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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Sulaiman Wilms

Wie mit negativer Kritik umgehen?

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(iz). Heute erleben Muslime, wie ihr Din alltäglich verleumdet wird. Diese Attacken gehen sowohl von Regierungen (s. Artikel S. 3), als auch von „Qualitätsmedien“ und Publizisten aus. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Beleidigungen unseres geliebten Propheten, Allahs Heil und Segen auf ihm, und Verleumdung einer Weltreligion zum Geschäft wurden. Einzelne Muslime und ihre Einrichtungen sehen sich als Konsequenz verbalen, intellektuellen oder gar physischen Angriffen ausgesetzt. Angesichts des Berufszweiges „Islamkritik“ drängt sich dieser Verdacht auf. Gestalten, die man vor zehn Jahren längst abgeschrieben hätte, erleben mit teilweise verfassungswidrigen Statements ihren dritten Frühling.

Raus aus der Defensive!
Für Muslime kann es – nicht nur aus Gründen ihrer spirituellen Gesundheit – nicht das Ziel sein, ihre ohnehin beschränkten Energien auf die anti-muslimischen Verschwörungstheorien zu verschwenden. Aufgrund des geänderten Klimas haben sich einige früher aktive Muslime von ihren Aktivitäten zurückgezogen. Bei anderen entwickelten sich defensive Einstellungen, die gelegentlich in Ressentiments gegenüber der Gesellschaft münden, woraus sich kaum positive Ansätze entwickeln lassen.

Viele Referenten kennen den Effekt, dass sie heute bei öffentlichen Auftritten im Geiste potenzielle Angriffe vorwegnehmen. Auf organisatorischer Ebene bewirkt eine reaktive Haltung, dass Repräsentanten zu oft verlautbaren müssen, was der Islam nicht sei, anstatt zu formulieren, was Muslime wollen. Solche Einstellungen gefährden nicht nur unsere kollektive Dynamik, sondern auch die des Einzelnen. Fragen wir uns doch: Wie oft haben wir unser Gegenüber in letzter Zeit begeistert zum Islam eingeladen? Wann haben wir klar gemacht, dass der Islam pures Gold ist und dass die Menschen sich nur vor Allah fürchten müssen?

Das prophetische Vorbild
Die passende Reaktion auf Verunglimpfung und üble Nachrede können Muslime im Qur’an, der Sunna des Gesandten Allahs, bei seinen Gefährten und den großen Frauen und Männern des Wissens finden. Der Qur’an enthält Hinweise, wie man sich bei Verleumdungen verhalten und dabei auf Allah vertrauen sollte. Die richtige Antwort besteht in der Hinwendung zur eigenen, spirituellen Gewissheit. Wir sind aufgerufen, uns emotionslos zu verhalten, anstatt uns von unseren niederen Leidenschaften treiben zu lassen.

In der Sura Al-A’raf (Vers 199) sagt Allah: „Halte fest an der Vergebung, ­gebiete das Rechte und wende dich von den Unwis­senden ab.“

Und in der nächsten Sura, Al-Anfal (62-63), finden wir: „Wenn sie betrügen wollen; wahrlich, so ist dir Allah Genüge. Und Er hat ihre Herzen zusammengefügt. Wenn du alles, was auf der Erde ist, ausge­ge­ben hättest, hättest du ihre Herzen nicht zusammenfügen können.“

Wegen seines Islams angegriffen zu werden, ist nicht Neues. In den ersten 13 Jahren seiner Mission war der Gesand­te Allahs beinahe andauernd Verfolgungen und Beleidigungen ausgesetzt. ­Seine Antwort unterschied sich aber in Ton und Haltung von dem, was heute oft zu sehen ist. Der muslimische Gelehrte ­Abdurrahman Reisegeld beschreibt ­diese Phase im Leben des Propheten Muham­mad: „In der mekkanischen Phase traten viele Verleumder auf, doch diese wurden durch Herabsendung von qur’anischen Versen demaskiert und die Verleumdung von allen Menschen als Lüge erkannt. In der mekkanischen Phase waren Prophet und Muslime außerstande, sich ernsthaft zur Wehr zu setzen, daher musste man sich in Geduld üben. In der Phase von Medina hat man aber Verleumdern auch offen Gegenpart geboten, ist ihnen entgegengetreten und hat sie und ihre Aussagen auch verurteilt.“

