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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Sulaiman Wilms

Wie sehen Muslime das Thema Gemeinschaft

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(iz). Als ich vor rund 22 Jahren Muslim wurde, bezeugte ich meinen Islam nicht im kleinen Kreis, sondern während eines Freitagsgebetes in einer großen lokalen Gemeinde, die in den folgenden zwei Jahren zur Moschee meiner Wahl werden sollte, in die man für das Gebet, aber auch für ein bezahlbares Essen in der dortigen Kantine kam.

Spürbare Erfahrung
Nachdem der Imam seine Freitagspredigt beendete und die türkischen Muslime, die man damals noch üblicherweise als „Gastarbeiter“ bezeichnete, ihre freiwilligen Gebete beendeten, wurde ich – noch nicht eingeweiht in das Prozedere – zum Imam gebeten. Bei ihm, und vor mehr als 300 hart arbei­tenden Familienvätern, sprach ich dann das doppelte Glaubensbekenntnis aus. Als der eigentlich einfache Vorgang abgeschlossen war, stellten sich die Männer diszipliniert in einer Reihe auf und begrüßten mich per Handschlag und Umarmung.

Das war meine erste Begegnung mit dem, was Muslime unter Gemeinschaft verstehen. Seitdem habe ich sie zusammen mit anderen in Deutschland oder am anderen Ende der Welt, als Gast, der in einer Moschee spontan zum Essen eingeladen wird, oder als hilfesuchender Autofahrer, dem ein freundlicher Mechaniker zum Weiterfahren verhilft, immer wieder erleben dürfen. Von einem der großen Lehrer unserer Zeit ist der simple, und doch fundamental wichtige Satz überliefert: „Alles, was wir haben, sind die Leute und das Gebet.“

Im Idealfall schaffen diese beiden Elemente eine Lebenswirklichkeit, die kaum mit dem schwachen Begriff „Religion“ beschrieben werden kann, und aus den Kernelementen der ‘Ibadat (arab. für Anbetung) und Mu’amalat (sämtliche Elemente der sozialen und wirtschaftlichen Transaktion) besteht.

Nicht erst seit Facebook und Twitter, aber definitiv in Verbindung mit dem Internet, wird die muslimische Gemeinschaft auch von einer ­Erosion ihres Lebensgeistes ergriffen. Dass wir von „Commu­nity“, statt von „Gemeinschaft“ sprechen, gehört in jüngeren Teilen der „Community“ genauso zum Usus wie die Ablösung der Moscheegemeinde als traditionellen Bezugspunkt durch Netzwerke und elektronische Freundeskreise. Das ist beileibe nicht nur die Klage von Muslimen. Mehrere Studien lassen den Schluss zu, dass der Grad der „Aktivität“ in einem sozialen Netzwerk wie Facebook in einem umgekehrten Verhält­nis zu realen und zwischenmenschlichen Kontakten steht.

Alleine praktizieren?
Dass nicht nur die muslimische Gemeinschaft davon ergriffen ist, macht die Sache nicht wirklich besser, da ein erheblicher Teil der essenziellen muslimischen Lebensweise überhaupt nur gemeinschaftlich gedacht und gelebt werden kann. So hat das gemeinsame Gebet einen viel höheren Rang bei ­Allah als das individualisierte. Freitags-, die beiden ‘Id-, Regen- und das Totengebet bedürfen der anderen. Auch kann man den Beginn oder das Ende des Fastenmonats gewiss nicht auf individueller Basis erklären. Auch die Zakat lässt sich nur im sozialen Rahmen realisieren, weil es andere braucht, die sie einsammeln und an die legalen Empfängerkategorien verteilen. Und die Rituale der Hadsch schließlich wären gar nicht denkbar, wenn man sie nicht mit anderen teilen würde oder für sich selbst entschiede, wann es Zeit sei, nach Mekka zu reisen. Grundlagen

„Wir kennen den Islam überhaupt nur“, so der Imam und Gelehrte Dr. Asadullah Yate im Gespräch, „weil der Gesandte Allahs, Segen und Heil auf ihm, alles in Gemeinschaft tat“. Er habe niemals einen Augenblick ­alleine verbracht. Er war, sogar wenn er sich in sein Haus zurückzog, dort in der Gesellschaft seiner Frauen. Gleichfalls haben wir von seinen Gefährten Überlieferungen und Berichte von jedem möglichen Augenblick seines Lebens. Reflektiert wird dies in der prophetischen Sunna, der die Muslime folgen.

„Wie wir aus dieser Sunna wissen, sollen die fünf täglichen Pflichtgebete gemeinschaftlich verrichtet werden. Es gibt viele Überlieferungen des Propheten, wonach das gemeinsame Gebet eine mehrfache Belohnung erhält im Vergleich zum individuellen. Aus dieser Sunna wissen wir auch, dass das gemeinschaftliche Gebet die Norm war. Es war eine Ausnahme für ­Kranke oder heimkehrende Reisende, dass sie für sich beteten. Und selbst, wenn man bereits allein gebetet hat, ist es eine Sunna, es in Gemeinschaft noch einmal zu verrichten“, erläutert Dr. Yate.

