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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder

Wie Jugendgewalt begegnen?

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(iz). Als kürzlich eine Vorabmeldung zu der Studie „Kinder und Jugendliche in Deutschland. Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum“ des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen unter Leitung von Prof. Christian Pfeiffer in die Medien geriet, wurde ein kleiner Teilaspekt der Studie besonders aufgegriffen: Männliche Jugendliche aus muslimischen Familien, die sich selbst als „sehr religiös“ einstuften, neigten stärker zu Gewalttätigkeit und „männlichem Dominanzverhalten“ als andere Jugendliche. Bei der Diskussion der Ergebnisse in der Studie warf Pfeiffer die Frage auf, ob die Art und Weise der Vermittlung des Islam – nicht der Islam an sich – auch durch die Imame in den Moscheen daran ursächlich mit beteiligt sei. Diese und andere in der Studie angestellte Überlegungen, Erklärungsansätze und aufgeworfene Fragen, wie auch die Methodik der Studie selbst, sollen hier nicht diskutiert werden. Die Diskussion darüber, auch mit Prof. Pfeiffer selbst, ist bereits in vollem Gange.

An dieser Stelle soll es viel mehr darum gehen, ob und wie die Vermittlung eines authentischen Islamverständnisses und auch die muslimische Jugendarbeit Phänomenen wie Gewalttätigkeit, Jugendkriminalität und falschem männlichen Dominanzverhalten vorbeugen können, und wo die Ursachen für diese Verhaltensweisen liegen könnten. Pfeiffer sieht die Ursachen nicht nur im Islamverständnis, sondern auch historisch und kulturell bedingt. Innerhalb der Studie spielt zudem unter anderem der Konsum von brutalen Computerspielen oder Filmen als Einflussfaktor eine Rolle. Hinzu kommen soziale und bildungsbezogene Faktoren – dass Kinder aus ärmeren Familien schlechtere Chancen im deutschen Bildungssystem haben, ist durch mehrere Studien nachgewiesen.

Der eigentliche Skandal an den Meldungen, der gerade auch unter Muslimen für Irritation sorgte, war, dass es so schien, als ob gerade die besonders religiösen, den Islam praktizierenden Jugendlichen zur Gewalttätigkeit neigten. Ging man doch muslimischerseits bisher immer davon aus – und tut dies nach wie vor – dass ein richtig verstandener Islam und die islamische Praxis vor Kriminalität, Gewalt und anderem Fehlverhalten schützt oder ihr wenigstens stark entgegenwirkt. Aller Erfahrung nach sind es nicht die bewussten Muslime unter den jungen Leuten, sondern jene, die weniger in der Moschee als „auf der Straße“ zu finden sind, welche auf die schiefe Bahn geraten. Man muss allerdings auch sehen, dass es durchaus Jugendliche gibt, die sich als religiös bezeichnen, aber vielleicht gerade einmal zum Freitagsgebet kommen oder im Ramadan fasten. Inwieweit ihr sonstiges Alltagsleben vom Islam geprägt ist oder wie viel sie tatsächlich vom Islam wissen, ist damit noch lange nicht gesagt.

Ursachen
Dr. Ibrahim Rüschoff, Psychologe und Autor, beklagt vor allem das Fehlen positiver muslimischer Vorbilder – die „nicht diskrepant“ seien – für die männlichen Kinder und Jugendlichen. „Die Söhne werden oft wie kleine Prinzen verhätschelt. Schwache Mütter in patriarchalen Gesellschaften brauchen abhängige Söhne, damit diese ihre Interessen durchsetzen können. Dazu müssen sie diese in Abhängigkeit halten. Sie produzieren also immer wieder schwache, abhängige Männer, die sich dann immer wieder ihrer Rolle vergewissern müssen, indem sie den Daumen draufhalten. Das ist ein ewiger Kreislauf.“

Ein weiteres Problem sei die Trennung von einer ritualisierten religiösen Praxis und dem sonstigen Leben und Handeln – etwas, dass es im Islam eigentlich nicht geben sollte, aber vorkommen kann, wenn eine Ritualisierung ohne Verinnerlichung und ohne hinreichendes Wissen und Bewusstsein ­besteht.

Und wie kommt es zu den paradoxen unterschiedlichen Maßstäben bei der Bewertung des Verhaltens von Söhnen und Töchtern? „In vielen traditionellen Gesellschaften wird die Ehre der Frau an ihrer Keuschheit festgemacht; die Ehre des Mannes hingegen an seiner Fähigkeit, diese Familie zu ernähren, zu verteidigen und so weiter. Wenn ein Mann zum Beispiel eine voreheliche Beziehung hat, wird dies zwar nicht gern gesehen oder auch miss­billigt, aber es hat nicht den gleichen Ehrkonflikt zur Folge wie bei der Frau“, sagt Dr. Rüschoff. Ein geringschätziges Verhalten gegenüber Frauen und Mädchen und das Messen mit zweierlei Maß hat natürlich mit dem Islam und dem Vorbild des Propheten Muhammad absolut nichts zu tun, das kann nicht oft genug betont werden.

Oft sei das „Machotum“ das einzige, was diese Männer noch hätten, die im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt eher zu den Verlierern zählten, meint Dr. Rüschoff. „Man muss auch einmal etwas weicher sein dürfen, ohne gleich als Weichei zu gelten. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit eigenen Fehlern und Schwächen.“ Ein weiteres Problem sei auch, dass die Väter oft in der Erziehung viel zu wenig präsent seien.

