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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Sulaiman Wilms

Wie wirken Adab und Futuwwa?

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(iz). Muslime leben in mehrfachem Sinne in Paradoxien, in denen sie sich oft ohne ausrei­chende Orientierung wiederfinden. Einer dieser Widersprüche ist, dass wir heute zwar einerseits so oft und viel wie nie zuvor vom „Islam“ hören oder darüber sprechen, es aber gleichzeitig so wenig wie nie zuvor einen tief verwurzelten, authentischen Islam gibt. Oft manifestiert sich diese Dissonanz im Unterschied zwischen öffentlichen Ansprüchen und gelebter Realität.

Moderne Trennungen
Spürbar wird dieser Bruch, wenn es zu Diskrepanzen zwischen metaphysischem Anspruch und realer Praxis einer Person oder einer Gruppe kommt. Heute sind dies beispielsweise die vermeintlich „streng religiösen“ Gruppierungen, deren Verhalten (angefangen von „Bruder, du machst da was bei deinem Gebet falsch!“ bis zur rhetorisch brutalen Unterstellung, der andere sei fehlgeleitet) ihrem frommen Anspruch Lügen trafen. Es kann sich aber auch um besonders offen und liberal auftretende Leute handeln, die einerseits Pluralität einfordern, aber mit dieser nicht umgehen können, wenn sie mit Ansichten ihres Gegenübers konfrontiert werden. Was beide Seiten verbindet ist ein metaphysischer und struktureller Umgang mit dem lebendigen Din, den Allah uns hat. Derart wird der Islam – also die Handlungen, Zustände und Glaubensüberzeugungen der Muslime, die ihn leben – in ein Objekt verwandelt, dass mit dem Subjekt verbunden ist, aber nicht als Teil des Selbst voll verstanden werden kann. Das mag erklären helfen, warum das religiöse Denken der meisten Muslime heute oft durch politische Theologie bestimmt wird. Sprache ist verräterisch, und diese Entwicklung offenbart sich in Satzfetzen wie „der Islam sagt: (…)“, so als wäre der Din etwas anderes als das, was wir tun und als Gewissheit im Inneren bergen. Das soll natürlich nicht heißen, dass es nicht unterschiedliche Bedeutungs- und Erscheinungsebenen des dynamischen isla­mischen Phänomens gibt, die eine spezi­fische Begrifflichkeit notwendig machen.

Der Gegenentwurf
Dass es eine andere Welt jenseits der Gegensatzpaare des modernen „Diskurses“ (ein Begriff, der schon lange über Gebühr strapaziert wird) gibt, wird aus der islamischen Weisheitslehre ersichtlich. So erinnern die Sufi-Schaikhs ihre Schüler durch die Einsicht „die ganze Tariqat ist Adab (spirituelle Höflichkeit)“ daran, dass es nicht um abstrakte Konzepte geht, sondern um eine Wirklichkeit, die gelebt werden muss. Entscheidend ist hier für uns der Adab, der sich vielleicht am besten mit ­„Wohlverhalten“ übersetzen ließe, um ihn von der „Etiket­te“ der sozialen Konventionen zu unter­scheiden. Seine Quelle ist keine kollektive Sanktion bei Fehlverhalten, sondern das Herz, das intuitiv und ohne Androhung von Zwang richtig handelt.

Eine eminent wichtige Manifestation des Adabs ist die praktische Wissenschaft der Futuwwa. Gelebt und verwirklicht wurde sie traditionell als Teil muslimischer Zivilisationen von jungen Muslimen (wobei sie nicht auf eine Altersgruppe beschränkt ist). Ihnen stand oft ein Meister vor. Welchen Einfluss diese ­Futuwwa auf die Zivilgesellschaft hatte, belegen beispielsweise die Reisebeschreibungen von Ibn Battuta aus Kleinasien.

Weg zur Quelle
Die Quelle und das Vorbild für Adab ist natürlich das Beispiel des Propheten. In einem Vortrag vom 5. Oktober ­dieses Jahres erläuterte der Imam der Großen Moschee von Granada, Schaikh Muham­mad Al-Kasbi, in die Verbindung zwischen Prophetentum und Adab ein. Guter Charakter, „Makarim Al-Akhlaq“ ist, so der Gelehrte, eine der wichtigsten Eigenschaften aller Propheten und Gesand­ten. „Und er ist das einzige Mittel, durch das die höchsten spirituellen Rangstufen erreicht werden können.“ Allah habe unseren noblen Propheten durch die Beschreibung seines vollkommenen Charakters gelobt, indem Er sagte: „Du hast wahrlich einen großartigen Charakter.“ (Al-Qalam, 4)

Der Gesandte Allahs habe seinen Gefährten diesen guten Charakter und die Futuwwa eingepflanzt und sie ermutigt, starke Bande der Bruderschaft zwischen sich zu schmieden. Die Verkörperung dieser Charaktereigenschaften wird uns am Tag der Auferstehung nahe zum Propheten bringen.

