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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder

Wie Muslime den Ramadan erleben

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(iz). Obwohl die Regeln für das Fasten im Ramadan für alle gleich sind, können einzelne Muslime den Ramadan doch auf unterschiedliche Weise durchleben und unterschiedliche Erfahrungen machen. Daher sollen an dieser Stelle einzelne Muslime zu Wort kommen, die ihr eigenes Erleben des Ramadan schildern. Vielleicht kann der eine oder andere Leser daraus auch Anregungen für seine eigene Gestaltung des Ramadan ziehen.

Ich glaube, dass ich vielen Muslimen aus dem Herzen spreche, wenn ich sage, dass die spirituelle Batterie dringend aufgeladen werden muss, und daher die Sehnsucht nach dem Ramadan da ist und man spürt, dass man mit dem Segen des Ramadans seine Beziehung zu Allah stärkt“, sagt der Sozialpädadoge Mohammed Naved Johari aus Frankfurt, der für den Sozialdienst „Grüner Halbmond“ tätig ist, über seine Vorfreude auf den Fastenmonat. „Ich erhoffe für mich einen kompakten Monat mit sehr vielen guten ­Taten und viel Gemeinschaft, und dass man dieses Gefühl von Beziehung zu ­Allah hat. Bei dieser Beziehung sollte es eigentlich kein Gefühl von Routine ­geben. Der Prophet, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, hat ja auch gesagt, dass der Iman in Wellen verläuft. Ich hoffe, dass es für uns alle eine Welle ist, die über die Zeit gesehen nach oben führt und unsere jetzigen Tiefs im Vergleich zu den vergangenen Höhen immer noch höher sind. Ich erbitte von Allah ein ­solches Hoch im Ramadan, damit mich dieses Hoch durch die anderen Zeiten begleitet.“ Der Fastenmonat hat viele Besonderheiten, von denen Johari einige aus seiner Erfahrung beschreibt: „Der Monat Ramadan ist ja Leben pur, da passiert so viel, so viele Begegnungen, so viele herzensrührende Momente, so viele Vorträge, die man sich anhört, auch oft dass man sich einen Ruck gibt oder etwas tut, was man vielleicht sonst nicht tun würde, wieder Kontakt zu Leuten aufzunehmen, sie einzuladen, vielleicht ein paar Wogen zu glätten und Dinge zwischen Menschen zu klären. Es passiert oft mehr als im restlichen Jahr.“ Auch auf der Straße bemerkt er im Ramadan eine andere Atmosphäre unter den Muslimen. „Man grüßt sich verstärkt und es gibt das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Zusammen fastens.“

Er persönlich werde versuchen, jeden Tag in der Moschee zu sein, sagt Mohammed Naved Johari. „Dort möchte ich nicht alleine sein, sondern die Gelegenheit nutzen, andere Menschen auch dorthin einzuladen, Muslime wie auch Nichtmuslime, und mit ihnen etwas von diesem Monat zu genießen.“ Im letzten Jahr habe er zwei nichtmuslimische Freunde zum Tarawih-Gebet mitgenommen, und sie seien sehr angetan gewesen. „Auch wenn sie sprachlich die Rezitation im Gebet nicht verstehen konnten, hat es sie doch sehr berührt.“ Möglichst jeden Tag in der Moschee zu sein und auch verschiedene Moscheen aufzusuchen, das hat sich Mohammed auch in diesem Ramadan vorgenommen. Und in den letzten zehn Tagen des Ramadan möchte er auch versuchen, in der Moschee zu übernachten. Private Einladungen zum Iftar spielen für ihn hingegen keine so große Rolle. „Wenn man Gäste hat, ist es oft so, dass man am wenigsten mit seinen Gästen zusammen ist, weil man mit dem Zubereiten des Essens, dem Bedienen und so weiter beschäftigt ist“, meint er. „Ich finde es leichter, sich in den Moscheen zu treffen und deren Angebot anzunehmen.“

