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Die IZ-Blogger: Nebiye Uhlemayr berichtet über die Fortsetzung einer Aktion mit anderen Mitteln

Die „andere“ Challenge

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(iz). Seit Wochen sehen wir im Fernsehen, im Internet, auf YouTube oder Facebook, wie Prominente und mittlerweile auch der Ottonormalverbraucher sich entweder einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf schütten, um auf die Krankheit ALS aufmerksam zu machen oder für die Erforschung dieser Krankheit spenden. Viele tun angeblich beides.

Bei uns Türken gibt es ein Sprichwort. Es besagt, dass, wenn etwas Schlimmes passiert ist und man selber nichts daran ändern kann, man einfach „ein Glas kaltes Wasser drauf [auf dieses Ereignis] trinken“ sollte. Das bedeutet so viel wie „Schwamm drüber“ oder „vergiss es!“. Mir kam es deshalb so vor, als ob alle Menschen, die ein Eimer Wasser über den Kopf schütteten, uns sagen wollten: „Findet euch mit der miesen Lage der Muslime auf der Welt ab, ihr könnt eh nichts daran ändern.“ Ob das uns trösten sollte, oder wir uns eher veräppelt fühlen sollten, spielte keine große Rolle.

Doch dann drehten manche den Spieß um. Anstatt Wasser schütteten sich sie einen Eimer Sand über den Kopf, um die Menschen in den Kriegsgebieten wie Gaza, Syrien oder Irak aufmerksam zu machen; auch mit der Begründung, dass die ALS doch erst mit 50-60 Jahren ausbricht, viele Kinder in Gaza aber nicht einmal die Möglichkeit haben, erwachsen und krank zu werden, weil sie sehr früh sterben müssen.

Außerdem wurden bereits über 80 Mio. Dollar zur Erforschung der Krankheit eingesammelt. Eine andere Begründung, die so genannte Ice-Bucket-Challenge abzulehnen, war es, die maßlose Wasserverschwendung abzulehnen. Wie kann man sich einfach ein Eimer Wasser über den Kopf schütten, während viele Menschen in Afrika nicht einmal sauberes Trinkwasser haben.

Wie viele andere Freunde beim Facebook war ich nur Zuschauerin, Beobachterin, Kritikerin und Kommentatorin dieser Entwicklung, bis meine eine Freundin Nevin Toy-Unkel mich nominierte.

Auf einmal befand ich mich mittendrin. Ich setzte mich in einen Sandkasten im Park hinter unserem Haus. Achtete darauf, dass keine Live-Zuschauer in der Nähe waren und sprach in die 0815-Kamera in der Hand meiner Tochter und sprach los: „Natürlich ist die Forschung von ALS wichtig. Ich erkrankte selber mit 33 Jahren an Krebs. Also weiß ich, wie schlimm es, ist krank zu sein. Aber manche überlebende Kinder in Gaza, Syrien oder Irak, müssen oft ohne Arm, ohne Beine, ohne Ihre Eltern oder ein Zuhause ihr Leben fortsetzen…“ Gott sei Dank, hatte ich aufgeschrieben, was ich sagen wollte.

Meine Tochter bat ich, dass sie nur meinen Oberkörper filmen sollte, damit man den Zettel in meiner Hand nicht sehen konnte, den ich soweit wie möglich, ganz unten, hielt. Natürlich merkte man, dass ich vorlas. Zum Schluss schüttete ich wie üblich einen Eimer Sand über den Kopf. In den 3-4 Sekunden bekam ich das Gefühl, als ob man mich lebendig begraben würde.

Ich wusste, dass ich mit dieser Handlung an den Kriegen nichts ändern konnte. Ich wusste auch, dass ich den Menschen deren Häuser oder die Häuser von ihren Nachbarn bombardiert werden, nicht wirklich nachfühlen konnte. Aber ich wusste in den Paar Sekunden, wie es sich anfühlt, wenn man in Schutt, Asche und in Trümmern sitzt und das Gefühl hat, keine Luft zu bekommen.

Ich wollte, dass andere auch fühlen, was ich fühlte und nominierte acht weitere Freunde, ohne zu wissen, dass man eigentlich nur drei Personen nominieren durfte. Diese acht fragte ich natürlich vorher, ob sie mit der Nominierung einverstanden wären.