Der Gesandte Allahs sagte zu seinen Gefährten: „Soll ich euch sagen, wer mir von euch am liebsten ist und mir am Tag der Auferstehung mir am nächsten sein wird?“ Sie antworteten: „Bitte, sag es uns.“ Er entgegnete: „Diejenigen, die den besten Charakter haben.“ Der Prophet ermutigte seine Gefährten dazu, sich gegenseitig zu helfen und die Qualitäten der Futuwwa zu verkörpern wie andere und deren Bedürfnisse sich selbst und seinen Bedürfnissen vorzuziehen.

Als der frühe Gelehrte Abu Sufjan Ath-Thauri nach der Futuwwa gefragt wurde, antwortete er: „Futuwwa ist Verstand und Bescheidenheit. Ihr Kopf ist der Schutz vor falschen Handlungen. Ihre Schönheit sind Nachsicht und Adab. Ihr Adel sind Wissen und Gewissenhaftigkeit. Und ihre Juwelen und ihr Schmuck sind das Festhalten am Gebet zu seinen Zeiten, die gute Behandlung der Eltern, die Aufrechterhaltung der Verwandtschaftsbeziehungen, jemandem etwas Gutes zu tun, der Schutz des Nachbarn, das Festhalten an der Gemeinschaft, das Sprechen von ruhigen und freundlichen Worten sowie die Erwiderung von Grüßen.“

Was ist Futuwwa?
In einem längeren Aufsatz spricht Schaikh Dr. Abdalqadir as-Sufi über die höchsten Möglichkeiten der Futuwwa. Sie sei „ein Begriff von dem, was der Tauhid [das islamische Einheitsdenken, die Einheit Allahs] mit ihm macht, [das, was geschieht] wenn ein Muslim das ­Wissen des Tauhids annimmt.“ Sie ist ein ­Begriff, der sich natürlich aus dem Qur'an ablei­ten lasse. „Die Futuwwa ist eine Art Adel. Die Leute übersetzen sie mit Ritterlichkeit, aber sie hat nichts mit Pferden zu tun. Sie handelt von den höchsten Möglichkeit oder Qualitäten für die Diener Allahs.“ Seine sprachliche Wurzel habe die Futuwwa im arabischen Wort „Fata“, was sich zunächst mit „Jugendlicher“ übersetzen lässt. Der Plural ist „Fatjan“. In mehreren qur'anischen Versen spielt das Wort in seinen Abwandlungen eine wichtige Rolle. „Im Qur'an werden drei Aspekte angesprochen, welche die Grundlage der Fatjan – der jungen Männer des Wissens und des Adels – bilden. Und so ­beziehen sich die qur'anischen Stellen auf die jungen Leute in der Höhle, die keinen Götzendienst leisten wollten, sondern es vorzogen, in einer Höhle zu bleiben, anstatt unter Menschen die Einheit Allahs zu leugnen. Die Offenbarung bezieht sich auch auf den Propheten Ibrahim, ­Friede sei auf ihm, der seinen Verstand zur Zerstörung des Schirks [Allah Partner beizugesellen] der Götzenanbeter seiner Zeit in seiner Demonstration des Tauhid nutzte. Und auf den Diener unseres Meisters Musa, Allahs Frieden auf ihm, der ihm beim Erreichen seines Ziels half. (…) Futuwwa – Vornehmheit, Adel – ist eine Tür zur Rechtleitung“, schreibt Schaikh Dr. Abdalqadir as-Sufi.

Imam As-Sulami hat in seinem Buch über Futuwwa Charaktereigenschaften aufgeführt, die die Leute der Futuwwa ausmacht: Sie bringen Freude in das Leben ihrer Gefährten und erfüllen deren Bedürfnisse auf jede mögliche Art und Weise. Sie übersehen Ungerechtigkeit, die an ihnen begangen wurde und bemü­hen sich um Gerechtigkeit für andere Menschen. Sie sind großzügig. Sie sind gastfreundlich und laden Menschen ein, mit ihnen zu essen. Sie halten ihr Wort und beschützen, was ihnen zur Aufbewahrung anvertraut wird.

