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Die Methode Pascha

Über interdisziplinäre Bildungskonzepte in Sachsen-Anhalt am Beispiel von „Der Pascha von Magdeburg“

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Foto: ICATAT

(iz). In der Juni-Ausgabe der „Islamischen Zeitung“ schätzt Laila Massoudi am erzählenden Sachbuch „Der Pascha von Magdeburg“, die Autor*innen böten etwas Neues, begeisterten damit für die Interkulturgeschichte Mitteldeutschlands, wobei der interreligiöse und interkulturelle Aspekt sich nicht im Inhalt erschöpfe, sondern sich auch in der Projektarbeit mit Kindern und Jugendlichen widerspiegele. Richtig und wichtig. Denn in für die Arbeitsfelder kulturelle Bildung und Integration relevanten Wissenschaftsbereichen als auch in der außerschulischen Bildungslandschaft selbst hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten ein Wandel vollzogen. Schon 2011 richtete ich das Augenmerk mit einem „Plädoyer für Perspektivenwechsel“ (IZ, 26.11.2011) darauf, dass dies jedoch nicht nur gängige akademische Fächer wie Pädagogik und Kulturwissenschaft, sondern auch sogenannte Orchideen-Fächer wie die Turkologie und Islamwissenschaft in Deutschland beträfe. Auch diese beiden kleineren Fächer haben sich nun gewandelt, geöffnet und einem interdisziplinäreren Forschungs- und Lehransatz zugewandt.

Die Turkologie in Deutschland erlebt eine Öffnung für die Bereiche Migrationsstudien, inter- und transkulturelle Studien sowie Integrations- und Stereotypenforschung, merkbar, wenn auch nicht von allen Kolleg*innen begrüßt. Nicht zuletzt inspiriert von der massiven Arbeitsmigration aus Ländern mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung nach Deutschland seit den frühen 1960er ­Jahren begannen die Migrant*innen selbst als junge Generation von Aka­demiker*innen, aber auch alteinge­sessene Turkolog*innen und Islam­wissenschaftler*innen, die gemeinsamen transkulturellen Beziehungen der Zeit zu untersuchen, die schon ein Jahrtausend vor dem Zuzug sogenannter Gast­ar­beiter*innen begann.

Genau hier setzt unser Konzept an. Spätestens seit der Ankunft von hunderttausenden Geflüchteten aus Syrien seit 2015 und deren dezentraler Unterbringung auch in Dörfern und Mittelstädten ist die Betreuung von heterogenen Kinder- und Jugendgruppen beziehungsweise Schulklassen auch in ländlichen Räumen ein Thema.

Mittels Hinterfragen von Alltäglichem und Entdecken von Vergessenem wird seit 2012 mit neuen Bildungsmodulen darauf reagiert, angeregt zum Begegnen mit dem „Fremden“ in unserer Region als auch in uns selbst: Deutsche im Orient, Muslime in Magdeburg, Börde und Altmark. Osmanen in der Vergangenheit der Region Sachsen-Anhalt sowie Türken, Kurden und Tataren in der Gegenwart Mitteldeutschlands werden als Thema zusammen mit Migrant*innen und Schüler*innen vor Ort bearbeitet. Gemeinsame Archiv-, Onomastik- und Biografiearbeit gekoppelt mit Genealogie, Regionalgeschichte und bearbeitet mit Methoden kultureller Bildung bieten auch aus der Perspektive der Turkologie, der Islamwissenschaft und kultureller ­Bildung neue Einsatzmöglichkeiten in der interkulturellen und transkulturellen Jugendarbeit an Schulen, außerschulisch und in der Erwachsenenbildung.

Hier kann nur kurz dargestellt werden, wie das Bildungskonzept „Der Pascha von Magdeburg“ theoretisch grundiert ist und wie die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse des ICATAT in konkrete Projekte kultureller Bildung bei der Landesvereinigung kultureller Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt übersetzt wurden und werden.

Basierend auf einem kaleidoskopischen Methodenansatz lautet die Hypothese: Umso mehr biografische und regionalhistorische Komponenten in Jugendprojekten Beachtung finden, desto mehr wird der Abwertung von ­jeweils „Anderem“ oder „Fremdem“ vorgebeugt. Ziel der Arbeit mit unserem Pascha-Konzept ist es, anzuregen, dieses innovative flexible Bildungskonzept auch in anderen Bundesländern erfolgreich anzuwenden für nachhaltige Projekte in der außerschulischen Jugend- und ­Erwachsenenbildung.

