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Die großen Muslime des Westens

Was in kontrafaktischen Zeiten untergeht: Bei genauer historischer Betrachtung sind die oft beschworenen Gegensätze gar keine. Von Muhammad Mojlum Khan

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Foto: Tharik Hussein

Das Studium der Geschichte kann auf die Anfänge der Menschheit zurückgeführt werden. Letztendlich ist sie die Beschäftigung mit den Handlungen, Taten, Untaten und Bemühungen des Menschen, seit er seine Reise auf der Erde begann. Deshalb hat sie sich seit Anbeginn der Zeit mit dem Wissen von der Vergangenheit beschäftigt. Und vielleicht war es der Versuch herauszufinden, ob wir und unsere individuellen Taten – gut oder schlecht – über unseren Tod hinaus Bestand haben werden.

Gleichermaßen ist es wahr, dass ein Geschichtsstudium fundiertes Wissen und eine breitgefächerte Auswahl an Themen und Disziplinen wie Sprachkenntnisse nötig macht. Das erklärt, warum viele der weltgrößten Philosophen, Denker und Autoren auch bekannte Geschichtswissenschaftler waren. Denn die jeweils gegenwärtige Lage kann nur richtig verstanden und eingeschätzt werden, wenn sie im Lichte der Vergangenheit entdeckt und untersucht wird.

Aber was ist Geschichte? In seiner­ ­klassischen Abhandlung „What is History?“ (1961) schrieb der britische Historiker Edward H. Carr (1892-1982): „Geschichte besteht aus einer Sammlung von bestätigten Fakten. Die Tatsachen werden dem Historiker in Dokumenten, Inschriften usw. zugänglich gemacht wie der Fisch auf der Platte des Fischhändlers. Der Historiker sammelt sie, nimmt sie mit nach Hause, kocht sie und serviert sie in einem Stil, der ihm zusagt.“ Das wirft eine andere Frage auf: Wer entscheidet, was „Tatsche“ und was „Fiktion“ ist? Carr argumentiert seinerseits, dass „Tatsachen nicht, wie manche behaupten, für sich selbst sprechen. Oder, wenn sie es tun, dass es der Historiker ist, der entscheidet, welche Fakten sprechen sollen – er kann nicht allen eine Stimme einräumen.“

Warum? Einfach deshalb, weil es so etwas wie reine Objektivität in der Studie und Entdeckung der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft nicht gibt. Mit anderen Worten, die Erfahrungen, der Hintergrund, Bildung, Ansatz und persönliche Vorurteile des Historikers spielen oft eine weitaus größere Rolle in der Formulierung von Standpunkten, als allgemein angenommen wird. Aus diesem Grund braucht es neben einem profunden Wissen von der „Vergangenheit“ ein Bewusstsein und Verständnis des Selbst und seines Ortes in Beziehung zum Ganzen. Das ist wesentlich für die Entwicklung einer abgerundeten Sicht der Geschichte und ihrer Bedeutung für Gegenwart und Zukunft. Der Philosoph und Historiker Robin G. Collingwood (1889-1949) schrieb in „The Idea of History“ (1946), dass „sich selbst zu kennen bedeutet, zu wissen, was man tun kann. Und da niemand weiß, was er tun kann, bis er es versucht, ist der einzige Hinweis darauf, was der Mensch tun kann, zu wissen, was er getan hat“.

Der russisch-britische intellektuelle Geschichtsdenker Sir Isaiah Berlin (1909-1997) war der Ansicht, dass Menschen die einzigartige Fähigkeit für moralische Entscheidungen besäßen. Dies erlaube es ihnen, eine gewisse Unabhängigkeit von gesichtslosen Kräften zu behalten. Edward E. Carr war hier anderer Ansicht: „Während geschichtliche ­Ereignisse natürlich vom individuellen Willen, ob von großen Männern oder normalen Leuten, in Gang gesetzt ­wurden, muss der Historiker über den einzelnen Willen hinausgehen. Und die Gründe untersuchen, welche den Willen der Individuen prägten und sie so ­handeln ließen, wie sie es der Fall war. Und die Faktoren oder Kräfte studieren, welche das Verhalten der Einzelnen ­verdeutlichen.“

In seiner Bewegung weg von der individuellen Handlung hin zum kollektiven Verhalten erklärte der gefeierte Historiker ‘Abdarrahman ibn Khaldun (1332-1406) in seinem Pionierwerk „Einführung in die Geschichte (arab. ‘Muqadimmat fi’t-Tarikh’)“, dass Kulturen und Zivilisationen aufsteigen und absinken. Das beruht auf einer Anzahl an Faktoren einschließlich der politischen, wirtschaftlichen, sozialen, spirituellen und moralischen Bedingungen der Gesellschaft. Seine zyklische Theorie der Geschichte inspirierte später Sir Arnold Joseph Toynbee (1889-1975) zu seinem Argument, dass Kulturen nicht in einem Vakuum entstünden. Eine Kultur wachse und erblühe erst, nachdem sie in Kontakt mit einer anderen, verfallenden und verloschenen getreten sei. Das wiederum führe zu einem neuen Impuls oder einer Wiedergeburt.

