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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Malik Özkan

Wie die Zakat nehmen?

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Im Grunde ist Frage, wie die Zakat korrekt erhoben wird und wie man eine Gemeinschaft gründet, ein und die selbe Frage. Zu Beginn jeder ­echten Gemeinschaft wird das gemeinsame Gebet etabliert und eine Autorität eingerichtet, die die Zakat erhebt.

(iz). Die Zakat ist dabei eine der wichtigsten sozialen Funktionen jeder funktionierenden Gemeinschaft. Es ist nicht das „ethnische” Kriterium, dass in erster Linie die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ausmachen sollte, sondern die Bereitschaft, sich der Zakaterhebung zu unterwerfen. Der Einzelne – unabhängig von seiner Herkunft – wird so mit seiner Zakat in die soziale und lokale Realität seiner Umgebung mit einbezogen. Das korrekte Nehmen der Zakat ist bis heute der Schlüssel für ein anderes Verständnis der Situation der Muslime. Aber, erinnern wir uns nochmals an die grundsätzliche Bedeutung der Zakat. Dass die Zakat, die man als verpflichtende Sozialabgabe bezeichnen kann, zu den fünf Säulen des Islam – neben Glaubensbezeugung, Gebet, Fasten im Rama­dan und der Hadsch – gehört, wissen die meisten. Damit ist sie auch eine bekannte Handlung der Anbetung, eine ‘Ibada.

Anders als bei den anderen Säulen haben aber leider viele Muslime heute oft nur geringe Kenntnisse über die Praxis der Zakatnahme, sodass manche Autoren die Zakat sogar als die „vergessene Säule des Islam“ bezeichnet haben. Für viele Muslime ist sie nur eine Art „anonyme” Spende, die einmal im Jahr in einer bestimmten, berechneten Höhe zu geben ist. Diese Verständnis greift zu kurz. Im Vergleich zu seiner Wichtigkeit wird heute viel zu viel über das Kopftuch, aber zu wenig über die Zakat ­debattiert. Neben der häufigen Frage „trägst du ein Kopftuch?” wäre vielmehr die seltenere Frage „bezahlst du die Zakat?” wahrlich berechtigt. Viele islamische Verbände informieren kaum über die Regeln der Zakat oder er­heben sie völlig intransparent. Fakt ist aber, dass die Zakat eine Pflichtabga­be ist, die gemäß dem islamischen Recht nicht vom Einzelnen gegeben, sondern genommen, also von einer berechtigten Autorität eingesammelt und verteilt werden muss. Da die Zakat sofort weitergegeben muss, ist die Zakat aber andererseits kein Instrument der Machtsteigerung einer Einzelperson oder Gruppe.

Grundlegendes zur Zakat
Das Wort Zakat kommt von der Wurzel „zakka“, was „reinigen“ beziehungsweise „etwas reinigen“ bedeutet, wie auch „tazakka“, „sich selbst reinigen“. Man kann sagen, dass die Handlung der Zakat­entrichtung eine Reinigung ist. Sie wird deshalb so genannt, weil sie das ­Vermögen des Gebenden reinigt und der Gebende deshalb durch Allah Zuwachs erhält, da Allah durch das Bezahlen der Zakat seine Rangstufe bei Ihm erhöhen wird. Allah sagt im Qur’an: „Nimm ­Sadaqa von ihrem Vermögen, um sie dadurch zu reinigen und zu säubern.“ (At-Tauba, 104)

Die Qur’an-Gelehrten sind sich einig, dass hier mit „Sadaqa“ tatsächlich Zakat gemeint ist. Allah befiehlt Seinem Gesandten, Zakat von den Menschen zu nehmen – nicht nur den einzelnen Menschen, sie zu geben. Die gute Nachricht ist, dass, natürlich abzüglich der Zakatverpflichtung, der Islam das redliche Erlangen von Vermögen und Eigentum achtet und respektiert. Daher ist der Islam ein Mittelweg und natürlich fern von der gleichmacherischen Idee einer gelenkten Staatswirtschaft.

Die Zakat zu entrichten, ist eine Verpflichtung für jeden Muslim (Fard ‘Ain), sofern man über eine bestimmte Menge an Besitz verfügt, die eine bestimmte Grenze (Nisab) überschreitet und eine festgelegte Zeit (diese variiert je nach Ware, beträgt aber in der Regel ein volles Mondjahr) abgelaufen ist. Es ist auch verpflichtend, daran zu glauben, dass die Zakat eine absolute Pflicht ist. Die Wichtigkeit der Zakat für das Gesamtgebäude des Islam wird schon daraus ersichtlich, das Allah ihr an fast 30 Stellen im Qur’an durch die gemeinsame Nennung mit dem Gebet den gleichen Stellenwert wie dem Gebet gegeben hat. Die Stellen, in denen die Zakat alleine erwähnt wird, sind hingegen deutlich weniger. „Salat [das verpflichtende Gebet] und Zakat sind Geschwister, sie gehören zusammen“, sagt dazu beispielsweise der Gelehrte Dr. Asadullah Yate.

