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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Ahmad Gross

Wie soll man übersetzen?

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Was verbindet Luther, Opitz, Herder, Schlegel, Tieck, Voß, Wieland, Rückert, Rilke, George, Bachmann, Beckett, Benjamin, Celan, Böll, Schimmel, ­Handke, Roger Willemsen und viele andere Autoren miteinander? Sie alle taten etwas mit Texten, was wir alle unwillkürlich tun, wenn uns etwas Fremdes begegnet, das uns interessiert – sie übersetzten. Übersetzen stellt Verbindung her, durch Empathie und Identifikation. Leben ist Austausch, das heißt, ständiges Übersetzen. Der deutsche Übersetzer der ­Bibel, Luther, hat durch seine Arbeit bekanntlich die wichtigste Standardisierung der deutschen Sprache geleistet. „Seit 200 Jahren wird … nach der Statis­tik der Unesco (bis heute) … in keine andere Sprache so viel übersetzt wie in die deut­­sche – mehr als ins Spanische und Französische, mehr als doppelt so viel wie ins Englische.“ (Wolf Schneider, Speak German!) George Bernhard Shaws Aphorismus zum Übersetzen ist bekannt: „Mit den Übersetzungen ist es wie mit den Frauen: Die treuen sind nicht schön und die schönen sind nicht treu!“ Glücklich verheiratete Übersetzer von Rang bestreiten dies entschieden.

In seiner ebenso geistreichen wie amüsanten Rede „Do You Speak Germish? Über die Schönheit des Nichtverstehens“, die Roger Willemsen 2002 zum 50. Geburtstag des „Sprachen und Dolmetscher Institutes“ in München hielt, sagt er: „Der Übersetzer mag also auf der Ständepyramide ökonomisch weit unten angesiedelt sein, in seiner Bedeutung für die Kulturgeschichte steht er ganz weit oben.“

Im Radio wurde mal behauptet, die drei stressigsten Berufe mit dem ­höchsten Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, seien: Kampfjet-Pilot, Herzchirurg und Simultandolmetscher bei internationalen Konferenzen. Willemsen meint zur oft erstaunlichen Leistung eines Konferenz-Dolmetschers auf höchstem politi­schen Parkett: Wenn man sich „ihre Leistung bei einer Konferenz“ betrachte, „wünscht man sich vereinzelt sogar, das Land würde besser vom Dolmetscher als von seinem Staatschef regiert, zumal wenn dieser laut Eigenauskunft ohnehin eher ‘moderiert’.“

Schaikh Abdalhaqq Bewley, der mit seiner Frau Aischa (einer begnadeten Übersetzerin aus dem Arabischen) in 25-jähriger Arbeit die bislang mit Abstand beste Übersetzung des Qur’an ins Englische gemacht hat (The Noble Qur’an – A New Rendering of its Meaning in English), sagt über das Übersetzen: „Beim Übersetzen erhebt man sich vom Ausgangstext zunächst in die Welt der Bedeutungen; von dort steigt man dann in die zu übersetzende Zielsprache ­hinab.“

Geschichte ist ­Übersetzungsgeschichte
Berühmte Übersetzungen sind die Wegmarken unserer Geschichte. In Wikipedia liest man, dass 247 v. Chr. die „Septuaginta“ entstand, eine erste Übersetzung der jüdischen Bibel aus dem Hebräischen ins Griechische, die „laut Legende von 72 Übersetzern in 72 ­Tagen angefertigt wurde“. Sie sei die älteste durchgehende Übersetzung der hebräischen Bibel (Tarnach) in die damalige altgriechische Alltagssprache und sei etwa von 250 v. Chr. bis 100 n. Chr. in Alexandria entstanden.

