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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder

Wie Respekt vor den Eltern lernen?

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(iz). In der heutigen Zeit scheint vielen Menschen in unserer Gesellschaft, und bei weitem nicht nur Muslimen, bewusst zu werden, dass offenbar in der Erziehung der Kinder nicht alles in Ordnung ist. Bestseller-Bücher wie „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden“ von Michael Winterhoff und ähnliche deuten darauf hin, dass es in der Eltern-Kind-Beziehung verbreitete Probleme gibt, die mittlerweile vielen verstärkt bewusst geworden sind.

Das zum Anlass nehmend, soll der Aspekt der Erziehung, der mit dem Respekt vor der Autorität der Eltern zu tun hat, hier einmal etwas näher beleuchtet werden.

Im Islam spielt der Respekt seitens der Jünge­ren gegenüber den Älteren allgemein, und dabei natürlich an erster Stelle den eigenen Eltern, eine wichtige Rolle. ­Allah sagt im Qur’an: „Wir haben den ­Menschen unterwiesen, seine Eltern zu ehren.“ (Al-Ankabut, 7)

Es gibt mehrere Stellen in der Offenbarung, in denen Allah die Menschen eindringlich dazu anhält, gut zu ihren Eltern zu seinen und ihnen Dankbarkeit entgegenzubringen. Zugleich ist es verboten, den Eltern gegenüber ungehorsam zu sein. Dies gehört sogar zu den schwerwiegenden falschen Handlungen. Ebenso ist es eines der überlieferten ­Zeichen der Nähe des Jüngsten Tages, dass die Kinder keinen Gehorsam ihren Eltern gegenüber mehr haben.

Der Gesandte Allahs hat die Güte gegenüber den Eltern als eine der Handlungen benannt, die Allah am meisten liebt. Die Mutter nimmt dabei eine besonders herausgehobene Position ein. In Al-Bukharis berühmtem Werk „Al-Adab Al-Mufrad“ über das gute Verhalten steht das Kapitel über das Verhalten gegenüber den Eltern an erster Stelle.

Nun ist es eine Sache, den Eltern bewusst und reflektiert den ihnen gebührenden Respekt entgegenzubringen. Kleinere Kinder jedoch können dies noch nicht in diesem Maße bewusst tun. Dennoch sollte die Erziehung der Eltern darauf abzielen, die Kinder so zu erziehen, dass sie ganz selbstverständlich die elterliche Autorität achten und respektieren. Zu den Kernthesen des Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff gehört, dass im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern heute drei Formen von Beziehungsstörungen, die miteinander zusammenhängen, sehr verbreitet seien: Zum einen eine Art „Partnerschaftlichkeit“ zwischen Kind und Eltern – „Kinder werden aus der untergeordneten Rolle zwangsbefreit“, wie er sagt. Das bedeutet, dass die natürliche Hierarchie zwischen Eltern und Kind aufgehoben und das Kind von den Eltern als Partner, auf einer Augenhöhe, betrachtet wird. Dies führt zu massiven Problemen und Fehlverhalten des Kindes, das eben Kind ist und nicht gleichberechtigter Partner von Erwachsenen sein kann, und daher auch nicht wie ein Erwachsener behandelt werden kann. Die zweite Beziehungsstörung geht noch weiter; hier begeben sich die Eltern sogar unter das Kind, indem sie es als Projektionsfläche nutzen, um ihre eigenen Defizite zu kompensieren. Hierbei unterscheidet Winter­hoff zwei Effekte: Erstens, das Kind dient als Messlatte dafür, wie gut ich bin, das heißt der Erwachsene definiert sein eigenes Selbstbewusstsein allein durch das Verhalten des Kindes; zweitens, das Kind dient dazu, dass ich geliebt werden kann. Letzteres gelte vielfach nicht nur für die Eltern, sondern für auch Großeltern, Erzieher, Lehrer und dergleichen. In der dritten Beziehungsstörung kommt es schließlich zur Symbiose, das bedeutet dass Eltern ihre Psyche mit der des Kindes verschmelzen, so Winterhoff. Hier werden andere Menschen, auch die Eltern, vom Kind nicht mehr als solche, sondern als Gegenstände betrachtet. All diese Störungen führen natürlich entsprechend auch zu einem starken bis totalen Verlust der elterlichen Autorität.