Die Stärke des Propheten und seiner Gefährten war eine spirituelle. Sie bestand im Vertrauen auf Allah, der Furcht vor Ihm und dem richtigen Handeln. Aus diesem Vorbild wird deutlich, wie dieser für die Rechtleitung derjenigen, die ihn verleumdeten, betete, anstatt sie zu verfluchen. Es wurde berichtet, dass ‘Umar zu ihm sagte: „Oh Gesandter ­Allahs! Nuh schwor einen Fluch gegen sein Volk, als er sagte: ‘Mein Herr, ­lasse keinen einzigen der die Wahrheit ­Zu­rück­weisenden auf dieser Erde.’ (An-Nuh, 26) Hättest du je einen ähnlichen Fluch gegen uns geschworen, dann wären wir bis zum letzten Mann vernichtet worden. Man hat dir auf dem Rücken herumgetrampelt, dein Gesicht ist blutig und dein Zahn brach, und doch weigerst du dich, etwas anderes zu äußern. Du hast gesagt: ‘Oh Allah, vergib meinem Volk, denn es hat kein Wissen.’“

Eine Frage der Einstellung?
Für einen Wechsel braucht es zuerst einen Wandel der Einstellungen. Allah sagte in einem Hadith-Qudsi: „Ich bin in der Meinung meines Sklaven über Mich.“ Die Gelehrten machen deutlich, dass wir eine gute Meinung von Ihm, aber auch von Seiner Schöpfung haben müssen. Und vom Propheten Muhammad erfahren wir, dass er entsandt ­wurde, um guten Charakter zu vervollkommnen. Nehmen wir dies ernst, dann brauchen wir eine andere Einstellung.

Von den Weisen stammt der Satz, dass die Welt ein Spiegel ist. Was uns in ihr wi­derfährt, ist eine Reflexion unseres eigenen Herzens. Allah sagt im Qur’an: „Allah ändert die Lage eines Volkes nicht, bis es nicht ändert, was in seinen Herzen ist.“ Die gesunde Reaktion auf einen Angriff besteht für den spirituell Erwachsenen nicht in einem Abwehreflex, sondern in der Frage: „Was habe ich getan, dass mein Gegenüber so reagiert?“

Auf die Frage, warum manche Muslime sich mit negativer Kritik beschäftigen, anstatt positive Ansätze zu formulie­ren, meint Abdurrahman Reisegeld: „In Zeiten innerer Krisen wendet sich jeder an äußere Gegner. Aber manche Diskus­sionen sind sinnlose Zeitverschwendung. Erkennt man das, sollte man nach den Dingen suchen, forschen und lernen, die unser Wesen ausmachen und die wir praktisch immer brauchen. So viel ist noch zu bearbeiten und zu veröffentlichen, dass es eigentlich Zeitverschwendung ist, sich auf diese äußeren ­Probleme festzulegen.“

Deutungshoheit
Um souverän handeln zu können, braucht es einen eigenen Standpunkt sowie spirituelle und geistige Unabhängigkeit. In der Vergangenheit, aber insbesondere seit dem 11.9.2001, haben wir uns oft den Diskurs aufzwingen lassen. Dazu zählt auch die in der Debatte benutzte Begrifflichkeit. Entscheiden wir selbst, welche Worte – und deren zugehörige Bedeutung – wir benutzen?

In einem aktuellen Beitrag auf islam.de stellte Abdul Hadi Hoffmann, Vorsitzender der Muslimischen Akademie in Deutschland (MAD), die wichtige ­Frage: „Wer kann und sollte den Islam bewerten: Musliminnen und Muslime, Nichtmuslime, Politiker, etc.?“ Musliminnen und Muslime hätten mehrheitlich ein ungutes Gefühl, wenn Nichtmuslime entscheiden würden, was islamisch sei oder nicht beziehungsweise, „wenn Nicht­muslime feststellten, was eine missbräuchliche Interpretation des Islam ist, oder wann Islam als Ideologie missbraucht wird“.

