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Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Yasin Alder

Wie Taqwa erlangen?

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(iz). Taqwa, deutsch oft mit „Gottes­furcht“ übersetzt, kann man genauer definieren als ehrfürchtige Ergebenheit Allah gegenüber oder auch Bewusstsein Seiner Existenz, die den Menschen dazu bringt, sich von falschen Handlungen beziehungsweise Verbotenem fernzuhalten und stattdessen gottgefällige Taten zu vollbringen. Taqwa ist also nicht nur eine innere Haltung, sondern auch mit entsprechender Handlung verbunden; sie bedeutet auch Gehorsam gegenüber Allah.

Taqwa ist eine der fundamentalen Elemente des Din und von unerlässlicher Bedeutung für jeden Muslim und jede Muslimin. Es ist ein wesentlicher Grund und Zustand unserer Existenz, denn Allah hat uns nur geschaffen, um Ihm zu dienen. Dafür ist Taqwa eine wesentliche Voraussetzung, wie auch dafür, dass wir Allahs Beistand erhalten.

Schaikh Habib Bewley sagt über Taqwa, dass Allah schon seit Beginn der Menschheit diese zu Taqwa aufgerufen hat. Taqwa war die erste Anweisung, die von allen Gesandten und Propheten gebracht wurde. Sie erhebt den Menschen. Taqwa leite sich von dem Wort Waqaa ab, was bedeutet, sich vor etwas zu schützen oder etwas abzuwehren, indem man eine Barriere zwischen sich und dieser Sache errichtet. Das bedeutet, man schützt sich vor der Strafe Allahs und vor der Pein des Jüngsten Tages.

Allah weist uns in über 80 Stellen im Qur’an dazu an, Taqwa zu haben, und deswegen pflegte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, seine Umma nie anzusprechen, ohne sie zur Taqwa aufzurufen. So enthält auch jede Khutba bei den Freitagsgebeten üblicherweise in der Einleitung den Aufruf zur Taqwa, oft mit dem Zitieren entsprechender Verse aus dem Qur’an.

Allah sagt in Seinem gnadenreichen Buch: „O ihr Menschen, dient eurem Herrn, Der euch und jene, die vor euch waren, erschaffen hat, damit ihr gottesfürchtig sein mögt [Taqwa erlangt].“ (Sure Al-Baqara, 21)

Und an anderer Stelle: „O ihr, die ihr glaubt [Iman habt]! Fürchtet Allah [habt Taqwa vor Allah] und sprecht aufrichtige Worte, auf dass Er eure Taten segensreich fördere und euch eure falschen Taten vergebe. Und wer Allah und Seinem Gesandten gehorcht, der hat gewiss einen gewaltigen Gewinn erlangt.“ (Sure Al-Ahzab, 70-71)

Jenen, die Taqwa haben, wird in den entsprechenden Stellen im Qur’an von Allah eine ganze Reihe von Segnungen zugesagt: Rechtleitung von Allah, Hilfe von Allah, Beistand von Ihm, Liebe von Allah, die Bedeckung falscher Taten durch Seine Barmherzigkeit, gute Nachricht; dass Allah einen Ausweg verschafft, Erleichterung der Angelegenheiten, die Versorgung von Allah, die Annahme von Taten, Erfolg, ein gutes Ende, der Eintritt in den Paradiesgarten und die Rettung vor dem Feuer.

Der klassische andalusische Gelehrte Ibn Dschuzaij beschreibt fünf Stufen von Taqwa, die wie folgt aufsteigen: Der Diener Allahs soll sich vor Kufr (dem Bedecken der Wahrheit, oft ungenau als „Unglaube“ übersetzt) hüten, er soll sich vor ungehorsamen Handlungen und verbotenen Dingen schützen, sodann auch vor zweifelhaften Dingen, und in einer noch höheren Stufe auch vor erlaubten Dingen, was der Zustand der Entsagung (Zuhd) ist, und schließlich, dass der Diener Allahs sich davor bewahrt, dass irgend etwas anderes außer Allah in seinem Herzen ist; und dies ist die höchste Stufe.

