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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder

Wie mit Tod und Trauer umgehen?

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(iz). Im Islam stellt die Vorbereitung auf das Leben nach dem Tod eines der zentralen Elemente der Glaubens­praxis dar, im Bewusstsein, dass man in diesem Leben nur auf der Durchreise ist und es vor allem dafür nutzen muss, sich zu bewähren, um für sein jenseitiges Leben Gutes vorauszuschicken und am Tag der Auferstehung und Abrechnung zu jenen zu gehören, die Allahs Wohlgefallen erhalten und in den Garten eingehen werden, und nicht zu jenen, welche die Strafe im Feuer erwartet. Der Tod ist nur ein Übergang, wie wenn man durch eine Tür tritt.

Daher gibt es zahlreiche Hinweise im Qur’an und in den Aussprüchen des Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Heil, dass das häufige Gedenken des Todes Teil der täglichen Lebenspraxis der Muslime sein soll, bis hin zu der Maxime, wie sie Gelehrte des Tasawwuf geäußert haben, dass man sterben solle, bevor man stirbt. Dies meint, dass man in jedem Augenblick bereit sein soll für das Eintreten des eigenen Todes und in dem entsprechenden Bewusstsein, dass man jederzeit davon getroffen werden kann, leben und handeln soll.

Diese Einstellung führt idealerweise zu einem Verhalten, das den Tod als selbstverständlichen Teil unserer Existenz akzeptiert und keinesfalls tabuisiert, wie dies als Phänomen in modernen Gesellschaften auftritt, die sich von ihrer religiösen Verortung entfernt haben. Als Muslim soll man nicht vor dem Tod als solchem Angst haben, sondern vor der Abrechnung am Tag der Auferstehung, und sich darauf vorbereitend leben.

Muslime sollen den Tod von Angehörigen gefasst und geduldig aufnehmen und ebenso ihrem eigenen entgegentreten. Zwar soll man beständig des Todes und seiner eigenen Vergänglichkeit gedenken und sich so für seine Begegnung mit Allah vorbereiten und dieser gelassen, mit einer Mischung aus Furcht und Hoffnung, wobei letztere überwiegen sollte, entgegensehen.

Letztlich gilt es als wünschenswert, der Begegnung mit Allah sehnsüchtig entge­genzublicken, doch sind dem andererseits auch Grenzen gesetzt. So sagte der Prophet etwa: „Keiner von euch soll sich den Tod auf Grund eines Leidens wünschen, das ihn traf. Wenn er aber dies unbedingt tun will, so soll er nur sagen: ‘O Allah, mein Gott, lass mich weiterleben, solange das Leben für mich gut ist, und lass mich dann sterben, wenn der Tod für mich gut ist.’“ Die Entscheidung, wann der Zeitpunkt des Todes gekommen ist, liegt immer bei Allah.

Natürlich ist ein solches idealtypisches Verhalten nicht automatisch bei jedem Muslim zu finden, es hängt unter anderem mit dem Grad des islamischen Bewusstseins, Wissens und der eigenen Praxis zusammen. In diesem Zusammenhang stellt sich nicht nur die Frage, wie man sich selbst dem eigenen Tod stellt, sondern auch wie Angehörige mit dem Tod und mit ihrer Trauer umgehen.

Mehmet Balcok von der Essener Bestattungsfirma Gurbet hat, bei aller organisatorischen Arbeit, die in einem Bestattungsunternehmen zu tun ist – wobei bei muslimischen noch der Bereich der Überführungen ins Ausland eine wichtige Rolle spielt – natürlich auch auf persönlicher Ebene mit den Angehörigen der Verstorbenen zu tun.

„Die persönliche Betreuung der Angehörigen ist in unserem Beruf sehr wichtig. Wir haben Imame, mit denen wir zusammenarbeiten, und die mit den Familienangehörigen zusammen diesen Weg gehen, ihnen Trost spenden und ihnen bei Fragen über die Trauer helfen können“, sagt Balcok. Er selbst ist natürlich auch Ansprechpartner und Betreuer für die Familien in allen Fragen.