Ich stieß auf unterschiedliche Reaktionen. Einer fand das „unislamisch“ und „unpassend“ für einen Muslim. Eine andere wollte sich nicht öffentlich zeigen, was ich natürlich verstehen konnte. Manche wiederum wollten sich bei ihrer Familie oder Freunden mit so einer Aktion einfach nicht blamieren. Die meisten waren begeistert und nahmen die Nominierung an, ohne lange zu überlegen.

Es kamen sehr unterschiedliche und interessante Video heraus: Eyüp Odabasi, Politiker bei den Grünen, machte auf ALS aufmerksam, erwähnte jedoch auch die Kinder in Kriegsgebieten, wie in Gaza, Syrien und Irak. Er schütte ein Eimer Erde über den Kopf und nominierte drei seiner Freunde.

Unsere gute Fee Meral Karahan, die bei mehreren Hilfsorganisationen ehrenamtlich aktiv ist, machte ebenfalls auf die Wasserverschwendung aufmerksam und fuhr fort: „Abgesehen davon möchte ich, dass der Krieg gegen Kinder aufhört! Egal ob dieses Kind muslimischer Abstammung, christlicher Abstammung, jüdischer Abstammung, yezidischer Abstammung oder gar Atheist ist. Denn sie möchten sicherlich kein Krieg haben, sie möchten sicherlich nicht, dass ihre Mutter oder ihr Vater vor ihren eigenen Augen stirbt. Ich stelle mich hiermit offiziell auf die Seite der Kinder und nicht auf die Seite einer Religion. Lasst uns zusammen ein Zeichen gegen alle Kriege auf dieser Erde setzen! Lasst uns ein Zeichen für Frieden setzen! Lasst uns gemeinsam ‘stoppt den Krieg auf dieser Erde’ sagen.“

Die Worte von Hüseyin Kara waren genauso beeindruckend. Er stand auf einer Baustelle in einem Anzug uns sagte: „Ich habe mich extra heraus geputzt um euch zu zeigen, dass es mir gut geht, ich jedoch aber im nächsten Augenblick unerwartet in Trümmern liegen könnte. Stellt euch vor, ihr sitzt zu Hause mit eurer Familie bei einem schönen Abendessen und eine israelische Rakete ‘Made in Germany’ legt euer Haus in Schutt und Asche.“

Gert Leupert, der sich mit in der Türkei vielleicht besser auskennt, als viele andere Türken, sagte in seinem Video: „Ich werde auch statt Wasser Erde nehmen, um zu simulieren, wie es für die Menschen in Gaza ist, nach israelischen Luftangriffen verschüttet zu werden.“

Börte Cine, die jüngste Teilnehmerin, sagte: „Da die Ereignisse in Palästina auch mich stets bekümmern, werde ich auch teilnehmen. Mit einem Eimer Sand, wollen wir auf die Zerstörung in Gaza hinweisen und wenn es nur ein Eimer sein sollte…“, und schüttete den Eimer voller Sand auf ihren schönen langen blonden Haaren.

Für die Männer war es nicht weniger unangenehm. Da sie kurzes Haar haben, rutschte der Sand bin in den Rücken hinunter. Unser Nesthäkchen Ömer Edis, wartete, dass der Regen endlich aufhörte, weil er keinen nassen Sand über den Kopf schütten wollte und setzte seine Challenge danach tapfer um. 

Manche Freunde haben gezeigt, dass man die Bevölkerung auch anders auf etwas aufmerksam machen konnte. Die Turkologin Zerrin Konyalioglu bevorzugte einen Baum in einen Topf einzupflanzen, was Hoffnung für die Zukunft bedeuten sollte. Oktay Akkaya entschied sich ebenfalls für etwas Nachhaltigeres. Statt zu spenden, nahm er sich vor, für ein Waisenkind eine Patenschaft zu übernehmen.

Ich weiß nicht, wie ich mein Respekt, meine Hochachtung ausdrücken soll. Diese Menschen haben die Nominierung, ohne mit Wimpern zu zucken angenommen und umgesetzt. Natürlich können wir weder die Kriege stoppen noch können wir den Menschen nachfühlen, was sie wirklich erleben. Aber wir können tun was in unserer Macht steht: Nämlich Menschen auf die unschuldigen Kinder in Kriegsgebieten aufmerksam machen, für die Überlebenden spenden und andere zum Spenden animieren. Ich hoffe, dass diese Aktion sich wie bei einem Schneeballeffekt ausbreitet und wir viele Menschen erreichen.

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