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Die „IZ-Debatte“: Dr. Silvia Horsch kritisiert in ihrer Replik einen Artikel von Malik Özkan zur brisanten Frauenfrage

Reden reicht schon lange nicht mehr

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(iz). „Ich habe die Rhetorik über Islam und die Erhöhung des Rangs von Frauen so satt“, schrieb kürzlich eine amerikanische muslimische Gelehrte auf Facebook, „So viele Frauen, die von ihren Männern unterdrückt werden…“ – eine Feststellung aus ihrer täglichen Beratungsarbeit. Ein „Like“ von mir und weiter geht’s im Facebook-Stream.

Ich stoße auf einen IZ Artikel, der die Erhöhung des Rangs von Frauen durch den Islam preist. Ohne die Statusmeldung zuvor hätte ich mich wohl nur leicht ermüdet über die vielen Likes gewundert. Aber jetzt habe ich diese Rhetorik auch zu satt, um sie länger unwidersprochen zu lassen. Der Artikel „Der Beste unter euch ist derjenige, der..“ ist leider weit hinter dem Niveau geblieben, das die IZ in dieser Frage schon erreicht hatte.

Der Islam, so die altbekannte Argumentation, habe der Unterdrückung der Frau ein Ende bereitet: „Nicht länger war eine Frau rechtloses Eigentum, sondern anerkannt als Individuum mit vollen Rechten auf Eigentum, Bildung, Erbe, Respekt, Ehre und Heirat.“ Ja, das stimmt – in der Theorie. Wie diese Theorie in den 14 Jahrhunderten der islamischen Geschichte umgesetzt wurde, lässt sich an dieser Stelle nicht darstellen, aber in Deutschland im 21. Jahrhundert bestehen auf jeden Fall einige Missstände, die man schon der intellektuellen Redlichkeit halber erwähnen müsste – und diese beschränken sich nicht auf medienwirksame Fälle von Ehrenmorden.

Die einzige konkrete Kritik an Missbrauch von Frauen im Artikel ist jedoch sehr global: Erwähnt wird das weltweite Phänomen der Vergewaltigung und die (westliche?) Vermarktung von Frauen. Sicher, das ist zu kritisieren, aber wo sind die Fehler auf der Seite der Muslime, um die es hier ja gerade geht? Nicht fehlen darf stattdessen der Preis der Mutterrolle: „In einer anderen prophetischen Aussage wurde festgehalten: ‘Das Paradies liegt unter den Füßen eurer Mutter.’ Diese ehrenvolle Position prägte sich in die Seele eines jeden Mannes ein.“

Wirklich? Ich erinnere mich dunkel an eine befremdliche Facebook-Diskussion vom letzten Ramadan, in der junge Männer ihre Mütter priesen, weil diese früher als die ganze Familie aufstünden, um das Frühstück zum Suhur vorzubereiten und wenn alle anderen wieder schliefen, die Küche aufräumten. Abends vor Iftar stünden sie dann wieder stundenlang in der Küche. Jeden Tag. Auf die Idee ihnen zu helfen, kamen die jungen Männer offensichtlich nicht, stattdessen wurden Ehrentitel verliehen wie „Unsere Soldatinnen in der Küche“ oder so ähnlich. Das mag man als Wertschätzung verstehen – für mich hörte es sich verdächtig nach Ausbeutung an.