Die Besucherzahlen in den Moscheen sind im Ramadan deutlich höher als in den anderen Monaten. Allerdings ist in den letzten Jahren vielfach ein Rückgang der Besucherzahl bei den Tarawih-Gebeten zu erkennen. Auch beten zunehmend mehr Leute nicht mehr bis zum Ende mit, sondern verlassen die Moschee nach einigen Rak’at wieder. Mohammed Naved Johari meint, dass dies nicht daran liege, dass die Spiritualität der Muslime nachgelassen habe – das Gegenteil sei der Fall. Vielmehr liege es einfach daran, dass die Tarawih-Gebete durch die Sommermonate immer später am Abend liegen, und es für Muslime, die einen Arbeits- oder Studientag hinter sich haben und am nächsten morgen früh aufstehen müssen, nicht ganz einfach ist, bis spät abends noch in der Moschee zu sein. Und schließlich muss man das ­Tarawih-Gebet ja auch nicht zwingend in der Moschee beten, auch wenn dies besser ist, sondern kann dies auch zu Hause tun.

„Der Ramadan ist jedes Jahr erneut eine Schuld, die man bei Allah hat und die man erfüllen muss, also eine Verpflichtung Ihm gegenüber“, sagt die Erzieherin Sidiqa Woy-Küffner. „Es ist auch eine körperliche und geistige Reinigung.“ Sie achte darauf, nach dem Fas­tenbrechen nicht über das Maß zu essen, morgens aber sehr energiereich. „Beim Sahur ist es gut, vor allem Getreideprodukte oder Nüsse zu essen, auch etwas warmes, was dem Körper morgens auch gut tut“, sagt Woy-Küffner. Auch vitaminreiche Kost gehöre dazu. Für sie spielt die Gemeinschaftlichkeit eine große Rolle. In der muslimischen Gemeinschaft von Potsdam, wo sie lebt, trifft man sich abends zum Iftar und Tarawihgebet, wobei es intern so organisiert wird, dass einzelne Haushalte dafür kochen. „Das gemeinsame Fastenbrechen ist sehr wichtig, und natürlich auch das gemeinsame Gebet.“ Dabei gibt es lediglich eine Suppe. Nach dem Tarawih-Gebet kann man dann zu Hause noch etwas essen, wenn man möchte, oder man wird in andere Häuser eingeladen.

„Die Kinder sind total begeistert vom Ramadan und möchten auch schon fasten, auch wenn sie noch zu jung dafür sind. Nichtmuslime stellen sich das häufig so ein bisschen düster und asketisch vor, aber in Wirklichkeit ist es das Gegenteil“, sagt ihr Mann Khalil Küffner. „Jetzt, wo der Ramadan in die Sommermonate fällt und die Fastentage länger sind, wird es für viele eine Prüfung sein, zum Beispiel wenn man hart arbeiten muss und es sehr heiß ist“, gibt er zu bedenken. Er selbst arbeitet als Pfleger in einem Hospiz im Schichtdienst, oft auch abends. „Gottseidank kann ich dort mein Fasten brechen und auch beten und etwas essen.“ Seine Kollegen könnten oft schwer nachvollziehen, dass Muslime beim Fasten auch nichts trinken, was ein Unterschied zu christlichen Fastenweisen ist.

Tatsächlich fällt aber auch jungen Muslimen das Fasten leichter, als Außenstehende vielleicht annehmen mögen.

„Die ersten Tage sind immer etwas schwer, aber nach der ersten Woche geht es“, sagt der 14-jährige Qamaruddin. „Am Ende bemerkt man gar nicht mehr, dass man Hunger hat“, sagt auch Idris (14). „Man kommt in den Rhythmus schnell rein, und total cool ist es, dass man sich abends mit der ganzen Gemeinschaft trifft“, meint Qasim (15).

