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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Sulaiman Wilms

Wie kann man Videos produzieren?

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(iz). Wer die 1980er Jahre als Tee­nager erlebte, erfuhr am eigenen Leib, wie das Musik­video als Kommunikationsform – und mit ihm MTV – ihren Siegeszug antraten. Auch dank der bunten Bilder wurden Größen wie Madonna berühmt und die Unterhaltungsindustrie konnte – bis zur Ankunft der Internet-Tauschbörsen – satte Gewinne einfahren.

Die rapiden Bildwechsel veränderten unsere Sehgewohnheiten viel radikaler, als wir es uns das damals hätten vorstellen können. Sieht man die Musikvideos aus den 1970er Jahren vor MTV, war das – von experimentellen Bands abgese­hen – nicht viel mehr als das Abfilmen von Sängern oder Konzerten. Nachdem sich der amerikanische Musikkanal (bei dem sich die deutsche Muslimin, Moderatorin und Autorin Kristiane Backer ihre professionellen Sporen verdiente) etablierte, hatten wir Teenager im wahrsten Sinne des Wortes eine andere Sicht der Dinge.

Ein Bild sagt mehr…
… als tausend Wort, ist eine banale Wahrheit, aber trotzdem wahr. Muslimi­sche Journalisten, Autoren und Redner können sich mit ihren Beiträgen zu Wort melden; ein TV-Clip von wütenden Demonstranten in Tripolis, hausgemachten Horrorvideos, wie sie Al-Qaida im Irak einst ins Netz stellte, oder pöbelnde Unterschichtenburschen in Berlin-Neukölln machen diese Aufklärung oft in einem Augenblick zunichte. Weil wir bildgesteuerte Lebewesen sind (nicht von ungefähr haben wir Menschen enorme Reflexe, die unser Sichtfeld schützen), rea­gieren wir auf bewegte Bilder emotio­naler und unreflektierter als auf das gesprochene oder gelesene Wort, das erst einmal seinen Weg über das Großhirn nehmen und intellektuell verarbeitet werden muss. Wie wirksam der ideologische Einsatz von Film und Video ist, zeigen nicht nur die historischen Erfahrungen mit den Diktaturen den 20. Jahrhunderts. Manche Denker sind der Ansicht, dass die totalitären Regime Europas ohne den Film als Ort ihrer Inszenierung und ihrer Kommunikation mit den Massen nicht auf diese Art und Weise hätten ­aufsteigen können.

Auch in unserem nahen Umfeld, der muslimischen Community, spielte das Medium Video und der Film eine nicht unerhebliche Rolle. Einerseits wirken ausländische Sender wie Al Jazeera und seine türkischsprachigen ­Entsprechungen an der politischen Bildung und Beeinflus­sung von Muslimen mit, für welche die Sprache ihrer alten Heimat oder die ­ihrer Eltern der wichtigste Bezugspunkt ist.

Andererseits waren insbesondere Videokanäle auf Plattformen wie Youtube und anderen ein Kristallisationspunkt für die – ansonsten dezentral organisierte – salafistische Bewegung in Deutschland. Deren Prediger haben insbesonde­re wegen ihrer Videoauftritte im Netz eine enorme Anhängerschaft unter jugendlichen Muslimen gewinnen können, für die das Internet zum wichtigsten Medium ihrer Wahl geworden ist. Auf muslimischer Seite wurde dieser Zusammen­hang zwischen dem geschickten – aber unaufwändigen – Einsatz der modernen Kommunikation und einer eingängigen – aber simplen – Rhetorik noch nicht ausreichend debattiert.

Enorme Möglichkeiten bei der Technik
Sieht das menschliche Auge 24 ­Bilder oder mehr pro Sekunde, kann es diese nicht mehr einzeln wahrnehmen, sondern interpretiert sie als kontinuierliche Bewegung. Obwohl weit mehr als ein Jahrhundert bekannt stellt dieser Effekt die Grundlage des Films dar. Dank der heutigen Verfügbarkeit elektronischer Kommunikation und rapide gefallener Preise für die notwendige Hardware haben wir heute ein Flut von Videos und Clips, die längst jedes Maß der möglichen Übersichtlichkeit überschritten hat.

Mit Ausnahme einiger Amateure beschränkten sich die Möglichkeiten der Videoproduktion im Privatbereich zumeist auf unfreiwillig komische Heimvideos, welche die sprichwörtlichen Diaabende ablösten. Heute – dank Camcor­der, Mini-HD-Kameras, Handys und speziellen Spiegelreflexkameras – kann jeder, der nicht vollkommen technophob ist, dank leicht zu erlernender Videoschnittprogramme Filme produzieren und im Internet mit anderen teilen. Dirk Echterling ist freiberuflicher Kameramann und Videoproduzent, der seit Jahren im Auftrag großer Sender ­arbeitet. Darüber hinaus hilft er jungen muslimi­schen Projekten dabei, sich Know-how über die technischen Aspekte zu verschaffen. Echterling sieht bei der ­jetzigen technischen Entwicklung zwei Aspekte. Einerseits sei das technische Angebot vielfältiger geworden, andererseits „ist der ganze Markt unübersichtlicher ­geworden. Und von daher ist es schwieriger, sich zu informieren und sich einen Überblick zu verschaffen“.

Letztendlich aber sei die notwendige Ausrüstung, „die man braucht, um loslegen zu können“, viel erschwinglicher geworden. Und es fänden sich für jede Kamera, jede Schnitttechnik und jedes Filmformat ausreichend Lehrmaterial – im Internet und in Form von Büchern.

