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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Safia Bouchari, Mainz

Wie die Ehe schützen?

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(iz). Die Zahl der Ehescheidungen ist heute in vielen modernen Gesellschaften, auch in der unsrigen, höher als in früheren Zeiten, und auch unter Muslimen hat sie eher zugenommen. Aber nicht nur die Scheidung, auch so genannte „Seitensprünge“, wie sie oft verharmlosend genannt werden, gefährden Ehen und damit die stabile Familie als Grundbasis einer gesunden Gesellschaft. Von den Kindern als besonders schwer Betroffenen ganz zu schweigen. Um dem vorzubeugen, ist im Islam eine gewisse Geschlechtertrennung eingerichtet.

Im Islam ist die Ehe kein Sakrament und Scheidung nicht verboten, sondern zulässig. Gemäß dem prophetischen Ausspruch, dass von allen erlaubten Dingen die Scheidung das von Allah am meis­ten gehasste ist, stellt sie jedoch nur einen allerletzten Ausweg dar, wenn die Ehe nicht mehr zu retten ist. Man sollte sich also nicht leichtfertig scheiden lassen, und de facto wurde dies von Muslimen auch immer so gehandhabt, sodass die Scheidungsrate immer gering war. Wie kann man verhindern, dass es überhaupt so weit kommt, dass eine Scheidung droht? Wie kann man ein stabiles und harmonisches Eheleben ­erreichen?

Grundlegendes
Der Bereich der Familie und der Ehe ist ein sehr wichtiger und tief gehender Teil des menschlichen Lebens. Im Qur’an wird die Ehe und das Verhältnis zwischen den Ehepartnern sowie zwischen Kindern und Eltern oft in engem Zusammenhang mit Taqwa, furchtvoller Ergebenheit in Allah, genannt. Das Familienleben ist entscheidend für alles, was in der Gesellschaft und im Leben des einzelnen Individuums passiert. Im Islam gibt es viele Richtlinien, Weisheiten und auch Grenzen, was die Beziehungen der Familienmitglieder angeht. Die Schari’a schützt die Rechte der Kinder ebenso wie die Ehe als solche als eine Grundlage der Stabilität in der Erfahrung des menschlichen Individuums. Die private, häusliche Sphäre unterscheidet sich grundlegend von der öffentlichen sozialen Sphäre, insofern als dass Taqwa gegenüber Allah gerade hier besonders wichtig ist, da man hier seine Nafs, sein Ego beziehungsweise seine Persönlichkeit naturgemäß mit größerer Freiheit lebt als in der Öffentlichkeit – es gibt das englische Sprichwort „A saint in the streets and a devil at home.“ „Und dies kann leicht passieren, wenn man sich nicht Allahs bewusst ist, und das heißt, sich nicht der schlechten Konsequenzen seiner eigenen Handlungen bewusst zu sein“, sagt der spanische muslimische Gelehrte Abdulhasib Castineira. Schlechte Behandlung der Ehefrau oder der Kinder durch den Mann und Vater geht demnach letztlich auf mangelnde Taqwa zurück. Denn was im privaten Bereich passiert, wird nur von Allah allein bezeugt.

Die Realität der Ehe und der Familie sei in der heutigen westlichen Gesellschaft häufig eine psychotische geworden, in dem Sinne, dass sie nur noch sehr kleine, isolierte Einheiten bilden, so Castineira. Es gebe immer weniger Kontakt zur weiteren Familie, den Verwandten und auch den Nachbarn. „Darunter leidet auch die Beziehung zwischen Mann und Frau. Daher ist es wichtig, um uns herum ein Geflecht von auf Vertrauen und Zuneigung basierenden Beziehungen aufzubauen, in welche die Zweierbeziehung der Ehe eingebettet ist. Der Islam hat das Rezept dafür, eine Gemeinschaft zu bilden, die das Isoliertsein im eigenen Haushalt der Kleinfamilie überwindet, in der das Fernsehgerät oder das Internet das einzige Fenster zur Welt darstellt.“ Für ein gesundes und balanciertes Leben und die Vorbeugung von Krisen sei es unabdingbar, ein Netz guter sozialer und zwischenmenschlicher Beziehungen zu haben, die über die eigene Ehe oder Kleinfamilie hinausgehen.

Eine natürliche Trennung der Geschlechter
Es gibt im Islam bestimmte Regeln und Formen für den Umgang zwischen Männern und Frauen, die nicht miteinander verheiratet oder nicht Familienmitglieder sind, um zu verhindern, dass man sich mehr als nötig nahe kommt.

Vieles, was heute als typisch islamisch – oft im negativen Sinne – angesehen wird, war jahrhundertelang auch in christlichen oder anderen Gesellschaften Praxis, so auch Schutzmaßnahmen für das eigene Verhalten und für die Ehe, zum Beispiel eine natürliche, nicht rigide Trennung zwischen den Geschlechtersphären. Das Zusammenkommen von Frauen für ihre Angelegenheiten und das Zusammenkommen der Männer für die ihren war immer ein natürliches, traditionelles Muster auch in europäischen Gesellschaften. Im Islam ist dies nicht nur natürlich-spontan, sondern auch klar reguliert. Eine Grundlage dafür ist der Hadith vom Gesandten Allahs, dass wenn ein Mann und eine Frau, die nicht verheiratet sind und nicht in einem die Ehe ausschließenden engen Verwandtschaftsverhältnis ersten Grades stehen, miteinander allein sind, dann Schaitan der Dritte ist, der anwesend ist. Dies müsse natürlich nicht so aufgefasst werden, dass es sich auch auf das zufällige Zusammensein etwa in einem Aufzug oder bei einem Amtstermin beziehe, meint Abdulhasib Castineira. Aber es treffe etwa auf private Treffen oder auch Reisen zu. „Allah hat in Männer und Frauen eine natürliche Polarität gelegt, die dem Zweck der Sexualität dient und gemeinsam das Leben zu verbringen, als Mann und Frau. Und diese sexuelle Anziehung und erotische Energie kann immer dann auftreten, wenn Männer und Frauen zusammenkommen. Das ist wie bei positiven und negativen Polen in der Elektrizität.“ Das Gebot für die Frauen, ein Kopftuch zu tragen, hat auch damit zu tun, aber auch mit Schamhaftigkeit, und auch dies war zumindest früher auch unter Christen in Europa verbreitet, und heute noch in der Mönchs- und Nonnentracht, und auch im Judentum. „Es sind Schutzmaßnahmen vor erotischer Energie, so wie Kabel zum Schutz vor der Elektrizität isoliert sind“, so Castineira. Auch ist es Männern nicht gestattet, fremde Frauen mit ungezügeltem Blick zu betrachten, sie sollen eher ihre Blicke senken und nicht mehr als einmal, also nicht mehr als nötig, hinschauen.