Denn: Diese Kombination von Erkenntnissen aus den Geisteswissenschaften (hier: Turkologie und Islamwissenschaft) mit Methoden kultureller Bildung (hier: Schreib-, Kalligrafie- und Cross-Media-Werkstätten) unter Bezugnahme auf historische Ereignisse vor Ort, im direkten Lebens- und Erfahrungs-Umfeld der Teilnehmenden kann regional spezifisch modifiziert werden. Anstatt Turkolog*innen und Islamwissenschaft­ler*innen können auch Slawist*innen, Ägyptolog*innen oder Lateinamerikanist*innen mit Schüler*innen auf lokale Entdeckungsreise gehen, um gemeinsam Facetten von Interkulturgeschichte zu eruieren, zu diskutieren und zu gestalten. Anstelle der Schreibwerkstatt kann es der Kochworkshop sein, die selbstentwickelte Geo-Caching-Safari oder ein Theaterstück.

Ex Oriente Lux
Inspiriert für diesen Ansatz der Projektarbeit mit Jugendlichen wurde ich auf der Krim vor 22 Jahren, wo die multiethnische interreligiöse Jugendarbeit unter krimtatarischen Pädagog*innen schon eine faszinierende Selbstverständlichkeit war, als rassistische und islamfeindliche Gewalt gerade in Mitteldeutschland einen ersten Höhepunkt erreichte. Für wertschätzendes Empowerment und stärkende Biografiearbeit kombinieren wir unsere Projektmodule aus gemeinsamer Archiv-, Onomastik- und Kulturarbeit mit Genealogie, regionaler Interkulturgeschichte und verarbeiten dies mit Methoden kultureller ­Bildung, was auch aus der Perspektive der Turkologie und Islamwissenschaft ­heraus neue Einsatzmöglichkeiten in der interkulturellen und transkulturellen ­Bildungsarbeit an Schulen und in der ­Erwachsenenbildung ermöglicht.

Eine Nachnutzung in fast jeder Gemeinde, in jeder kleinen Stadt kann möglich gemacht werden, denn regionale Sagen, Anekdoten, Regionalliteratur zu den großen Kriegen der Vergangenheit, zu Auswanderungswellen oder Einwanderung bieten viele Anknüpfungspunkte für dieses Konzept. Wo keine historischen Spuren eruierbar sind, kann auch auf zeitgeschichtliche und aktuelle Migration Bezug genommen werden.

Selbst in kleinen Gemeinden, die Quellenarbeit nicht ermöglichen, gibt es meist einen Döner-Imbiss, eine zuge­zogene Familie oder Firma, die als Expert*innen, Interviewpartner*innen und/oder Macher*innen herangezogen werden können. Zu den einzelnen Segmenten des Bildungskonzeptes – transkulturelle Regionalgeschichte (inklusive zum Beispiel Onomastik, Ornamentik), kulturelle Bildung, Turkologie und Islamwissenschaft – gibt es jeweils eine reichhaltige Forschungsliteratur. In der Kombination dieser Segmente jedoch hat dieses Bildungskonzept bisher ein Alleinstellungsmerkmal. Und der Erfolg stimmt uns zuversichtlich.

Theoretische Grundlagen und Inhalte
Ilhan Kızılhan schreibt zur Nutzbarkeit von Biografiearbeit im interkulturellen Kontext: „Die Biografiearbeit mit Migranten kann auch dazu helfen, Missverständnisse zu beseitigen und Stereoty­pisierungen entgegenzuwirken, was zum Beispiel zu einer besseren Beratung und Behandlung führen kann“ und – lässt sich hinzufügen – zum besseren Verhältnis von Menschen mit Migrationshintergrund zur neuen Heimat beitragen kann, also integrationsfördernd wirkt. Dies jedoch nicht nur als Einbahnstraße: Auch für Kinder aus alteingesessenen Familien bedeutet die Arbeit mit der eigenen Vergangenheit und dem Entdecken interkultureller regionaler Bezugspunkte darin ein Erkenntnisgewinn, der zu mehr Respekt und Toleranz gegenüber dem vermeintlich Fremden führen kann.