Eine Kamera „plus einem ­vernünftigen Objektiv“ könne man für rund tausend Euro erstehen. Der notwendige Rechner komme auf rund rund 1.500 Euro. „Eine offene Frage dabei ist notwendige Schnitt­programm. Es gibt natürlich die Billiglösung ab 150 Euro. Beispielsweise wäre das Magix, bei dem man als Einsteiger gut über die Runden kommt.“ Professio­nelle Anwendungen wie Premiere, AVID oder Final Cut können bis zu tausend Euro kosten. Insgesamt käme man laut Dirk Echterling auf eine Investition von 2.500 bis 3.500, um technisch für die Videoproduktion gerüstet zu sein.

Für junge Muslime, die sich nicht nur auf dem Gebiet ehrenamtlich ­engagieren wollen, hat Dirk Echterling einen ­kleinen Dämpfer parat. Wegen der leichteren technischen Verfügbarkeit, was auch zu unterschiedlichen Formaten im Profibereich geführt habe, sei in der beruflichen Videoproduktion ein sehr harter Konkurrenzkampf entstanden. „Das liegt auch an der Tatsache, dass immer mehr eine Ausbildung zum Mediengestalter gemacht haben. Sie drängen auf den Markt und finden es als junge Leute ganz toll, Fernsehen machen zu können und bieten sich natürlich für Preise an, die den Markt eigentlich jetzt schon kaputt­gemacht haben.“ Momentan seien das Ein­kommensniveau und die Arbeitsbedingungen schlechter, und nicht besser geworden.

Aktiv im Netz
Zu den muslimischen Videoinitiativen gehört neben sogesehen.tv, der Multimediaplattform Waymo und dem Projekt auch die Webseite muslime.tv. Auch auf den Webseiten der ­Bildungsprojekte madrasah.de und Da3waYourSelf finden sich Videos mit Inhalten der traditionel­len islamischen Wissenschaften.

muslime.tv ist nach Eigendarstellung „eine mediale Plattform, die die bunte Vielfalt der Muslime im deutschsprachi­gen Raum aus ihrer Binnenperspektive präsentiert. Ihr Gründer Nuri Senay und sein Team arbeiten aktiv an einem diffe­renzierten Bild der muslimischen Gruppen in den Medien mit“. Bei muslime.tv gehe es nach Angaben von Senay auch darum, „dass Muslime sich durch Workshops Basiswissen im Bereich der Video­graphie aneignen“ könnten – beispielsweise bei Aufnahme, Beleuchtung und Kameraeinstellungen. Mit diesem Basis­wissen sollen die Beteiligten dann als „VJs (Videojournalisten)“ in ihrer jeweiligen Region agieren können. „Bei diesen ­Videobeiträgen geht es vorwiegend darum, Muslime in ihrem sozialen Kontext zu porträtieren.“ Man wolle die Lebenswirklichkeit der deutschen Muslime darstellen.

Nuri Senay berichtete, dass muslime.tv, gut aufgenommen werde. „Natür­lich zuerst in der Community.“ Mittler­weile werde man aber auch von außerhalb kontaktiert. „So hat uns zum Beispiel eine Film/TV-Produktionsfirma angesprochen, ob wir nicht Interviewpartner weitervermitteln könnten.“

Nach einer Anfangsphase, bei der die Motivation der Beteiligten im Mittelpunkt gestanden habe, „sind unsere Ansprüche nach zwei Jahren schon gestiegen“. Die Videojournalisten und Kame­raleute arbeiten von sich aus daran, das Niveau der Videos zu heben. Mittlerweile habe man für sich wiederholende Elemente wie Logos und Intros einen Standard geschaffen.

In Sachen technischer Ausstattung ist muslim.tv bisher leider materiell eingeschränkt. „Leider haben wir nicht die Möglichkeiten, unseren Mitgliedern die Sachen zu finanzieren. Das wird alles aus eigener Tasche bezahlt.“ Da aber die DSL-R-Kameras sowohl für Photos als auch für Videos benutzt werden können, lohne sich ihre Anschaffung auch für den privaten Verbraucher. Auch Videorechner würden Geld kosten. Allerdings brauche man nur eine Mehrinvestition von 200-300 Euro. „Schon hat man einen Rechner, mit dem schneiden kann“, berichtet Nuri Senay.

Angesprochen auf das Potenzial einer gemeinsamen muslimischen Videoplatt­form in Deutschland, gegebenenfalls auch mit richtigen Sendungen, ­begrüßte der Macher von muslime.tv eine solche Idee. „Es wäre wünschenswert, wenn sich die bestehenden kleinen Projekte zusam­mentun würden.“ Mit einigen von ­ihnen habe er schon gesprochen. „Das Wichti­ge ist dabei das Format. Da hat jeder seine eigenen Vorstellungen.“ Ein weite­rer wichtiger Punkt seien die theologischen Inhalte. „Sobald es um theologische Fragen geht und gewisse Denkrich­tungen vertreten werden, dann wird das von anderen so vielleicht nicht mehr akzeptiert.“ Nuri Senay will auch nicht, dass eine ethnische Gruppe oder ein gesonderter Verband das ganze dominiert.

„Wenn wir erreichen, dass so ein Projekt von allen aufgenommen wird, mit dem sich jeder identifizieren kann, dann haben wir es geschafft.“

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