IZ News Ticker

Die Islamische Zeitung lud zu einem Tagesseminar nach Weimar, das Goethes Verhältnis zum Islam gewidmet war. Von Ali Kocaman

Zu Gast im Labor der deutschen Kultur

Werbung

„Goethes persönlicher Dialog mit dem Orient mündete in einem ­erhabenen Meisterwerk der Dichtung, das als „West-östlicher ­Diwan” bekannt wurde. Ein Buch, welches unglücklicherweise in Deutschland kaum bekannt ist. Es ist eines der großen Unglücke, dass Goethe – insbesondere mit diesem Werk – nicht allgemein verbreitet ist.“

(iz). Dass in der Islamischen Zeitung gerne und oft auf Goethe und Weimar – beziehungsweise auf Goethe und den Islam – verwiesen wird, ist nicht nur notwendiges Argument in einer Debatte, die immer noch aus unterschiedlichen Gründen den Eindruck erweckt, die europäische Kultur und der Islam seien unüberbrückbare Ge­gensätze. Es war und ist uns immer eine Freude und ein Herzensanliegen, das Symbol Weimar als Ort der ­direkten Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft zu nutzen.

Begegnung, Information und Austausch
Am 5. Januar lud die Islamische Zeitung Gäste aus dem In- und Ausland – Nichtmuslime und Muslime – für einen Tag der Begegnung, Information und des Austausches ein. Eingeleitet wurde der Tag von einem erhellenden und vertie­fenden Vortrag des Goethe-Fachmanns und Autors Dr. Manfred Osten. Dr. Osten hat nicht nur mehrfach über die lebenslange Beschäftigung des größten deutschen Dichters mit dem Islam publiziert, sondern arbeitet seit ­Jahren an der Darlegung der Relevanz des Goetheschen Werkes für unsere ­heu­tige Zeit.

Nach Dr. Ostens Vortrag vor den zahlreich erschienen Gästen und einer Pause für den gegenseitigen Austausch waren die Gäste geladen, mit eigenen Augen an einer geführten Tour durch das Kleinod Weimar teilzunehmen. Und sie erfuhren dabei, dass Weimar weder ein ­steriles, rein touristisches Kleinod ist, noch dass es sich dabei allein auf die Gestalt Goethes – oder Schillers – reduzieren lässt. Vielmehr ist es ein „Gesamtkunstwerk“, das von den Verbindungen all seiner ­Elemente lebte. Ein Halt vor Goethes Wohnhaus bot beispielsweise die Einsicht, dass Goethe kein isoliertes Phäno­men war, sondern täglich von Bewunde­rern, Lesern und anderen aufgesucht wurde, die an seiner Pforte klopften und um Einlass baten. Nach einem gemeinsamen Mittag­essen besuchten die Gäste Goethes Wohnhaus am Frauenplan in drei Gruppen.

Das IZ-Seminar am 5. Januar war nicht nur eine positive Erfahrung – es ergaben sich herzliche Begegnungen –, sondern auch ein Hinweis darauf, wie sinnvoll und nachgefragt solche seltenen Gelegenheiten sind. Gemeinsam mit an­deren Partnern möchten wir das Konzept gerne an anderen Orten und zu an­deren Themen wiederholen. Vorschläge und aktive Organisation sind jederzeit willkommen!

Goethes poetische ­Auswanderung
Im Zentrum des Weimarer Seminars stand das Referat des ausgewiesenen Goethe-Fachmann Dr. Manfred Osten, der auf beeindruckendem Niveau und sensibel in die Kernelemente von „Goethes Verhältnis zum Islam“ einführte. Dabei verfolgte Dr. Osten nicht nur eine Argumentationslinie, sondern brachte verschiedene Erzählstränge und Motive in Goethes Leben zusammen.

Einerseits stehe Goethes Leben und Werk für die Suche nach einem Dialog zwischen islamischer Welt und Europa. „Goethe ist derjenige, der bereits vor 200 Jahren ein Forum für diesen Dialog zu schaffen suchte.“ Seine Absicht sei es ge­wesen, so der Redner, die ­eurozentris­ti­sche Gesellschaft seiner Zeit in eine des Lernens von anderen Kulturen zu verwandeln. Ganz nebenbei bemerkt ein Ziel, für das sich auch andere Zeitgenossen Goethes wie Herder oder Alexan­der von Humboldt begeisterten.