Politikerinnen und Politiker müssten gesondert betrachtet werden: „Der Staat hat sich religiöser Bewertungen zu enthalten. Daraus folgend stellt sich die ­Frage, ob Politikerinnen und Politiker, die Repräsentanten des säkularen, neutra­len Staates überhaupt das Recht haben, (…) darüber zu entscheiden, was zum Beispiel richtiger oder missbrauchter ­Islam ist.“

Aktiv vorgehen
Abdurrahman Reidegeld rät in der Debatte zu einer bestimmten und souveränen Haltung: „Am besten verteidigt man sich mit Sachkenntnis, Sachlichkeit und persönliche Ansprache. Ein ­Islamkritiker versucht meist, seine Auffassung automatisch zu einer Mehrheitsmeinung mit gesellschaftlichem Konsens hochzustilisieren; diese Luftblasen-Meinung wird weiter aufgeblasen, wenn ein muslimischer Gegenpart sich persönlich ­beleidigt fühlt. Stattdessen sollte man dessen Meinung als ‘ihre rein persönliche Ansicht’ bezeichnen, die zudem sachlich und ­fachlich unzutreffend usw. sei, und ihn doch zu etwas mehr Niveau auffordern.“ Natürlich müsse sich ein Diskutant immer seiner eigenen Position sicher sein, sonst stehe er auf verlorenem Posten. „Aber er sollte auf die unvermeidlichen Standardthemen auch vorgedachte und vorbereitete Antworten besitzen, weil eine gute Vorbereitung fast alles ist.“

Von der Werbung lernen?
Angesichts der verfahrenen Lage ­brauchen wir neue Ansätze. Auf deutscher und europäischer Ebene arbeiten zehntausende Lobbyisten, um die Interessen ihrer Klientel wahrzunehmen. Selbst in Relation zu relativ kleinen Verbänden gibt es nichts vergleichbares für die mehr als vier Millionen deutschen Muslime. Keine Frage: Das offizielle Deutschland selbst hat in den letzten ­Jahren keine großen Anstrengungen ­unternommen, ähnliche Bindungen zu erleichtern.

Allerdings fehlt es auch an entsprechenden Strukturen: Ein Berliner Hauptstadtbüro, ein Medienteam, dass auf anti-muslimische Kampagnen reagiert, sowie die strukturelle Stärke, eigene Kampagnen zu lancieren. Dabei handelt es sich nicht nur um materielle Herausforderungen, sondern um die fehlende Artiku­lation innerhalb der muslimischen Community. Bisher gibt es keine ­organisierte Möglichkeit, bei denen sich die deutschen Muslime ohne Hierarchien austauschen können. Die Schwächung der muslimischen Mitte führt dazu, dass die Extreme (sowohl salafitische Kleingruppen als auch so genannte „liberale“ Muslime) viel mehr Einfluss bekommen, als ihnen zukommt.

In praktischer Hinsicht wurde die „Marke“ Islam bisher schlecht dargestellt. Vielleicht helfen die Kenntnisse der Öffentlichkeitsarbeit, dieses Problem zu lösen. Nach Ansicht von Thomas Müller, Geschäftsführer der Kölner Agentur DIE PR-BERATER GmbH, handelt es sich bei den Themen „Islam“ und „Muslime in Deutschland“ um öffentlich diskutierte Themen. Für viele Politiker und Meinungsmacher sei das „Modethema“ Islam ein Stimmungsmacher, mit dem sie in ihrem Klientel oder bei neuen ­Zielgruppen punkten könnten. „Das Thema wird heute vielseitig instrumentalisiert und der Opportunismus, auf den ‘Zug der Islamfeindlichkeit’ aufzuspringen, ist weit verbreitet. Unternimmt man nichts, werden Stereotypen, Vorurteile und negative Berichte verfestigt“, erläuterte Müller.