Saloua Mohammed, die bei den „Lifemakers“ muslimische Jugendarbeit macht, sieht als Ursachen für das Abrutschen von Jugendlichen auf die schiefe Bahn Faktoren wie schlechten Umgang mit einem entsprechenden Umfeld, einen schwachen, labilen Charakter und falsche Vorbilder. „Die Jugendlichen haben das Bedürfnis nach Respekt und Anerkennung, sie suchen es allerdings auf der falschen Schiene“, sagt sie. Auch in den Elternhäusern sieht sie große Missstände: „Es gibt Väter, die jeden Tag in der Moschee sind und ihre Kinder – teils im wahrsten Sinne des Wortes – in die Moschee prügeln, zum Beispiel zum Unterricht an den Wochenenden, um Arabisch und Qur’an zu lernen – aber auch, um vor den Anderen in der Moschee ein gutes Bild abzugeben. Ich wünschte mir diesen Eifer der Eltern auch, wenn es um die Schule geht“, sagt Mohammed. Wenn sie ins Teenageralter kommen, möchten viele Kinder dies dann nicht mehr mitmachen und entfernten sich dann oft von der islamischen Praxis, die ihnen nur unter Zwang nahe gebracht worden war, sagt die Lifemakers-Aktivistin. „Diese Eltern haben es nicht geschafft, den Kindern zu vermitteln, dass der Islam eine Freude, eine Entlastung für die Seele ist und keine Belastung.“

„Ich denke ein wichtiger Punkt sind falsche Vorbilder aus den Medien. Ob das nun Gewaltverherrlichende Spiele, Videoclips oder ‘Künstler’ sind, spielt keine Rolle“, meint Sare Sagdic-Begas, Vorstandsmitglied der Muslimischen Jugend in Deutschland (MJD). „Dazu kommt die Arbeits- und, damit verbunden, die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher. Wer ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf den Straßen herumhängt, landet leider leichter – wenn auch nicht zwangsläufig – in gewalttätigen Milieus.“

Bei gewalttätigen Jugendlichen mit Migrationshintergrund sei auch die fehlende Akzeptanz in der Gesellschaft eine Ursache für Gewalttätigkeit. Bei Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund komme noch ein falsches Islamverständnis hinzu, meint Sagdic-Begas.

Was muss sich ändern?
Die Jugendarbeit in den Moscheen müsse unbedingt intensiviert und professionalisiert werden, fordert Saloua Mohammed, und sie sollte sich mit den anderen zuständigen Einrichtungen der jeweiligen Stadt vernetzen. Man müsse den Jugendlichen besser zuhören, und ihnen dann auch helfen. Man müsse ihnen deutlich machen, dass die besagten kulturell bedingten Sichtweisen und Verhaltensweisen nichts mit dem eigentlichen Islam zu tun hätten. „Vieles, was Leute wie Necla Kelek kritisieren, gibt es tatsächlich. Wir dürfen als Muslime diese Missstände nicht ignorieren“, sagt Saloua Mohammed. Es braucht sicher auch die richtigen Vorbilder, die den jungen Männern ­zeigen, dass Männlichkeit nicht mit ­“Machotum“, sinnloser Gewalt oder ­Geringschätzung von Frauen zu tun haben muss.

Dass Moscheen und Imame nicht zwingend Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein können, zeigen die inzwischen jahrelangen Erfahrungen der Polizei in vielen Städten. Dirk Sauerborn beispielsweise, Kontaktbeamter bei der Polizei Düsseldorf und unter anderem für den Kontakt zu den Moscheegemeinden zuständig, hält unter anderem auch in Moscheen Präventionsveranstaltungen ab. Dafür gibt es ein spezielles Medienpaket mit Filmen über Jugendkriminalität und häusliche Gewalt, das dann als Ausgangspunkt für Diskussionen genommen wird. Die Programme richten sich nicht nur an Jugendliche, sondern auch an Eltern, zum Beispiel bei Prävention vor Drogenmissbrauch. „In Düsseldorf weisen die Imame in ihren Predigten auch auf die Gefahren von Drogen und anderen Straftatbeständen hin“, sagt Sauerborn. „Da gibt es eine fruchtbare Zusammenarbeit, auch in anderen Städten.“ Er erhalte auch Anfragen von Moscheen, die von sich aus eine Zusammenarbeit mit der Polizei bei der Präventionsarbeit wünschten.

„Was wir seit Jahren in unserer Jugendarbeit erleben, ist das verzerrte Bild des Islams in den Köpfen von jungen Muslimen. Die klare Trennung von Tradition und Religion ist für viele Jugendliche noch nicht möglich, weil sich diese zwei Dinge im Elternhaus immer wieder vermischen. Und genau hier setzen wir an“, sagt Sare Sagdic-Begas. „Die wichtigste Präventionsarbeit, die man leisten kann, ist die persönliche Betreuung von Jugendlichen. Wir müssen wissen, was in ihren Köpfen vorgeht, was sie fühlen und was sie dazu bringt, gewalttätig zu werden.“

Wichtig seien Aggressionsbewältigung und Frustrationsabbau. „Wenn man die negative Energie der Jugendlichen in die richtigen Bahnen lenkt, kann sich das ins Positive umkehren.“

Darüber hinaus könne man die Wichtigkeit der Selbstverantwortung, der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und natürlich gegenüber Allah vermitteln, was einhergehen müsse mit Motivation der Jugendlichen. „Nicht selten sind gerade die Jugendlichen von Kriminalität betroffen, die weder Studium, noch Ausbildung, noch Job noch irgendeine Hoffnung auf Verbesserung der Lebenssituation haben. Dabei bietet uns die islamische Geschichte viele Musterbeispiele und Vorbilder, wie man es schafft, nicht in Hoffnungslosigkeit zu verfallen. Das beste Beispiel sind die Propheten, Friede auf ihnen, und allen voran der Prophet Muhammad, Friede auf ihm“, sagt Sare Sagdic-Begas.

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