Eltern sind zuerst Vorbilder für ihre Kinder. Gerade in den ersten sieben Lebensjahren lernen die Kinder in erster Linie durch Nachahmung und das elterliche Vorbild sowie das anderer Erwachsener des näheren Umfelds. Es geht in den ersten sieben Lebensjahren noch nicht darum, dem Kind zu erklären, warum es dies oder jenes tun oder lassen soll, zumal es die Gründe dafür noch nicht verstehen kann. Es muss zunächst vertrauensvoll folgen, und dafür ist es natürlich erforderlich, dass es die elterliche Autorität respektiert. Autorität ist mit Respekt verbunden und hat auch mit Dankbarkeit zu tun, zu der man seinen Eltern gegenüber verpflichtet ist. Die Eltern haben die Aufgabe, zu führen, zu leiten, zu erziehen und zu schützen. Um eine natürliche Autorität zu erlangen, die vom Kind bereitwillig akzeptiert wird, muss auch der Erwachsene etwas verkörpern, auch unabhängig von seinen konkreten Handlungen.

Dazu gehöre nicht nur der Tagesablauf, der durch das Gebet geordnet wird – wobei sich der Tagesablauf den Gebetszeiten unterzuordnen habe und nicht umgekehrt -, sondern auch eine Ordnung, die durch die Struktur des Tagesablaufs und des Zusammenlebens hergestellt werde, sagt die Sozialpädagogin Sidiqa Woy-Küffner, die Eltern in Erziehungsfragen berät. Autoritätspersonen seien nicht nur die Eltern, sondern auch andere Erwachsene im Umfeld. Kinder sollten erleben, dass ihre Umgebung durch eine solche Ordnung geprägt ist, so Woy-Küffner. Dann falle es ihnen auch leichter, anzunehmen, wenn ihnen etwas gesagt wird.

In einem muslimischen Umfeld, einem intakten islamischen Gemeinwesen könnten auch Nachbarn die Kinder ermah­nen und sollten dies tun. Daher ist es wichtig, zu versuchen, auch über die Kernfamilie hinaus ein entsprechendes Umfeld zu schaffen, sei es die Groß­familie, soweit diese vorhanden ist, oder ein gemeinschaftliches muslimisches Umfeld. Die Autorität müsse natürlich ausgerichtet sein auf die Sunna und die islamischen Werte, die von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden, so die Erziehungsberaterin, denn es ist ja der Gesandte Allahs, Friede und Segen auf ihm, der gewissermaßen uns Erwachsene führt. Schon Kleinigkeiten könnten etwas ausmachen, meint Sidiqa Woy-Küffner. So halte sie beispielsweise nichts davon, wenn Kinder Erwachsene oder Erzieher mit dem Vornamen ansprechen würden. Zu Respekt gehörten aber auch andere Dinge wie beispielsweise Hilfsbereitschaft.

Zu den Kernthesen von Michael Winterhoffs Buch gehört wie erwähnt, dass es ein Fehler sei, Kinder wie kleine Erwachsene zu behandeln. Dies sieht auch Sidiqa Woy-Küffner so. „Das äußert sich zum Beispiel darin, dass man ihnen Dinge aufträgt oder sie entscheiden lässt, die sie noch gar nicht können. Sie sind eben auch Erwachsenen nicht gleichgestellt, das kann gar nicht gehen.“ Sie hätten noch nicht die entsprechende Form oder das Benehmen, sie könnten keine Ratschläge geben oder sich so einbringen, das ein Gemeinwesen funktioniert, erläutert die Erziehungsberaterin weiter.

