IZ News Ticker

Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder, Bonn

Wie den Qur’an auswendig lernen?

Werbung

(iz). Den Qur’an richtig lesen und rezitieren zu lernen, ist eine der wichtigen grundlegenden Fähigkeiten, die jeder Muslim beherschen sollte – denn zumindest einige Suren oder Verse auf Arabisch rezitieren zu können, ist für die täglichen Pflichtgebete erforderlich. Wünschenswert, wenn auch nicht zwingend erforderlich, ist es zudem, dass man die Bedeutung des Rezitierten kennt.

Und natürlich ist jede Rezitation des Qur’ans, auch außerhalb der Gebete, in sich eine segensreiche und verdienstvolle Tat. ‘Uthman überlieferte, dass der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, sagte: „Der beste von euch ist der, der den Qur’an lernt und ihn lehrt.“ Es gibt zahlreiche Überlieferungen des Gesandten Allahs über das Lesen, Rezitieren, Lernen und Lehren des Qur’ans, und in den großen Hadith-Sammlungen finden sich eigene Kapitel darüber. Viele Muslime lesen möglichst viel im Qur’an oder vollenden in bestimmten Zeitabständen eine vollständige Rezitation des offenbarten Buches.

Traditionell beginnt man mit dem Erlernen des Qur’an bereits im Kindesalter, oft noch bevor die Kinder eine reguläre Schule aufsuchten. Das liegt daran, dass das Erlernen und Auswendiglernen umso leichter fällt, je jünger die Kinder sind. Entgegen einer unter Nichtmuslimen verbreiteten Ansicht wird es nicht als Defizit betrachtet, wenn die Kinder zunächst einmal die Rezitation erlernen und so viel wie möglich auswendig lernen, auch wenn sie zu­nächst die Bedeutung noch nicht kennen oder nicht vollständig erfassen können. Dies können sie auch später noch nachholen. Dennoch ist man aber heute vielfach bereits dazu übergegangen, den Kindern auch die Bedeutungen zu vermitteln.

Praxis

Es gibt verschiedene Methoden, den Qur’an lesen zu lernen und zu memorisieren. Im folgenden sollen exemplarisch zwei in Deutschland übliche Methoden vorgestellt werden, die eine in den vielen türkisch geprägten Moscheen verbreitet, die andere eine klassische Methode, die vor allem unter marokkanischen Muslimen noch gepflegt wird.

Mehmet Karaoglu aus Hamburg, der selber in der Jugendarbeit tätig ist, hat in seiner Kindheit in einer Hamburger Moschee besonders intensiv den Qur’an gelernt, auf täglicher Basis. „Ich bin immer morgens vor dem Morgengebet aufgestanden und habe eine Seite auswendig gelernt und dies dann abends wiederholt. So konnte man es sich besser einprägen. Nach der Schule ging ich in die Moschee, wo ich das Gelernte dem Imam vortragen musste. Manchmal war es so, dass es dann nicht gut genug war und man sich noch einen Tag mit der jeweiligen Seite beschäftigen musste.“ Durch sein intensives, tägliches Erlernen des Qur’an habe er in dieser Zeit zwar relativ wenig Zeit für andere, kindliche Akti­vitäten gehabt, meint Karaoglu, dennoch bereue er es keineswegs. Die Kinder lernen zunächst kurze Suren des Qur’an auswendig, um eine Grundlage für die Rezitation in den Pflichtgebeten zu haben. „Wir bringen ihnen mittels Übersetzung auch die Bedeutung bei. Es gibt natürlich auch nach wie vor Menschen, die den ganzen Qur’an auswendig lernen; ich kenne zur Zeit in Hamburg zwei Jugendliche, die dies versuchen und auch schon ziemlich weit gekommen sind“, so Karaoglu. Auch dies werde mit einem Imam gemeinsam angegangen, was auch nicht anders gehe. „Man muss jemanden haben, bei dem man das Auswendig Gelernte vortragen kann, um Fehler zu vermeiden und zu korrigieren, und um das Gelernte prüfen zu lassen, ob es gut genug ist.“ Denn es könne zum Beispiel vorkommen, dass man eine ganze Zeile überspringe, ohne es gemerkt zu haben, oder ein Wort.

Der allgemeine Qur’an-Unterricht für Kinder findet heute in vielen Moscheen nicht mehr auf dem Teppich sitzend, mit den speziellen kleinen Tischchen für den Qur’an (im Türkischen „Rahle“ genannt) statt, sondern in Klassenräumen mit Tischen und Stühlen. Es beginnt natürlich mit dem Erlernen des arabischen Alphabets. „Durchschnittlich haben die Kinder dies in einem Monat erlernt, und dann kann man auch schon anfangen mit dem Lesen des Qur’ans“, sagt Mehmet Karaoglu.

Es gibt aber auch Unterricht für Erwachsene, um entsprechende Kenntnisse nachzuholen oder aufzufrischen. „Sie finden es sehr schön, wieder an die alte Zeit erinnert zu werden und von einem Hodscha das Gelesene prüfen zu lassen. Es ist auch eine soziales und gemeinschaftliches Erlebnis für sie, bei dem sie auch jedes Mal wieder etwas neues lernen können“, so Karaoglu.

Die Juristin Selma Öztürk unterrichtet in einer Moschee in Hannover Mäd­chen. „Ich gehöre noch zu der Generation, die auf dem Boden sitzend mit den Rahles gelernt hat“, erzählt sie. Heute, in den Klassenräumen, sei die Methode im Grunde gleich geblieben: Jeweils ein Kind liest laut vor, die anderen lesen still mit, und der Lehrer korrigiert gegebenenfalls. In der Regel findet der Unterricht einmal wöchentlich statt. Man bekommt dann eine Seite als Hausaufgabe zugeteilt, die man dann im Laufe der Woche lernen kann, und muss diese dann beim nächsten Unterricht vorlesen. Hinzu kommt das schöne Lesen des Qur’an nach den Tadschwid-Regeln, das viele Kinder auch schon sehr gut beherrschten, so Öztürk. „Bei kleineren Kindern wird der Inhalt nicht besprochen, bei älteren aber schon. Ich benutze dabei sowohl eine türkische als auch deutsche Übersetzung, darauf lege ich sehr viel Wert, damit sie das Vokabular in beiden Sprachen beherrschen“, sagt Öztürk. Leider beschränke man sich ihrer Kenntnis nach in vielen Moscheen noch immer auf das türkische Vokabular – was dazu führe, dass viele junge türkische Muslime wichtige religiöse Begriffe nur auf Türkisch kennen und nicht in deutscher Sprache. Auch das früher im türkischen Umfeld übliche „türkisieren“ der Aussprache des Arabischen (zum Beispiel „ü“ statt „u“), was gerade bei der Qur’an-Rezitation fehl am Platze ist, nehme glücklicherweise allmählich ab.

Sie selbst unterrichtet ältere, jugendliche Mädchen von 15-22 Jahren im Qur’an. Dass Qur’an-Unterricht nicht mehr ausschließlich von Imamen erteilt wird, ist heute keine Seltenheit mehr. „Man muss auch einen Bezug zu den Kindern herstellen können, es muss mehr rüberkommen als nur zu lesen und dann nach Hause zu gehen. Daher ist die Person des Lehrers sehr wichtig, er hat eine Vorbildfunktion und muss einen Zugang zu den Kindern haben. Es geht darum, dass sie den Qur’an nicht nur lesen, sondern auch lieben lernen. Und das wurde leider oft vernachlässigt“, so Öztürk. Sie selbst versuche, beispielsweise über die Prophetengeschichten im Qur’an Bezüge zur heutigen Welt und Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen herzustellen. „Und das kann man eben nur, wenn man ihre Lebenswelt auch kennt.“

Bei jüngeren Kindern findet der Unterricht übrigens üblicherweise nicht nach Geschlechtern getrennt statt. Was das Alter und die Dauer des ­Unterrichtsbesuchs angeht, so kann diese – je nach individuellen Bedürfnissen – sehr unterschiedlich sein. Manche ­Kinder setzen es im Jugendalter fort, auf der anderen Seite kann es auch 18- oder 20-jährige oder ältere Erwachsene ­geben, die sozusagen bei Null neu beginnen, mit dem Erlernen des arabischen ­Alphabets.

Redouane El Hamdi ist in der Dortmunder Moschee „Markaz Imam Malik“ als Lehrer tätig, wo man sich auf das Auswendiglernen des Qur’ans nach der klassischen, vor allem im Maghreb und Westafrika verbreiteten Methode spezialisiert hat. Dabei lernt man nicht aus einer Buchausgabe des Qur’an, einem Mushaf, sondern von hölzernen Tafeln (Lauha), auf die das jeweils Auswendig zu Lernende mit abwischbarer Tinte aufgeschrieben wird. Ist der Schüler bereits dazu in der Lage, beschreibt er die Tafel selber, entsprechend der Anweisung seines Lehrers; ansonsten wird sie vom Lehrer beschrieben, mitunter individuell auf den Schüler angepasst. Sobald der Schüler das Alphabet erlernt hat, erhält er seine eigene Holztafel.

Aufgrund der kürzeren Länge fängt man dabei in der Regel mit den letzten Suren an und geht dann rückwärts im Qur’an in Richtung der längeren Suren vor, erklärt Redouane.

„Bei uns gibt es jeden Samstag und Sonntag Unterricht, jeweils zweieinhalb Stunden. Samstags ist sozusagen Putztag und Sonntags Schreibtag, das heißt am Samstag wird das Auswendig Gelernte vorgetragen und anschließend die Tafel geputzt. Am Sonntag werden die Tafeln dann neu beschrieben und die Schüler haben Zeit, das auf der Tafel Geschriebene bis zum nächsten Samstag auswendig zu lernen. Die meisten Schüler lernen die Tafel aber innerhalb von zwei bis drei Tagen auswendig“, so El Hamdi. „Sehr wichtig ist auch die gemeinsame Rezitation, wo wir ein Hizb (Sechzigstel) des Qur’ans rezitieren. Even­tuell liest man dabei die Sure, die man auswendig gelernt hat, und wiederholt sie dadurch, und generell lernt man auch flüssiger lesen und die Aussprache zu verbessern, wie auch die Rezitationsregeln.“ Der Unterschied zum Lernen aus dem Mushaf beschreibt er wie folgt: „Bei der Lauha sehen die geschriebenen Buchstaben immer etwas anders aus, und so prägt man sie sich besser ein. Und vor allem wenn man die Verse selbst schreibt, ist das noch einmal etwas ganz besonderes, was sich schwer beschreiben lässt; es hat ein besonderes Geheimnis. Es ist meiner Erfahrung nach hinsichtlich Schnelligkeit und Sicherheit effektiver als wenn man aus dem Buch lernt.“

Ein Lehrer und drei Hilfslehrer unterrichten im Markaz Imam Malik derzeit etwa 40 Jungen und 20 Mädchen. Der Unterricht kommt bei den Kindern sehr gut an und es gibt viele Interessenten, auch Erwachsene. Einige Kinder und Jugendliche nehmen jahrelang teil, manchmal bis sie den Qur’an vollständig auswendig gelernt haben. „Man lernt aber auch wichtige Eigenschaften wie gutes Benehmen und Disziplin“, sagt Redouane El Hamdi.

Bei einer authentischen Lehre wird durch mündliche Überlieferung vom Lehrer gelehrt, der diese wiederum von seinem Lehrer hat und so weiter, in einer Überlieferungskette, die letztlich bis zurück zum Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, und seinen Gefährten reicht. Hierin liegt ein besonderer Segen und ein spezielles Geheimnis, das der traditionellen Lehre insgesamt eigen ist.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen