimischen Zusammenlebens, die Moscheen, gerade in unseren modernen Städten auf ihre sakrale Bedeutung reduziert. Als Ort des öffentlichen muslimischen Lebens ist hier nur ein Teil der religiösen, sozialen und ökonomischen Praxis der Muslime möglich.

Natürlich müssen sich auch Muslime, ob sie wollen oder nicht, mit den Veränderungen der Zeit auseinandersetzen. Ein weiterer Aspekt des Gestaltbegriffs zeigt sich hier, wenn wir ihn als Begriff der Metaphysik denken. Ernst Jünger sah zu Beginn des 20. Jahrhunderts – unter dem Eindruck des Kommunismus und Nationalsozialismus – in der Gestalt des Arbeiters ein neues, epochemachendes Phänomen. Der Arbeiter wird politisch zunächst von Ideologien geprägt und nutzt die neuen Techniken der ­Moderne. Jünger sieht dabei im Phänomen des Arbeiters einen Ausdruck einer elementaren und zeitlosen Macht. Diese bricht in die bürgerliche Welt ein und überformt sie, wie Jünger befürchtet, bis zu deren endgültigen Verschwinden. Auch wenn Jüngers Prognose des Unter­gangs des Bürgerlichen, wie wir heute wissen, nicht eingetroffen ist, wird die Arbeit und damit die moderne Arbeitswelt zum eigentlichen, bestimmenden Lebensinhalt von Millionen von Menschen. Nach dem Krieg kommt schließlich auch ein neuer Typus des Muslims nach Westeuropa: der Gastarbeiter.

Die Produktionsanlagen, die Infrastruktur und die Gestalt moderner Städte gleicht sich weltweit immer stärker an. Die moderne Technik ist es, nicht etwa die Kultur oder die Religion, die die Gestalt des Lebensraumes, die Städte und das Leben des Menschen immer stärker bestimmt. Als Arbeiter, Konsumenten und User bewegen sich auch Muslime mit großer Selbstverständlichkeit in den virtuellen und realen Bezügen der Globalisierung. In dieser neuen Welt stellt sich die Frage, wie und ob die umfassende Gestalt des islamischen Lebens überhaupt bewahrt werden kann. Im Rahmen der Religionsfreiheit suchen Muslime nach ihrem Ort in der Öffentlichkeit und nach neuen Ausdrucks- und Gestaltmöglichkeiten für den ursprünglich ganzheitlichen Impuls des islami­schen Lebens.

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Abu Bakr Rieger

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