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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Massouda Khan

Wie funktioniert der gerechte Handel?

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„Wehe denen, die das Maß kürzen; die, wenn sie sich von den Menschen zumessen lassen, sich volles Maß geben lassen, wenn sie ihnen aber zumessen oder wägen, Verlust zufügen. Glauben sie nicht, dass sie auferweckt werden zu einem gewaltigen Tag?“ (Al-Mutaffifin, 1-5)

(iz). Wie Dr. Asadullah Yate in der letzten Ausgabe ausführte, ist der gerechte Handel in sich eine Metapher für das Verhältnis zwischen Menschen und seinem Schöpfer. So wird an mehreren Stellen gefragt, ob es jemanden gibt, der sein Versprechen zuverlässiger einhält als Allah; um nur ein Beispiel zu erwähnen.

Soweit es Muslime – individuell wie gemeinschaftlich – betrifft, sind die grundlegenden Regeln, aber auch sekun­däre Urteile, bezüglich des Handels, der Verträge, der Märkte sowie der Ökonomie offenbart beziehungsweise von den Gelehrten seit Anbeginn des Islam formuliert und reflektiert worden. Es geht heute nicht darum, dass sich im Din keine Antworten auf die moderne Ökonomie und ihre Krise finden ließen, ­sondern darum, dass Muslime und ihre Gelehrten ihre obsessive Faszination mit dem Kapitalismus beenden müssen, um wieder klar zu sehen.

Was aber, so wird sich mancher von uns beim täglichen Einkauf in den gesichtslosen Discountern, die den deutschen Lebensmittelmarkt dominieren, fragen, kann man „jetzt“ tun? Man ­könne, so ein verständliches Argument, ja nicht warten, bis die Erkenntnis der Notwendigkeit einer eigenständigen ökonomischen Praxis der Muslime massenwirksame Folgen zeitigt. Vor allem dann nicht, wenn das bisherige ­Konsumgefüge der spottbilligen Waren – die unter teilweise unmenschlichen Bedingungen erzeugt werden – noch verführerisch und stabil erscheint.

Ein vergleichbares Dilemma diskutierte die entwicklungspolitische Bewegung in Deutschland bereits vor mehr als 20 Jahren. Vor die Wahl gestellt, gerecht produzierte und gehandelte Waren weiterhin nur in kleinen „Weltläden“ oder im Rahmen von Kirchengemeinden zu verkaufen, oder aber eine neue Massenbasis zu finden, entstand auch in Deutschland das Transfair- oder Fairtrademodell. Ein großer Unterschied zu früheren Zeiten der Weltläden ist, dass die Produkte heute auf einer wesentlichen breiteren Basis – auch in ­größerem Umfang – auch über den Massenkonsum abgesetzt werden. Hinzu kommen institutionelle Abnehmer wie Kantinen und öffentliche Einrichtungen, bei ­denen beispielsweise gerecht gehandelter Kaffee ausgeschenkt wird.

„Fairtrade ist eine Strategie zur Armuts­bekämpfung. Durch gerechtere Han­delsbeziehungen soll die Situation der benachteiligten Produzentenfamilien in Afrika, Asien und Südamerika verbessert, die Binnenwirtschaft gestärkt und langfristig ungerechte Weltwirtschaftsstrukturen abgebaut werden“, heißt es auf der Webseite von Fairtrade Deutschland. Durch die festen, und durchschnittlich höheren Preise, die im Gerechten Handel bezahlt werden, können Bauern und Arbeiter dem erbarmungslosen Druck des Weltmarktes entkommen. Häufig gehören dazu auch soziale Projekte für Arbeiter, Bauern und ihre Familienmitglieder, die aus den ­erhöhten Preisen finanziert werden.

Insbesondere in Zeiten einer dramatischen Lebensmittelspekulation hat das Modell verschiedene Vorteile. „Wer Fair Trade-Produkte kauft, trägt dazu bei, dass die Dominanz von inter­nationalen Preisen ein Stück weit gebrochen wird“, sagte Markus Henn von der NGO im Interview mit der Islamischen Zeitung vor einigen Monaten.

Früher handelte es sich im Wesentlichen nur um Güter wie Kaffe, Kakao, Schokolade und Kunsthandwerk. ­Heute findet sich auf der Webseite von Fairtrade Deutschland (fairtrade-deutschland.de) eine Produktdatenbank mit 1.186 Waren. Erhältlich sind diese in Supermärkten (sogar in manchem Discountern), Feinkostläden, Weltläden und im online-Versandhandel. Das ­Angebot reicht von Bekleidung, über Lebensmittel bis zu Fußbällen. Unter den ­Anbietern finden sich auch Restaurants und Catering-Firmen, die gerecht gehandelte Produkte als Zutaten benutzen.

Und die Muslime? Wie Morad Bouras (siehe S. 1) zeigt, wacht die jüngere Generation langsam auf und wird sich der Möglichkeit des gerechten Handels und ihrer Folgen für Mensch und Umwelt bewusst. Auf Gemeindeebene hat der Frankfurter (und Mainzer) Verein Islamische Informations- und Serviceleis­tungen e.V. (IIS) den Anfang gemacht, und verkauft seit September 2011 in seinen Frankfurter Räumlichkeiten gerecht gehandelte Produkte.

Links:
www.fairtrade-deutschland.de
www.iisev.de

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Massouda Khan

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