IZ News Ticker

Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder

Wie üble Nachrede vermeiden?

Werbung

(iz) Die üble Nachrede gehört im Islam zu den schwerwiegenden falschen Handlungen, was den meisten Muslimen auch bewusst ist. Dennoch gibt es immer wieder Probleme dadurch. Viele sind auch unsicher darüber, was eigentlich üble Nach­rede ist und in welchen Fällen es doch gerechtfertigt sein kann, auch negative Dinge anzusprechen.

Grundlegendes

Im Qur’an heißt es in Sura Al-Hudschurat (49, 12): „O ihr, die ihr Iman habt! Vermeidet häufigen Argwohn; denn mancher Argwohn ist ein Verbrechen. Und spioniert nicht und führt keine üble Nachrede übereinander. Würde wohl einer von euch gerne das Fleisch seines toten Bruders essen? Sicher würdet ihr es verabscheuen. So habt Taqwa vor Allah. Wahrlich, Allah ist Gnädig, Barmherzig.“

Dies zeigt, dass üble Nachrede ein schlimmes Verbrechen ist. Sie gehört zu den Kaba’ir, den besonders schwerwiegenden schlechten Handlungen.

In der Zeit des Gesandten Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, geschah es, dass ein Mann namens Walid Ibn Al-Mughira üble Nachrede über den Propheten und seine Gefährten verbreitete. Der oben genannte Vers in Sure Al-Hudschurat bezieht sich zunächst einmal auf ihn, ist aber auch eine generelle Warnung für alle Muslime.

In Sure An-Nur (5-16), heißt es: „Als ihr es mit euren Zungen übernahmt und ihr mit eurem Mund das ausspracht, wovon ihr keine Kenntnis hattet, da hieltet ihr es für eine geringe Sache, während es vor Allah eine große war. Und warum sagtet ihr nicht, als ihr es hörtet: ‘Es kommt uns nicht zu, darüber zu reden. Gepriesen seist Du! Dies ist eine arge Verleumdung.’“

Auch in der Sura Al-Humaza (104,1) heißt es unmissverständlich: „Wehe jedem Stichler, Verleumder“. Der Begriff „Humaza“ in diesem Vers umfasst dabei alle Arten von übler Nachrede, selbst wenn sie gar nicht ausgesprochen, sondern beispielsweise nur durch Zeichen oder Gesten angedeutet wird oder erfolgt.

„Lumaza“ im selben Vers bezeichnet das Suchen nach Fehlern bei Anderen. Muslime sind demgegenüber angehalten, zuallererst die eigenen Fehler zu erkennen, sich also an die eigene Nase zu fassen, und die Fehler anderer, sofern sie einem zur Kenntnis gelangen, eher zu bedecken. Der Prophet hat in mehreren Hadithen klar davor gewarnt, bei anderen nach Fehlern zu suchen.

Der arabische Begriff „Ghiba“ meint Verleumdung und üble Nachrede und umfasst jegliche Äußerung über eine nicht anwesende Person, die diese nicht hören wollen würde, wenn sie anwesend wäre, oder die sie nicht weitererzählt haben möchte, selbst wenn sie der Wahrheit entspricht. In einem Hadith vom Propheten heißt es über Ghiba: „ (…) ‘Es ist, wenn du von deinem Bruder etwas sagst, was er nicht mag.’ Jemand fragte: ‘Und wenn mein Bruder so ist, wie ich sage?’ Der Prophet sagte: ‘Wenn er so ist, wie du sagst, dann ist es Ghiba, und wenn er nicht so ist, wie du sagst, dann ist es Verleumdung.’“

Der Begriff „Namima“ meint das Weitererzählen von Gesagtem oder Begebenheiten an andere, das vielleicht nicht für die Weitergabe gedacht war oder dazu führt, dass ein negatives Bild von demjenigen entsteht, der es ursprünglich gesagt hat, oder dass das Verhältnis ­desjenigen, der dies hört, zu demjenigen sich negativ verändert. Ein Beispiel: Jemand erzählt einem anderen eine ­vertrauliche Angelegenheit, dieser wiederum gibt dies an andere weiter, ­woraufhin jene sich ein bestimmtes Bild von dem ursprünglichen Erzähler machen, ohne selbst mit ihm gesprochen zu haben. Man soll keine vertraulichen Dinge ausplaudern und keine Gerüchte verbreiten. Muslime sind angehalten, die Ehre, den Ruf und die Privatheit anderer zu respektieren.

