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Die HipHop-Gruppe “Die Bandbreite” möchte politisches Bewusstsein vermitteln

"Eine Botschaft ist heute selten geworden"

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(iz). Entgegen dem allgemeinen Trend in der Jugendkultur hält die Duisburger Rapgruppe „Die Bandbreite” mit ihren Texten politische und sozialkritische Inhalte hoch. Unabhängig davon, ob man mit ihren Inhalten in jedem Fall übereinstimmt oder nicht, so ist es doch anerkennenswert, dass junge Musiker in politisch brisanten Zeiten, bei gleichzeitig zunehmender inhaltlicher Banalität im Kultur- und Medienbereich, noch politisches und gesellschaftliches Interesse besitzen und fördern wollen.

Islamische Zeitung: Wojna, könntest du dich und die Band kurz vorstellen?

//2//Wojna: Ich persönlich habe 1992 angefangen, und 1998 kam Torben hinzu, der auch mein bester Freund ist. Seither haben wir zusammen Musik gemacht, aber immer in wechselnden Konstellationen, es kamen Bandmitglieder hinzu und gingen wieder. Der Bandname hat sich auch geändert. Zuerst war es „Wojna”, wie mein Künstlername, dann „Wojna und die Komplette Bandbreite”, dann nur noch „Die Komplette Bandbreite” und jetzt nur noch „Die Bandbreite”. In der jetzigen Konstellation sind wir seit 2005 zusammen. Innerhalb der Band sind Torben und ich für die Musik zuständig. Die Musik wird bei uns komplett am Rechner gemacht. Ab und zu haben wir auch Gastmusiker dabei, zum Beispiel einen Schlagzeuger für Live-Auftritte. Torben ist auch DJ, und ich bin allein verantwortlich für die Texte, den Rap und Gesang.

Islamische Zeitung: Auf dem neuen Album „Hexenjagd” sind viele sehr politische Texte. Woher bekommt ihr die Inspiration dafür? Lest ihr viel?

//3//Wojna: Ich bin seit je her politisch interessiert. Schon als ich noch klein war, war ich mit meinem Vater immer auf den Ostermärschen. Bereits vor dem 11. September ist mir die US-Außenpolitik übel aufgestoßen. Direkt nach dem 11. September haben wir unsen ersten Song „Mr. Bush” gemacht, und das Thema hat uns nicht mehr losgelassen. Ich habe dann weiter recherchiert und nachgelesen, um mal zu sehen, was diese Außenpolitik überhaupt bedingt und dass das neoliberale Wirtschaftssystem dazu führt, dass die Armen auf der Welt immer ärmer werden und wenige immer reicher. Dadurch gerät man quasi zwangsläufig immer wieder an neue Themen, die sich daraus ergeben. Auch tagespolitisch eröffnen sich immer wieder neue Themen. Wir haben dann das Lied „Selbst gemacht” produziert, in dem wir die Frage stellen, ob der 11.9. selbst inszeniert war. Diese Erkenntnis hatten wir nicht von vornherein, sondern erst nach der Lektüre von Büchern und nachdem wir uns ein paar Dokumentationen dazu angesehen hatten. Da haben wir gemerkt, dass nicht alles so ist wie es scheint, dass die Medienlandschaft doch schon sehr stark gleichgeschaltet ist, dass man in fast allen Zeitungen und Fernsehsendern das gleiche sieht und ganz bestimmte Informationen, die aber substanziellen Charakter haben, überhaupt nicht diskutiert, sondern ins Reich der Fabel oder der Verschwörungstheorien verwiesen werden. Nachdem wir dieses Lied über den 11. September gemacht hatten, haben wir ganz krasse Diffamierungen von Seiten der so genannten Antideutschen erfahren, die anfingen, unsere Partner, Kunden und Veranstalter anzuschreiben und uns als „Antisemiten” und teilweise als „Nazis” zu diffamieren, mit der nicht gerade sehr nachvollziehbaren Logik, dass wer die USA angreift, die Schutzmacht Israels angreife und daher ein Antisemit sei. Daraufhin haben uns tatsächlich einige Partner weitere Auftritte versagt und wollten nicht mehr mit uns zusammenarbeiten, weil sie um ihren Ruf gefürchtet haben. Schließlich gelangte dieser Vorwurf Ende 2007 bis auf „Spiegel Online” und hat für starken Druck gegen uns gesorgt, zumal der „Spiegel”-Artikel ganz klar gegen uns Position bezogen hat. Das hat unseren Ruf beschädigt. Diese Diffamierungen gehen auch immer noch weiter. Das wir tatsächlich auch von einigen Nazis verlinkt worden sind, an diesem Applaus von der falschen Seite können wir eben leider nichts ändern. Wir haben dann aber auch Leute kennen gelernt, investigative Journalisten, die nicht den Mainstream nachplappern, sondern selbst recherchieren und eine kritische Berichterstattung pflegen, Leute wie Jürgen Elsässer und Gerhard Wisnewski zum Beispiel.