Alleine schon diese tägliche Praxis, die Wahrnehmung, wer anwesend ist oder krank, die Begegnung nach dem Gebet oder Anwesenheit des Imams, der über Wissen verfügt, ist ein Grund für das Gemeinschaftsgebet. Es ist ein Mittel zum Austausch über die Dinge, die in der Gemeinschaft geschehen. Für die Männer ist es eine Sunna, die einen sehr hohen Stellenwert hat. „Aber auch die Frauen sollten dazu ermutigt werden, wenn ihnen ihre anderweitigen Pflichten die Möglichkeit dazu geben.“

Eine Steigerung erlebt diese tägliche Praxis noch einmal durch das Freitagsgebet und die Möglichkeit für Männer und Frauen, sich auszutauschen. „Es ist auch der Augenblick, an dem der Imam Unterweisungen gibt, beziehungsweise auf Dinge und Ereignisse hinweist, die seiner Meinung nach für die Gemeinschaft von Bedeutung sind“, so Dr. Yate. Dieser Moment sei auch deshalb wichtig, weil der Imam in ihr auch ein Bittgebet für die Verantwortlichen der jeweiligen Gemeinschaft spricht. Dies wird von den Leuten gehört und stellt eine wöchentliche Bestätigung der Gemeinschaft dar. „Das Freitagsgebet ist ebenfalls eine Gelegenheit der ­Freude. Es ist eine Sunna an diesem Tag, ­Leute zu sich nach Hause einzuladen.“ Während dieses Tages gebe es, entsprechend der Unterweisung des Propheten, einen Moment, an dem die Anrufung der Diener Allahs nicht zurückgewiesen werde. „In einem breiteren Aspekt“, so Dr. Asadullah Yate, „wird die Gemeinschaft durch die beiden ‘Id-Gebete bestätigt, wenn die Gemeinschaft eines Dorfes, Ortes oder einer Stadt zusammenkommt, um Allah für den Feiertag zu danken.“

Die größte Begegnung ist natürlich der Tag von ‘Arafat, wenn sich Millionen Menschen auf der gleichnamigen Ebene versammeln. Sie rufen Allah während dieses Höhepunktes der Hadsch an. Dieser Moment wiederum „ist eine Reflexion von dem, was mit uns nach dem Tod geschehen wird, wenn die gesamte Schöpfung vom Anbeginn bis zum Ende der Zeit nackt vor Allah ta’ala versammelt wird, um ihr Urteil zu empfangen“.

In diesem Zeitalter der Trennung, in dem die Muslime durch die Funktionsweise der heutigen Gesellschaft atomisiert sind ist die Frage nach der Gemeinschaft wichtiger denn je. „Wir müssen die heutige Tendenz realisieren, alles alleine zu machen.“ Aber hier liegt laut Dr. Yate der Nutzen und das Herz der Angelegenheit.

Bedeutungen
Der spanischstämmige Malik Del Pozo, ein junger Hafiz und Imam, beschreibt die Bedeutung des arabischen Begriffes für Gemeinschaft: Dschama’a. Seine Wurzel ist, etwas zusammenzufügen oder zu versammeln. Die Dschama’a ist daher die Versammlung von Menschen. Ihr Gegenteil ist Faraqa, was trennen bedeutet. Die Gemeinschaft sei eine Notwendigkeit, da Allah den Menschen schwach erschaffen habe, wie Er in Seinem Buch beschreibt. Alleine sei er schwach, werde mit seinem Bruder, wie es in einem Hadith heißt, stark. „In einer anderen Überlieferung sagt der Prophet, dass Allah mit der Gemeinschaft ist. Der Wolf greift das Schaf, was sich von seiner Herde entfernt hat.“ Je mehr man sich unter Wölfen befände, desto mehr sei man auf die anderen angewiesen.

Hafiz Malik verweist auch auf den Austausch mit anderen. In einer ande­ren Aussage, so der junge Imam, sagte der Prophet: „Der Din ist Transak­tion/Austausch [Mu’amalat] mit anderen.“ Seine Wurzel ist der Austausch, die Handlung zwischen mehr als einer Person. „Daraus erfahren wir, dass der Din darin besteht, wie man andere Leute behandelt. Aber dies kann nur in Gemeinschaft gehen.“

Erfahrung
Mahmud Lewandowski, Muslim aus dem Bergischen, schrieb uns, was Gemeinschaft für ihn bedeutet: „Gemeinschaft ist etwas, das in diesen modernen Zeiten etwas altmodisch wirkt. Tatsächlich ist es so, dass menschliches Leben letztendlich immer gemeinschaftlich organisiert werden musste. Sie ermöglicht eine natürliche Lebensweise und bedeutet Geben und Nehmen, Schutz gewähren und geschützt werden. Der jeweils Einzel­ne kann, ja, er muss in Gemeinschaft sein Verhalten anpassen und in Frage stellen. Jemand, der egoistisch ist, wird sich auf Dauer in einer Gemein­schaft nicht halten können, er kann aber durchaus sein Verhalten anpassen.“

Die Lektüre noch so vieler Bücher könne erneuernde Begegnung mit anderen, auch und grade dann, wenn es grade „nicht passt“, nicht ersetzen.

„Der Begriff ‘Idiotie’ geht zurück auf das griechische Wort ‘Idioten’, was so viel bedeutet wie ‘Privatperson’. Gemeinschaft schließt Privates nicht aus, Sie balanciert diese. Man könnte auch sagen, dass Mitglieder einer Gemeinschaft sich gegenseitig an ihre Einsamkeit vor Allah erinnern, die – es mag paradox klingen – sich am Besten in Gemeinschaft ‘aushalten’ lässt“, schließt er seine Beschreibung.

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