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Die letzten beiden Kapitel des Qur’an helfen den Muslimen, Zuflucht vor dem Üblen zu finden. Von Dr. Asadullah Yate

Geheimnis der Schutzsuren

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„Sprich: ‘Ich suche Zuflucht beim Herrn der Morgendämmerung. Vor dem Schlechten, das Er erschaffen hat. Und vor dem Übel der Dunkelheit, wenn sie hereinbricht. Und vor dem Schlechten der Knotenbläserinnen. Und vor dem Übel eines Neiders, wenn dieser neidisch ist.’“ (Sure Al-Falaq)

„Sprich: ‘Ich suche Schutz beim Herrn der Menschen. Dem König der Menschen. Dem Gott der Menschen. Vor dem Übel des ­Einflüsterers, der zurückweicht und wiederkehrt. Von den Dschinn oder den ­Menschen.’“ (Sure An-Nas)

(iz).Die letzten beiden Suren des Qur’an sind als „Schutzsuren“ bekannt. Bei jenen Kapiteln des Qur’an sucht man bei Allah Schutz und Zuflucht vor dem Bösen. Zusammen bestehen sie aus elf Versen (arab. Ajat).

Die Ursache für ihre Herabsendung (arab. Sabab An-Nuzul) war eine Begebenheit, bei welcher der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, schwer erkrankte. Er war körperlich krank und litt unter Fieberträumen. Beispielsweise erschien es ihm, dass er seine Frauen aufgesucht hätte, was aber nicht der Fall war.

Der Grund dafür war eine starke Magie, mit der man ihn belegt hatte. Wie Qadi ‘Ijad betonte, ist Magie für uns Muslime ein reales Phänomen. Derjenige, von dem diese Magie ausging, war der Medinenser Labid ibn ‘Asam. Seine Töchter waren für das Blasen auf Knoten berüchtigt – eine der damaligen Formen von Zauberei. Dem Propheten war dies nicht bewusst; aber eines Tages, an dem er wegen seiner Erkrankung schlief, kamen zwei Engel zu ihm. Einer von ihnen saß an seinem Kopf, der andere am Fußende. Beide kamen zum Schluss, dass es sich hier um Magie handelte.

In diesem Traum – so eine der Überlieferungen – gingen jene Engel zu einem Brunnen.

Dort hatte Labid auf dessen Grund eine Bogensehne, die mit elf Knoten versehen war, unterhalb eines Steines platziert. Dort befanden sich auch Haare des Propheten, Zähne eines Kammes sowie eine Wachspuppe, die ihn nachahmen sollte und in die elf Nadeln stachen. In dem Traum entfernten die Engel das Wasser, um an die Dinge zu gelangen. Danach zerstörten sie diese.

Als der Prophet am nächsten Tag erwachte, erinnerte er sich und sandte einige Sahaba zu jenem Brunnen, beziehungsweise er ging – laut einer anderen Überlieferung – mit einigen seiner Gefährten – selbst dorthin. Das dortige Wasser hatte die tiefrote Farbe von Henna. Und die Spitzen der um den Brunnen stehenden Palmen schienen ihm, als wären sie Köpfe von Schaijatin (arab Plural von Schaitan, der Teufel). Der Prophet befahl die Entleerung des Brunnens und die Zerstörung jener magischen Gegenstände. Weil diese Wasserquelle unwiderruflich verunreinigt war, wurde sie zugeschüttet.

Nach jener Begebenheit wurden die beiden Schutzsuren offenbart. Als der Engel Dschibril (Gabriel) dem Propheten diese Offenbarung brachte, führte die Rezitation jeder dieser elf Verse dazu, dass sich jeweils einer der Knoten löste. Die auf dem Propheten liegende Last wurde so von ihm genommen.

