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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Sulaiman Wilms

Was muss man tun, um den Erbfall zu regeln?

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(iz). Es gibt eine Anekdote über zwei Bagdader Gelehrte, die während des abendlichen Studiums vor Manuskripten sitzen und denen angesichts ihres Studienobjekts die Tränen ­kommen. Ein anderer fragt interessiert, ob sie gerade über die Wunder der göttlichen Schöpfung meditieren. „Nein“, antwortet ihm einer der beiden, „wir studie­ren die Qur’anverse, die sich mit Erbrecht beschäf­tigen. Wir sind überwältigt angesichts der Sorge und Barmherzigkeit, die der Schöpfer auch hier seinen Dienern angedeihen lässt“.

Ein Volk von Erben
Glaubt man Wirtschaftsjournalisten, dann sind wir ein „Volk von Erben“. Nach Angaben der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 16.06.2011 sollen die Deutschen in diesem Jahrzehnt rund 2,6 Billionen Euro erben. Im Durchschnitt solle, laut FAZ-Autorin Schwenn, jeder 300.000 Euro erhalten.

Die FAZ bezog sich auf Angaben des Deutschen Instituts für Altersvorsorge. Auch erstaunlich: In ca. 5,7 Millionen Erbfällen solle dabei „mehr als ein Viertel des Vermögens der privaten Haushalte von insgesamt rund 9,4 Billionen Euro“ den Besitzer wechseln. Das sei eine Steigerung im Vergleichszeitraum von 2001 bis 2011 von 20 Prozent.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch „die Bank. Zeitschrift für Bankpolitik und Praxis“, die sich auf eine Erhebung von Postbank und dem Allensbach-Institut berief. „Aus Daten der Bundesbank und des Statistischen Bundesamtes lässt sich ableiten, dass allein 2011 Erbschaften im Wert von rund 233 Milliarden Euro bundesweit vergeben werden. Dieser Wert entspricht gut fünf Prozent des gesamten Geldvermögens aller privaten Haushalte“, hieß es.

Jeder dritte Deutsche ab 16 Jahren habe mindestens einmal geerbt. Das seien mehr als 20 Millionen Bürger. Und beinahe jeder Vierte erwarte ein Erbe in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren. Alleine schon daher wird klar, dass viele von einem Erbfall auf die eine oder andere Art und ­Weise betroffen sein werden. An erster Stelle kommt dabei Geld. Dann folgen Immobilien und Dinge wie Möbel.

Vorsorge ist besser
Die Studie belegt eine Alltagserfahrung: Die Häufigkeit von Streitig­keiten steigt mit der Höhe des Erbes. Bei Hinterlassenschaften von mehr als 100.000 Euro steige die Frequenz von Auseinandersetzungen auf 26 Prozent. Dies sollte Anlass genug sein, vorzusorgen. Die Regelung des eigenen Vermächtnis zu Lebzeiten ist eine muslimische Tradition und hilft bei der Vermeidung unnötiger Unruhe in der Familie.

Dieser grundlegenden Einschätzung stimmt der Potsdamer Rechtsanwalt Mehmet Malik Schröder auf Nachfrage zu. „Ein Todesfall bringt immer starke Emotionen mit sich. Zusätzlich müssen sich die Betroffenen noch mit juristischen Fragen auseinandersetzen. Viele Fragen gilt es zügig zu beantworten und zu handeln.“ Dabei gelte es zu beachten, dass ohne rechtmäßiges Testament die gesetzliche Erbfolge eintritt. „Die Erbfolge ist der Reihe nach gestuft nach Ordnungen. Stammen die Erben vom Erblasser selber ab, sind es Erben 1. Ordnung, also Kinder und Enkel. Hierzu zählen auch nichteheliche und adoptierte Kinder. Stammen die Erben von dessen ­Eltern ab, sind es Erben 2. Ordnung, das sind die Geschwister und Halbgeschwister, Nichten und Neffen.“ Hinzu kämen etwaige Ehegatten, an die im Falle gemeinsamer Kinder die Hälfte des Nachlasses geht.

Weil dies alles sehr abstrakt ist, erläuterte Mehmet Schröder dies auf Nachfrage anhand eines Beispiels: „Stirbt ein Ehemann einer Familie mit zwei Kindern, erhält die Ehefrau die Hälfte des Erbes und die Kinder jeweils ein Viertel. Stirbt ein Ehegatte ohne Kinder, erhält der Ehegatte drei Viertel. Das übrige Viertel entfällt auf die Eltern des Erblassers oder dessen Geschwister.“

Im Falle mehrerer Erben, bildeten diese eine Erbengemeinschaft. Sie könnten nur gemeinsam über das Erbe verfügen.

Da das Erbrecht offenkundig viele Frage aufwerfe und für die Hinterbliebenen häufig „zu beträchtlichen Problemen“, rät der Anwalt zur Abfas­sung von Testament oder Erbvertrag. So ließen Ungerechtigkeiten vermeiden. Ein Testament „kann privat und handschriftlich errichtet werden. Es muss handschriftlich mit Ort, Datum und Unterschrift versehen werden“. Möglich ist auch die Errichtung eines Testamentes von einem Notar. Rechts­anwalt Schröder weist auf einen Fall hin, der in der Praxis nicht selten ist: „Sind Abkömmlinge des Erblassers durch Testament oder Erbvertrag nicht bedacht und damit enterbt worden, besteht für diesen Personenkreis ein Pflichtteilsrecht. Dieses Pflichtteilsrecht umfasst die Hälfte des gesetzlichen Erbes, also wenn kein Testament errichtet worden wäre.“