Theoretisch angelehnt an die Schriften von Waldenfels Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden und Bohrers Ästhetik des Schreckens wird im Kontext unseres Bildungskonzeptes mit der Annahme einer langen Dauer xenophober Imaginationen gearbeitet, die ich in meiner Dissertation 2011 als Ikonografie der Angst umschrieben habe. Die These dort lautete, dass Fremdbilder von östlichen Nachbarn, hier der Tataren, im Laufe des letzten Jahrtausends von verschiedenen Faktoren beeinflusst wurden, eine generelle Revision der überlieferten Vorurteile und Stereotype aber nicht stattfand – bis heute nicht. Ich behauptete: Diese longue durée der Stereotype des Anderen im­pliziere mehr „Urängste“ in der kollektiven Erinnerung des Eigenen und schaffen erst eine Alterität, ein Gegenüber. Die negativen Stereotype von Tataren, Russen, Türken, Polen usw. sind somit als Fortsetzung der Ikonografie der Angst zu begreifen, die ihre Ursprünge in den Deutungsversuchen nach ersten Kulturkontakten zwischen Sesshaften und Nichtsesshaften hat und somit eigentlich im 21. Jahrhundert längst obsolet sein sollten.

Unter anderem diese theoretischen Erkenntnisse sind Basis des Bildungsprogramms „Der Pascha von Magdeburg“, dessen einzelne Module (Workshops, Studienreisen, Seminare, Ausstellungen usw.) auf folgende Prinzipien abheben:

Wir arbeiten paritätisch, partizipativ, interdisziplinär, international, beachten Diversität (demografisch, ethnisch, ­sexuelle Orientierung, konfessionell, ­kulturell) und verbinden/stärken/wertschätzen Biografiearbeit und Regional-Geschichte als Trans- beziehungsweise Interkulturgeschichte.

Der Titel des Bildungskonzepts bezieht sich nicht nur auf eine Transkultur-Biografie, nämlich die des wohl prominentesten Paschas aus Magdeburg, Ludwig Carl Friedrich Detroit, dem späteren Mehmed Ali Pascha, sondern auch auf weniger bekannte Personen wie den Sohn eines osmanischen Paschas in der Magdeburger Sage vom Goldenen Zelt oder den polnischen Revolutionär Konstanty Borzecki, später bekannt als osmanischer Militär Mustafa Celâleddin Pascha. Er saß in preußischer Festungshaft in Magdeburg, bevor er Richtung Bosporus floh, konvertierte und wo später sein Sohn Hasan Enver Pascha wiederum Leyla Hanım heiratete, keine geringere als eine Tochter vom Magdeburger Mehmed Ali Pascha.

Über diesen Namensgeber des hier skizzierten ICATAT-Programms, den preußisch-hugenottischen Kaufmannslehrling Ludwig Detroit, der bis zum osmanischen Pascha und Verhandlungsführer beim Berliner Kongress von 1878 aufstieg, gab es bis 2012 neben einigen Zeitungsnotizen lediglich zwei deutsche Texte (Risse 1928; Heuss 1947), was sich seitdem rapide geändert hat, ebenfalls ein Nebeneffekt der ICATAT-Projekt-Tätigkeiten – an prominentester Stelle nun unser fünfsprachiges Buch: Der Pascha von Magdeburg.

Der internationale und transkulturelle Austausch seit dem Aufkommen interdisziplinärer turkologischer und islamwissenschaftlicher Forschung überhaupt schärfen einerseits den Blick auf das Eigene, andererseits fördern bzw. fordern sie Respekt für das vermeintlich Fremde. Oder wie es der Sinologe Hans von Ess ausdrückte: „Wir waren doch an den Universitäten die einzigen, die die Bedeutung der Globalisierung kannten, noch lange bevor diejenigen, die das Wort heute ständig im Munde herumführen, wussten, wie es buchstabiert wird – und eigentlich wissen es die meisten bis heute nicht, weil sie sich vor dem, was Globalisierung wirklich bedeutet, noch immer drücken: Andere Kulturen und Traditionen aus sich selbst heraus zu verstehen und nicht nur auf der Basis westlicher Theorie. Verteidigen wir unsere Wissenschaftstradition gegen wohlfeile, aber falsche Modernisierungsversuche!“

Mehr zur Methoden-Basis „Der Pascha von Magdeburg“ im neuen Buch „Auf dem Lande alles dicht? Ein interdisziplinäres Lesebuch über die kreative Belebung von Leerstand“, erscheint im Hirnkost-Verlag Berlin, September 2020.

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Mieste Hotopp-Riecke

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