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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder

Wie sich richtig um eine Stelle bewerben?

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(iz). Einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden und wie man sich dafür bewirbt, ist vor allem für junge Muslime eine wichtige Frage. Und gerade Kopftuch tragende junge Frauen haben es auf dem Arbeitsmarkt oft besonders schwer.

Es gibt verschiedene Initiativen, die jungen Migranten und jungen Muslimen diesbezüglich helfen wollen. Eine davon ist das seit 2003 bestehende Dortmunder Projekt PORTIN II, das jugendliche MigrantInnen beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützen will. Träger ist unter anderem die örtliche ARGE, die Stadt Dortmund und der Stadtteil-Schule e.V. in Dortmund.

Ein Schwerpunkt ist dabei das Projekt „Jugend berät Jugend“, das in Schulen geht und mit jugendlichen „Coachern“ arbeitet, die selbst einen Migrationshintergrund haben. So wie Derya Aksoy, die, nebenbei erwähnt, auch ein Kopftuch trägt. Die Coacher berichten dort über ihren Beruf und wie sie den Einstieg darin geschafft haben. Zugleich sollen sie den Jugendlichen auch die Bedeutung einer abgeschlossenen Berufsausbildung vermitteln. „Grundsätzlich sollte man beim Arbeitsamt bei der Berufsberatung notiert sein und sich als Lehrstellensuchend anmelden. Aber es ist natürlich immer auch eigene Initiative notwendig, das ist ganz wichtig“, empfiehlt Derya Aksoy generell.

Das Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen (BFMF) in Köln ist ein Treffpunkt für viele junge muslimische Frauen, die sich hier unter anderem weiterbilden, Schulabschlüsse nachholen und auch Bewerbungstraining in Anspruch nehmen können. Der Bereich der berufsorientierten Bildung wird von Gerdi Hippert-Yilmaz, die übrigens selbst keine Muslimin ist, betreut. Die jungen Frauen haben dabei ganz unterschiedliche Erfahrungen auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt gemacht.

Problem Kopftuch?

Zuhal Turan (31) hat Wirtschaftsinformatik studiert. Sie hatte ihren Haupt- und Realschulabschluss im BFMF gemacht und zunächst, mit Unterstützung des BFMF, eine Ausbildungsstelle als Informationstechnische Assistentin erhalten und diese auch absolviert. Zeitgleich hat sie ihr Fachabitur erworben. Anschließend hat sie studiert und während dessen nebenbei in vielen befristeten Arbeitsstellen gearbeitet. Trotzdem hatte sie nach dem Studium Probleme, eine feste Arbeitsstelle zu finden. Anschließend hatte Zuhal eine Trainee-Stelle gefunden, die allerdings auch nicht in eine feste Stelle überging. „Man hat mir nicht direkt einen nachvollziebaren Grund genannt, warum ich nicht übernommen wurde“, erzählt sie. „Ich würde schon gern wissen, warum ich nicht eingestellt wurde, aber das passiert selten.“ Dass es auch an ihrem Kopftuch lag, hält sie für möglich, es wurde ihr aber nicht direkt so gesagt. „In vielen Firmen, gerade in gehobenen Jobs, geht die Qualifikation vor, nicht das Kopftuch, aber nicht immer. Es liegt oft an den jeweiligen Personen, die das Personal einstellen“, meint Hippert-Yilmaz dazu. Generell spiele das Kopftuch umso mehr eine Rolle, je mehr persönlichen Kundenkontakt die Tätigkeit beinhaltet. Einfach ausgedrückt: Im Einzelhandel treffen Bewerberinnen auf mehr Probleme als bei einer reinen Bürotätigkeit oder in einem Callcenter.

