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„Die islamische Erinnerungskultur ist abgeschwächt“

„IZ-Begegnung“ mit der bosnischen Forscherin Dzevada Susko vom Bosnischen Institut für islamische Tradition in Sarajevo

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Foto: The Eye in Islam

(iz). Dzevada Susko ist Direktorin des Bosnischen Instituts für islamische Tradition in Sarajevo. Die Einrichtung widmet sich der Erforschung des heimischen Erbes sowie der islamischen Tradition in Bosnien. Es wird von der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina getragen. Das Institut steht für die Forschung der Art und Weise wie die bosnischen Muslime in den letzten etwa 600 Jahren den ­Islam gelebt, praktiziert, gedeutet und gelehrt ­haben.

Mit Susko sprachen wir über die Relevanz ihrer Einrichtung, die Veränderungen in Bosnien durch die nationalistische und kommunistische Phase, den Einfluss fremder Missionierungsbewegungen sowie die Rolle der Bosniaken im Diskurs der europäischen Muslime.

Islamische Zeitung: Frau Susko, erzählen Sie uns doch bitte etwas über Ihr Institut. Was können wir uns darunter vorstellen?

Dzevada Susko: Das Institut für die islamische Tradition der Bosniaken ist eine akademische Einrichtung der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina. Durch diverse Projekte, Publikationen und Veranstaltungen haben wir in den letzten Jahren eine nationale, regionale und internationale Sichtbarkeit gewonnen. Das Institut steht für die Forschung der Art und Weise wie die bosnischen Muslime in den letzten etwa 600 Jahren den Islam gelebt, praktiziert, gedeutet und gelehrt haben. Im Rahmen unserer Forschungsbereiche beschäftigen wir uns mit der Glaubenspraxis, den Beiträgen der Bosniaken zu Islamwissenschaften, Bosniaken in Begegnung mit anderen, Migrationserfahrungen und Völkermord. Damit versuchen wir das Kulturerbe sowie die Erinnerungskultur der Bosniaken zu pflegen. Das Verständnis, die Praxis und Lehre des Islam stehen jedoch im Vordergrund, wobei die spezifischen historischen Lebensumstände der Bosniaken nicht außer Acht gelassen werden können. Nach fast 450 Jahren Osmanischer Präsenz (1463-1878), waltete die KuK Monarchie (1878-1918). Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Jugoslawien errichtet, das zunächst ein Königreich war und dann ein sozialistischer Staat (1918-1992). Dieser geradezu dramatische Wandel an Zivilisationen und politischen Systemen, in denen die Bosniaken verschiedenartig behandelt wurden, hatte Einfluß auf die islamische Denkschule. Insbesondere der Modernisierungsprozess während der österreich-ungarischen Epoche hatte die Bosniaken vollends europäisiert. Daher sprechen wir heute von einem Islam europäischer ­Prägung. Diese Erfahrungen haben bei den Bosniaken auch eine Adaptationsfähigkeit sowie Diversitätsverträglichkeit entwickelt.

Das Institut liegt in der Altstadt von Sarajevo und befindet sich im selben Gebäude wie die Gazi Husrev-beg Bibliothek, die 480 Jahre lang besteht und über bedeutende Sammlungen des kultur-historischen Erbes Bosnien-Herzegowinas verfügt.

Islamische Zeitung: Wie würden Sie, in Hinblick auf die kommunistischen sowie nationalistischen Einflüsse der Vergangenheit, das islamische Geschichts- und Traditionsbewusstsein der bosnischen Muslime beschreiben? Gibt es ein Erwachen oder war es immer schon vorhanden?

Dzevada Susko: Durch die Geschichte hinweg kann man feststellen, daß für die Bosniaken drei Komponenten stets von großer Bedeutung waren und für dessen Überleben sie viele Opfer gebracht haben: ihre Heimat Bosnien-Herzegowina, der Islam und die bosnische Sprache. Trotzdem hat die Lage der Muslime im Rahmen Jugoslawiens dazu beigetragen, dass das Geschichts- und Traditionsbewusstsein der Bosniaken fragmentiert wurde. Jugoslawien wurde nach dem Ersten Weltkrieg 1918 gegründet, das bezeichnenderweise erst Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen hieß, dann in das Königreich Jugoslawien umbenannt wurde, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dann das sozialistische Jugoslawien errichtet. Im Rahmen Jugoslawiens wurden zahlreiche Maßnahmen und Gesetze eingeführt, die die muslimische Bevölkerung wirtschaftlich, finanziell, kulturell und wissenschaftlich benachteiligt hat. Beispielsweise hat die Agrarreform die Bosniaken, die vorwiegend Landeigentümer waren, wirtschaftlich ruiniert. Der Islamischen Gemeinschaft wurden Stiftungen konfisziert und die Waqf-Bank wurde finanziell zugrunde gerichtet. Bosniaken wurden als Nation nicht mehr anerkannt, sondern auf eine religiöse Minderheit reduziert. Forschungen über das kulturelle Erbe der Bosniaken wurden begrenzt. Auch die bosnische Sprache wurde nicht mehr anerkannt, stattdessen die serbo-kroatische eingeführt, obgleich der Vertrag von St. Germain, den das Königreich selbst unterzeichnet hat, sich zum Schutz der Interessen der nationalen, sprachlichen und religiösen Minderheiten verpflichtet hat. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges brachten die Bosniaken in eine besonders verletzliche Lage, da sie als religiöse Minderheit mit der nationalistischen Ideologie der Tschetniks, die die Gründung eines homogenen Großserbien anstrebten, konfrontiert wurden.

Massenvertreibungen und Exekutionen waren an der Tagesordnung. Als dann Titos Partisanen den Krieg gewannen und den Sozialismus einführten, bedeutete das einen aggressiven Atheisierungsprozess der Gesellschaft. Jugoslawien wurde von Nicht-Kommunisten gesäubert. Viele fromme Bosniaken wurden entweder verhaftet oder umgebracht, insbesondere Angehörige der Organisation Mladi Muslimani (Jungmuslime), zu der auch Alija Izetbegovic gehörte.

Einem Teil gelang es als Dissidenten in den Westen zu fliehen. Die Islamische Gemeinschaft stand nun unter staatlicher Kontrolle, deren Eigentum konfisziert, Religionsunterricht abgeschafft, Sufi-Orden verboten, islamische Verlagshäuser geschlossen, islamische Mädchenschulen abgeschafft, alle Medresen außer die in Sarajevo und Pristina eingestellt wurden usw. All diese Umstände haben dazu beigetragen, daß die Erinnerungskultur, was Tradition und Geschichte anbelangt, abschwächte. Doch mit der Auflösung Jugoslawiens, der Einführung der Demokratie und Öffnung der Gesellschaft, wurde das Ethnonym Bosniake und die bosnische Sprache revitalisiert. Viele Forschungen und Publikationen seit den 1990er Jahren brachten das kultur-historische Erbe Bosnien-Herzegowinas zum Erwachen. Auch wir im Institut arbeiten daran, diese Erinnerungskultur und das Traditionsbewusstsein der Bosniaken zu pflegen.

Islamische Zeitung: Welche Reaktionen erleben Sie von anderen Teilen der bosnischen Bevölkerung? Gibt es Ressentiments gegen die islamische Prägung des Landes und den verstärkten Fokus darauf?

Foto: Dzevada Susko

Dzevada Susko: Bosnien-Herzegowina war seit den ersten historischen Quellen, die etwas über die Bevölkerungsstruktur aussagen, ein multi-religiöses Land. Sarajevo ist bekannt dafür, daß es Europas Jerusalem ist, da innerhalb von ein paar hundert Metern Gotteshäuser der vier monotheistischen Religionen stehen. In der Tat haben wir selbst in der bosnischen Sprache ein Wort entwickelt, das dieses Zusammenleben beschreibt: suzivot.

Ein integraler Bestandteil des Lebens in Bosnien-Herzegowina ist das Zusammenleben mit Menschen anderer Religionszugehörigkeit oder ethnischer Identität. Als die norwegische Ethnologin Tone Bringa in einem zentralbosnischen Dorf forschte, stellte sie fest, dass zu der islamischen Identität der Bosniaken, die Erfahrung des Zusammenlebens mit anderen gehört. Trotzdem hat der Krieg in den 1990er Jahren gezeigt, dass Intoleranz, Hass und Aggression gegenüber Muslimen in Bosnien-Herzegowina und in den Nachbarländern Serbien, Kroatien und Montenegro zuweilen präsent ist. Konzentrations- und Vergewaltigungslager sowie Massenvertreibungen und Exekutionen gegen die zivile bosniakische Bevölkerung von Seiten serbischen und kroatischen Militärs spricht für einen ausgeprägten Hass gegenüber den Bosniaken.

Dazu tragen auch die globalen Entwicklungen bei, von denen Bosnien-Herzegowina nicht verschont bleibt, vor allem die muslimfeindliche Rhetorik im Westen in den Medien und der Politik. Mehrere Berichte über die Religionsfreiheit in Bosnien-Herzegowina bezeugen, dass insbesondere in Republika Srpska (durchgehend ethnisch gesäuberter Teil Bosnien-Herzegowinas) und in dominant kroatischen Gebieten, Bosniaken diskriminiert werden. Demolierung von Moscheen, nationalistische Parolen auf Moscheegebäuden, verbale Angriffe auf Imame und Kopftuch tragende Frauen sowie Diskriminierung von bosniakischen Kindern in Schulen ist keine Seltenheit. Mehr oder weniger hat die bosnische Gesellschaft durch die Erfahrung des Sozialismus ihren Weg, was Religionsfreiheit in der Öffentlichkeit anbelangt, noch nicht definiert.

Islamische Zeitung: Welche Projekte strebt Ihre Organisation an und welche Ziele haben Sie bereits verwirklicht?

Dzevada Susko: Wir haben viele anstehende Projekte, doch eines möchte ich hervorheben und das ist eine empirische Studie, die ganz Bosnien-Herzegowina abdecken wird. Es geht dabei um die Perzeption bosnischer Muslime über Islam und westeuropäische Werte. Diese Studie soll zeigen, was für ein Islamverständnis praktizierende Bosniaken haben und wie Ihre Einstellung zu Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechten, Säkularität, Gleichberechtigung von Frauen und vielem mehr ist. Das Ziel ist, festzustellen, wie die Bosniaken zu Beginn des 21. Jahrhunderts sich als Muslime und den Islam als Religion in Europa wahrnehmen. Ich denke, dass ist wichtig, da die Bosniaken autochthone europäische Muslime sind, deren Heimat Bosnien-Herzegowina geographisch und in vielerlei Hinsicht auch kulturell zu Europa gehört.

Was bisherige Erfolge anbelangt, haben wir zahlreiche Publikationen aus unseren Forschungsbereichen veröffentlicht und mehrere internationale Konferenzen organisiert, mit Universitätsprofessoren und Forschern aus verschiedenen Teilen der Welt. Wir halten regelmäßig Vorträge, Studiengruppen besuchen unser Institut, Studierenden bieten wir die Möglichkeit, bei uns ein Praktikum zu absolvieren – und regelmäßig kommen Doktoranden und andere zu uns für Konsultationen zu ihrer Forschung über den Islam und Muslime in Bosnien-Herzegowina.

Islamische Zeitung: In Bosnien gibt es seit den 1990er Jahren auch zunehmenden Einfluss arabischer Staaten in Sachen Islamverständnis. Denken Sie, dass Organisationen wie Ihre einer Fremdeinwirkung entgegenwirken können? In anderen Worten – reicht den Bosniern der bosnische Islam?