Scheidungsrate
Die Ehe ist im Islam eine vor Zeugen öffentlich gemachte Übereinkunft, ein Vertrag zwischen zwei Parteien, die darin übereinkommen, zusammen zu leben, zu teilen und Verantwortung zu übernehmen. Wenn dies nicht erreicht werden kann, zum Beispiel weil beide Partner sich als dauerhaft inkompatibel zeigen, ist die Scheidung ein Ausweg. Selbstredend wird die Angelegenheit komplizierter, wenn Kinder da sind, weil diese von einer Scheidung am schwersten betroffen sind. Allerdings, so Abdulhasib Castineira, ergeben sich nicht wenige Scheidungen durch falsches Verhalten der Ehepartner. „Und diese Scheidungen können vermieden werden und sollten auch vermieden werden.“ Ratsam sei es, Taqwa vor Allah zu haben, indem man versucht, hinsichtlich seiner Verpflichtungen alles zu geben und nicht zu fordernd zu sein hinsichtlich seiner eigenen Rechte, und nachsichtig und vergebend zu sein. „Wenn beide Partner sich so verhalten, ist die Ehe meistens erfolgreich“, sagt Castineira.

Außerhalb der eigenen vier Wände sei eines der Probleme der heutigen Zeit, dass die erotische Energie von Männern oder Frauen vor allem außerhalb der Ehe eingesetzt wird, meint Abdulhasib Castineira. Erotik ist hier nicht nur im sexuellen, sondern im existenziellen Sinn gemeint und umfasst auch den eigenen Enthusiasmus, Leidenschaft, Intelligenz, Sympathie oder Energie. All dies kommt zur Entfaltung, während man sich außerhalb des Hauses befindet, was dazu führt, dass man nur noch wütend, frustriert oder müde, sich ausruhen wollend nach Hause kommt, während man seine positive Energie tagsüber schon außerhalb verbraucht hat. Diese Konzentration negativer Energien auf das häusliche Leben könne letztlich auch zu Scheidungen beitragen, so Castineira. „Es ist daher sehr wichtig, in seiner Ehe das zu bewahren, was qualitative Zeit genannt wird. Als Muslime muss unser Haushalt ein wichtiger Teil unseres Lebens sein. Er kann nicht nur der Ort sein, an dem man isst, seine Kleidung wäscht und schläft. Denn sonst wird es letztlich kein Licht, keine Süße und Freude in der Beziehung zwischen Mann und Frau sowie Mann, Frau und Kindern geben.“ Das muslimische Haus müsse ein Ort der Anbetung, der Gastfreundschaft und auch der Freude sein.

Weiterhin sei der oft bestehende Mangel an Freunden, Bekannten und Verwandten problematisch. „Es ist normal, dass in jeder Ehe früher oder später auch einmal Probleme auftreten. Und dann ist es wichtig, gute Berater zu haben, die einen lieben und einem Gutes wünschen. Viele kleinere Spannungen, die zu Krisen führen können, lassen sich durch guten Rat ausräumen“, so Abdulhasib Castineira. Sei solch guter Rat nicht verfügbar, so solle man nach der qur’anischen Devise, sich gegenseitig zur Geduld und zur Wahrheit anzuhalten, verfahren. „Vieles an falschem Denken basiert auf falschen Ideen und Vorstellungen, die verschwinden, wenn man mit jemandem spricht, der einen dazu bringt, zur Wahrheit zurückzukehren – oder man hält sich an die Geduld, denn manchmal muss man Geduld haben, weil die Dinge und auch die Menschen sich nicht über Nacht verändern. Eine gute Beziehung basiert auf Geduld.“

Außerdem dürfe insbesondere der Mann nicht sozusagen mit Biegen und Brechen versuchen, die Frau nach den eigenen Wünschen und Vorstellungen verändern zu wollen – worauf auch in einem wohl bekannten Hadith hingewiesen wird. „Man sollte die Frauen großzügig behandeln und ihnen den Raum zugestehen, damit sie sie selbst sein können. Ein Mann, der zu fordernd und harsch wird oder sich zu einem Haustyrannen entwickelt, macht das Leben seiner Frau hart und bitter, und dies ist auch eine verbreitete Ursache für Scheidungen.“

In seiner als Abschiedskhutba bekannten Ansprache auf seiner letzten Hadsch, kurz bevor er das diesseitige Leben verlassen hat, war eine der stärksten Anweisungen, die er seiner Gemeinschaft gab, insbesondere den Männern, gut zu den Frauen zu sein, sie freundlich zu behandeln. Die Ehe ist wie ein Garten, der beständig gepflegt werden muss.

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