Gülsüm (25) lebt seit 11 Jahren in Deutschland. Da sich ihre ­bisherigen Arbeitsstellen im Einzelhandel befanden, hatte sie immer wieder Probleme wegen ihrem Kopftuch. Manch­mal musste sie es auch während der Arbeit ablegen, auch wenn ihr das widerstrebt hat. „Ich habe viele Praktika im Einzelhandel gemacht, aber es hat trotzdem nie geklappt, obwohl ich gut gearbeitet habe; ich war flexibel, fleißig und immer freundlich“, erzählt sie. Bis heute hat sie keine Ausbildungsstelle bekommen. Manchmal wurde ihr der Ablehnungsgrund Kopftuch sofort und direkt genannt – wodurch man wenigstens wisse, woran man sei, doch sei dies natürlich dennoch frus­trierend. „Ich sage den Mädels immer wieder, dass sie sich selbst schon von vornherein einschränken, da sie selbst schon das Kopftuch sehr als Problem sehen und eine zu negative Einstellung haben. Aus der Praxis bekomme ich aber viele positive Gegenbeispiele. Es gibt natürlich Vorurteile gegenüber dem Kopftuch, aber es ist wichtig, wie man auftritt. Selbstbewusstsein und Kompetenzen zählen mehr. Man soll eine positive Energie ausstahlen und sich nicht selbst demotivieren. Ich selbst bekomme immer wieder positives Feedback zum Kopftuch im Berufsleben. Die eigene Haltung und innere Einstellung, wie man selbst dazu steht, zählt“, meint Derya Aksoy zu dem Thema.

Welche Rolle spielt das Kopftuch tatsächlich in Relation zu anderen Faktoren, die problematisch sein können, wie etwa mangelnde Schulabschlüsse, schlechte Noten, mangelnde Sprachkentnisse oder mangelnde andere Fähigkeiten? „Man kann das nicht so genau auseinanderhalten“, sagt Gerdi Hippert-Yilmaz. „Wenn die Qualifikation absolut in Ordnung, ja hervorragend ist, wie bei Zuhal, ist meiner Ansicht nach letztlich das Kopftuch das Problem. Nur wenn die Betriebe das nicht sagen, bleiben natürlich für die Bewerberinnen viele Fragen und Zweifel übrig, woran es denn jetzt hapert. Natürlich, fehlende Schulabschlüsse spielen eine große Rolle gerade im Einzelhandel, und bei viel Kundenkontakt bestehen die Betriebe immer häufiger darauf, dass ohne Kopftuch gearbeitet wird. Ich versuche immer, meinen zu Betreuenden zu vermitteln, dass jeder für sich selbst entscheiden muss, ob er Kompromisse eingehen möchte, um einen Job zu haben. Manchmal hat man aber auch keine Wahl, wenn man Geld verdienen muss, um den Lebensunterhalt zu sichern.“ Viele gerade mittlere und kleinere Betriebe sähen leider noch nicht die besonderen Fähigkeiten von Migrantinnen als Vorteile, nämlich die per se-Zweisprachigkeit, die im Sinne einer besseren Kundenansprache stärker genutzt werden könnte, oder die interkulturelle Kompetenz, meint Gerdi Hippert-Yilmaz. Größere Unternehmen hätten das schon eher erkannt.

Praktische Empfehlungen

Ein ganz wichtiges Thema, so Hippert-Yilmaz, sei die Sprachbeherrschung. „Das ist schon bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen wichtig, erst recht aber beim Vorstellungsgespräch. Ob man sich sprachlich behaupten kann, ist in vielen Berufen überhaupt erst die Eintrittskarte ins Berufsleben, aus vielen praktischen Gründen. Man muss auch schauen, ob der Beruf, den man sich auswählt, überhaupt zur eigenen Biografie passt, dass man schon Praktika oder Erfahrungen in dem Bereich gemacht oder aus familiärem Erleben Erfahrungen hat. Viele Grundkenntnisse werden schon vorab erwartet.“