Islamische Zeitung: Gerade Themen wie der 11.9., der „Kampf gegen den Terror” oder der Islam als Feindbild scheinen euch besonders zu beschäftigen, wie im neuen Video „Unter falscher Flagge”…

//4//Wojna: „Unter falscher Flagge” ist für mich die Fortsetzung von „Selbst gemacht”. Letzteres beleuchtet nur den 11. September, der gewissermaßen nur die Spitze des Eisbergs ist. Nach weiterer Recherche ist uns aufgefallen, dass diese Attacken unter falscher Flagge eigentlich bereits seit Jahrhunderten ein probates Mittel sind, um Kriege zu legitimieren, oder heute um die Bevölkerung auf den Überwachungsstaat einzuschwören. Indem man solche Attentate zulässt oder fördert, indem man sagt, das waren fanatische Muslime, hält man sich die politische Option offen, bei diesem weltweiten Spiel um die geopolitisch besten Positionen, das ja von den USA angeführt wird, mitzumachen. Wenn man sich beispielsweise den vereitelten Anschlag im NRW-Express am Kölner Hauptbahnhof ansieht, wo noch ein Aufkleber mit libanesischer Speisestärke an der Bombe klebte, und es zeitgleich im Bundestag darum ging, dass während des Israel-Libanon-Kriegs Schiffe der Bundeswehr entsandt werden sollten, dann stellt man sich schon Fragen nach dem Zusammenhang. Laut Elsässer sind die Attentäter zwar wirklich überwiegend junge fanatisierte Islamisten, die aber selber gar nicht in der Lage wären, das zu tun, sondern die von westlichen Geheimdiensten und deren V-Leuten quasi gecoacht und so an der Nase herumgeführt werden. Aus meiner Sicht versucht der Staat, Angst zu machen, damit wir an dem weltweiten Spiel um Ressourcen mit teilnehmen können, indem uns gesagt wird, dass in Afghanistan Terroristen ausgebrütet werden, und deswegen müssten wir unsere Truppen dort hin schicken.

Islamische Zeitung: Angesichts eurer Ablehnung gegenüber einem Feindbild Islam, habt ihr persönliche Kontakte zu Muslimen, vielleicht gerade auch durch eure Musik und Texte?