Dzevada Susko: Ja, das ist meine Meinung, und die Meinung diverser, auch ausländischer Forscher. Den Bosniaken reicht der Islam bosnischer Prägung. Wir haben eine Jahrhunderte alte islamische Tradition, die hier Wurzeln gefasst hat. Natürlich gibt es nur einen Islam, um das klarzustellen, aber wie schon Sejjid Hussein Nasr gesagt hat, es gibt verschiedene Facetten der islamischen Kultur. Wir sind sunnitische Muslime hanefitischer Rechtschule, vernunftbetonende Maturidi Theologie mit einigen Sufi-Orden. Wir haben eine ausgeprägte reformistische Denkschule des Islam, mit einer starken Organisationsstruktur der Islamischen Gemeinschaft. Geleitet vom Reisu-l-ulema (bosnischer Großmufti), bilden unsere Hochschulen Imame, Religionslehrer und Theologen aus und unser Islamverständnis ist geprägt von Frieden sowie Akzeptanz des anderen. Andererseits gibt es Einzelne, die versuchen ein neues Islamverständnins nach Bosnien-Herzegowina einzuführen. Wir sind eine offene Gesellschaft, und wollen niemandem die Religion vorschreiben. Solange die rechtsstaatliche Ordnung und die Sicherheit nicht gefährdet ist, sehe ich kein Problem. Oft wird der Einfluß aus arabischen Staaten übertrieben und unnötig problematisiert. Viel gefährlicher für die Stabilität und Sicherheit Bosnien-Herzegowinas sind die noch aktiven nationalistischen Bewegungen aus den 90er Jahren. Beispielsweise, einen Tag nach dem 11. Juli, der mittlerweile international an den Völkermord in Srebrenica erinnert, organisiert die Tschetnik Bewegung einen Marsch durch Srebrenica – das macht Angst!

Islamische Zeitung: Wie sehen Sie die Rolle der Bosniaken im Diskurs um den Islam in Europa? 

Dzevada Susko: Der traditionelle Islam in Bosnien-Herzegowina mit der Erfahrung eines jahrhundertelangen Zusammenlebens mit anderen Religionen, die Vertrautheit mit der Trennung von Staat und Religion, sowie die Identifikation mit Europa sind wichtige Kriterien anhand derer die Bosniaken einen großen Beitrag leisten können. Vor allem die Erfahrung einer fast 140 Jahre alten Institution, der Islamischen Gemeinschaft, die sich um die religiösen Bedürfnisse der Muslime kümmert, ist eine nicht vergleichbare Erfahrung von anderen europäischen Muslimen.

Die Islamische Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina hat meines Erachtens wichtige Schritte unternommen, um die Rolle der Bosniaken im Diskurs um den Islam in Europa. Die Zusammenarbeit mit der EU und Besuche nach Brüssel sind intensiver geworden. Bei einem dieser Gespräche habe ich als Delegationsmitglied mehrfach zu hören bekommen, daß die EU eine autochthone europäisch-muslimische Stimme hören will.

Andererseits will die Islamische Gemeinschaft bestätigen, daß wir zu Europa gehören und daß wir den Weg in die EU gehen wollen zwecks der Erhaltung von Frieden, Stabilität und Sicherheit. Auch der Austausch mit Deutschland hat eine neue Ebene erreicht. Das Treffen von Reisu-l-ulema Kavazovic mit Bundesinnenminister de Maziere im Mai ist auch ein Zeichen, welches Mut macht, was die Begegnung von Islam und Europa anbelangt. Selbstverständlich spielt dabei die Deutsche Islamkonferenz eine wichtige Rolle, um Herausforderungen gemeinsam anzugehen.

Islamische Zeitung: Liebe Dzevada Susko, wir danken Ihnen für das ­Gespräch.

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Tijana Sarac

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