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Die IZ-Blogger: ein Beitrag von Tarek Bärliner

Die Ice-Bucket-Challenge

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(iz). Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich nominiert werde. An keinem ist der neue Trend vorbeigegangen: Ice-Bucket-Challenge. Ursprünglich (gar nicht so lange her) erfunden worden, um aufmerksam zu machen auf die seltene Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), entwickelt sich die Aktion zu einer viralen Pflichtaufgabe für jeden, der gern vor der Kamera steht. Die Stars aus den USA machten es vor. Wer nominiert wird, muss sich einen Eimer mit eiskaltem Wasser über den Kopf kippen, oder eine Summe an einen wohltätigen Verein spenden. Da stellt sich die große Frage, warum bei den beiden Optionen so oft das kalte Wasser gewählt wird. Nicht wenige verzichteten auf die zittrige Angelegenheit und riefen direkt zum Spenden auf.

Mittlerweile hat das Spiel aber auch ganz einfache, nennen wir sie unbekannte, Personen erreicht. Ohne großartiges Hinterfragen der Hintergründe machen es sich User im Internet zum Spaß ihre Freunde zu einem Video zu zwingen. Verglichen mit anderen Internet-Trends, die einem in regelmäßigen Abständen wochenlang auf die Nerven gehen, hat diese Aktion ja wenigstens einen minimal erkennbaren Sinn. Wären da nicht die Zahlen. In Anbetracht des enormen Hypes, sind die Spendeneinnahmen der Institute, die sich mit ALS beschäftigen, eher verhalten. Dennoch ist auch der relativ geringe Anstieg absolut besser, als gar keine Veränderung.

So schnell wie ein Trend entsteht, kommt auch die Antibewegung dazu. Der eine oder andere meint es sei klug in dem Kontext anzuprangern, dass sich weitaus weniger Menschen für das Leid der Menschen in Gaza einsetzen würden. Für einen Muslim eine untragbare Reaktion, da man das Leid der Menschen nicht gegeneinander aufwiegt. So einige wittern eine ‚Heuchelei‘ der Eiswasser-Aktivisten. Der wirklich harte Vorwurf der Heuchelei gehört im Internet ja mittlerweile zum Standard-Vokabular eines Users. Wie dem auch sei.

Andere sinnvoll denkende Köpfchen unserer Generation lassen sich nach einer Nominierung auf die Herausforderung ein, schmücken ihr Video aber mit besonderen Statements. Man bietet deutschen Empfänger für mögliche Spenden an, verweist auf Verhaltensmäßigkeit und erklärt noch einmal die Hintergründe. Oft muss auch eine Rechtfertigung nachgeschoben werden, falls dann doch mal wieder Trolle auftauchen, die eh alles doof finden. Denn da wäre ja noch der Aspekt der Wasserverschwendung. Eigentlich ein ganz wichtiger Punkt und an sich vollkommen richtig. Nur, soll ich tatsächlich jemandem Verschwendung vorwerfen, wenn er im Bad Wasser über sich kippt, so wie er es auch beim Duschen selbst tun würde? Wir leben in Europa, unser Wasser geht in den Abfluss und wird wiederverwertet, keine Sorge. Aber hier erschließt sich mir nicht ganz der Zusammenhang zur Spendenkultur, die durch die Challenge angetrieben werden soll. Es gibt wohltätige Vereine, die Spenden in Form von sauberem Wasser annehmen ,um wasserärmere Gebiete damit zu versorgen. Das wäre doch ein weitaus sinnvollerer Umgang mit dem Wasser. Mal abgesehen von der Tatsache, dass der Sinn ja war, zu spenden, um das Video nicht machen zu müssen. Aber Klicks mag jeder.

Also wat mach ick jetze? Nominierung annehmen und Wasser über mich kippen um dann den Moralapostel zu spielen oder einfach boykottieren? Wer spenden möchte, tut das im Stillen. Der prophetische Ratschlag lautete immer die Außenwelt nichts vom eigenen Spendenverhalten wissen zu lassen. Es gibt etliche, wirklich unzählige, Probleme auf der Welt, seien es nun Krankheiten oder Krisen aller Art. Und derartiges lässt sich auch, oder vor allem, vor unserer Haustür finden. Ich kann immer wieder nur betonen, dass die Lösung vieler großer Schwierigkeiten weltweit bei der eigenen Gemeinde beginnt. Würden sich die deutschen Muslime stärker um eine erfolgreiche Gemeindearbeit bemühen, würde daraus eine machtvolle und positiv einflussreiche Gesamtgemeinschaft entstehen.

Im Goldenen Zeitalter Andalusiens ging es den Menschen so gut, dass sie im wahrsten Sinne nicht mehr wussten wohin mit ihrem Geld. Es entstanden Stiftungen für die kleinsten Angelegenheiten. Das Internet bietet neue, innovative Wege um sich wohltätig zu engagieren. Aber nur, weil man in der Vergangenheit die traditionellen Arten des Spendens vernachlässigt hat, sind sie nicht ineffektiv. Der Trend wird vorbeiziehen, vergessen abgelöst werden von einer neuen Beschäftigung. Oder Katzenbilder werden wieder cooler. Was wir brauchen sind langfristige Lösungsansätze und diese fordern disziplinierte Eigeninitiative im Kollektiv. Nur eine starke Gemeinschaft kann schwachen Gemeinschaften helfen. Und wer spenden möchte, kann sich jederzeit aus einer Masse von vertrauenswürdigen Organisationen bedienen, die verschiedenste Arbeitsfelder haben. Das war meine dritte Option zur Reaktion auf die Nominierung. Und ich nominiere jeden Leser der IZ.

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