Andererseits stellte der Orient sowie die islamische Welt mit ihren verschiede­nen Aspekten laut dem Goethe-Fachmann ein Bezugspunkt in einer Zeit dar, die der große Dichter und Denker mit immer größerer Besorgnis betrachtete. Goethe habe gewissermaßen eine poetische Hegira (Hidschra) vollzogen.

Für Goethe, der 1832 verstarb, war die Literatur der islamischen Welt im 19. Jahrhundert ein Gegengewicht zu den „engstirnigen, chauvinistischen Tenden­zen, wie sie im Deutschland des 19. Jahrhunderts vorherrschten“. Er habe sich mit außerordentlichem Einfühlungsvermögen auf die Dichtung der islamischen, orientalischen Welt konzentriert. „Das Ergebnis dieser langjährigen Suche war eine universale Dichtung. Das heißt, dass Goethes persönlicher Dialog mit dem Orient in ein erhabenes Meisterwerk der Dichtung mündete, das als ‘West-östlicher Diwan’ bekannt wurde. Ein Buch, welches unglücklicherweise in Deutschland kaum bekannt ist. Es ist eines der großen Unglücke, dass Goethe – insbesondere mit diesem Werk – nicht allgemein verbreitet ist.“

Sein „Diwan“ könne als „ein persönli­ches Zeugnis der Anerkennung für die Geschichte, die Kultur und die ­Religion des Orients betrachtet werden. In der Kultur des Orients begegnete Goethe ein unerwartet positives Phänomen.“ ­Fraglos war sein Interesse am Islam und er Dichtung muslimischer Völker durch seinen offenen und interessierten Geist für ein faszinierendes Phänomen geprägt.

Alternativen zum ­„europäischen Dämon“
Er habe darin aber auch einen Ausweg aus dem sich entstehenden Maschinenzeitalter gefunden, das seine Heimat, seinen Kontinent, bis hin zur Sprache, für immer verändern sollte. Und nicht nur in den Augen Goethes, nicht zum Besseren… „Darin erkannte er – aufgrund von religiösen Gründen – eine ­generelle Ablehnung der übereiligen Tendenzen Westeuropas“, so Dr. Osten. Diese euro­päischen Strömungen habe der Dichter als die beklagenswertesten Katastrophen seiner Zeit betrachtet.

In einem Gespräch mit seinem Se­kre­tär Eckermann habe Goethe seine Abneigung gegenüber diesen erwähnten Tendenzen mit den folgenden Worten ausgedrückt: „Es geht uns alten Euro­pä­ern übrigens mehr oder weniger allen herzlich schlecht; unsere Zustände sind viel zu künstlich und complicirt, unsere Nahrung und Lebensweise ist ohne die rechte Natur, und unser geselliger ­Verkehr ohne eigentliche Liebe und Wohlwollen.“

„Dies führt uns zur Frage nach den Gründen hinter Goethes Entscheidung zur Flucht – mit Hilfe der erhabenen Dichtung des ‘West-östlichen Diwans’ – in die orientalische Welt. (…) Diese ängstigten Goethe bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Für Goethe wurde Europa zusehends zu einer Welt, die er ‘veloziferisch’ nannte. Sie wurde von Dämonen angetrieben, die ausschließlich durch Fortschritt und nur Zukunft im Blick hatten“, sagte Osten. Das Wort „velozife­risch“ war eine Eigenprägung von Goethe für die moderne, selbstzerstörerische Verbindung zwischen „velocitas“ [Latein. für Eile] und Luzifer [dem Teufel].

„Für Goethe stellte die sich ­entfaltende ‘veloziferische’ Tendenz gar eine Gefahr für die letzte und spirituellste Bastion – will sagen: die Sprache – dar. Lange vor dem epochalen Chandos-Brief Hugo von Hofmansthals zu Beginn des letzten Jahrhunderts drückte Goethe bereits seine tiefgründige Skepsis zur Sprache poetisch aus. Dies war seine Furcht vor dem Verlust von Sprache und der Vertreibung aus dem Paradies des Vertrauens in Sprache. Er befürchtete, dass sogar Worte beeinträchtigt und von der ­ungeduldigen ‘veloziferischen’ Rolle seiner Zeit ­ergriffen werden.“ Es sei diese Furcht gewesen, dass Worte in der modernen Stimme des unbeholfenen Geredes einer unmenschlichen Sprache verschwänden, die von Ungeduld angetrieben sei.

