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Die IZ-Redaktion beteiligt sich aktiv an der Debatte über die Finanzkrise. Von Khalil Breuer, Berlin

IZ unterwegs: Die Muslime und die Krise

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(iz). Die Deutschen werden seit geraumer Zeit auf die einschnei­denden Wirkungen der Finanzkrise vorbereitet. Wenn wir dem allgemeinen Tenor der Mehrheitsmedien Glauben schenken sollen, dann stellt diese keine grundlegenden Fragen an unser ökonomisches System, noch bestünden irgendwelche Gefahren für unsere innere Ordnung. Im Grunde haben sich, so die beruhigende Botschaft, nur einige Manager bei den Banken übernommen; kein Grund zur Sorge also!

Ist dem wirklich so? Angesichts einer galoppierenden Staatsverschuldung, die bisher noch kein neuer Finanzminister trotz gegenteiliger Ankündigungen bekämpfen konnte, und der enormen Kreditaufnahme des Staates zur Rettung der Banken (eine andere Formulierung für Subventionen) sind kritische Nachfragen mehr als nur angebracht.

Gleichzeitig überrascht das relative Schweigen der breiteren Bevölkerung angesichts potenzieller Probleme, die für uns alle schwerwiegende Folgen haben könnte. Um dem abzuhelfen und um die dazu relevanten muslimischen ­Positionen einzubringen, hatte die IZ nicht nur vor wenigen Wochen eine Sonderausgabe zur Finanzkrise veröffentlicht, sondern am 23. Januar auch zu ­einer öffentlichen Debatte nach Berlin eingeladen. //2r//

Teilnehmer

Dort diskutierten muslimische wie nichtmuslimische Podiumsteilnehmer unter Moderation von IZ-Chefredakteur Sulaiman Wilms über das Ausmaß der Krise, die Funktionen von Zins und Währungen sowie über mögliche Alternativen. Die Teilnehmer auf dem Podium waren der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Bernd Senf [1], der Journalist und Aktive Thomas Klünner [2], Jens Kasten [3], der die Position der Freiwirtschaft, die vom Volkswirtschaftler Silvio Gesell beinflusst sind, Ahmad Gross von der Islamischen Gemeinschaft in Potsdam, sowie Malik Sezgin, Übersetzer und Fachmann für islamische Quellen.

Positionen

Auch wenn die dargelegten Positionen durchaus unterschiedlich waren und kontrovers debattiert wurden, überraschte das konstruktive Klima bei dieser Begegnung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Es gehe bei der Veranstaltung, so Wilms, nicht um eine verkürzende oder ideologische Kritik am Kapitalismus, sondern um eine offene Debatte zu den existenziellen Grundfragen, die Muslime wie Nichtmuslime, unterscheidungslos betreffen würden. Angesichts einer immer mehr polari­sierenden Islamkritik sei es notwendig, die wirkliche Relevanz des Islam in dieser Zeit zu belegen. Und diese liege nicht bei Fragen wie dem Kopftuch, sondern auf ökonomischem Gebiet. Grundlegend sei der Barrieren überwindende Versuch herauszufinden, inwieweit es noch die Freiheit des Einzelnen dabei gebe, Alternativen zu denken und umzusetzen.//3r//

Prof. Senf verwies nicht nur auf die Irrationalität des jetzigen Finanzsystems, sondern auch den “blinden Fleck” der herkömmlichen ökonomischen Lehre, die es bisher noch nicht geschafft habe, sich objektiv mit der Funktionsweise des Zinses und der Schaffung von Geld aus dem Nichts heraus zu beschäftigen. Seine alternativer Vorschlag zur Lösung der Finanzkrise wäre die grundsätzliche Entscheidung, der Politik die alleinige Verfügungsgewalt über die Geldschöpfung zurückzugeben. Die Geldschöpfung müsste zur vierten Gewalt eines neuen Systems werden. Im jetzigen Stadium seien Geldmenge wie Verschuldung, die beide korrelieren, so sehr angestiegen, dass in seiner herrschenden Funktionsweise ein Kollaps des finanziellen und ökonomischen Systems unausweichlich sei. Darüber hinaus gebe es auch keinen Anlass für eine künstliche Trennung in “spekulativer” und “produktiver” Ökonomie. Die Finanzkrise wirke sich – zeitversetzt – auch auf die Produktionssphäre aus.