Seit jeher gelangen durch die Arbeit von Übersetzern Wissen und Kulturtech­niken von einem Kulturkreis zum ande­ren. Weltgeschichte ist auch Geschichte der Übersetzungen. Ein geschichtliches Zentrum der Übersetzungstätigkeit war das antike Rom, wo vor allem griechische Literatur ins Lateinische übertragen wurde. Aus dieser Zeit sind auch theoretische Schriften über Literatur und Redekunst überliefert, die sich mit der noch Jahrhunderte später aktuellen Debatte über „wortgetreues“ oder „freies“ Übersetzen beschäftigen. Eine wichtige Figur in der abendländischen Übersetzungsgeschichte ist der Kirchenvater Hieronymus (ca. 331-420 n. Chr.). Von anerkannten griechischen Texten erstellte er eine Übersetzung der Bibel ins Lateinische. Diese so genannte „Vulgata“ war lange Zeit der maßgebliche Text für die römisch-katholische Kirche.

Im 9. und 10. Jahrhundert n. Chr. hatten Übersetzer in Bagdad Hochkonjunktur. Im „Haus der Weisheit“ wurden ab 825 vor allem wissenschaftliche Werke aus dem Griechischen ins Arabi­sche übersetzt. Die Gründung dieses Übersetzungs-Zentrums war auch eng mit der Geschichte der Papierherstellung verknüpft. Der damalige Abbasiden-Herrscher Al-Maʾmun (786-833 n. Chr.) schickte dafür einen Gelehrten seines Hofs nach Byzanz und bat den griechischen Kaiser um mathematische Werke (beispielsweise von Euklid). Im Haus der Weisheit wurden alle Werke der Antike übersetzt, die aufzufinden waren. Unter anderem von Galen, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Ptolemäus oder Archimedes.

Die Arbeiten der 90 Übersetzer ­dieses Hauses spielten später für die Entwicklung der Wissenschaft im mittelalterlichen Europa eine wichtige Rolle. Sie bildeten die Grundlage für die berühmte Übersetzer-Schule von Toledo. Dort wurden im 12. und 13. Jahrhundert ­Texte arabischen, aber eben auch griechi­schen Ursprungs aus der arabischen in die lateinische und später in die spanische Sprache übertragen. Ohne die muslimischen Übersetzungen der antiken Autoren in Spanien keine Renaissance!

Die Renaissance begann im Italien des 14. Jahrhunderts, und führte – verstärkt durch den Buchdruck – zu einem enormen Aufschwung der Übersetzungstätigkeiten, der bis in die Reformationszeit anhielt. Im deutschsprachigen Raum spielten dann in der Epoche der Romantik (Ende des 18. bis weit ins 19. Jahrhundert hinein) vor allem literarische Übersetzungen aus anderen europä­ischen Sprachen ins Deutsche eine ­große Rolle. Die Schlegel-Tiecksche Shakes­peare-Übersetzung wird heute noch ­gelesen. Damals machten sich die besten Köpfe Gedanken zum Übersetzen: Goethe, Schleiermacher, Wilhelm von Humboldt.

Seit dem 20. Jahrhundert hat durch den Ausbau der weltweiten Wirtschafts­beziehungen vor allem die Fachübersetzung explosionsartig zugenommen. Da Übersetzung immer auch Aneignung ist, verwundert es nicht, dass im Zeitalter kapitalistischer Hybris vermutlich die größte Anzahl von Übersetzern zu mutmaßlich niedrigster Entlohnung beschäftigt wird.

Arm, aber einflussreich
Literarische Übersetzungen sind zwar die öffentlich am meisten diskutierten Über­setzungen; stellen aber auf dem Über­setzungsmarkt im Vergleich mit tech­nischen und gewerblichen Gebrauchstexten nur einen Bruchteil dar. Wer mit dem Übersetzen primär Geld ver­dienen will, wird sich mit letzteren befassen. Literarische Übersetzungen sind dagegen unverzichtbar für jeden inter-kulturellen Austausch und damit für die Entwicklung von nationaler Kultur und Identität überhaupt. Wer ein großes Werk aus einer anderen Sprache in ­seine eigene überträgt, der beeinflusst damit möglicherweise das Denken und die ­Kultur des eigenen Landes. Wie bei ursprünglich fremden Pflanzensorten oder Tierarten können derlei Importe gelingen oder nicht.

Bei Wikipedia liest man derzeit: „Sprachwissenschaftler unterscheiden nach der geschichtlichen Herkunft der Lautgestalt eines Wortes zwischen Erbwort (z.B. Haus), Fremdwort (z.B. Idee) und Lehnwort (z.B. Fenster). Erbwörter wurden in der Abstammungslinie vom Indogermanischen über das Germanische, Althochdeutsche, Mittelhochdeut­sche und Neuhochdeutsche irgendwann gebildet und bis heute überliefert. Da Integration graduell verläuft, ist die Abgren­zung zwischen Lehnwort und Fremdwort schwierig oder unmöglich.“ Als ob uns Deutschen schon der Unterschied zwischen den so genannten „Erbwörtern“ und den „Lehnwörtern“ bewusst wäre! Wer ist sich beim Sprechen bewusst, dass folgende alltägliche Begriffe aus einer anderen Sprache ins Deutsche übernommen wurden: Fenster (aus Lateinischen „fenestra“), Bluse (aus dem Französischen „blouse“ beziehungsweise Ägyptischen: das Kleidungsstück, das unter Ritterrüstungen getragen wurde stammte ursprünglich aus dem ägyptischen Ort „Pelusium“!), Streik (aus dem Englischen „strike“), Wein (aus dem Griechischen „oinos“, dem Lateinischen „vinum“ und dem Altarabischen „wayn“)

Für die Frage, ob und wie sich Identität sprachlich (oder gar biologisch) festzumachen sucht, ist hier nicht der Ort. Es sei jedoch daran erinnert, dass für einen traditionellen Araber jeder Mensch ein Araber gewesen ist, der die arabische Sprache hinreichend sprach. Auch für Friedrich Schiller ist es bekanntlich „der Geist, der sich den Körper schafft“, nicht umgekehrt. Bekanntlich hat sich schon Goethe über die verkniffenen Sprachpuristen seiner Zeit lustig gemacht. Andererseits verdanken wir ­ihnen auch sehr gelungene Eindeutschungen ehemals fremder Begriffe (Ausflug statt Excursion, Jahrhundert statt Säculum, Festplatte statt harddisk, Tastatur statt keyboard, Leistung statt performance, Speicher statt storage).

Wolf Schneider hat unlängst die Aktion „Lebendiges Deutsch“ ins Leben gerufen, um der Flut englischsprachiger Wörter, mit frischen deutschen Begriffen zu begegnen. (Startuhr statt Countdown, Schnellkost statt Fastfood, Fußballkino statt Public Viewing)

Was die Leistung eines Übersetzers angeht, darf jedenfalls festgestellt werden, dass Fremd- oder Lehnworte das Ergeb­nis einer mehr beziehungsweise in diesem Fall eher weniger gelungenen Übersetzung sind. Willemsen führt den latei­nischen Satz „Hoc est Corpus“ (Dies ist der Leib), aus der katholischen Liturgie an, aus dem das Volk sich eigenmächtig das Wort „Hokuspokus“ übersetzte und meint: „Dass die Kulturgeschichte (…) eine fortgesetzte Leistung des Übersetzens und falsch Übersetzens ist – wobei bisher noch nicht entscheiden ist, ob wir dem richtigen oder dem falschen Übersetzen bisher mehr zu verdanken haben, und jedenfalls wird die Schönheit der Irrtümer unterschätzt.“

Wie soll man übersetzen?
In ihrem steten Bestreben, eine Sache begrifflich zu verdunkeln, um sich durch eine artifizielle Fachsprache von seinen Mitmenschen abzusetzen, versteigen sich manche Zeitgenossen in die Wissenschaft einer so genannten „Translatologie“, die Übersetzungs- und Dolmetscherwissenschaft. Begriffe wie „doppelte Bindung“ des Übersetzers zwischen Ausgangs- und Zieltext, „propositionaler und konnotativer Gehalt“ eines Textes gehören noch zu ihren verständlicheren Wortschöpfungen. Doch alle hermeneutischen, sprachphilosophischen und erkenntnistheoretischen Überlegungen kreisen immer nur um die uralte Erfahrung: Ein Übersetzer lebt gefährlich. Als Vermittler, als Mediator zwischen den Parteien muss er nicht selten als Prell- und Sündenbock herhalten. Die Schwierigkeit beim Übersetzen besteht in diesem Zwischen, in jener Tätigkeit des Über-Setzers, des Fährmanns zwischen den Ufern. Nicht jedes Fährboot gelangt ans andere rettende Ufer…

Was macht den Übersetzer aus? Neben der hinreichenden Kenntnis der zu übersetzenden Fremdsprache, ihres gesellschaftlichen, geschichtlichen, kulturellen, das heißt, umfassenden Kontextes muss ein guter Übersetzer zuallererst seine eigene Muttersprache kennen. Angefangen vom Dialekt seiner Mutter, bis in die literarischen Gipfel der Dichter seiner literarischen Hoch- und Standardsprache. In den allermeisten Fällen wird nur in die eigene Muttersprache gut übersetzt. Die umgekehrte Begabung, aus der Muttersprache in eine Fremdsprache zu übersetzen, ist dabei so selten wie ein Albino: Es kommt vor, ist aber die große Ausnahme. Kinder, die zuerst mit Bildschirmen, also mit Bildern, und erst danach mit Büchern (Texten) vertraut werden, haben es bislang sehr schwer sich auf das Lesen von Texten einzulassen. Ob elektronische Lesegeräte diese Erfahrung verändern können, darf bezweifelt werden.

Welche Fehler macht man dabei? Zuweilen auch lustige, wie Willemsen berichtet: „(…) nehmen Sie den Fall des cineastisch kompetenten, gleichwohl unglücklichen Schweizer Filmkritikers, der seine tadellose Besprechung von Richard Geres Film ‘No Mercy’ mit dem Satz beendete: ‘Nur warum der Film im Original heißt, habe ich nicht verstanden.’“ Oder: „In Venedig fand ich in einem Restaurant einmal ein Schild mit der Aufschrift ‘Der Dienst am Tisch reserviert ist nur am Ober’. So sprechen Mystiker, und Sie wollen nicht ernsthaft sagen, die Welt wäre besser, stünde da: Wenn Sie Platz nehmen, müssen Sie sich vom Ober bedienen lassen.“

Woran bemerkt man die Authentizität des übersetzten Textes? Ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass einen „der Flü­gel der Bedeutung“ streift, dass man in seiner eigenen Sprache das bislang Fremde, durch die Übersetzung Vermit­telte, nun zu begreifen glaubt. Je nach in­­dividueller Besonderheit des Ausgangstextes ist eine Übersetzung immer auch Neu-Schaffung, Neu-Dichtung. Bei der – eigentlich unmöglichen – Übersetzung von Dichtung ist dies augenscheinlich der Fall. Häufig bleibt es auch bei dem Versuch, Humor oder Witze in eine andere Sprache übersetzen zu wollen. Dichtung und Humor gehören zu den kaum übertragbaren Eigenheiten, Alleinstellungsmerkmalen einer Sprachgemeinschaft. Viele fremdländische Sprichwörter sind nur schwer ins Deutsche zu übertragen. Drei Beispiele seien genannt:

Manche Redewendungen sind im ­Spanischen und im Deutschen nahezu gleichlautend: „A caballo regalado no se miran los dientes.“ Wörtlich: „Dem ­ge­schenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.“ Eine universale Situation des Menschen findet ihre mühelose Übersetzung.

Bei „Amor con hambre no dura“ empfiehlt sich statt der wörtlichen Übersetzung (Liebe, die hungert, dauert nicht) die freie Übertragung „Liebe geht durch den Magen.“

Bei „A donde te quieren mucho no vengas a menudo.“ (wörtlich: Wo sie dich lieben, solltest du nicht zu oft erscheinen) kann auch eine freie Übersetzung Stirnrunzeln verursachen. Sie könnte lauten: „Ein ständiger Gast ist (bald) nicht mehr willkommen.“

Ob sich dieser Spruch im Deutschen aber jemals als Redewendung einbürgern kann, hängt nicht nur von einer gelungenen Übersetzung, sondern vor allem von der Mentalität und den Bedürfnissen einer Sprachgemeinschaft ab. Denn auch hier gilt: „Wie der Herr so’s G’scherr.“

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