Für Musa Gerner, ebenfalls „neuer“ Muslim, ist es in diesem Jahr der zweite Ramadan, den er fastet. „Mein erster Ramadan war sehr aufregend, zumal ich in der Türkei war, als er begann“, erzählt der junge Musiker. Es sei recht warm gewesen, und an den ersten Tagen des Fastenmonats habe er noch etwas Kopfschmerzen gehabt, die dann aber schnell vergingen. „Es war interessant, festzustellen, dass Allah die Dinge einfach macht, wenn man etwas für Ihn tut, denn man fastet ja für Allah.“ In der Türkei sei der Ramadan mit vielen Kanonenschüssen eingeleitet worden, und morgens wurden laute Signale gegeben, um die Zeit des Sahur bekannt zu geben, die mit dem Adhan zum Morgengebet endet. „Es war schon eine sehr angenehme Stimmung, vor allem weil sich die Menschen in der Türkei im Ramadan durch das Fasten regelrecht ‘islamisieren“, das war schon ein gutes Feeling“, sagt Musa. Nun ist er auf den kommenden Ramadan gespannt.

Auch Musa gefällt das abendliche Zusammenkommen zum Fastenbrechen, auch wenn er im letzten Jahr kaum dabei sein konnte, da er fast jeden Abend in einer Abendschule verbringen musste. „Dort habe ich während des Unterrichts das Fasten gebrochen. Ich hatte einen halben Liter Milch in einer Plastikflasche dabei und ein paar Datteln. Die habe ich dann während des Unterrichts auf den Tisch ausgepackt und habe so das Fasten gebrochen.“ In diesem Ramadan möchte Musa öfter die Abende in Gemeinschaft verbingen, und auch den Qur’an noch einmal in deutscher Übertragung lesen. Als HipHop-Musiker wird er auch im Ramadan einige Konzerte haben, die allerdings alle mit einer Reise verbunden sind. Als Reisender muss man nicht fasten und kann die entsprechenden Tage später nachholen. So kommt Musa nicht in die Situation, fastend einen Auftritt bestreiten zu müssen. „Das Gebet ist ­innerlich immer ein Geschenk, und durch freiwillige Gebete kann man ja für den Paradiesgarten gewissermaßen vorbauen. Schon dies ist wundervoll, man betet das Tarawih-Gebet und bekommt dafür inscha Allah noch ein Haus mehr im Paradies. Damit allein kann man mit einem tollen Gefühl zum Gebet gehen und wieder nach Hause. Das ist schon der Wahnsinn“, sagt Musa Gerner begeistert.

Für Abdulhafidh Ullmann wird es der dritte Ramadan sein. Seine ersten beiden Fastenmonate hat er überwiegend außerhalb Deutschlands in muslimischen Ländern verbracht. „Dort wird zum Fastenbrechen der Adhan vom Minarett ausgerufen, und viele Tausend Menschen sind in und vor den Moscheen, wo Essen verteilt wird“, erzählt er. „Dort sieht man tagsüber so gut wie niemanden in der Öffentlichkeit etwas essen oder trinken, selbst die Touristen halten sich zurück. Dadurch fällt das Fasten dort leichter. In Deutschland muss man etwas mehr an sich arbeiten und sich zusammenreißen, zumal hier die Tageslängen viel mehr variieren“, berichtet Abdulhafidh Ullmann. „Früher, als ich noch nicht Muslim war, war jeder Monat für mich gleich. Jetzt kann ich wirklich sagen, dass der Ramadan für mich der schönste Monat des Jahres ist. Es heißt nicht nur wenig zu essen, sondern man hat die Möglichkeit, sich abends mit der muslimischen Gemeinschaft zu treffen.

Man isst in diesem Monat weniger, dementsprechend regt man sich weniger auf, man geht anders an seine Arbeit heran, mit viel mehr Tiefgang, und versucht, harmonischer mit seiner ganzen Umgebung zu sein. All das bildet ein organisches Ganzes. Das ist sehr faszinierend. Beim Fasten bekommt das Leben ein anderes Prinzip und einen anderen Stellenwert, die Prioritäten sind ganz anders. Am Ende steht das ‘Id-Fest, das einfach herrlich ist, und wo man mit vielen Millionen Muslimen weltweit, mit denen man gemeinsam gefastet hat, diese schönste Zeit des Jahres auch feierlich beendet. Es ist sehr schön, zu dieser großen Zahl von Menschen zu gehören, die den Islam als ihre Lebensweise haben, und ich bin sehr dankbar dafür.“

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