//5//Wojna: Ja, von je her. Hier in Duisburg leben ja viele Türken, und wir haben selbstverständlich auch Kontakt zu Muslimen. Ich bin des weiteren auch noch in einer deutsch-iranischen Band, in der auch Muslime sind. Die Muslime, die mich umgeben, sind nicht geprägt von einem abgrundtiefen Amerika-Hass. Sie sind meistens von einem gesunden Menschenverstand geprägt, sie können differenzieren. Ein Hang zur Gewalttätigkeit oder so etwas wie Selbstmordattentate gutzuheißen, ist bei ihnen überhaupt nicht vorhanden. Deshalb glaube ich auch, dass unsere Mainstream-Medien dazu beitragen, das Bild der Muslime zu schmähen. Es kommt einem manchmal vor, als würde jeder Muslim so dargestellt, als sei er ein potenzieller Selbstmordattentäter. Ich leite auch Rap-Workshops, wo ich versuche, in Form von Rapstyles politische Bildung in Musik verpackt zu machen. Der zweite Schwerpunkt ist die Arbeit mit Migrantenkindern, die meistens Muslime sind, Libanesen oder Türken. Ich leugne nicht, dass es unter diesen teilweise eine fast schon faschistoide Attitüde gibt, auch eine sehr frauenverachtende Attitüde, manchmal auch Hass auf die westliche Welt. Nur glaube ich, dass dies überhaupt nichts mit ihrem Glauben zu tun hat, überhaupt nichts. Meines Erachtens entsteht dieser Hass nicht aus ihrem Glauben, denn wenn sie ihren Glauben wirklich kennen würden, dann würden sie nicht so reden und denken. Ich denke, das Problem gerade bei Muslimen mit Migrationshintergrund hier in Deutschland ist einfach die Tatsache, zwischen zwei Stühlen zu sitzen; von der eigenen Kultur nicht wirklich etwas mitzubekommen, aber auch nicht richtig integriert zu sein in die deutsche Kultur. Da ist eine ganz große Hilflosigkeit und Zerrissenheit. Ich erfahre auch immer wieder, dass diese Jugendlichen eigentlich nichts über ihren Glauben und nichts über ihr Herkunftsland wissen. Ich habe ja nicht viel übrig für den Innenminister, aber ich habe die von ihm einberufene Islamkonferenz sehr begrüßt, und auch die geplante Einführung eines Islamischen Religionsunterrichts an den Schulen. Ich halte das für absolut wichtig, da die jungen Muslime mit Migrationshintergrund in Deutschland viel zu wenig von ihrer Religion wissen.

Islamische Zeitung: Bist du auch noch anderweitig politisch oder ­sozial aktiv?

Wojna: Ich bin Mitglied der Sozialistischen Jugend Deutschlands, der Falken. Darüber hinaus bin ich Gewerkschaftsmitglied in der IG Metall. Und ich mache Arbeit mit Jugendlichen für die verschiedensten Verbände und Vereine. Am 21.03. werden wir in Bonn bei der Demonstration anlässlich des G20-Gipfels auftreten. Wir nehmen an zahlreichen Anti-Kriegs-Demos teil, auch an Demos gegen die Agenda 2010, und wir sind fast immer regelmäßig bei der Montagsdemo in Duisburg dabei.

Islamische Zeitung: Was für ein Publikum habt ihr? Erreicht man mit solchen Texten überhaupt die Jugend auf der Straße, oder ist es ein politisch interessiertes Publikum?

Wojna: Mittlerweile haben wir so ziemlich erkannt, wer unsere Zielgruppe ist. Es sind tatsächlich weniger Jugendliche. Die sind zwar auch dabei, weil wir doch recht jugendliche Musik machen. Wir sehen unsere Zielgruppe aber doch eher unter denjenigen, die auch Musik politischer Liedermacher hören. Wir begeistern eher ältere Leute, was sicher auch damit zu tun hat, dass die Texte genau die Themen ansprechen, die diesen Menschen auf dem Herzen liegen. Mit dem Alter kommt eine gewisse Reife und ein gewisses Interesse für politische Sachverhalte. Wobei ich nicht sagen will, dass die Jugend unpolitisch ist. Wir haben durchaus auch viel jugendliches Publikum, gerade in Duisburg. Unser eigentliches Publikum sind aber politisch interessierte Menschen von 25 aufwärts, würde ich sagen.

Islamische Zeitung: Inwieweit ist deiner Erfahrung nach die Jugend heute noch politisch interessiert?

Wojna: Es kommt darauf an, wo man sich befindet. Ich war im letzten Jahr auf der Winterschule der Falken in Oer-Erkenschwick, und dort waren nur politisch interessierte Jugendliche, was einem auch wieder einen Motivationsschub gibt, weil man sieht, es ist noch jemand da, der sich für die Themen interessiert, die unsere Gesellschaft bewegen oder bewegen sollten. Es ist natürlich immer auch ein subjektiver Eindruck; ich bewege mich ja auch in sehr politischen Kreisen. Die Themen, die wir ansprechen, sind offensichtlich so heiß, dass wir jeden Tag mehrere Emails bekommen, in denen Leute uns danken, dass wir diese Themen ansprechen, dass wir ihnen die Augen geöffnet hätten. Und man merkt, dass darunter auch Jugendliche sind. Ob die Jugend zur Zeit mehrheitlich politisch ist oder nicht – wir versuchen mit dem, was wir tun, so viele wie möglich dazu zu bewegen, ihren Kopf anzustrengen, Mainstream-Medien einfach mal links liegen zu lassen und sich seine eigenen Gedanken zu machen und seine eigenen Informationen zu suchen. Das ist unser Primärziel. Uns ist einfach nur wichtig, neue Leute zu erreichen.

Islamische Zeitung: Als deutscher HipHop Anfang der 90er Jahre aufkam, gab es viele Gruppen mit politischen und sozial­kritischen Texten. Man hat aber den Eindruck, dass eine Kommerzialisierung und inhaltliche Verflachung stattgefunden hat, bis hin zu Sachen wie Aggro Berlin oder Bushido. Wie siehst du diese ­Entwicklung?

Wojna: Das sehe ich genauso. Die Botschaft ist aus dem modernen HipHop verschwunden, obwohl der Anspruch der HipHopper früher einmal genau der gewesen ist, dass HipHop eine Botschaft, eine Message vermitteln soll. „The Message” von Grandmaster Flash ist ja gewissermaßen der Ur-Song, der diese Aussage trifft. Ich denke, der Grund dafür ist, dass in Deutschland etwas nicht stimmt, und zwar mit unserem Lebensstil. Materialismus und Individualismus; es brechen immer mehr Familien auseinander und man kümmert sich immer mehr um Selbstverwirklichung und weniger um seine Kinder. Und das merkt man. Die Jugend schreit nach den Themen, die Aggro Berlin aussprechen, nämlich grenzenloser Hedonismus. Und wer so hedonistisch ist, dass er jedes Wochenende in die Clubs geht, um sich irgendwelche bunten Tabletten reinzuschmeißen, die seine Laune gut machen, und diese erzwungene Spaßgesellschaft zum Pflichtprogramm wird, weil man keinen anderen Sinn mehr im Leben sieht und man seine Schmerzen und Traumata der Vergangenheit irgendwie wegdrücken möchte, dann hört man sich auch keine Lieder an, wo es darum geht, anderen zu helfen. Man entwickelt kein Bewusstsein für seine Umwelt oder für die Probleme, wenn man selbst mit dem Hals in Problemen steckt, weil man sich nicht geliebt fühlt, sich nicht aufgehoben fühlt, keine Zukunftsperspektive hat, weil niemand da ist, der einem sagen kann wie es weitergeht. Da sind Themen, die diese Rapper ansprechen, auch der extreme Sexismus, eben angesagt. Ich habe selbst erlebt, dass Rapper, die solche extrem sexistischen Texte haben, in Wirklichkeit einen total weichen Kern haben und geliebt werden wollen, dass die eigentlich total soft sind. Und diese ganze sexistische Macho-Attitüde ist nichts anderes als ein Wunschtraum, der niemals realisiert werden kann. Und wenn man als Jugendlicher dazu noch den Fernseher hat, der einem als einzige Lebensmaxime mitgibt, dass man ein dickes Auto fahren und tolle Frauen haben muss, dann bleibt von politischen Themen nicht viel übrig, dann hat man kein Verlangen danach, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen geschweige denn sich aktiv für seine Umwelt und seine Umgebung einzusetzen. Und deshalb glaube ich verschwindet auch der politische Tenor aus den HipHop-Liedern.

Islamische Zeitung: Lieber Woj­na, vielen Dank für das Interview.

Webseite – www.diebandbreite.de

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