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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder

Wie Gastfreundschaft praktizieren?

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(iz). Die Gastfreundschaft zählt zu den Eigenschaften von Muslimen und Merkmalen des Islam, die als geradezu sprichwörtlich gelten und von Nichtmuslimen besonders häufig genannt werden, wenn es um positive Erfahrungen mit Muslimen geht. Viele Reisende, aber auch Gäste von Muslimen hierzulande berichten immer wieder darüber, wie sie herzlich aufgenommen und großzügig bewirtet worden sind. Für manche war dies so beeindruckend, dass es ein Einfluss auf ihrem eigenen Weg zum Islam war.

Diese traditionelle islamische Gastfreundschaft scheint so gar nicht zu dem heute vielfach gezeichneten Bild von den grimmigen und feindseligen, auf Abgrenzung bedachten Muslimen zu passen, die geringschätzig auf die „Ungläubigen“ herab blicken.

Der Autor selbst erinnert sich an eine Begebenheit, als er vor einigen Jahren im Ramadan in einer fremden Stadt, zusammen mit einem Kollegen, vor einer Moschee stand, in der Hoffnung, dass dort wie in vielen anderen ein kleines Essen zum Fastenbrechen angeboten wird. Zur Verwunderung war die Moschee jedoch verschlossen. Ein ebenfalls vorbeikommender Muslim, der erst vor kurzem durch Familienzusammenführung aus Marokko nach Deutschland gekommen war, lud uns beide kurzerhand in seine Wohnung ein, wo wir beteten und ein wunderbares Iftar-Essen im marokkanischen Stil hatten. Wir redeten nicht viel, denn der Mann sprach fast kein Deutsch, dennoch war es eine angenehme Atmosphäre. Wo findet man so etwas sonst noch heute, dass jemand zwei völlig Fremde von der Straße zu sich nach Hause einlädt und bewirtet, mit einem spontanen, unmittelbaren Vertrauensverhältnis, wie es besonders unter Muslimen zu finden ist?

Grundlegendes
Woher kommt diese Haltung? In einem von Al-Bukhari aufgeführten Hadith heißt es vom Gesandten Allahs, Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Heil, dass er gesagt hat: „Wer an ­Allah und den Jüngsten Tag glaubt, soll seinem Nachbarn keinen Schaden zufügen, und wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, soll seinen Gast ehren.“

Und weiter heißt es in einem anderen Hadith: „Wer an Allah und an den Jüngsten Tag glaubt, soll seinen Gast ehren (oder: großzügig bedienen). Eine Nacht und ein Tag stehen ihm zu, und sein Recht auf Gastfreundschaft währt drei Tage, und was immer ihm darüber hinaus angeboten wird, wird als Sadaqa [wohltätige Gabe] betrachtet. Ein Gast soll nicht so lange bei seinem Gastgeber bleiben, dass er diesen in Schwierigkeiten bringt. Nach den drei Tagen sollte der Gast nicht darauf bestehen, weiter zu bleiben, es sei denn, der Gastgeber bietet es ihm von sich aus an. Als Gast soll man von seinem Gastgeber nichts verlangen, was ihm Umstände machen würde, und es ihm leicht machen.

Kommen Gäste, auch wenn sie unangemeldet sind, werden sie als von Allah geschickt betrachtet, und als ein Segen. Erscheinen beispielsweise unerwartet Gäste zum Essen, so heißt es, dass das Essen für zwei auch für drei reicht, das für drei auch für vier, und so weiter. Das heißt, dass die Gastfreundschaft bei der Bewirtung sich nicht unbedingt darin bemisst, wie viel man auftischt und wie aufwändig man dies vorbereitet hat.