Wie die Familien mit dem Verlust umgehen und wie sie trauern, kann sehr unterschiedlich sein. „Jede Familie nimmt es anders auf. Diejenigen, die richtig nach dem Islam leben, nehmen es eher gefasst auf, denn sie wissen, dass der Tod zum Leben dazu gehört“, sagt Mehmet Balcok. Er zitiert den Angehörigen häufig Verse aus dem Qur’an, um sie zu trösten und zu beruhigen, wie etwa die Sure Al-Fadschr (Vers 27-30): „O du Seele, die du Ruhe gefunden hast, kehre zu deinem Herrn zufrieden und mit Wohlgefallen zurück. Tritt ein unter Meine Diener, und tritt ein in Meinen Garten.“

„Unter Muslimen ist es eine Selbstverständlichkeit, die Angehörigen durch die Trauerzeit zu begleiten. Da heißt es nicht, ‘wir wollen die Familie nicht in ihrem Schmerz stören’, sondern das Trauerhaus ist voll mit Besuchern, die die täglichen Pflichten abnehmen und durch viele Gespräche helfen, in den Alltag zurückzufinden“, erklärt der Bestattungsunternehmer.

Balcok sieht wie erwähnt große Unterschiede zwischen praktizierenden Muslimen und anderen. Erstere verhielten sich nach den Vorschriften des Islams, die etwa besagen, dass es keine exzessive Trauer geben soll, kein lautes Wehklagen und dergleichen. Aber auch, dass die Waschung des Leichnams und die Bestattung entsprechend der authentischen islamischen Art durchgeführt wird.

„Das erleichtert in jeder Hinsicht unsere Arbeit“, berichtet Mehmet Balcok. „Nicht praktizierende Muslime legen oft mehr Wert auf materielle Dinge, wie zum Beispiel das Aussehen des Leichnams, wo manche möchten, dass dieser einen Anzug trägt oder dergleichen, statt einfach das Leichentuch, oder man will Geld oder Gold in den Sarg legen. Sie gehen mehr nach Traditionen als nach dem Glauben. Das ist schwierig, denn wir versuchen dann natürlich, ihnen beizubringen, dass das nicht richtig ist, müssen uns aber letztendlich nach dem Willen der Familie richten.“ Andere kulturelle Traditionen beinhalteten etwa, die Toten mit lautem Klagen oder Schreien zu betrauern oder den Leichnam durch die Straßen zu fahren, die er gelau­fen ist. Wünschen Angehörigen bestimmte Dinge, die aus anderen Religionen kommen oder eindeutig nicht mit dem Islam vereinbar sind, dann schalte man einen Imam oder Gelehrten ein, der den Angehörigen erkläre, „dass es Dinge gibt, die im Islam ganz wichtig sind, etwa dass die Grabstellen in Richtung Mekka ausgerichtet sind. Es gibt zum Beispiel Familien, die das Grab lieber im christlichen Teil des Friedhofs haben möchten als im muslimischen, weil der oft eher etwas abgelegen oder nicht so schön ist, zum Beispiel an eine Autobahn angrenzt“, so der Bestattungsunternehmer. Man versuche zwar, dies zu vermeiden, doch wenn die Familie dennoch darauf bestehe, müsse man dies akzeptieren.

Raschid E. [Name von der Redaktion geändert] ist zweifelsohne in einer besonderen beruflichen Situation, denn er hat als Pfleger in einem Hospiz tagtäglich mit sterbenden Menschen zu tun. Für viele Menschen wäre es sicher nicht vorstellbar, eine solche berufliche Tätigkeit auszuführen. Wie geht er als Muslim damit um?