Allah sagt im Qur’an, dass nichts in den Himmeln oder auf Erden vor Ihm verborgen ist. Er sieht alles was wir tun und ist in jedem Augenblick mit uns. Sich dessen bewusst zu sein, ist eine wichtige Grundvoraussetzung dafür, Taqwa zu erlangen, aber nicht die einzige, so Schaikh Bewley. Es bedarf auch Wissen über Allah und Seine Allmacht, und über das Erlaubte und Verbotene, die Abrechnung am Jüngsten Tag und die Bestrafungen im Jenseits, um Ihm gehorchen zu können. Und wir müssen Allah lieben, denn dann wird es eine Freude für uns, Ihm zu gehorchen, denn wir tun dies aus Liebe zu Ihm. „Je mehr man ­Allah und Seinen Gesandten liebt, umso mehr Wissen wird man über Ihn und Seinen Din haben, und je mehr Furcht und Hoffnung man Ihm gegenüber hat, desto höher der Grad an Taqwa und umso bedachter wird man dabei sein, Seinen Din in die Praxis umzusetzen“, sagt Schaikh Habib. Ibn ‘Aschir hat Taqwa in vier Aspekte unterteilt, die er auch als Wege zum Gewinn bezeichnet hat: Die uns von Allah auferlegten Verpflichtungen äußerlich und auch innerlich zu erfüllen, und ebenso die verbotenen Dinge äußerlich wie auch innerlich zu meiden.

Hamza Yusuf und Zaid Shakir haben in ihrem bekannten Buch „Agenda to Change our Condition“ dargelegt, wie wir mehr Taqwa erlangen können, mit praktischen Übungen und vor dem Hintergrund unserer heutigen Situation. Die von Ibn ‘Aschir genannten vier Dinge beziehen sie auf das menschliche Herz und die folgenden Wege oder Einfallstore, die zum Herzen führen: Die Zunge, die Augen, die Ohren, den Magen, die Genitalien, die Hände und die Füße. Der Mensch ist verantwortlich für diese und angehalten, sie zu beschützen, und er wenn er dies tut, befindet er sich auf dem Pfad zur Taqwa.

Laut Yusuf und Shakir befinden sich die meisten Muslime heute lediglich im Bereich der ersten beiden Stufen der Taqwa nach Ibn Dschuzaij, die oben ­genannt wurden; dies sei ein Grund für den heutigen Zustand der Muslime. Wenn eine größere Zahl von Muslimen sich bemüht, die dritte und vierte Stufe zu erreichen, werden sich die Segnungen und Auswirkungen der Taqwa in unseren Gemeinschaften verwirklichen, so wie es im Qur’an versprochen wird.

In dem genannten Buch wird zunächst einmal auf das Herz eingegangen und die Frage, wie man Aufrichtigkeit erlangt, und einige grundlegende Maßnahmen zur positiven Veränderung unseres Zustandes erläutert. Es folgen konkrete praktische Übungen in mehreren Bereichen, die zu mehr Taqwa führen, verbunden mit dem Vorschlag, diese eine nach der anderen anzugehen und konsequent durchzuführen. Die erste Übung ist das Einhalten der Gebete und was damit zusammenhängt, die anderen beziehen sich auf das Hüten beziehungsweise den Schutz der Zunge, der Augen, der Ohren, des Magens, der Genitalien oder des Intimbereichs, der Hände und der Füße.

Die Pflichtgebete einzurichten und sie zu ihrer korrekten Zeit zu verrichten, ist ein grundlegender erster Schritt. Hinzu kommen dann die Sunna-Gebete und zusätzliche Gebete in der Nacht. Die zweite Übung ist das Hüten der Zunge, insbesondere hinsichtlich Lügen, übler Nachrede, unnötigem Diskutieren und Disputieren und des Sich-Beschäftigens mit Dingen, die einen nichts angehen.