Streit wird vermieden
Die Bedeutung, die Allah ta’ala – so der Gelehrte Dr. Asadullah Yate – dem Erbe (arab. Irth) verliehen hat, wird im 11. und 12. Vers der Sura An-Nisa ersichtlich: „Allah empfiehlt euch hinsichtlich eurer Kinder: Einem männlichen Geschlechts kommt eben so viel zu wie der Anteil von zwei weiblichen Geschlechts. Wenn es aber (ausschließlich) Frauen sind, mehr als zwei, dann stehen ihnen zwei Drittel dessen zu, was er hinterlässt; wenn es (nur) eine ist, dann die Hälfte. Und den Eltern steht jedem ein Sechstel von dem zu, was er hinterlässt, wenn er Kinder hat. Wenn er jedoch keine Kinder hat und seine ­Eltern ihn beerben, dann steht seiner Mutter ein Drittel zu. Wenn er Brüder hat, dann steht seiner Mutter (in diesem Fall) ein Sechstel zu. (Das alles) nach (Abzug) eines (etwaigen) Vermächtnisses, das er festgesetzt hat, oder einer Schuld. Eure Väter und eure Söhne – ihr wist nicht, wer von ihnen euch an Nutzen näher steht. (Das alles gilt für euch) als Verpflichtung von Allah. Gewiss, Allah ist Allwissend und ­Allweise.

Und euch steht die Hälfte vom dem zu, was eure Gattinnen hinterlassen, wenn sie keine Kinder haben. Wenn sie jedoch Kinder haben, dann steht euch ein Viertel von dem zu, was sie hinterlassen. (Das alles) nach (Abzug) eines (etwaigen) Vermächtnisses, das sie festgesetzt haben, oder einer Schuld. Und ihnen steht ein Viertel von dem zu, was ihr hinterlasst, wenn ihr keine Kinder habt. Wenn ihr jedoch Kinder habt, dann steht ihnen ein Achtel von dem zu, was ihr hinterlasst. (Das alles) nach (Abzug) eines (etwaigen) Vermächtnisses, das ihr festgesetzt habt, oder einer Schuld. Und wenn ein Mann oder eine Frau ohne Eltern oder Kinder beerbt wird und er (beziehungsweise sie) einen (Halb-)Bruder oder eine (Halb-)Schwes­ter (mütterlicherseits) hat, dann steht jedem von beiden ein Sechstel zu. Wenn es jedoch mehr als dies sind, dann sollen sie Teilhaber an einem Drittel sein. (Das alles) nach (Abzug) eines (etwaigen) Vermächtnisses, das festgesetzt worden ist, oder einer Schuld, ohne Schädigung. (Das alles ist euch) anbefohlen von Allah. Allah ist Allwissend und Nachsichtig.“

Allahs Beschreibung der verpflichtenden Erbanteile im Qur’an (Fara’id oder Furud) sei ein Beweis für die Sorge des Herrn der Welten um jeden Aspekt unseres Lebens. Diese Anteile, so Dr. Yate, leiten sich aus dem jeweiligen Verwandtschaftsverhältnis ab.

Die Pflichtelemente des Erbrechtes zählen „zu den höchsten Pflichten, die den Dienern Allahs aufgetragen sind“. Der nächste Vers beginnt mit dem Verweis auf die von Allah abgesteckten „Grenzen“. „Die Einzelfallregeln der islamischen Erbrechts“, so der Gelehrte, „sind mathematisch berechenbare Verhältnisse“. Diese Wissenschaft sei der Katalysator für die Forschungs­arbeiten vieler früher muslimischer Mathematiker gewesen.

Die genaue Einhaltung der Erbverteilung sichere eine gesunde muslimische Gemeinschaft. Wenn vorab feststünde, wer wie viel erhält, könne Streit vermieden werden. Außerdem würden Probleme dadurch aus dem Weg geräumt, dass den Regeln zufolge nicht mehr als ein Drittel des gesamten Vermögens durch den Erblasser nach eigenem Willen verteilt werden könnten. „Es ist wahr, dass die Erbanteile männlicher Familienmitglieder größer sind als die der weiblichen. Hierin liegt aber Weisheit verborgen“, erläutert Dr. Yate. Oft werde übersehen, dass es diese männlichen Verwandten seien, die die Pflicht zur Unterstützung ihrer weiblichen Angehörigen hätten. Vor längerer Zeit hielt der ­Gelehrte Abdurrahman Reidegeld in einem zweiteiligen IZ-Artikel fest, dass die Fara’id beziehungsweise das Erbrecht zu den wenigen Bereichen des islami­schen Rechts zählten, bei denen in allen wesentlichen Punkten Einhelligkeit herrscht. Reidegeld selbst ist fachkundig auf dem Gebiet, da er während einiger Auslandsaufenthalte praktische Erfahrungen bei der Berechnung der Erbanteile machen konnte.

Wie wichtig dieser Wissenszweig sei, werde unter anderem aus dem Ausspruch des Propheten ersichtlich: „Erlernt das Wissen um die Pflichterbteile (Fara’id), denn sie sind ein fester Bestandteil eurer Religion; sie machen die Hälfte des Wissens aus, und sie sind das erste an Wissen, was von meiner Umma hinfortgenommen werden wird.“

Lesetipp: Abdurrahman Reisegelds umfassender, zweiteiliger Text befindet sich unter dem Titel „Ein komplexes Rechtsgebiet“ im online-Archiv der IZ. In den beiden Texten führt der Autor fachkundig in die Grundlagen des islamischen Erb­rechts ein, nennt Quellenwerke und dokumentiert Rechenbeispiele.

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