Es sei empfehlenswert, Bewerbungen nicht per Post zu schicken, sondern persönlich abzugeben, rät Leila (17), weil es dabei schon einmal zu einem ersten Eindruck komme. „Das Erleben der Person ist meist wichtiger als die Bewerbungsmappe – dass man die Person sieht, wie sie auftritt, wie sie sich gibt“, bestätigt auch Frau Hippert-Yilmaz. Wichtig sei auch, was man zum Bewerbungsgespräch anzieht, wobei es je nach Art des Jobs unterschiedlich sein könne, was passend ist. „Wer sich als Gymnastiklehrerin bewirbt, sollte nicht im Köstüm mit Stöckelschuhen zum Bewerbungsgespräch kommen.“ Auch die Farbwahl spielt eine Rolle, ob bunt oder eher gedeckt, so wie auch die Frisur und andere Äußerlichkeiten. „Man hat keine zweite Chance für den ersten Eindruck – der sitzt. Auch professionelle Personalberater, die Einstellungsgespräche durchführen, reagieren wie Menschen, nämlich zuerst einmal aus dem Bauch, bevor sich dann das Gehirn einschaltet“, so Hippert-Yilmaz. Auch den Weg zum Bewerbungsgespräch sollte man einüben – um nicht zu spät zu kommen und zu wissen, wer der richtige Ansprechpartner ist und wo man ihn findet. Bei Fotos sollte man darauf achten, wenn man denn Kopftuch trägt, dass nicht das Kopftuch, sondern das Gesicht im Vordergrund stehe, also keine grellen Farben beim Tuch, sondern dezente Hautfarbe oder Farben, die natürlichen Haarfarben ähneln.

Dass man keine „Standardbewerbungen“ abgeben solle, darüber sind sich alle Befragten einig. „Leider werden Bewerbungen in der Schule nicht trainiert. Daher empfehle ich jedem, dies vorher zu üben und auch schon während der Schulzeit Praktika zu machen“, sagt Hippert-Yilmaz. Auch Derya Aksoy betont die Wichtigkeit von Praktika: „Leider bewerben manche sich irgendwo, haben aber keine genaue Vorstellung über den Beruf und brechen dann teils wieder ab.“

Seine biografischen Daten aus dem Lebenslauf müsse man für das Gespräch auch im Kopf parat haben. Auch Dinge, die man in der Freizeit tut oder ehrenamtliche Tätigkeiten, die nicht direkt mit Schule oder Beruf zu tun haben, sollte man erwähnen, auch soziale Hilfstätigigkeiten in der Familie oder Nachbarschaft, Auslandsaufenthalte oder Sprachkenntnisse. „In den Bewerbungsunterlagen soll deutlich werden, was für ein Mensch einem da gegenübersitzt, womit er sich beschäftigt.“ All dies präge das Bild vom Menschen und seinen Eigenschaften, so Hippert-Yilmaz.

Wer beispielsweise als Hobbys „Lesen, Schwimmen, Radfahren“ nennt, was ohnehin relativ banal klingt, der sollte zumindest in der Lage sein zu sagen, welches Buch er denn zuletzt gelesen hat, oder einige Autoren nennen können.

„Es hängt viel davon ab, dass man in der Schule abgesehen von den Schulnoten einen vernünftigen Eindruck macht, also die Kopfnoten wie Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit. Man muss davon überzeugt sein, warum man sich gerade für diesen Bereich entschieden hat, und man sollte sich genug Informationen darüber holen und sich auch gut über den Betrieb informieren. Die Betriebe wollen nämlich wissen, warum sollen wir gerade dich nehmen?“, sagt Derya Aksoy.

Sie betont auch, dass man sich auf keinen Fall selbst demotivieren solle: „Es gibt auch unter den Migranten-Eltern oft das Vorurteil, man werde ja eh diskriminiert, und ihren Kindern würden eh keine Stellen gegeben. Wenn ich dann aber sage, dass man sich für das Vorstellungsgespräch auch vorbereiten muss, zeigt sich häufig, dass viele sich gar nicht richtig vorbereitet hatten.“

Hilfe und Beratung kann man je nach Ort bei unterschiedlichen Stellen und Trägern bekommen. Man sollte aber auch die Unterstützung seiner persönlichen Umgebung, auch der Eltern, in Anspruch nehmen, rät Gerdi Hippert-Yilmaz.

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