Der letzte Absatz des Artikels verdeutlicht noch einmal die Problematik, die ihn in Gänze prägt: „Themen wie so genannte ‘Ehrenmorde’ und eheliche Gewalt in muslimischen Gesellschaften und Gemeinschaften – für die der Islam oft kritisiert wird – haben weder Platz in unserer Lebensweise, noch eine Grundlage im Qur’an oder der prophetischen Sunna. Auch wenn Muslime in Medien häufig in Sachen der Behandlung von Frauen angegriffen werden, ist es interessant anzumerken, dass der Islam die am schnellsten wachsende Religion ist. Insbesondere im Westen sind es gerade Frauen, die den Islam annehmen, und dies mit Stolz tun.“

Über bestehende Probleme muss man offenbar nicht mehr sagen, als dass sie im Islam keinen Platz haben, um dann darauf hinzuweisen, dass besonders viele Frauen den Islam annehmen. Letzteres stimmt zwar – aber was soll uns das hier sagen? Dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Stellung von Frauen in real existierenden muslimischen Gemeinschaften und der Konversion von Frauen zum Islam gibt? Wenn viele Frauen den Islam annehmen, muss ja alles gut sein? Nicht wenige Frauen lassen sich von der Theorie des Islams begeistern, um dann einen Praxisschock zu erleiden.

Ich habe in meinen fast 20 Jahren als Muslimin genug gesehen und gehört, um zu wissen, dass Unterdrückung von Frauen zwar keinen Platz in unserer Lebensweise haben sollte – ihn aber hat. Nicht im Islam, aber in der Lebensweise der real existierenden Muslime. Und dass es sich dabei nicht um Ausnahmen handelt, die nur die Regel bestätigen. Bei MuTeS, dem islamischen Seelsorge-Telefon, machen Fälle von psychischer und physischer Gewalt gegen Frauen einen Großteil der Anrufe aus. Die wenigen muslimischen PsychologInnen, die es gibt, können dem Bedarf an Therapie von Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Leiden muslimischer Frauen überhaupt nicht gerecht werden. Das können wir als Gemeinschaft nicht ignorieren und weiter nur davon sprechen, wie der Islam den Status der Frauen erhöht hat. Es stimmt, Unterdrückung von Frauen ist kein Problem des Islams, sondern ein menschliches Problem – aber weil Muslime auch nur Menschen sind, ist es eben auch unser Problem.

Unterdrückung fängt auch nicht erst mit physischer Gewalt an. Sie besteht schon dort, wo Frauen aufgrund den familiären Verpflichtungen, die ihnen auferlegt werden und die sie meinen als gute Muslimin erfüllen zu müssen, keinen persönlichen Freiraum mehr haben; wenn ihr Tun und Lassen ständig kontrolliert wird, wenn sie keine Gelegenheit haben, eigene Fähigkeiten zu entwickeln und Interessen zu pflegen (oder diese überhaupt erst zu entdecken).

Sie besteht auch dort, wo Frauen stigmatisiert werden, weil sie zum Beispiel geschieden oder kinderlos sind. Eine Form von Unterdrückung ist es auch, wenn muslimischen Mädchen und Frauen in Familien oder Gemeinden als einziges respektables Rollenmodell das der unterwürfigen Ehefrau und aufopferungsvollen Mutter vorgehalten wird, so dass sie ihre eigenen Bedürfnisse verdrängen und irgendwann gar nicht mehr erkennen können.

Unser Prophet, Friede sei mit ihm, hat starke und selbstständige Frauen geheiratet und die Mütter der Gläubigen waren nicht nur als Ehefrauen der Propheten hochgeschätzt, sondern auch als Lehrerinnen der Gemeinschaft. Viele von ihnen hatten übrigens keine Kinder.

Wenn die Wertschätzung, die der Islam Frauen entgegenbringt, nicht nur Rhetorik und Theorie bleiben soll, müssen wir über diese Probleme sprechen, nach Lösungen suchen, bestehende Lösungsansätze unterstützen und vor allem finanzieren. Wenn in naher Zukunft Wohlfahrtsverbände entstehen, müssen die Anliegen und Probleme der Frauen an vorderster Stelle stehen, denn wenn die Frauen leiden, leiden die Kinder, die Familien, die muslimische Gemeinschaft als Ganzes.

Gezieltes Handeln erfordert, dass wir die Lage analysieren und den Bedarf ermitteln. Dazu gehört zu allererst, dass wir die bestehenden Probleme nicht unter den Teppich kehren, sondern darüber sprechen. In den englischsprachigen Communities sind die Muslime an dieser Stelle – wie in vielen anderen Fragen auch – schon weiter. So bespricht Ustadh Nouman Ali Khan solche Themen offen in seinen Vorträgen und benennt auch die Ursachen. Seiner Meinung nach führt beispielsweise der Umstand, dass viele Frauen nach der Heirat oft „für 50 Jahre an die Küche gefesselt sind“ und sozial isoliert werden, zu einem niedrigen Selbstwertgefühl, das sich dann negativ in der Kindererziehung äußert: Weil sie glauben, sich nicht durchsetzen zu können, drohen sie ständig mit dem Islam und missbrauchen so die Religion.

Er belässt es auch nicht bei Hinweisen auf die islamische Theorie, sondern holt sich praktische Unterstützung von der muslimischen Psychologin Haleh Banani. Anse Tamara Gray sprach auf der Konferenz des Zaituna-Colleges „Reclaiming our faith“ offen die muslimischen Männer an, und ermunterte sie, (andere Männer dazu anzuhalten) ihren Frauen Freiräume zu lassen, und sie nicht als billige Arbeitskräfte zu behandeln, die ihnen die Arbeit im Haushalt vom Leib halten. Sie erinnerte an das Beispiel des Propheten, der den Haushalt auch als seine Aufgabe ansah.

Auf Konferenzen und in Predigten haben Imam Zaid Shakir, Schaikh Hamza Yusuf und viele andere den Schaden angesprochen, den häusliche Gewalt bei den Frauen, den Kindern, den Familien und auch im Hinblick auf die Wahrnehmung des Islams anrichten. Peaceful Families hat sich in Amerika über die Jahre zu einem Projekt entwickelt, das nunmehr jährlich mehr als 30 Workshops, Trainings und Seminare zum Thema häusliche Gewalt in den muslimischen Gemeinden abhält. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte das Projekt auch viele Imame zur Mitarbeit gewinnen, wie Prof. Zainab Alwani im Interview mit dem Institut für Islamische Theologie in Osnabrück berichtet.

An der Stanford University School of Medicine wurde 2014 das „Muslims and Mental Health“-Forschungslabor eröffnet, in dem muslimische WissenschaftlerInnen mitarbeiten, darunter die Psychiaterin und Theologin Rania Awaad, die ihren Forschungsschwerpunkt auf die psychische Gesundheit muslimischer Frauen gelegt hat.

Es gibt viel zu tun und auch im deutschsprachigen Raum gibt es einige wegweisende Beispiele: In Österreich wurde das erste muslimische Frauenhaus eröffnet – eine Einrichtung für die es Vorbilder in der islamischen Geschichte gibt, wie das Ribat al-Baghdadiyya für Witwen, geschiedene und vernachlässigte Frauen in Kairo, das Tidhkarbay Hatun, die Frau des Sultans im Jahr 1285 gestiftet hat. In ihrem „Ratgeber für Muslime in psychischen und psychosozialen Krisen“ haben Malika Laabdallaoui und Ibrahim Rüschoff schon vor Jahren Probleme der häuslichen Gewalt in ihren verschiedenen Formen angesprochen. Richtungsweisend ist die 2014 in Frankfurt eingerichtete Beratungsstelle für muslimische Frauen, Rahma e.V.

Erst wenn wir die Probleme angehen und bewältigen, können wir zeigen, dass der Islam den Status von Frauen verbessert – und es nicht nur einfach behaupten. Um es mit dem Gelehrten Ali Jifri zusammenfassend zu sagen: „Wir sollten aufhören, bloß darüber zu reden, dass der Islam Frauen Rechte gab und sie befreite. […] Die Frage, die sich jeder stellen sollte, ist, warum wir den Islam nicht in dieser Hinsicht implementieren.“ (IZ, August 2012) Apologetik hatten wir genug – jetzt müssen wir handeln.

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