„Es ist das Wissen um die Gegenwart Allahs, Der alles erschaffen hat, und dass die Dinge so sind, wie sie von Ihm verfügt wurden, die einem dies möglich macht“, sagt Raschid. Er könne sogar nach Dienstschluss einen Zäsur machen und das Erlebte ausblenden – was er auch für sehr wichtig hält. „Es ist eine Art von Dienen, man unterstützt die Menschen in den Bereichen, in denen sie es selbst nicht können, wäscht sie, gibt ihnen zu essen oder Medikamente. Diese Dinge unterscheiden sich eigentlich wenig von üblicher Krankenpflege, mit dem Unterschied, dass die Menschen, die ich betreue, nicht mehr viel Zeit zum Leben haben.“ Auch wenn der Gedanke an den Tod bei der Arbeit nicht immer präsent sei, so sei seine Tätigkeit letztlich doch eine beständige Erinnerung an den Tod.

„Als Muslim ist der Moment des Todes der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen. Da entscheidet sich, ob man als Gläubiger auf die andere Seite geht oder nicht. Und niemand hat für sich eine Garantie darauf“, sagt der Krankenpfleger. „Wenn man darüber reflektiert, wirkt sich das schon aus, zum Beispiel dass man bestimmte Dinge nicht mehr so locker sieht.“

Raschid E. nimmt durchaus Unterschiede wahr zwischen dem Umgang von Muslimen und dem von Nichtmuslimen mit dem Tod. „Ich finde es erschreckend, wie die Selbstwahrnehmung von Menschen in dieser Gesellschaft ist. In unserer Gesellschaft ist der Tod sehr weit ausgeklammert, das Sterben spielt sich zumeist in Krankenhäusern, Palliativstationen oder Hospizen ab. Vor 50 Jahren war es noch normal, dass die Menschen im Kreis der Familie gestorben sind. Das ist heute in muslimischen Ländern noch wesentlich stärker der Fall, oder auch in Südeuropa.“

Manchmal habe er im Hospiz Patienten, die sehr allein gelassen seien – für Muslime wäre das so so nicht akzeptabel, meint Raschid, denn es würde eine engere Begleitung durch die Angehörigen geben. Und wie gehen die Patienten mit ihrem Schicksal um? „Manche sind sehr gefasst, sehr ergeben und nehmen es an. Andere hadern mit ihrem Schicksal oder sind frustriert. Erschreckenderweise spielt für viele die Dimension nach dem Tod gar keine Rolle, sie beschäftigt zum Beispiel eher die Frage, ob sie vor dem eigentlichen Sterben Schmerzen haben werden“, sagt Raschid.

Die Gewichtung, wie Muslime sie vornehmen, nämlich dass das Vorbereitetsein auf das Jenseits im Vordergrund stehe, finde er unter den Nichtmuslimen nur sehr selten. „Viele haben ein sehr mechanisiertes Weltbild, bei dem nach dem Tod nichts kommt. Vorstellungen, Ängste oder Hoffnungen sind nur auf den Bereich vor dem eigentlich Tod ausgerichtet, selbst bei Christen sehe ich selten eine intensive spirituelle Auseinandersetzung damit.“

Der Krankenpfleger sieht aber auch, dass freilich auch bei vielen Muslimen die Auseinandersetzung mit dem Tod und was danach kommt nicht so stattfindet, wie sie es eigentlich sollte. Die größte Furcht für Muslime sollte sein, ohne Iman, ohne Glauben zu sterben, und im Diesseits nicht für das jenseitige Leben vorgesorgt zu haben. Als Muslime sollen wir den Entscheidung Allahs, jemanden sterben zu lassen, mit Geduld annehmen. Der Prophet Muhammad sagte: „Allah, Hocherhaben ist Er, sagt: ‘Mein gläubiger Diener, dem Ich einen geliebten Menschen entriss, und er dies in Erwartung Meines Lohns geduldig ertrug, hat bei Mir keinen anderen Lohn zu erwarten, als das Paradies.’“

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