Aktive Öffentlichkeitsarbeit könne sicherlich Einfluss nehmen auf diesen Diskurs. Und eine umfassende Kommunikationsstrategie könne diese Entwicklung abschwächen und mittelfristig ­sogar in Teilbereichen der Öffentlichkeit umdrehen. Auch sieht Müller die Notwendigkeit für ein pro-aktives Denken: „Die islamischen Verbände, die muslimischen Interessengruppen und Persönlichkeiten werden viel zu sehr von der öffentlichen Debatte getrieben. Sie setzen noch viel zu selten eigene Themen.“ Gemeinsam sollten sie aktiv das Thema „Islamfeind­lich­keit“ zu einem gesellschaftlichen Thema, zu einem „Megathema“ entwickeln, „um gegen die schleichende Islamfeindlichkeit in der Mehrheitsgesellschaft vorzugehen, Partner zu gewinnen und Projekte anzustoßen“.

Auf einer Konferenz im französischen Lille vor einem Jahr beschrieb ein ­junger Muslim die Herausforderungen, die er für die europäischen Muslime sieht: Es gehe nicht darum, „sich gut zu ­verkaufen. Entscheidend ist, dass wir das praktizieren müssen, was wir kommunizieren ­wollen“. Auch Thomas Müller verwies auf die Bedeutung eines positiven Vorbilds: Der Islam solle auch als Religion der Nächstenliebe an die Öffentlichkeit treten. „Ob Jugend- oder Bildungsarbeit, Familien- oder Sterbebetreuung, soziale Unterstützung, nachbarschaftliches Engagement, Seelsorge, das Spektrum der Tätigkeit der islamischen Organisation ist breit.“ Diese wichtige soziale Rolle für unser Land gelte es hervorzuheben und dafür letztendlich auch mittelfristig finanzielle Ressourcen zu finden.

In Bezug auf Medien sollten islamische Verbände regelmäßig das Gespräch mit den Chefredakteuren der ­wichtigsten Medien suchen. „Noch sind diese überwiegend ethnisch deutscher Herkunft und Mitte bis Ende Fünfzig in ihrem ­sozialen Milieu geprägt ohne Kontakt zu Muslimen“, sagte der PR-Fachmann. Bei Informationen über den Islam spielten die islamischen Gruppen in Deutschland eine noch zu kleine Rolle. Über ein ­breites Informationsangebot und die ­passen­de Suchmaschinenoptimierung und Positionierung im Netz könnten Vorurteilen begegnet werden. „Das Netz ist heute das Zentrum von Information und folglich Aufklärung. [Die Webseiten] www.islam.de und www.islamische-zeitung.de sind hervorragende ­Beispiele, wie es erfolgreich gehen kann.“

Der selbstständige Kölner Werbeunter­nehmer Massaoud Jebali sieht ebenfalls ein positives Potenzial der Werbe und Marketingbranche. Auf deren ­langjährige Erfahrung zurückzugreifen, sei der richtige Weg. Allerdings sei dies noch schwierig, „da viele Muslime der Werbung und Medien allgemein skeptisch gegenüber stehen.“

In öffentlich zugänglichen ­Medien sei der Islam im positiven Sinne so gut wie nicht vertreten. „Christliche Gruppierungen dagegen schalten Anzeigen in Printmedien“, ab und zu höre und sehe man Spots in Hörfunk sowie in privaten TV-Sendern. „Als Kreativer denke ich, dass eine pfiffige Kampagne – realisiert im Internet, in Printmedien und im TV – Aufmerksamkeit erregen könnte.“ Man müsse allerdings aus dem Vollen schöpfen und kräftig investieren, da Werbung Massenmedien nicht kostenlos angeboten werde, rät Massaoud Jebali. Es geben genügend Beispiele aus ­traditionellen und modernen Medien, wie man dem Negativimage des Islams ­entgegenzuwirken könne. Im Gründe müsse man die Persönlichkeit der Menschen erreichen und an ihre Vernunft appellieren. „Vielleicht lassen sich die Menschen so daran erinnern, dass sie im Denken und Handeln eigentlich autonom sind.“

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