Die Etikette geht sogar so weit, dass der Gastgeber, sofern er gerade freiwillig fastet (das betrifft natürlich nicht das Pflichtfasten im Ramadan), und einem Gast Essen serviert, selbst sein Fasten brechen sollte, um mit ihm zusammen zu essen. Ebenso sollte auch ein Gast, der gerade freiwillig fastet, sein Fasten brechen, wenn er von seinem Gastgeber zum Essen eingeladen wird, und aus Höflichkeit diesem gegenüber diese Einladung annehmen. Es gibt ein vom Propheten überliefertes Bittgebet, das vom Gast für seinen Gastgeber und dessen Familie gesprochen werden kann und das ungefähr bedeutet: „O Allah, segne sie für das, mit dem Du sie versorgt hast, vergib ihnen und sei ihnen barmherzig.“

Besonders berühmt sind die gegenseitigen Einladungen im Ramadan zum Fastenbrechen. Hier in Deutschland und Europa befinden wir uns momentan freilich ein einer Phase, in der die Zeit des Fastenbrechens immer später wird, da der Ramadan in die Sommermonate wandert. Es ist daher zu beobachten, dass die Zahl dieser Einladungen demzufolge etwas abgenommen hat, denn zum Beispiel für Familien mit kleineren Kindern ist es schwierig, Einladungen zu so später Stunde nachzukommen. Auch bei Einladungen zum Fasten­brechen gibt es ein überliefertes Bittgebet des Gastes für seine Gastgeber: „Der Fastende hat sein Fasten bei euch gebrochen und die Rechtschaffenen und Guten haben euer Essen gegessen, und die Engel haben um Segnungen für euch gebetet.“ Ein berühmtes Beispiel für selbstlose Gastfreundschaft aus der frühen Geschichte des Islam sind die in Medina ansässigen Muslime, die Ansar [Helfer], welche die Auswanderer aus Mekka, die Muhadschirun, bei sich aufgenommen und alles mit ihnen geteilt haben. Dieses Vorbild lebt noch heute unter Muslimen weiter, etwa wenn in Kriegsgebieten oder nach Katastrophen Flüchtlinge oder Obdachlose in privaten Haushalten aufgenommen werden.

Weitere Empfehlungen
Sich gegenseitig zu besuchen, ist generell sehr empfehlenswert. So hat der Gesandte Allahs gesagt, indem er Allahs Worte wiedergab: „Allah der Erhabene hat gesagt: Meine Liebe steht jenen zu, die einander um Meinetwillen lieben, die um Meinetwillen beieinander sitzen, die einander um Meinetwillen besuchen und die ihren Besitz um Meinetwillen füreinander hergeben.“

As-Sulami sagte in einer Abhandlung über Adab, das gute Benehmen oder besser die spirituelle Höflichkeit, dass ein Gastgeber von all dem servieren sollte, was er im Hause hat. Man solle dabei „nicht die Bissen seines Gastes zählen“, also großzügig und nicht kleinlich sein. As-Suhrawardi meinte, man solle alle Gäste freundlich begrüßen und ehren und mit ihnen jegliche reine Nahrung und Getränke teilen, und zwar ohne Umstände oder unnötiges Gehabe. Der Prophet stand als Gastgeber immer als letzter vom Tisch auf, um nicht jene zu beschämen, die mehr aßen als er.

In der heutigen modernen Gesellschaft, zumal in den so genannten „westlichen“ Ländern, tun sich viele, die traditionelle Gastfreundschaft nicht mehr oder noch nicht verinnerlicht haben, insbesondere mit unangemeldetem Besuch schwer. Man möchte zumindest eine Voranmeldung haben, einen Termin vereinbaren und sagen können, ob es denn zu diesem oder jenem Zeitpunkt passe oder nicht passe. In einem muslimischen Internetforum, in dem Fragen beantwortet werden, beklagte eine Frau sich darüber, dass ihr Mann oft Gäste einlade oder mitbringe, ohne dies vorher mit ihr abgesprochen zu haben, sodass sie sich darauf vorbereiten oder sagen könne, ob es an diesem Tag überhaupt passe oder nicht.