Im ersten Vers der ersten Sura (Al-Falaq) heißt es: „Sprich: ‘Ich suche Zuflucht beim Herrn der Morgendämmerung.’“ Das heißt, Allah wies Seinen Gesandten an, dies zu sagen. Das Wort „Herr“ (arab. Rabb) ist ein wichtiges Wort im Qur’an. Es bezeichnet Allahs Herrschaft über alle Erscheinungen der Schöpfung. Genauso wie Allah der „Herr der Morgendämmerung“ ist, ist Er auch der Herr der Ozeane und aller irdischen Phänomene. Dieses Wort hat aber auch eine Beziehung zu „Tarbija“. Es kann auch mit „Erziehung“ oder „stufenweiser Entwicklung“ übersetzt werden. Das heißt, Allah bewirkt, dass ein jegliches Ding – über das wir sprechen mögen – in den ihm innewohnenden Stufen in die Existenz tritt. Als Herr der Pflanzen ist Er dafür verantwortlich, dass sich aus den Samen die Keimlinge und dann daraus die Pflanzen entwickeln.

Die Mufassirun (arab. für die Kommentatoren des Qur’an) übersetzen „Falaq“ mit „spalten“ oder „aufbrechen“. Im wörtlichen Sinne lässt es sich nicht nur auf die Morgendämmerung beschränken, sondern gilt auch für das Aufgehen des Samens, für das Zersplittern von Felsen (wenn sie großen Temperaturschwankungen unterworfen sind), aber auch für die Öffnung des Muttermunds bei der Geburt eines Kindes.

Allah weist Seinen Propheten mit den Worten des zweiten Verses „vor dem Schlechten, was Er erschaffen hat“ an, bei dieser Manifestation in der Schöpfung zu schwören und Schutz zu suchen vor dem Übel, was Er, Allah, erschaffen hat. Hier – wie in vielen anderen Versen auch – wird deutlich, dass wir keine Dualisten sind. Wir sagen nicht, dass es Gut und Böse gibt, wobei Allah für das Gute und Schaitan für das Böse steht. Sondern wir sagen, dass alles, sowohl das Gute wie das Schlechte, von Allah kommt. Das Üble kann alles sein; das Gift in Pflanzen oder auch das Schlechte, dass sich in den falschen Handlungen von Menschen zeigt.

Im dritten Vers wird der Prophet aufgerufen, Schutz vor der dunkelsten Zeit der Nacht zu suchen: „Vor dem Übel der Dunkelheit, wenn sie hereinbricht.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Wenn ihr wüsstet, was in der Nacht ist, dann würdet ihr in ihr nicht hinaus gehen.“

Im vierten Vers von Al-Falaq sagt ­Allah dem Propheten, er solle Zuflucht „vor dem Schlechten der Knotenbläserinnen“ suchen. Damit sind speziell die Töchter von Labid ibn ‘Asam gemeint; aber auch Magie im Allgemeinen.

Am Ende rät Allah Seinem Gesandten, er solle um Schutz vor „dem Schlechten eines Neiders, wenn dieser neidet“ bitten. Der Gesandte Allahs hat uns bei unzähligen Gelegenheiten vor Neid gewarnt. Dieser zehrt den Segen guter Handlungen auf, wie Flammen das Feuerholz verzehren.

Der andalusische Qur’ankommentator Ibn Dschuzaij wies darauf hin, dass nichts der Sura Al-Fatiha (arab. die Eröffnende, die erste Sura des Qur’an) vergleichbar ist. Das heißt, dass seit der Offenbarung der Thora und des Evangeliums nichts vergleichbares herabgesandt worde. Gleiches wurde aber auch über die beiden Schutzsuren gesagt. Ibn Dschuzaij folgerte daraus, dass der Qur’an mit etwas beginnt, das nicht seinesgleichen hat, und dass der Qur’an mit etwas endet, für das nichts vergleichbares offenbart wurde. Er machte darauf aufmerksam, dass wir bei der Rezitation der Fatiha sowie allem anderen, das Allah herab sandte, Zuflucht vor Schaitan suchen müssen. Allah besiegelte den Qur’an mit der Suche nach Zuflucht. Denn der Qur’an ist die Schatztruhe der Segnungen und befindet sich daher unter dem Auge der Neidischen. Daher ist es angemessen, dass er von Anfang bis Ende auf diese Weise geschützt ist.

Allah sagt im ersten Vers der zweiten Schutzsure, der Sura An-Nas: „Sprich: ‘Ich suche Schutz beim Herrn der Menschen.’“ Und im zweiten Vers: „Dem ­König der Menschen.“ Und schließlich im dritten: „Dem Gott der Menschen.“ Ibn Dschuzai erläutert, dass es hier eine Reihenfolge – von Herr, über König bis zum Gott der Menschen – gibt. Dies ist die Weise, in der die Menschen Allah ­erkennen.

Auf der ersten Stufe erkennen wir die Tarbija in der Schöpfung, dank der es Harmonie und Ordnung gibt. Dies ist das Werk des Herrn. Dann erkennt man die Majestät ­Allahs darin, dass er die absolute Macht über die Schöpfung hat. Und hier geschehen Dinge, welche die Natur der Majestät annehmen: Erdbeben und andere schreckliche Ereignisse. Hier erkennen wir die vollkommene Macht Allahs über Seine Schöpfung.

In der reifsten Stufe der Erkenntnis von Allah kommt es zur Erkenntnis der Schöpfung von der Göttlichkeit Allahs. Allah befiehlt dem Propheten und uns, Schutz beim Herrn, beim König und dem Gott der Menschen „vor dem Übel des Einflüsterers“ zu suchen. Selbstverständlich meint Allah hier Schaitan. Diesem wurde von Allah die Aufgabe zugeteilt, Menschen in die Irre zu führen. Nach seinem anfänglichen Ungehorsam gewährte Allah ihm eine Frist, auf dieser Welt die Menschen vom geraden Weg abzubringen.

Wir wissen aber auch, dass er keinen Zugriff auf die Muminun, die Menschen des Iman [wird manchmal verkürzend mit „Glauben“ übersetzt, bedeutet aber wesentlich mehr] hat. Aber wir wissen aus unserer ‘Aqida [islamische Glaubenslehre], dass Iman Bewegungen unterworfen ist. Er kann ab- oder zunehmen. Schaitan hat nur Zugang zu ihm in Schwächeperioden. Dann versucht er, unsere ‘Aqida zu verderben. Er versucht, uns am Gehorsam gegenüber Allah zu hindern. Er rät uns zu falschen Handlungen. Gelingt ihm dies nicht, versucht er, Eitelkeit zu erregen, sodass wir stolz sind. Oder dass wir handeln, damit andere uns sehen können.

Er wird hier nicht nur als „Einflüs­terer“ beschrieben, sondern auch als ­jemand, der „zurückweicht und wiederkehrt“. Dies bezieht sich auf das Herz des Mumins. Wenn dieser sich an Allah erinnert und auf dem Wege Allahs handelt, weicht Schaitan zurück. Aber ist er in einem gegenteiligen Zustand, dann kehrt jener zurück. Und dann beschreibt ihn Allah als jemanden, „der dem Menschen in die Brust einflüstert“. Ibn Dschuzaij verweist an dieser Stelle darauf, dass Allah von „Brust“ und nicht von „Herz“ spricht. Einflüsterungen bewegen sich immer um das Herz des Mumins herum und können nicht vollkommen eindringen.

Und schließlich manifestieren sich ­diese Einflüsterungen „von den Dschinn oder den Menschen“. Diese teuflische ­Einflüsterung kann sowohl von den Dschinn als auch von den Menschen kommen – von Schaijatin unter den Dschinn oder von Schaijatin unter den Menschen. Und diese Schaijatin manifestieren sich in der Nafs, dem niederen Aspekt des mensch­lichen Selbst.

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