Der Prophet bezeichnete üble Nachrede auch als „schlimmer als Ehebruch“. Er sagte auch: „Der beste Muslim ist der, vor dessen Hand und Zunge die anderen Muslime sicher sind“.

In einem berühmten Hadith sagt der Gesandte Allahs, indem er seine Zunge ergriff, zu Mu’adh Ibn Dschabal: „Halte dich damit zurück.“ Mu’adh fragte ihn daraufhin: „O Prophet Allahs, werden wir getadelt werden wegen dessen, was wir mit ihr sprechen?“ Er sagte: „(Es ist so ernst,) als ob deine Mutter dich verlieren würde, o Mu’adh! Was stürzt denn die Menschen auf ihre Gesichter nieder ins Feuer – oder er sagte: ‘auf ihre Nasen’ – außer der Ernte ihrer Zungen?“

Laut einer anderen Überlieferung des Gesandten kann Verleumdung auch zur Bestrafung im Grab führen. Noch drastischer lautet es in einem anderen Hadith: „Als mein Herr mich (zu Sich) emporhob, kam ich an Leuten vorbei, deren Fingernägel aus Kupfer waren und die sich Gesicht und Brust zerkratzten. Ich fragte: ‘Wer sind diese (Leute), o Gabriel?’ Er antwortete: ‘Dies sind jene, die das Fleisch von Menschen aßen und ihre Würde antasteten.’“ Wobei damit in Bezug auf den bereits zitierten Vers in Sure Al-Hudschurat jene gemeint sind, die üble Nachrede begehen.

Der Prophet Muhammad verbot nicht nur ausdrücklich Verleumdung und üble Nachrede, sondern auch das Zuhören bei übler Nachrede.

Wird üble Nachrede in unserer Gegenwart geübt, soll man dies nicht hinnehmen, sondern die diffamierte Person verteidigen beziehungsweise die üble Nachrede versuchen zu beenden.

Imam Al-Baghawi sagte: „Wenn der muslimische Bruder eines Mannes in seiner Anwesenheit verunglimpft wird, und er imstande ist, ihn zu verteidigen und er dies tut, so wird Allah ihn in dieser und der nächsten Welt verteidigen. Doch wenn er ihn nicht verteidigt, so wird Allah ihn in dieser und der nächsten Welt zerstören.“

Es gibt leider immer wieder Beispiele, dass muslimische Projekte und selbst Moscheegemeinden durch üble Nach­rede geschädigt werden, manchmal so stark, dass es zur Spaltung oder Auf­lösung kommt. Daher auch die Weisheit in dem Verbot der üblen Nachrede – um die Gemeinschaft vor Schaden zu bewahren. Denn üble Nachrede sät Feindschaft, Misstrauen und Zweitracht in die Gemeinschaft, ja sogar innerhalb der ­Familie.

Ein heute oft anzutreffendes Problem, das möglicherweise auf einem falschen Umgang mit dem Problem üble Nachrede beruht, ist andererseits, dass Muslime es aus offenbar falsch verstandener Zurückhaltung scheuen, negative Dinge oder Kritik offen anzusprechen und anderen auch offen „ins Gesicht“ zu sagen, statt dessen aber hinter dem Rücken der gemeinten reden. Das erzeugt eine unangenehme Situation, bei der Konflikte oder potenziell konflikthafte Themen nicht offen thematisiert werden und keine klärenden Debatten aufkommen können; statt dessen werden Meinungsunterschiede und Konflikte häufig hinter vorgehaltener Hand oder hinter dem Rücken ausgetragen, was bedauerlich ist.

Ausnahmen

Es gibt aber auch Ausnahmen von der Regel, bei denen es unter gewissen Umständen erlaubt ist, auch negatives über Dritte auszusprechen, etwa wenn derjenige, der entsprechend redet oder etwas weitgergibt, dies nicht aus eigenen ­Motiven tut, sondern beispielsweise um etwas abzuwenden, das die muslimische Gemeinschaft und deren Gesundheit ­bedroht.

Zu den Ausnahmen gehört zum Beispiel jemand, der ungerecht behandelt wurde. Er kann sich an eine Autorität wenden und davon berichten, zum Beispiel einem Richter, der die Macht hat, ihm zu helfen. Dies ist keine üble Nachrede. In Sure An-Nisa (148), heißt es diesbezüglich: „Allah liebt nicht, dass böse Worte laut vernehmbar gebraucht werden, außer wenn einem Unrecht geschieht; wahrlich, Allah ist Allhörend, Allwissend.“ Zum anderen, wenn man von einem Gelehrten eine Fatwa, eine rechtliche Beurteilung, bekommen möchte und es dafür erforderlich ist, Dinge zu erwähnen, die zwischen einem selbst und einer anderen Person passiert sind und die möglicherweise nicht gut sind. Es ist aber erlaubt, sie zu erwähnen, wenn die Absicht ist, die rechtliche Beurteilung dessen zu erfahren. Eine weitere Ausnahme besteht, wenn man nach seiner Meinung über jemand anderen bezüglich einer eventuellen Heirat oder einen potenziellen Geschäftspartner gefragt wird. Dann muss man das mitteilen, was man über die Person weiß, auch und gerade wenn es negatives ist, um denjenigen, der um den Rat fragt, vor eventuellem Schaden zu bewahren.

Viertens, um andere Muslime zu warnen oder ihr Bewusstsein zu schärfen, wenn es um destruktive oder feindliche Bestrebungen geht.

Eine weitere Ausnahme besteht dann, wenn man jemanden als blinde, taube, stumme oder behinderte Person benennt, nicht mit der Absicht, sie damit abzuqualifizieren, sondern sie kenntlich zu machen. Wenn es sich aber vermeiden lässt, dies zu erwähnen, so ist dies ­besser. Für alle ­diese Ausnahmefälle gibt es Überlieferungen aus der Zeit des Propheten als Belege.

Was tun?

„Üble Nachrede liegt gewissermaßen in den Genen der Menschen. Es wird eben gerne gelästert und über andere Menschen geredet“, meint Malik Richter, der im Bereich der muslimischen Jugendarbeit tätig ist. „Um dies zu vermeiden, bedarf es besonderer Übung, man muss es antrainieren. Ein guter Anfang ist es vielleicht, regelmäßig am Ende des Tages mit sich selbst abzurechnen, sich selbst Rechenschaft abzulegen. Der nächste Schritt wäre dann, wenn man in eine Situation kommt, wo üble Nachrede betrieben wird, sich aus diesem Kreis zu entfernen und zu sagen: Ohne mich!“ Wenn man merke, dass man selber üble Nachrede betreibt, sollte man sich selber stoppen und das Thema wechseln, empfiehlt Malik Richter: „Das sind eigentlich banale Maßnahmen, aber sie sind, zusammen mit der entsprechenden Selbstdisziplin, doch hilfreich, um üble Nachrede zu vermeiden.“ Einen Unterschied mache es dabei, ob die Beteiligten sich bewusst sind, dass üble Nachrede schlecht ist, oder dieses Bewusstsein gar nicht vorhanden ist, gibt Richter zu bedenken. In ersterem Fall geschehe die Nachrede oft eher unbewusst und lasse sich dann auch in der Regel durch eine entsprechende Bemerkung schnell wieder abstellen.

Das grundlegende und beste Mittel gegen üble Nachrede ist letztlich Taqwa, Ehrfurcht gegenüber Allah im Bewusstsein Seiner Anwesenheit und Seiner ­Allmacht.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen