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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Laila Massoudi

Wie gehen wir mit ethnischen Identitäten um?

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„O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ (Al-Hudscharat, 13)

„Ein Araber hat keinen Vorzug vor einem Nichtaraber, und ein Nichtaraber hat keinen Vorzug vor einem Araber, noch ist ein Weißer besser als ein Schwarzer oder ein Schwarzer besser als ein Weißer, außer durch Gottesfürchtigkeit.” (Abschiedspredigt des Propheten Muhammad)

(iz). Eigentlich sollte alles einfach sein. Praktizierende Muslime, die an einem Ort leben, bilden lokale Gemeinden, die ihrerseits den Körper der muslimischen Community stellen. So zumindest die idealisierte Vorstellung, die ich mir mache, wenn ich mir die komplexe Vielfalt – eine weniger wohlwollende Person würde von Chaos sprechen – der muslimischen Gemeinden anschaue, die sich beim Besuch einer beliebigen westdeutschen Großstadt auftut.

Ist ja alles so schön bunt hier
Da gibt es Straßen mit mehreren türkisch-muslimischen Gemeinden, die sich zwar organisato­risch unterscheiden (manchmal auch im Wettbewerb um Mitglieder), aber ansonsten normalerweise gut miteinander auskommen. Und in Hamburg gab es – zumindest einmal – einen Gebäudekomplex, in dem sich sage und schreibe drei Moscheegemein­den mit unterschiedlichen kulturellen beziehungsweise sprachlichen Hintergründen eingerichtet hatten.

Auf kommunaler Ebene mag das Ganze noch schön pittoresk sein, und für mich als passionierte Köchin hat es seinen Reiz, in den Geschäften benachbarter Moscheegemeinden türkisch, arabische und indische Lebensmittel einkaufen zu können. Auch ist es spannend, bei einem längeren Aufenthalt den bunten kulturellen Hintergrund unserer Moscheegemeinden zu genießen.

Aber das ist kein stichhaltiges Argument, die immer noch bestehende, stellenweise ethnische Segre­gation von Muslimen untereinander zu rechtfertigen. Das hat ungefähr die gleiche Aussagekraft wie das Argument der Multikulti-Fraktion, der „ausländische Mitbürger“ sei dank seiner kulinarischen Mitbringsel eine wunderbare Bereicherung.

Erbe der Migration
Wer gebildet ist, wird jetzt sicherlich nicht mit dem Zeigefinger auf die hart arbeitende erste Generation der türkisch-kurdischen, bosnisch-albanischen oder marokkanisch-tunesischen Einwanderer zeigen. Darum geht es gar nicht, denn sie hat – trotz aller Schwierigkeiten – hier eine grundlegende muslimische Lebenswirklichkeit geschaffen. Dafür gebührt ihr unser Dank.

Die bisher quantitativ dominante Organisationsform entlang ethnischer oder weltanschaulicher Grenzlinien (innerhalb ein und der selben ­Gruppe) ist klar ein Erbstück der Migration von Muslimen. Aber gäbe es nicht genug gute Gründe, sie zukünftig in ein neues Modell zu überführen, das ­einer einheimischen muslimischen ­Identität gerecht wird? Müssen Moscheen immer noch als „XYZ-islamisches“ Kulturzentrum bezeichnet werden, wo doch viele ihrer Gründer bereits vor 35-50 Jahren einwanderten?

Nicht nur diese Zeitung hat immer wieder darauf hingewiesen, dass das kein ausreichendes Fundament ist, um für die Zukunft eine lebensfähige muslimische Community aufzubauen. Da gibt es auch das prophetische Vorbild, nicht tribal zu denken. Immerhin löste der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, ganz gezielt die alten Dünkel zwischen den unterschiedlichen Stämmen auf. Dazu gehört übrigens auch, dass Muslime unterschiedlicher Herkunft heiraten und so die grundlegendste aller Bindungen eingehen, anstatt Eheleute der gleichen Herkunft gegebenenfalls sogar zu „importieren“.

Nicht wenige junge Muslime ­haben sich auch aus diesem Grund längst von bestehenden Organisationen (zu ihrem Schaden) gelöst, gehen eigene Wege und kooperieren mit anderen. Ihnen ist gemein, dass sie sich vor allem als junge Muslime in Deutschland begreifen, deren Verkehrssprache ganz selbstverständlich die Sprache dieses Landes ist.

„Es reicht aber langsam“
Aiman Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, eines Dachverbandes verschiedener Mitgliedsorganisationen, die ganze unterschiedli­che Hintergründe haben. Von der IZ befragt, wie er die immer noch vitale ethnische Sicht der Dinge sieht, antwortete er:

„Es gilt die Brücke zur islamischen Welt zu festigen, insbesondere den theologischen, kulturellen und intellektuellen Austausch auf eine neue Qualität zu heben. Es reicht aber langsam, stets bei Muslimen von ‘Migranten’ auszugehen. Abgesehen davon, dass man damit einen beträcht­lichen Teil der Deutschstämmigen einfach links liegen lässt, kann ich doch nicht ernsthaft von der bereits vierten Generation behaupten, sie wäre noch ‘migrantisch’ oder ‘nicht-deutsch’?“ Daran sei die Politik „hüben wie drüben“ nicht unschuldig. Alle Seiten hätten die „Ethnisierung und damit das ‘Ausländertum’ muslimischer Erscheinungen in Deutschdem es einen fürsorglichen Part spiele und die deutsche Politik, indem sie „den politischen Mut nicht aufbringt, den Vorbehalt gegenüber den Muslimen aufzugeben, und so ebenfalls am Ausländer-Image festigt. So bedingen zwei Kräfte ein und dasselbe: Der Islam bleib ausländisch und vor allem ethnisch verortet“.

Um das Maß voll zu machen, so Mazyek, hätten Diskussionen nach dem 11.09.2001 um „konvertitische“ und „salafistische“ Milieus die Chance zunichte gemacht, „dass muslimische Bio-Deutsche, die wir ja haben, auch mit einer reichen Erfahrung und guter beruflicher und gesellschaftlicher Reputation, das öffentliche Bewusstsein ein Stück weit prägen“.

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Laila Massoudi

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