In der Antwort eines Gelehrten darauf wurde ein interessanter Punkt erwähnt, nämlich dass es in traditionellen muslimischen Häusern immer einen separaten Gästebereich gab, mit eigenem Bad- und Sanitärraum, meist in der Nähe des Eingangs des Hauses, in dem Gäste auch mehrere Tage bleiben konnten, ohne den normalen Tagesablauf des Haushalts zu beeinflussen, welcher im privaten Bereich ungestört weiterlaufen konnte. Dies ist freilich in den meisten modernen Gebäuden, zumal Wohnungen, nicht mehr der Fall. Die Gäste sind „mittendrin“ und verständlicherweise bedarf dies einer gewissen Vorbereitung. Nichtsdestotrotz muss nicht alles übertrieben perfekt sein, sodass der Eindruck entsteht, Gäste zu haben erfordere einen so großen Aufwand, dass sie eine Belastung darstellten.

In dem besagten Forum wurde der Frau geantwortet, dass ihr Mann natürlich diese Dinge mit ihr absprechen solle, um sie mit einzubeziehen und ihr die Gelegenheit zu geben, sich darauf einzustellen und keine Disharmonie zwischen den Ehepartnern zu befördern. Es wird aber auch ausführlich auf die Grundlagen der Gastfreundschaft im Islam und ihre Wichtigkeit hingewiesen. So soll man unerwartete Gäste nicht mit Verweis auf andere, vermeintlich wichtigere Pläne oder „unpassendes Timing“ abweisen. Man muss seine eigenen Interessen denen des Gastes unterordnen und seine eigene Nafs (Ego) dafür zurückstellen.

Im Qur’an gibt es das Beispiel des Propheten Ibrahim, Friede sei auf ihm, wo es heißt: „Und es kamen Unsere Gesandten mit froher Botschaft zu Ibrahim. Sie sprachen: ‘Friede’! Er sagte: ‘Friede!’, und es dauerte nicht lange, bis er ein gebratenes Kalb herbei brachte.“ (Sure Hud, 69).

Al-Qurtubi sagte: „Aus diesem Vers geht hervor, dass es Teil der Etikette gegenüber Gästen ist, dass sie prompt bewirtet werden, sodass alles was verfügbar ist, ihnen auf der Stelle serviert wird. Danach kann es von etwas anderem gefolgt werden, sofern man sich das leisten kann. Der Gastgeber soll sich nicht übernehmen, sodass es ihn überlasten würde. Gastfreundschaft ist Teil des vorzüglichen Benehmens, der ­Eti­ket­te des Islam, und dem hohen Charakter der Propheten und Rechtschaffenen.“

Al-Bukhari sagte, dass dem Gast am ersten Tag etwas Besonderes serviert werden sollte. Sowohl der Gast, als auch der Gastgeber dürfen auch wenn wenig serviert wird, dies nicht gering schätzen. Selbst wenn man als Gast von seinem Gastgeber nicht ehrenhaft und respektvoll behandelt wurde, wie es sich gehört, so muss er diesen stets ehrenhaft und respektvoll behandeln, sofern dieser bei ihm selbst zu Gast sein sollte. Gemäß dem Propheten soll man nicht zu den Essenszeiten die Häuser anderer aufsuchen und sich so selbst zum Essen einladen, ohne eingeladen zu sein. Andererseits ist es sehr wohl erlaubt und eine Sunna, die Häuser von Freunden, Bekannten und natürlich Familienangehörigen auch ohne Einladung zu besuchen.

Tatsächlich hebt uns Allah durch von ihm gesandte Gäste aus unserer Selbstbezogenheit heraus und prüft damit nicht zuletzt unseren Iman [fester Glaube und Vertrauen in Allah]. Die Rechtschaffenen pflegten zu sagen, dass der Gast seine Versorgung (Rizq) mit sich bringt und wenn er das Haus verlässt, die falschen Taten der Gastgeber vergeben sind. Gastfreundschaft ist vor Allah durchaus eine ernsthafte Angelegenheit und eine islamische Verhaltensweise, die wir auch in unserer heutigen Zeit nicht verlieren dürfen, sondern lebendig halten müssen.

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