Der gefeierte amerikanische Historiker Marshall G.S. Hodgson (1922-1968) wandte in „The Venture of Islam“ einen ähnlichen Ansatz auf die islamische Kultur und muslimische Zivilisationen an. Anstatt Islam als essenziell nahöstliches Phänomen zu projizieren, ordnete er ihn in seinem globalen Kontext ein. In seiner (1993 posthum veröffentlichten) Aufsatzsammlung „Rethinking World History: Essay on Europe, Islam and World History“ ging Hodgson einen Schritt weiter. Er forderte sowohl Eurozentriker als auch Multikulturalisten heraus, ihre Ansichten zur westlichen Geschichte im globalen Kontext zu überdenken. Das bloße Nachverfolgen der westlichen Kultur von den antiken Griechen zur Renaissance – ohne Bezug auf andere globale Kulturen und Geschichten – sei nichts Geringeres als eine „optische Täuschung“ gewesen.

Zur Entwicklung des Denkens und der Kultur des Westens sagte der Historiker Philip K. Hitti (1886-1978), dass ­„Spanien und Sizilien als Brücke dienten, über die arabische Kulturelemente nach Europa gelangten, um seine Kulturen zu beleben und aus dem sogenannten finsteren Mittelalter zu erwecken. Von allen Brücken war die spanische natürlich die breiteste, geschäftigste und dauerhafteste. Syrien war in Zeiten der Kreuzfahrer die dritte.“

Die verschiedenen Theorien und Ansichten zur Geschichte stellen eine Reihe wichtiger Fragen. Namentlich, wie definieren wir „Europa“ oder „Westen“? Und was ist „Islam“? Wenn das „Christentum“ trotz seiner nahöstlichen Ursprünge als westlicher Glaube gilt, warum gilt Islam dann als feindlicher Eindringling in die westliche Erdhalbkugel?

Europa ist der sechstgrößte Kontinent. Er liegt in der nördlichen Hemisphäre. Er grenzt im Norden an das Nordmeer, den Atlantik im Westen und das Mittelmeer im Süden. Hier leben rund 750 Millionen Menschen. Nach Ansicht des Geschichtswissenschaftlers Norman Davies ist die „Idee von Europa“ eine relativ junge. In seinem vielgepriesenen Buch „Europe: A History“ (1996) argumentiert er, dass „Europa“ über einen Zeitraum von 400 Jahren das mittelalterliche Konzept des westlichen Christentums abgelöst habe. Während der Aufklärung brachte die Suche nach einer säkularen (im Gegensatz zur religiösen) Bezeichnung für diesen Teil der Welt das Konzept von Europa hervor.

Selbst überzeugt eurozentristische Wissenschaftler wie John Morris Roberts müssen einräumen, dass „wir uns nicht einmal so einfach darauf einigen, wer die Europäer sind. Oder (wenn wir glauben, diese Frage beantworten zu können) was es ist, das sie gemeinsam haben. Die Antwort muss immer etwas anderes für eine andere Zeit sein. Und solche Fragen verlangen nach historischen Antworten. Geschichte bestimmte viel von der Art und Weise, auf der sich viele Europäer sehen (auch wenn ihnen das nicht bewusst ist). Und es lohnt sich, zu versuchen, was es war, dass bei vielen zu einer geteilten Erfahrung führte.“

Das allgemeine Verständnis des Wortes „Westen“ (lat. occidens, arab. gharb) ­bezieht sich auf die heutigen Gebiete von Nordamerika und Westeuropa. Von einer kulturellen und soziologischen Perspektive her ist der Begriff „westlich“ als die Kulturen definiert, die sich aus Europa, insbesondere Westeuropa, ableiteten oder von ihm beeinflusst wurden. Daher enden die Termini „Westen“ oder „westlich“ bei nichts; es sei denn, eher vagen Definitionen für Nordamerika oder Westeuropa. Sie schließen Osteuropa, den Balkan, die Krim und Russland aus.

