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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder

Wie kann man Muslim(in) werden?

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(iz). Dass trotz des seit vielen Jahren beständig verbreiteten Negativ-Images des Islam hierzulande nach wie vor Menschen den Islam annehmen und Muslime werden, ist immer wieder Grund zur Freude. Oft ist es gerade die persönliche Begegnung mit Muslimen, die ein ganz anderes Bild zeigt, als das, was man vielleicht zuvor hatte. Viele wissen nicht, dass der Islam keine orientalische, sondern eine universale Religion und Lebensweise ist, die von jedem Menschen angenommen und gelebt werden kann und auch gelebt wird, wenn man sich die Vielfalt der weltweiten islamischen Gemeinschaft anschaut. Es liegt natürlich auch an den Muslimen selbst, dies immer wieder deutlich zu machen und nicht den Anschein zu erwecken, als sei Muslimsein und eine bestimmte Volkszugehörigkeit ein und dasselbe. Muslime sollten sich ihrer Vorbildrolle für Nichtmuslime bewusst sein. Auch die Einladung anderer Menschen zum Islam darf nicht in den Hintergrund geraten.

Die Bezeugung

Die Bezeugung, Schahada, die man auch mit dem Begriff Glaubensbekenntnis umschreiben könnte – obwohl es eigentlich noch mehr ist als das – ist die grundlegende Erklärung, die der Mensch ausspricht, um seine Zugehörigkeit zum Islam zu erklären. Die Schahada lautet auf Arabisch: „Aschhadu an la ilaha illa’Lah wa aschhadu anna Muhammadan rasulu’Llah“ – „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist“. Damit bringt man zum Ausdruck, dass man dies sowohl im Herzen glaubt als auch mit der Zunge bezeugt. Die Schahada enthält zwei Teile, die nicht voneinander zu trennen sind, nämlich die Bezeugung der Einheit Allahs und dass es ausschließlich Allah ist, der anbetungswürdig ist. Der zweite Teil ist die Anerkennung, dass Muhammad, Allahs Segen und Friede sei auf ihm, Sein Gesandter ist. Dies impliziert auch, dem Vorbild des Gesandten zu folgen, wie Allah dies im Qur’an auch befiehlt. Im Qur’an wird der Prophet auch als Barmherzigkeit für alle Welten bezeichnet und als schönes Vorbild. Die prophetische Lebensweise ist durch tausende, bereits in früher Zeit rigoros authentifizierte Überlieferungen so genau und detailliert belegt wie bei keinem anderen Gesandten oder Propheten. Die islamische Lebensweise, wie sie sich aus den Fünf Säulen und der Sunna, der Praxis des Propheten Muhammad, ergibt, entspricht der natürlichen Veranlagung des Menschen, birgt Gutes für ihn im Diesseits und Jenseits und hält ihn ausgeglichen auf dem mittleren Weg, schützt und bewahrt vor vielen Übeln. Daher ist die Anerkennung des Prophetentums und die Nachahmung des Gesandten Allahs so wichtig.

Nach muslimischer Auffassung ist der Islam der Din der Fitra, der Glaube und die Lebensweise, die der menschlichen Natur entspricht. Demnach wird jedes Kind als Muslim geboren, nur seine Eltern und sein Umfeld erziehen es zu etwas anderem. Die Übersetzung des Wortes „Kafir“ für Nichtmuslime mit „Ungläubiger“ ist daher nicht korrekt, vielmehr leitet sich das Wort von „kafara“ ab, was „die Wahrheit bedecken oder verdunkeln“ bedeutet. Auch die Ausdrücke „konvertieren“ oder „zum Islam übertreten“ werden von bewussten Muslimen vermieden, denn jemand, der den Islam annimmt, kehrt im Grunde nur zum Din der Fitra, zum Islam, zurück, der schon immer in ihm oder ihr angelegt und vorhanden und lediglich überdeckt oder verdrängt war.