Tomas Klünner von der Humanwirtschaftspartei zeigte sich, als gelernter Journalist, erschüttert angesichts der “Dürftigkeit” der Berichterstattung in Sachen Finanzkrise und wirtschaftlicher Zusammenhänge. Bei der jetzigen Krise dürfe nicht vergessen werden, dass die absolute Mehrheit der Menschen verliere, und nur eine geringe Minderheit große Gewinne einfahren könne. Darüber hinaus seien bis heute die grundlegenden Funktionen von Zins und Währung nicht verstanden. Geld müsse als “Verkehrsmittel” verstanden werden und nicht als Tauschmittel. Als solche müsse er dergestalt beschaffen sein, dass es einen permanenten Umlauf fördert. Dies mache die heutige finanzielle Ordnung unmöglich. Klünner setzte sich für ein, an Gesell orientiertes, System ein, bei dem die Währung mit einem jährlichen “Verfallsmoment” versehen sei, um einen Umlauf und so eine Teilhabe aller daran, zu ermöglichen. Die Vorstellung einer werthaltigen Währung, wie im islamischen Bi-Metall-System lehnte er deutlich ab, da es seiner Meinung nach nicht genügend Vorräte gebe, um den Bedarf als Geld zu befriedigen.

Jens Kasten beschäftigt sich seit 20 Jahren, auch als Folge des Zusammenbruchs der ehemaligen DDR, intensiv mit ökonomischen Fragen. Als an dem Thema Interessierter, begrüßt er die Bemühungen engagierter Muslime, eine tatsächliche Veränderung unseres Wirtschaftssystems zu erwirken. Er ist am Aufbau der Firma CTS beteiligt, die sich zum Ziel gesetzt hat, durch die Entwicklung von Lehrgängen den allgemeinen Wissensstand der Volkswirtschaft zu erhöhen. Wir auch Klünner vertrat Kasten die Position der Freiwirtschaftslehre.

Die beiden muslimischen Podiumsteilnehmer, Ahmad Gross und Malik Sezgin, betonten insbesondere die alternativen Antworten seitens des Islam auf die jetzige Krise. Sezgin verwies in seinem einführenden Beitrag auf die beiden grundlegenden Elemente der Finanzordnung im Islam: Das vollkommene Verbot wie auch immer genannter Ungleichwertigkeit (Riba) und der Fakt, dass als “Geld” im Islam nur jene haltbaren Waren gelten könnten, auf die sich beide Seiten geeinigten hätten und die einen eigenen Wert besäßen. Der Praktikabilität halber böten sich dafür Gold und Silber an. Das Verbot des Zinses und die Realwährungen seien übrigens, so Klünner, eine Position, welche vom Judentum, vom Christentum wie vom Islam ursprünglich gleichermaßen vertreten worden seien.

Die so genannten “islamischen Banken”, so Gross später im Austausch mit den Zuhörern, seien eher ein Teil des Problems als der Lösung. In ihren grundlegenden Vorgängen seien sie zu sehr in die bestehende ökonomische wie finanzielle Ordnung integriert, als dass sie wirklich eine Alternative darstellen könnten.//4r//

Von dieser Perspektive aus, die laut Gross übrigens auch Anklang in der europäischen Geistesgeschichte (siehe beispielsweise Goethes “Faust”) gefunden habe, müsse die gegenwärtige Krise beleuchtet und Alternativen gefunden werden. Anders als den “systemischen” Ansatz Klünners plädierten die beiden muslimischen Podiumsteilnehmer für einen existenziellen. Nur wenn die einzelne Transaktion korrekt verlaufe, gebe es eine gesunde Ökonomie und Gerechtigkeit die Menschen.

Über die heftig diskutierten Alternativen hinaus waren sich aber alle Redner einig, dass die jetzige Finanzordnung nicht nur katastrophale Folgen zeitige, sondern auch seinem Wesen nach nicht funktionieren könne. Deutlich wurde im Verlauf des Abends, dass die aktuelle Finanzkrise die Fragwürdigkeit von politischer Souveränität in unserer Zeit belege. Wirkliche Freiheit, im politischen wie im individuellen Sinne, könne es nur dann geben, wenn die Menschen die Freiheit hätten, selbst über ihr eigenes Geld zu entscheiden. Nicht umsonst sprach Prof. Senf auch von der Gestalt des “Staatsbürgers”, der als “Bürge” für die Schulden des Staates einzustehen habe.

Offene Einladung

Die IZ lädt andere muslimische Gemeinden ein, mit ihr und nichtmuslimischen Rednern zusammen eine ähnliche Debatte zu führen. Wir sind daran interessiert, in Kooperation mit interessierten Muslimen wie Nichtmuslimen ein öffentliche Debatte über dieses entscheidende Thema zu führen, die über das von den Medien bekannte Angebot hinaus geht. Es ist gerade diese Herausforderung durch die Finanzkrise, die Muslime aller Herkunft verbindet.

Verweise:
[1] http://berndsenf.de/#Schwerpunkte
[2] www.humanwirtschaftspartei.de
[3] www.freiheitswerk.de

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Khalil Breuer

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