Nach Ansicht von Norman Davies sind die hochselektiven und idealisierten Schilderungen vom Denken und der Geschichte des Westens nichts weniger als Verfälschungen der Vergangenheit. Denn „sie extrahieren alles, das als genial oder beeindruckend bewertet werden könnte, und filtern alles Profane oder Abstoßende heraus. Schlimm genug, dass sie dem Westen alle guten Dinge zuschreiben und den Osten herabwürdigen. Aber sie liefern noch nicht einmal eine exakte Darstellung des Westens. Beurteilt man von der Warte der Lehrbücher aus, könnte man den deutlichen Eindruck gewinnen, dass jeder im Westen ein Genie, ein Philosoph, ein Pionier, ein Demokrat oder ein Heiliger war. Dass es eine Welt war, die ausschließlich von Platons und Marie Curies bevölkert wurde. Solch Heiligenlegenden sind nicht länger glaubwürdig. Das aufgeblasene Gerede von der westlichen Kultur droht, das europäische Erbe, zu dessen Vorteil viel gesagt werden könnte, zu beschädigen.“

Es ist nicht überraschend, dass der ­große französische Historiker Fernand Braudel (1902-1985) in seinem Buch „A History of Civilisations“ (1993) schrieb, dass Kulturen und Zivilisationen im wesentlichen Produkte eines interkulturellen Austausches sind. Dieser findet durch einen permanenten Prozess des Lernens, der Übernahme, der Assimilierung und Übertragung über Zeit und Raum hinweg statt. Das heißt, die Geschichte der Kulturen ist seiner Meinung nach die Geschichte unserer gemeinsamen kollektiven Menschlichkeit.

Aus dem oben Gesagten wird deutlich, dass eine präzise oder allgemeingültige Definition „Europas“ oder des „Westens“ nicht leicht ist. Wegen einer Kombination politischer, wirtschaftlicher, kultureller, geografischer und religiöser Gründe ist es weniger einfach, einen „Europäer“ oder „Westler“ zu beschreiben. Zum Zwecke dieses Themas jedoch beinhaltet der Bereich sowohl West- als auch Osteuropa inklusive des Balkans, Russlands, Tatarstans, der Krim sowie Nordamerika.

Eine andere wichtige Frage, die wir behandeln müssen: Wie passen „Islam“ und „Muslime“ in solch eine komplexe und umstrittene „europäische“ oder „westliche“ Matrix aus Geschichte und Kultur? Islam, oder die Unterwerfung unter den göttlichen Willen, wurde laut Qur’an von allen Propheten und Gesandten ­Allahs gelehrt. Von Adam über die biblischen Propheten bis zu Jesus (arab. ‘Isa). Diese Botschaft wurde mit der Sendung des Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm, im Arabien des 7. Jahrhunderts vollendet. Zum letzten Mal in der Geschichte lud er die Menschheit zur Anbetung des Einen Gottes ein. Die folgende Entstehung und Ausbreitung des ­Islam war nicht nur plötzlich und unerwartet, sondern wahrhaft neu in der ­Geschichte.

Die Ankunft der frühen Muslime auf dem europäischen Festland (zuvor gab es Bewegungen in Richtung Konstantinopel, Zypern und Sizilien) führte zu einer Periode voll bemerkenswerter politischer und kultureller Transformationen. In den Nachwehen des Niedergangs des weströmischen Reiches veränderten sie die Beziehungen zwischen europäischen Gesellschaften und der wachsenden muslimischen Welt. Diese Begegnung hatte eine transformierende Wirkung auf den Westen, aber auch auf die muslimische Welt. Ohne klare Vorläufer für eine islamische Regierung mit Ausnahme des Beispiels der frühen rechtgeleiteten Kalifen (arab. al-khulafa ar-raschidin) übten muslimische Herrscher und Gouverneure dieser Zeit ihre politische und militärische Autorität über weite Gebiete aus. Dort lebten Menschen aus verschiedenen Kulturen, Religionen und ethnischen Ursprüngen. Das zwang sie oft, neue Lösungen für entstehende Probleme zu finden. Möglich gemacht wurde dies durch eine Kombination aus Erneuerung, Übernahme und Assimilation von Politik und Praktiken. Diese stammten nicht ausschließlich aus islamischen Quellen, sondern auch von byzantinischen, griechischen und persischen Methoden in Diplomatie, Regierung und Verwaltung.

Mit anderen Worten, die Beziehungen zwischen Islam und dem westlichen Christentum ausschließlich in Begriffen von Konflikt und Konfrontation definieren zu wollen, liefert nur eine teilweise und unvollkommene Beschreibung von mehr als 14 Jahrhunderten ihrer interkulturellen Begegnung und Geschichte. Die Tatsache, dass die Wechselwirkung der beiden Politik, Konflikt und räumliche Grenzen überschritt, wird deutlich anhand der Anwesenheit von Muslimen im Lucera des 13. Jahrhunderts. In dieser italienischen Kolonie lebten rund 20.000 Muslime in relativem Frieden und Harmonie unter einem christlichen Monarchen. Sie arbeiteten als Bauern, Handwerker, Schneider und Ärzte. Zusätzlich wurden viele als Notare und Offiziere ernannt. „Das historische Lucera ist von geschichtlicher Bedeutung“, schrieb Julie Anne Taylor, „wegen seiner eigentlichen Existenz“.

Laut dem Historiker Richard W. Bulliet kennzeichneten Beziehungen zwischen Islam und westlichem Christentum „eine anhaltende und schicksalhafte Verflechtung von verschwisterten Gesellschaften, die Souveränität über benachbarte geographische Regionen ausübten und parallelen historischen Flugbahnen folgten. Weder der historische Pfad der Muslime noch jener der Christen können ohne Beziehung zum anderen voll verstanden werden“.

Ich würde noch weitergehen und argumentieren, dass Islam und Christentum in historischer Hinsicht nicht nur benachbarte Kulturen waren, sondern sich aktiv am politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, intellektuellen und literarischen Austausch beteiligten. In dem Vorgang borgten, teilten und tauschten sie Dienstleistungen, Güter und sogar Menschen aus. Das wird eindeutig ersichtlich in den Biografien führender Persönlichkeiten die, obwohl sie Muslime oder Christen waren, ethnisch, kulturell und sprachlich Westler waren.

Jenseits von Spanien und Sizilien lebte von 1000-1400 eine große muslimische Gemeinschaft im mittelalterlichen Ungarn. Ein Fakt, der seltsamerweise heute kaum bekannt ist. Es gibt in Osteuropa und auf dem Balkan eine mehr als tausendjährige muslimische Anwesenheit. Sie verdient weit mehr Aufmerksamkeit von muslimischen wie nichtmuslimischen Historikern und Forschern. Und im 16. Jahrhundert befanden sich die Beziehungen zwischen der muslimischen Welt und dem damals elisabethanischen England auf dem Höhepunkt.

Islam war immer eine westliche Religion und Kultur trotz der Tatsache, dass er wie das Christentum seinen Ursprung im Nahen Osten hatte. Daher ist sein Ausschluss von den jüdisch-christlichen Wurzeln der westlichen Kultur mit Sicherheit erstaunlich und unerklärbar. Die Akzeptanz des Christentums im ganzen Westen fand nur schrittweise statt und das Judentum war bis in die moderne Zeit hinein in ganz Europa ein verachteter Glaube. Währenddessen wurde der Islam ab dem frühen 8. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung schnell zu einem integralen Bestandteil der Landschaft unseres Kontinents. Und doch werden die jüdisch-christlichen Wurzeln der westlichen Kultur häufig unter Ausschluss des Islam angerufen. Historisch, geografisch und kulturell blieb mir dies immer unverständlich.

Es ist nicht einfach, aus den Hunderten, wenn nicht Tausenden von herausragenden und einflussreichen Frauen und Männern eine knappe Liste von Personen zu erstellen. Viele leisteten einen einzigartigen Beitrag zur Entwicklung des ­westlichen Islam. Diese Aufgabe, eine komprimierte Aufstellung zu liefern, führt zu einer weiteren Frage: Was ist westlicher Islam?

In seinem Kern besteht Islam aus einer Menge grundlegender Glaubensüberzeugungen, Prinzipien sowie einer korrelierenden Praxis. Sie sind zugleich ewig und zeitbedingt, lokal und universal, fest und flexibel. Diejenigen, die willig dieser ­Lebensweise folgen, werden Muslime genannt. Der Islam im Westen enthält die gleichen Elemente, aber hat seine eigene Geografie, Geschichte und Kultur. Geografisch ist er so weitverbreitet wie im Osten, wenn nicht sogar mehr.

Lesetipp: Muhammad Mojlum Khan, Great Muslims of the West. Makers of Western ­Islam, Kube Publishing, London 2017, broschiert, 502 Seiten, ISBN 978-1847741127, Preis: EUR 21,49 (Kindle: 17,99)

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