Die ist eine Vermögensabgabe, die auf bestimmte Formen des Besitzes erhoben wird: Gold und Silber, haltbare, ortsüb­liche landwirtschaftliche Güter, Vieh und Waren. Über ihre Verteilung findet man im Qur’an: „Die gesammelte Zakat ist für die Armen; die Mittellosen; diejenigen, die sie einsammeln; um die Herzen der Leute nahe zu bringen; für die Befreiung von Sklaven; die Verschuldeten; die Ausgabe auf dem Wege Allahs und die Reisenden. Dies ist eine Vorschrift von Allah. Allah ist Allwissend, Allweise.“ (At-Tauba, 60)

Gerade diese acht verbindlichen Kategorien der Zakatverteilung sind leider oft unbekannt. In einer Überlieferung vom Propheten berichtete Ibn ‘Abbas, einer der großen Prophetengefährten: „Der Gesandte Allahs sandte Mu’adh in den Jemen und wies ihn an: ‘Ruf sie auf, zu bezeugen, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass ich der Gesandte Allahs bin. Wenn sie dem folgen, dann unterweise sie, dass Allah ihnen Tags wie Nachts fünf Gebete verpflichtend gemacht hat. Wenn sie dem folgen, dann lehre sie, dass Allah befohlen hat, die Zakat von ihrem Vermögen zu nehmen und diese den Armen zu geben.’“

Wie Zakat zahlen?
Auf die Einzelregelungen zur Zakat kann hier natürlich nicht eingegangen werden. Erwähnt werden sollte aber, dass die Zakat auf finanzielles Vermögen gemäß der klassischen Rechtsauffassung eigentlich in Gold und Silber gezahlt werden muss und nicht mit Papiergeld. Bei letzterer Zahlungsweise handelt es sich um eine Ausnahme – eine Notlösung, die den heutigen Gegebenheiten geschuldet ist. Angesichts der aktuellen Finanzkrise entfaltet dieser Aspekt natürlich einige Brisanz, da Muslime schon aus ihrer Zakatverpflichtung heraus Interesse an authentischen Währungen haben ­sollten.

Der Gelehrte Schaikh ‘Abdalhaqq Bewley betrachtet Papiergeld, gemäß ­seiner ursprünglichen Funktion, nur als Schuldscheine, die keinen eigenen Wert an sich besitzen: „Die Muslime sollten das Papiergeld von der rechtlichen Perspektive der ‘Darura’ her betrachten – als etwas Unangenehmes, das kein Muslim benutzen würde, es sei denn, er wird ­unbedingt dazu gezwungen, und ebenso als eine Sache, für die bei der ersten Gelegenheit ein Ersatz gefunden werden muss, der halal [erlaubt] ist.“ Wenn ir­gend­wie möglich, muss statt dem Papier­geld die authentische Gold- und Silberwährung verwendet werden. Ebenso eine Ausnahme ist es, dass Zakat individuell – zum Beispiel durch Banktransfer – gege­ben, anstatt von einer Autorität genommen wird.

In dem Buch „Islamische Ethik“ ­(Islam Ahlaki, Hakikat Kitabevi, Erstes Buch, Teil 2) findet sich hier eine Beschreibung der aktuellen Lage und eine Deutung des Zusammenhanges von Papiergeld und der Zakat: „Beim Handel behauptet ­jeder, dass seine Produkte die wertvollsten seien. Daher ist es notwendig, den gegen­­seitigen Wert von Produkten auf gerechte Weise zu messen. Der gegenseit­ige Wert von Dingen, Waren und ­Produkten wird mit Gold und Silber, das heißt, Geld, gemessen. Gold und ­Silber werden ‘Naqdayn’ genannt. Das Papiergeld, was heute alle Völker benutzen, ist durch Gold gedeckt. Das heißt, dass die Regierungen, die viel Gold besitzen, viel Papiergeld drucken können. Wenn eine Regierung wenig Gold hat und trotzdem viel Papiergeld druckt, wird dieses Geld wertlos. Denn, Allahu ta’ala hat Gold und Silber als Geld ­bestimmt. Nichts kann den Platz von Gold und Silber einnehmen. Daher muss die Zakat in Gold oder Silber berechnet und ausgehändigt werden. Es braucht einen Schiedsrichter, der gerecht ist und der – Gerechtigkeit wahrend – den ­gegenseitigen Wert der Dinge, Waren und Produk­te durch Gold und Silber ­bestimmt. ­Dieser Richter, dessen Wort befolgt wird, ist die Regierung. Eine ­gerechte Regierung verhindert Unrecht und Schikanen. Sie sorgt für die Gerech­tigkeit, die von Allahu ta’ala befohlen wird. Sie bestimmt den gegenseitigen Wert von Dingen, Waren und Produkten mit Gerechtigkeit.“