„In den Augen Goethes bliebe uns eine Sprache, die bereits stark auf dem Weg zur Selbstbeschleunigung ist. Dies kreiert ein Gefühl des Abgleitens in bloße Information, Information als eine Sprache und als ein linguistisches Scheitern im Besonderen“, beschrieb Dr. Manfred Osten einen Prozess, der als Massenphänomen sicherlich abgeschlossen sein dürfte. „Und Sprache, die so durch politische Lügen und die Vulgarität des Massenkonsums verdorben würde, wende sich in ein Instrument der Bestialität.“

Der Goethe-Experte fasste eine der Motivationen zusammen, warum sich Goethe mit dem Islam in einer Zeit beschäftigen sollte, in der dieser für die meisten seiner Zeit noch etwas ­Fremdes sei: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Goethe die Geschichte, Kultur und Religion des Orients als der Gegenentwurf für alle ‘veloziferischen’ Aspekte Europas sieht, die eine Bedrohung für die menschliche Sprache und Lebenswei­se darstellen.“

Studium des Islam
Seit seiner Zeit als junger Dichter hat sich Goethe, eines der letzten Universalgenies unserer Zeit, mit allem beschäftigt, was seinen Geist faszinierte. Dazu gehörten natürlich auch der Orient und seine Kultur. So habe sich Goethe, laut Dr. Osten, bei seiner – vom damaligen Her­zog in Weimar erbetenen – Übersetzung von Voltaires „Mahomet“-Dra­ma von der negativen Einstellung des Franzosen abgehoben. Im Gegenteil zu den damaligen Verunglimpfungen des Propheten Muhammad habe er 1772/3 mit der Niederschrift eines eigenen „Mahomet“-Dramas in fünf Akten be­gon­nen. „Goethe sah in Muhammad ein Sturm- und Drang-Ideal von großer Aktivität und einen kreativen Genius.“ Unglücklicherweise habe sich nur eine Prosa-Szene von Goethes Projekt erhalten können.

Gemeinsam mit seinem enthusiastisch vorgetragenem Einstehen für den Propheten Muhammad, habe in Goethe ein sehr persönlicher Dialog mit dem Islam begonnen. „Ein Dialog, der selbst in Hinblick auf die moderne Zeit als visionär gelten muss.“ Und er sei sich bereits der Gefahr bewusst gewesen, die eine Lücke zwischen Islam und einem, sich ungeduldig beschleunigendem Okzident darstelle. Leider habe sich Goethes früher Versuch eines Dialoges nicht als massenwirksam erwiesen. Selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts seien noch nicht alle Erstausgaben des „West-östlichen Diwans“ bei seinem Verleger Cotta verkauft worden.

Auch wenn er „nicht von seiner Nation verstanden wurde“, sei er auf jeden Fall der Vorläufer für etwas sehr wichtiges gewesen. Ein Ergebnis seines tiefen Respektes für den Orient war, dass Goe­the bewusst Anlass für den Verdacht gegeben habe, dass er selbst ein Muslim sei. Goethe bestätigte ebenso den An­spruch des Propheten Muhammad, dass im Qur’an die absolute Wahrheit enthalten ist. Goethe habe in den Anmerkungen zum „Diwan“ auf den Beginn der zweiten Sure des Qur’ans ­verwiesen: „In diesem Buch gibt es keinen Zweifel.“ Goethe habe die kategorische Sprache des Qur’ans erkannt. Dessen „große Effektivität“ habe Goethe zu dem er­schreckend modernen Schluss veranlasst: In der Menschheitsgeschichte sei das wirklich reale, singuläre und ­tiefgreifende Thema – vor allem anderen – der „Konflikt zwischen Glaube und Unglaube“.

Anhand vieler Zitate und Aussagen belegte Dr. Manfred Osten die lebenslange – und sich ständig vertiefende – Affinität dieses großen Mannes zum Islam. Es war an dem Tag vor allem faszinierend zu sehen, dass es sich hier weder um eine romantische Schwärmerei handelte, noch um ein Interesse am Exotischen. Angesichts der spärlichen Möglichkeiten zum Kontakt mit Muslimen und ihrer Lebensweise gelangte der Dichter zu tiefgreifenden Einsichten, wie man sie selbst heute nur selten vernimmt. Es ist im erheblichen Maße den Bemühungen von neugierigen und liebenden Geis­tern wie denen Dr. Ostens oder Prof. Katharina Mommsens zu verdanken, dass sie Goethe und sein Werk als Anknüpfungspunkt für eine echte Begegnung geborgen haben.

The following two tabs change content below.

Ali Kocaman

Neueste Artikel von Ali Kocaman (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen