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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Safia Bouchari, Mainz

Wie kann man Imam werden?

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(iz). Es ist bekannt, dass die meisten derzeit tätigen Imame in den Moscheen nicht hierzulande ausgebildet worden sind, sondern im Ausland, und darüber hinaus nach wie vor mehrheitlich auch nicht in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind. Die immer wieder beklagten mangelnden Sprachkenntnisse und geringen Kenntnisse über die hiesige Gesellschaft haben unmittelbar damit zu tun. Hinzu kommt das Problem der oft starken Fluktuation der Imame in den Moscheen. Zwar gibt es in letzter Zeit zunehmend Bestrebungen, aus dem Ausland kommende Imame, vor allem solche aus der Türkei, mit Vorbereitungskursen und Sprachkursen auf ihre Tätigkeit in Deutschland vorzubereiten. Eine Imam-Ausbildung in Deutschland, die seit Jahren immer wieder gefordert wird, gibt es aber bisher nur in Ansätzen. Weder gibt es eigene islamische Schulen, Universitäten oder Madrassen, die dies leisten könnten (mit einer Ausnahme seit kurzem in Berlin) – solche werden ja in Deutschland ohnehin grundsätzlich misstrauisch betrachtet – noch geeignete Lehrstühle an deutschen Universitäten. So bleibt jungen deutschen Muslimen, die Imam oder Gelehrter werden wollen, kaum etwas anderes übrig, als eine entsprechende Ausbildung im Ausland zu absolvieren und dann zurückzukehren. Die Möglichkeiten dort, sei es in Europa oder außerhalb, sind vielfältig – von diversen traditonellen Madrassen über Institute über heute nach modernem Muster funktionierenden großen Universitäten wie der Al-Azhar in Kairo oder der Qarawijjin in Fes bis hin zu der in Château-Chinon in Frankreich oder diversen Institutionen in England gibt es verschiedenste Wege. Der Dialogbeauftragte der DITIB, Bekir Alboga, hat sich kürzlich für die Einrichtung theologischer Lehrstühle zur Ausbildung von Imamen an deutschen Hochschulen ausgesprochen. Private Schulen zur Imam-Ausbildung lehnt er hingegen ab. Auf die Frage, ob auch Frauen an islamisch-theologischen Fakultäten ausgebildet werden sollten, antwortete er: „Das ist eine Selbstverständlichkeit.“ In Marokko gibt es bereits seit einigen Jahren ein Ausbildungsprogramm, in dem Frauen zu religiösen Lehrerinnen ausgebildet werden, so genannten „Murschidat“. Sie können zwar nicht die Funktion eines Imams im Sinne eines Vorbeters übernehmen, was Männern vorbehalten ist, aber durchaus auch in den Moscheen unterrichten. In Berlin gibt es seit kurzem eine Imam-Ausbildung an einer privaten Schule, die von einer Sufi-Tariqa mit türkischem Hintergrund betrieben wird, jedoch in deutscher Sprache, das Institut Buhara. Auch der VIKZ bildet, für seinen eigenen Verband, Imame aus.

Grundsätzliches
Traditionell fand die Ausbildung von Imamen und Gelehrten an Madrassen statt. In vielen mulimischen Ländern gibt es diese noch heute, obwohl es auch am westlichen Universitätsmodell orientierte Ausbildungsstätten gibt. Die Ausbildung an einer solchen Madrassa beginnt damit, dass der Schüler bereits den ganzen Qur’an oder zumindest einen bestimmten, größeren Teil davon auswendig gelernt haben muss. Dazu kommt natürlich die Fähigkeit, den qur’anischen Text auch korrekt niederschreiben und ihn richtig und fehlerfrei rezitieren zu können. Von grundlegender Wichtigkeit ist bei der authentischen islamischen Wissensvermittlung, dass man alles Wissen von einem persönlichen Lehrer nimmt, und nicht aus Büchern. Neben dem Qur’an sind grundlegende Kenntnisse im Fiqh, insbesondere der Handlungen der Anbetung, der ‘Ibadat, vor allem des Gebetes, elementar. Ein Imam muss kein Gelehrter sein, der sich in sämtlichen Bereichen des Fiqh oder anderen Wissensgebieten sehr gut auskennt. Er sollte zudem möglichst aus der lokalen Gemeinschaft stammen, er soll von ihr gemocht und respektiert werden, und seinerseits wiederum „seine“ Leute kennen.

Ein weiterer Unterschied ist, dass in Deutschland die Unterscheidung zwischen Imam, der die täglichen Gebete leitet, und dem Freitagsprediger, der in der Regel eine höhere Bildung hat, in den allermeisten Fällen nicht gegeben ist, das heißt, dass von den Imamen ein umfassenderer Bildungsstand erwartet wird, über den sie oft auch verfügen.

Der Imam muss das Wissen vermitteln und voranbringen, aber auch das Gespür dafür haben, in welchem Tempo dies für die Gemeinde entsprechend ihrer Situation und Charakteristik angemessen und sinnvoll ist. Er muss also ein Bewusstsein dafür haben, wo er sich befindet, wie die Lage ist und mit wem er es zu tun hat. Dies meint nicht nur die bereits erwähnten Kenntnisse über die Gesellschaft insgesamt, sondern eben auch über seine Gemeinde.

Es muss übrigens nicht sein, dass ein Imam, der aus einem muslimischen Land kommt und an einer traditionellen Madrassa studiert hat, den Anforderungen eines Imams in der heutigen europäischen Gesellschaft prinzipiell weniger gewachsen ist als jemand, der hier aufgewachsen ist und studiert hat – es hängt vielmehr von seiner Bereitschaft ab, die Sprache zu lernen, sich für seine Umgebung zu interessieren und daran teilzunehmen, und das erwähnte Gespür, was zur gegebenen Zeit und am gegebenen Ort richtig und sinnvoll ist.

Viele Möglichkeiten
Benjamin Idriz ist Imam am Islamischen Zentrum Penzberg, einer Moschee, die wegen ihrer innovativen Architektur, aber auch ihrer Öffentlichkeitsarbeit vielfach als Vorzeigemodell gesehen wird. Idriz ist auch bekannt durch seinen Plan eines Zentrums für Islam in Europa (ZIEM) nahe München, das auch der Imam-Ausbildung dienen soll, allerdings in Bayern heftigen politischen Gegenwind erntete. Benjamin Idriz stammt aus Mazedonien. Er hat mit 11 Jahren den Qur’an bei seinem Vater, der auch Imam war, auswendig gelernt und zugleich eine klassische islamische Grundausbildung erhalten. „Mein Vater war der letzte in Mazedonien, der seine Ausbildung noch im klassischen osmanischen Stil erhalten hat“, erzählt Idriz. „Später habe ich meine Ausbildung im islamischen Gymnasium, dem Al-Furqan Institut, in Damaskus gemacht. Es ist eine spezifische Imam-Ausbildung. Danach habe ich von Deutschland aus per Fernstudium in Frankreich und Libanon weiterstudiert“, erzählt Idriz.

Idriz befürwortet eine den hiesigen Gegebenheiten und dem deutschen Ausbildungssystem angepasste Imam-Ausbildung. Wie stehen die Chancen auf die Realisierung seines Zentrums für Imam-Ausbildung? „Es braucht einen langen Atem. Das Vertrauen ist leider immer noch zu wenig da, aber wir arbeiten daran, eine Imam-Ausbildung für Europa zu entwickeln, und die Initiative muss von uns Muslimen kommen. Ein Beispiel dafür ist die Theologische Fakultät in Sarajevo mit mehr als 35 Jahren Erfahrung. Wir sind derzeit mit der Politik und den Ministerien darüber im Gespräch, und künftig auch mit Universitäten. Auch eine private Imam-Ausbildung müsste staatlich anerkannt sein, das ist uns wichtig.“

Was wäre das besondere an einer Imam-Ausbildung in Deutschland? „Ein Imam in Deutschland soll sich in mehreren Rechtsschulen auskennen, und er muss für neue Meinungen offen sein“, meint Idriz. „Er muss wissen, was die Muslime hier bewegt, er muss die deutsche Sprache, Kultur und Geschichte kennen und wie der Staat funktioniert und das rechtsstaatliche System. Wir brauchen heute in Europa Leute wie Ibn Ruschd, der ein Faqih war, aber auch ein Philosoph und Mystiker und in vielen anderen Bereichen Wissen hatte“, meint Benjamin Idriz.

Er empfiehlt das Studium in Sarajevo, da der dortige Abschluss auch in Deutschland staatlich anerkannt sei und man damit an jeder anderen europäischen Universität promovieren könne. „Es gibt auch die Islamische Universität Rotterdam, deren Abschlüsse meines Wissens nach aber nicht staatlich anerkannt sind, wie auch die von Château-Chinon nicht.“ In außereuropäischen Ländern empfiehlt er ein Studium in der Türkei, an der Universität Damaskus oder der Al-Azhar in Kairo. Ferid Heider, Imam an zwei Berliner Moscheen und in der Hauptstadt aufgewachsen, hat an der Al-Azhar in Kairo innerhalb von fünf Jahren sein Abitur gemacht, anschließend, zurück in Deutschland, ein Fernstudium am „Institut Européen des Sciences Humaines“ (IESH) in Château-Chinon absolviert. Auch die Al-Azhar bietet heute Fernstudiengänge an. Ob solch ein Fernstudium allein ausreicht, ist aufgrund des virtuellen Charakters ohne persönlichen Bezug zum Lehrer allerdings mehr als fraglich. Derzeit studiert Heider an der FU Berlin Arabistik. Für ein Studium an einer Universität in einem arabischen Land spräche aus seiner Sicht, dass man dort besonders gut Arabisch lernen könne. „Man sollte aber schon in Deutschland versuchen, sich Grundlagen, auch des Arabischen, anzueignen“, rät er. „An vielen Universitä­ten wird auch vorausgesetzt, dass man einen Teil des Qur’ans auswändig kann. Sehr zu empfehlen ist es auch, dass man schon hier in Deutschland einen Abschluss gemacht hat, im Idealfall das Abitur. Denn es ist nicht sicher, ob man nach der Rückkehr hier eine Anstellung als Imam bekommt, sofern man dies denn möchte.“

Manche Gemeinden akzeptierten nur Absolventen bestimmter Schulen oder Anhänger bestimmter Richtungen, weiß Heider. „Man sollte sich schon vorher erkundigen, ob es denn eine Moschee gibt, die Interesse an einem hätte, wenn man studiert hat.“ Ein Abitur zu haben, sei auch deswegen gut, weil man dann bessere Bildungsvoraussetzungen habe, überhaupt ein Studium zu machen und als Imam tätig sein, zum Beispiel ausreichen­de Deutschkenntnisse und allgemeines Wissen, um auf einem gewissen Niveau mit anderen, auch mit Nichtmuslimen, in Kontakt treten können. „Nicht jeder ist geeignet für ein solches Studium, wie das bei anderen Studiengängen auch so ist.“ Man müsse zudem auch fähig sein, vor Menschen sprechen und sich gut ausdrücken zu können. Imam Ferid Heider warnt hinsichtlich der Auswahl eines Studienortes auch davor, sich ein „engstirniges“ Islam­verständnis anzueignen; vielmehr solle man sich die dem Islam traditionell eige­ne Flexibilität bewahren, die ermöglicht, dass der Islam an den unterschiedlichsten Orten und Gegebenheiten praktiziert werden kann, und das nicht zur Selbstabschottung führt.

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Safia Bouchari

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