Die gegenwärtige Praxis
Heute findet man oft, dass Muslime, die sich bemühen, ihrer Verpflichtung zur Zakat nachzukommen, diese mit ­Hilfe von Broschüren und dergleichen selbst berechnen und dann beispielsweise einer muslimischen Hilfsorganisation überweisen. Einige dieser Organisationen bieten auf ihren Webseiten sogar eine Funktion zum Berechnen an. Ob Hilfsorganisationen nach islamischem Recht überhaupt berechtigt sind, Zakat einzunehmen, ist umstritten. Ebenso sammeln verschiedene muslimische Organisationen, etwa Verbände, denen Moscheevereine angegliedert sind, Zakat ein. Dabei sollte man aber darauf achten, dass die Zakat nicht etwa zum Erhalt der jeweiligen Organisation oder deren Strukturen oder Tätigkeiten verwendet werden, sondern nur an die genannten acht Kategorien von Empfängern gehen.

Die Zakat ist im Grunde eine öffentliche und gemeinschaftliche Angelegenheit. ‘Abdalhaqq Bewley sagt dazu: „Die Fiqh-Bücher aller Rechtsschulen, wie auch die Bücher der muslimischen ­Geschichte belegen, dass die Verbindung zwischen der Verpflichtung zur Zahlung der Zakat und dem sozialen Netz der Muslime evident ist. Die zentral bestimmte Einnahme und Verteilung wird in der gesamten traditionellen Literatur als das allgemein Übliche angesehen.“ Heute hat sich jedoch der Zustand, dass Zakat selbst gegeben wird, so verfestigt, dass beispielsweise in dem unter türkischen Muslimen populären Islam-Handbuch „Büyük Islam Ilmihali“ von Ömer Nasuhi Bilmen auch nur noch, wie bei einer Spende, vom „Geben“ der Zakat die Rede ist.

Lokal oder global?
Was die Verteilung der Zakat angeht, sollte diese nach übereinstimmender Rechtsauffassung in erster Linie vor Ort, also lokal erfolgen; es sei denn, es ist nicht möglich, da es vor Ort keine der im Qur’an definierten acht Kategorien von Empfängern gibt. Zakat ist also keine ­Institution zur Finanzierung etwaiger Aktivitäten außerhalb Deutschlands. ­Angesichts der sozialen Situation vieler Menschen in Deutschland kann die ­Zakat auch problemlos in Deutschland verteilt werden. Es ist dabei auch der Sinn der Zakat, die soziale Situation der Menschen genau zu kennen und mitzuhelfen diese soziale Situation nachhaltig zu ­verbessern.

Auch den im Ausland tätigen Hilfsor­ganisationen ist die Priorität der Verteilung vor Ort inzwischen längst bekannt. So hieß es in einem Informationstext von muslimehelfen: „Die islamischen Gelehrten sind sich einig, dass die Priorität bei der eigenen Gemeinde anzusetzen ist. Sind die Bedürfnisse innerhalb der Gemeinde gestillt, kann ein Teil der Zakat anderweitig eingesetzt werden (zum Beispiel notleidende Verwandte, Menschen in Katastrophen- und Krisengebieten).“ Der Geschäfts­führer von Islamic Relief Deutschland, Tarek Abdelalem, sagte in einem früheren IZ-Interview zu dieser Frage: „Grund­sätzlich ist unsere Zielsetzung, Hilfe für Bedürftige im Ausland zu leisten. Aber wir müssen auch umdenken und hierzulande ­Hilfe leisten. Die Idee zu sozialen Aktivitäten in Deutschland besteht bei uns bereits seit langem. Inzwischen geht bereits 30 Prozent des von uns eingesammelten Zakat-Geldes an Bedürftige in Deutschland.“

Bei einer Einsammlung und Ver­teilung der Zakat vor Ort kann eine lokale Identität der Muslime entstehen, die ­weniger als bisher auf die Herkunftsländer bezo­gen ist. Die Notwendigkeit der Einsammlung und Verteilung an die im Qur’an erwähnten Kategorien von Empfängern und die Notwendigkeit, diese zu ermitteln, würde auch dazu führen, dass die Muslime sich lokal besser kennen. Ihre Verteilung gewinnt nicht zuletzt angesichts des immer dünner werdenden Netzes der sozialen Sicherung eine steigende Relevanz, wie auch islamische ­Stiftungen, Märkte und generell wohltätige und soziale Aktivitäten in bester islamischer Tradition.

Letztlich zeigt sich gerade anhand der Zakat, wie auch in anderen Punkten, dass – um den Islam richtig zu leben – das Vorhandensein einer Gemeinschaft notwendig ist.

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