„Da wird dann zum Beispiel das Kind gefragt, was es den zu dieser oder jener Sache denke – aber was soll ein fünfjähriges Kind schon denken? Es kann nun einmal nicht wie ein Erwachsener agieren. Kinder fühlen sich dann nicht geführt und sind überfordert. Und jedes Kind hat dann eine andere Art, zu zeigen, dass es sich haltlos und mit der Situation überfordert fühlt. Dieses kann in eine Art Notstand führen. Ein Kind, das sich mehr nach Außen öffnet, kann zum Beispiel sehr impulsiv, vorlaut oder ‘neunmalklug’ auf uns wirken; eher introvertierte Kinder bekommen leichter seelische und körperliche Probleme, die man von Außen nicht so leicht wahrnimmt. Es zeigt sich hierbei, dass Erziehungsgeschehen deutlich auch in die Gesundheit des Kindes eingreifen kann“, sagt Woy-Küffner.

Eine Frage sei auch, in welchem Maß, welchem Umfang und zu welchen Zeitpunkten auch Sanktionen angebracht sind. Manche Eltern ließen ihren Kindern auch zu vieles durchgehen oder zöger­ten, Sanktionen auch konsequent umzusetzen. „Ich beobachte oft Hilflosigkeit, Schuldgefühle, wo immer diese auch herkommen, zum Beispiel dass man meint, wegen Arbeitstätigkeit zu wenig Zeit für sein Kind zu haben, was dazu führt, dass man vor Strafen zurückschreckt. Strafen in Maßen sind aber nichts schlechtes, sondern eine ganz normale Erziehungshilfe. Wenn Worte oder Vorbildverhalten nicht mehr weiter helfen, muss man schauen, wie man dem Kind auf diese Weise nahebringt, was es zu tun und zu lassen hat.“

Denn Grenzen sind notwendig. Michael Winterhoff schreibt, dass schon bei der mehrfachen, folgenlosen Wiederholung einer Aufforderung an das Kind die Autorität des Elternteils oder Erziehers beschädigt wird, weil es dadurch lernt, den Erwachsenen als Objekt steuern zu können, da seine Verweigerungshaltung keine Konsequenzen zeitigt. Auch die Art der eigenen Erziehung, die man als Eltern genossen hat, prägt sicher zum Teil die Art und Weise, wie wir unsere Kinder erziehen. „Es ist offenbar auch ein Bedürfnis vieler Eltern, über alles reden zu müssen, und sie merken dabei nicht, dass sie es zerreden; das Kind wird besprochen -wie eine Sache -, anstatt zu handeln“, sagt Sidiqa Woy-Küffner.

Vieles könne man allerdings nicht über allgemeine Ratschläge behandeln, sondern das richtige Verhalten der Eltern sei vielmehr situationsbezogen, und Ratschläge könnten da nicht immer passend übernommen werden. Was die Kleinkind-Pädagogik angeht, könnten Muslime teilweise bestimmte Anregungen auch aus der Waldorf-Pädagogik entnehmen, so etwa den Aspekt Vorbild und Nachahmung und was dies bedeute, meint die Erziehungsberaterin. An dieses eigentlich ureigene islamische Prinzip erinnert zu werden, sei heute wieder vermehrt angezeigt. „Muslimische Eltern sollten sich dabei bewusst sein, was sie tun und wie sie es tun, denn das Kind nimmt sehr viel davon wahr und zieht seine Schlüsse daraus.“

Wie man den Kindern islamisches ­Bewusstsein beibringe, müsse ihrer ­Meinung nach ganz neu diskutiert werden, da wir in Europa nicht in muslimischen Gesellschaften leben. Man ­könne dies letztlich nicht gänzlich aus nichtmuslimischen Erziehungsmethoden entnehmen, da diese des islamischen Hintergrunds entbehrten, meint die Erziehungsberaterin Sidiqa Woy-Küffner.

Ohne Respekt kann eine muslimische Gemeinschaft nicht gedeihen. Und ohne Respekt kann man ein Kind nicht erziehen. Kinder müssen dies lernen, und dazu müssen sie Erwachsene sehen, die sich ebenfalls so benehmen, nämlich wie Erwachsene.

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