Dazu gehört auch das geschriebene Wort, also zum Beispiel das, was man in Emails, Internetforen oder Chats äußert. Zum Hüten der Augen gehört laut Hamza Yusuf das Abwenden des Blickes von Unerlaubtem, von Angehörigen des anderen Geschlechts, die nicht angemessen bekleidet sind, aber auch vieler anderer Dinge, die einen schlechten Einfluss ausüben, und die man insbesondere zahlreich im Fernsehen und anderen Medien sehen kann.

Man sollte also beispielsweise den eigenen Fernsehkonsum kritisch überdenken und einschränken. Dies bezieht sich auch auf den nächsten Aspekt, das Hüten der Ohren. Es umfasst auch das Sich-Abwenden vom Zuhören bei übler Nachrede, Lügen, Verleumdung, Verunglimpfung, Spott über andere oder nutzlosem Gerede. Hört man so etwas, sollte man versuchen, das Thema zu wechseln. Des Weiteren sollten wir uns bemühen, unsere Zeit mit sinnvollen und segensreichen Tätigkeiten auszufüllen.

Ein weiterer Aspekt ist der Schutz des Magens. Es ist klar, dass dazu gehört, keine verbotenen Dinge zu sich zu nehmen. Dazu zählt nicht nur Alkohol oder Substanzen vom Schwein, sondern auch alles, was mit verbotenem, unrechtmäßigem Einkommen produziert oder erworben wurde.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen reinen Dingen, die wir zu uns nehmen, und rechtschaffenen Handlungen, der sich aus dem Qur’an ergibt. Fragwürdig ist auch vieles von dem heute erhältlichen Fleisch, das industriell und unter zweifelhaften oder abzulehnenden Bedingungen hergestellt wird. Entsprechend sollte man auch den oft übertriebenen Fleischkonsum – und verschwenderischen Nahrungsmittelkonsum insgesamt – stark reduzieren, und statt dessen häufiger freiwillig Fasten. Zum Hüten der Intimbereiche gehört nicht nur das Unterlassen der eindeutig verbotenen Dinge, wie außerehelicher geschlechtlicher Beziehungen, sondern auch, gar nicht erst in die Nähe davon zu kommen, das heißt zum Beispiel der bekann­ten Regel zu folgen, nicht mit jemandem vom anderen Geschlecht allein zu sein, solange es nicht der Ehepartner oder ­jemand ist, zu dem eine direkte verwandtschaftliche Verbindung gemäß den bekannten Kategorien besteht.

Auf angemessene, bedeckende und nicht körperbetonte Kleidung sollen beide Geschlechter achten. Handlungen wie Selbstbefriedigung, welche sich je nach Rechtsmeinung im Bereich von zumindest sehr fragwürdig bis verpönt oder gar verboten bewegt, sollen vermieden ­werden und man sollte anstreben, dies ganz zu unterlassen, empfiehlt Hamza Yusuf.

Das Hüten der Hände bedeutet beispielsweise, nicht zu stehlen, und die Hand gegen keinen Menschen zu erheben, es sei denn aus Selbstverteidigung oder im Falle eines rechtmäßigen, von einer legitimen staatlichen Autorität ausgerufenen Krieges. Selbst dann dürfen nach islamischem Recht keine Frauen, Kinder oder alten Menschen angegriffen oder getötet werden, erinnern Yusuf und Shakir. Die Füße schließlich als Mittel unserer Fortbewegung, wozu im übertragenen Sinne auch andere Fortbewegungsmittel zu zählen sind, sollten uns nicht zu zweifelhaften Orten tragen.

In Sure Al-Baqara, Vers 197 heißt es: „Und versorgt euch mit Reisevorrat, doch der beste Vorrat ist die Taqwa. Und habt Taqwa, o die ihr Verstand besitzt!“

„Diese Aussage erscheint im Kontext der Hadsch, wird aber von den Tafsir-Gelehrten auch in einem weiteren, allgemeinen Sinn auf die größere Reise auf dem Weg ins Jenseits bezogen“, sagt Dr. Asadullah Yate.

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