Abu Hafs An-Nischaburi war ein großer Mann dieser Wissenschaft. Zur gleichen Zeit war er einer der großen Rechtsgelehrten in der Madhhab von Imam Ahmad Ibn Hanbal. In einer Moschee in Bagdad wurde er von Imam Dschunaid nach der Futuwwa befragt: „Für mich besteht die Futuwwa aus geradlinigem Verhalten und dass man niemanden um irgend etwas bittet.“

Untrennbar verbunden
Die Futuwwa (selbst wenn dieser Begriff heute in einem Diskurs verloren gegangen zu sein scheint, in dem auch der Name unseres Herren und des Propheten nur noch selten erwähnt werden) ist von zentraler Bedeutung, wollen wir den Sinn und Zweck des Islam verstehen. Aus diesem Grund sagte der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Ich wurde nur entsandt, um guten Charakter zur Vollendung zu bringen.“ Seine Ehefrau ‘Aischa sagte, dass der Charakter des Propheten der Qur‘an war. „Mit anderen Worten: Er verkörper­te die guten Eigenschaften des Charakters, der von Allah in Seinem Buch gepriesen wird. In diesem Sinne besteht Futuwwa einfach nur darin, die Sunna des Gesandten Allahs zu befolgen“, schrieb Schaikh Abdalhaqq Bewley vor einiger Zeit in einem IZ-Artikel.

Untrennbar verbunden mit Futuwwa ist Erziehung im eigentlichen Sinne des Wortes. Anders als die heutige, bloße Anhäufung von Informationen (wenn man Glück hat) geht es bei der Futuwwa darum, junge Leute in eine Lernsituation zu bringen, in der sie echtes Wissen bekommen, aus dem sie Nutzen ziehen können. Das heißt, alles, was notwendig und relevant ist, um in dieser und in der nächsten Welt Erfolg zu haben.

In den Augen von Schaikh Bewley ist Futuwwa „eine Brücke zwischen Kindheit und Erwachsenenalter und eine Tür zu weit größeren Belohnungen. Wenn sich eine Gruppe junger Muslime trifft, um auf eine Art und Weise zu leben, die Allah zufrieden stellt, führt dies automatisch zu einem ­Prozess der ­Futuwwa unter ihnen. Es ist wie ein alchemischer Vorgang. Wenn die notwendigen Elemente aufeinander treffen und die richtige Temperatur herrscht, kommt unausweichlich eine Transforma­tion zustande“.

Von wem nehmen?
In den gesichtslosen Betonschluchten am Rande von Köln, Hamburg oder Berlin, in den ebenso wenig inspirierenden, berüchtigten „Hinterhofmoscheen“ oder gar im Internet gibt es weder Raum noch Vorbilder, wo junge und ­junggebliebene Muslime die Realität der Futuwwa erleben können. Wo also findet sich Zugang zu dieser Futuwwa, über die wir hier ­sprechen?

Einer dieser Orte, an dem dieser Zugang ermöglicht werden soll, ist die Wazania-Akademie im marokkanischen Larache. Gegründet wurde diese Bildungs­einrichtung für muslimische Mädchen aus Europa von Fatima Dennis, der Witwe des Gelehrten und Qur'anlehrers Sidi Muhammad Wazzani (siehe S. 10). Jahrelang hatte Fatima Dennis am Aufbau und der Vorbereitung ihrer Akademie gearbeitet: „Die Idee zur Eröffnung einer solchen Akademie kam von meinem verstorbenen Mann. Er war der Ansicht, dass es einer speziellen Lehreinrich­tung für Mädchen bedürfe und sprach darüber viel mit mir.“ Sie hatte oft den Norden Marokkos besucht und fand, dass dieser einen guten Ort für ein solches Projekt darstelle.

Was ist nun aus Sicht der Akademiegründerin das Besondere an der Madras­sa? Sie erklärt dies so: „Ich glaube, diese Besonderheit besteht darin, dass die Schülerinnen eine Ausbildung erhalten die auf dem Buch und der Sunna basiert, und die ihnen auch die Möglichkeit bietet, ihre Weiblichkeit zu entwickeln und ausgeglichene Menschen zu werden. Menschen mit einem Wissen, das ihnen sowohl eine soziale Wirklichkeit wie auch eine tiefe spirituelle Wirklichkeit gibt, denn dies ist in unserer Zeit so grundlegend wichtig.“

Über die Rolle der Futuwwa in ihrer Schule sagt Fatima Dennis: „Ihrer Natur nach umfasst diese Disziplin die Gesamtheit des Schullebens und das Gemeinschaftsleben im Allgemeinen. Daher nutzen unsere LehrerInnen jede Möglichkeit zur direkten Übertragung der Futuwwa. Sie ist die traditionelle islamische Praxis, jungen Leuten Werte wie Höflichkeit, Dienst am Nächsten, Edelmut, Geduld, Selbstlosigkeit, Mut, Empfänglichkeit für Schönheit, wahrhaftige Rede, Loyalität und Großzügigkeit zu übertragen.“

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