Dieses Gefühl, nicht etwas ganz neues angenommen zu haben, sondern vielmehr zu ihrem ursprünglichen Glauben, dem ursprünglichen reinen Zustand zurückgekehrt zu sein, haben viele neue Muslime erlebt. Dazu gibt es eine berühmte wie bedeutsame Stelle in der Offenbarung, in der Allah dies verdeutlicht: „Und als dein Herr aus den Lenden der Kinder Adams ihre Nachkommenschaft hervorbrachte und für Sich Selber als Zeugen nahm [und sprach]: ‘Bin Ich nicht euer Herr?, sprachen sie: ‘Jawohl, wir bezeugen es.’ Dies, damit sie nicht am Tage der Auferstehung sagen würden: ‘Wir hatten davon wirklich keine Ahnung!’“ (Al-A’raf, 172)

Muslim(in) werden

Um Muslim zu werden, muss man die Schahada vor zwei Zeugen aussprechen; in der Praxis wird sie zu diesem Anlass oft drei Mal hintereinander ausgesprochen. Dabei zu sein, wenn jemand die Schahada spricht und Muslim wird, ist selbst wenn man dies schon häufiger miterlebt hat, immer wieder ein besonderes, erhebendes Gefühl. Manchmal wird die Schahada im kleinen Kreis, vielleicht in der Wohnung befreundeter Muslime, gesprochen, manchmal in einer Moschee vor einer großen Zahl anwesender Muslime. Als neuer Muslim ist man in einer solchen Situation und angesichts einer Entscheidung von einer solchen Tragweite in der Regel überwältigt. So mancher hat dabei weiche Knie, manchmal fließen auch Tränen. Die anwesenden Muslime gratulieren dem neuen Mitglied der Gemeinschaft, umarmen es und heißen es herzlich willkommen.

Die Schahada beinhaltet die Akzeptanz der fünf Säulen des Islam, über die man zuvor aufgeklärt wird, das heißt das fünf Mal tägliche Gebet, das Zahlen der Zakat, der jährlichen Armensteuer, das Fasten im Monat Ramadan und die Hadsch, die Pilgerreise nach Mekka einmal im Leben, sofern es einem möglich ist. Der Islam ist einfach zu praktizieren. Auch wenn er ein Meer des Wissens ist, sind die wichtigsten Regeln doch schnell verstanden. Sobald man die Schahada gesprochen hat, ist man vor Allah verpflichtet, die fünf Säulen einzuhalten, und das heißt zunächst ab sofort die täglichen Gebete zu beten. Man sollte sich bemühen, dies so schnell wie möglich zu erlernen und dies nicht auf die leichte Schulter nehmen. Man lernt am besten zunächst mit anderen Muslimen die Waschung und einige kurze Suren zur Rezitation im Gebet, was gar nicht schwer ist, und kann dann als Muslim praktizieren und natürlich in der zu wählenden Gemeinschaft weiterlernen. Es ist für neue Muslime sehr wichtig, die Gemeinschaft anderer Muslime zu suchen. In ihr lernt man viel und ungleich schneller und einfacher als auf anderen Wegen. Mehr noch, viele praktische Aspekte des Verhaltens, der Umgangsformen, der Charaktereigenschaften kann man letztlich nur von anderen Muslimen und in Gemeinschaft erlernen und nicht aus Büchern oder dem Internet. Die Gemeinschaft gibt auch Geborgenheit, Rückhalt und Schutz. Der Islam ist auch ein soziales Phänomen und nur in der Gemeinschaft mit anderen Muslimen wirklich erfahrbar.

Bei den meisten neuen Muslimen ist es eine Mischung aus intellektueller und herzensmäßiger Überzeugung, die letztlich den Ausschlag gibt. Oft ist es dabei gut und erleichternd, wenn Muslime einen an die Hand nehmen und einem den letzten Ruck geben, um diese Entscheidung, die durchaus eine schwerwiegende ist und die man auch nicht überstürzen sollte, zu treffen. Dies berichtet auch der 19-jährige Yahya Schröder aus Potsdam, der im letzten Jahr Muslim geworden ist. Sein Vater war bereits einige Jahre zuvor Muslim geworden war. Anfangs konnte Yahya mit den Muslimen, die er in der Gemeinschaft traf, der sein Vater angehört, wenig anfangen. Mit der Zeit hat er jedoch begonnen, sich mehr für den Islam zu interessieren, dadurch aber auch Probleme mit seiner Mutter und dem Stiefvater bekommen, bei denen er lebte. „Das ging dann so weit, dass ich ausziehen musste, damit ich Muslim werden kann.“ Am Islam habe ihn das Gemeinschaftliche angezogen. Es gab einen Punkt, der für seine spätere Entscheidung wichtig war: „ An einem Sonntag waren wir mit Kindern aus der Gemeinschaft schwimmen gegangen. Ich habe einen Kopfsprung ins Becken gemacht, und dabei habe ich mir den fünften Halswirbel zwei Mal angebrochen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon mehr über den Islam gewusst und war ziemlich nah. Ich habe gemerkt, dass wenn Allah will, mein Leben in einer Sekunde vorbei sein kann. Ich habe dann noch mehr über Islam nachgedacht und mein Leben ernster genommen. Ich habe gemerkt, dass ich, wenn ich in der muslimischen Gemeinschaft war, glücklich war. Deshalb bin ich dann auch zu meinem Vater gezogen.“ Seine Schahada hat er dann am dritten Tag des Ramadan 2006 gesprochen. „Die Potsdamer muslimische Gemeinschaft hatte sich aus diesem Anlass versammelt. Ich war extrem nervös. Es gibt ein Foto von meiner Schahada, wo die Hand des Imams ganz rot ist, weil ich so fest zugedrückt habe. Aber dann war es so, als wenn etwas abgefallen ist. Denn ich hatte noch in dem Moment, als ich die Schahada gesprochen habe, Zweifel. Aber die Zweifel gingen dann kurz danach. Wenn man das Gefühl hat, dass Islam etwas für einen selbst ist, dann muss man auch die Schahada sagen, denn sonst wird es zum Spiel. Wenn man anfängt zu beten, aber nicht die Schahada gesagt hat, ist es nicht reell“, gibt Yahya zu bedenken.

Aliya (22) aus Köln hat im September diesen Jahres die Schahada gesagt. Sie ist als Tochter eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter aufgewachsen, aber nicht als Muslimin. Der Islam spielte in der Familie kaum eine Rolle. „Ich wollte nie wirklich etwas vom Islam wissen, ich glaube das war etwas, gegen das ich mich am meisten gewehrt habe. Ich war allerdings schon immer auf der Suche und habe mich mit Religionen beschäftigt, habe aber immer das Gefühl gehabt, dass das alles nicht das Richtige für mich persönlich ist. Ich habe dann Leute kennen gelernt, durch die ich mitbekommen habe, dass es einen ganz wunderschönen Islam gibt. Ich habe meine Skepsis dann auch relativ schnell verloren. Diese Tiefe, die ich da gespürt habe, hat mich bewegt, diesen Schritt zu gehen, und sehen zu wollen, wie es ist, den Islam zu leben, zu praktizieren; durch die Gemeinschaft, die ich kennen gelernt habe. Ich habe viele Fragen beantwortet bekommen. Der Schritt, es getan zu haben, war eine Erleichterung. In diesem Moment habe ich mich erleichtert gefühlt und gedacht, ich ergebe mich, auch gegenüber den Kämpfen, die ich innerlich geführt habe. Ich konnte dann geduldiger mit mir selbst umgehen.“ Der Ramadan, den sie in diesem Jahr erstmals mitgemacht hat, sei für sie eine sehr positive Erfahrung gewesen. „Meine Eltern und meine engeren Freunde haben es sehr positiv aufgenommen. Sie haben zwar auch Skepsis geäußert, sobald ich aber versucht habe, meine Einstellung zu erklären und zu sagen, dass Islam etwas ist, was ich einfach brauche, haben sie es auch akzeptiert.“

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