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Die Muslime und das Kriegsrecht

„IZ-Begegnung“ mit dem Juristen Ahmed Al-Dawoody über die Rolle des islamischen Rechts bei der Einschränkung bewaffneter Konflikte

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Foto: Muse Mohammed, IOM 2017

(iz). Dr. Ahmed Al-Dawoody wurde in Ägypten geboren und ist Rechtsberater für Islamisches Recht und Jurisprudenz beim Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK). Darüber hinaus lehrt er an der Genfer Akademie für Internationales Völkerrecht und Menschenrechte einen Kurs über islamisches Recht in bewaffneten Konflikten.

Vor seiner Arbeit für das IKRK war er stellvertretender Professor für Islamstudien und Recht der Al-Azhar-Universität Kairo. Al-Dawoody war stellvertretender Direktor für weiterführende Studien am Institut für Studien der ­islamischen Welt sowie Koordinator des Magisterprogramms für zeitgenössische Islamwissenschaft der Zayed University in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate).

Der Jurist lehrte in Ägypten, den USA, Großbritannien, den Emiraten sowie der Schweiz. Dr. Ahmed Al-Dawoody erhielt seinen Doktortitel von der Universität Birmingham (GB), seinen Magister von der renommierten niederländischen Universität Leiden sowie seinen Bachelor von der ägyptischen Al-Azhar. Er veröffentlichte mehr als zwei Dutzend Artikel und Buchkapitel über islamisches Recht und ist Autor von „The Islamic Law of War: Justifications and Regulations“ (bei Palgrave MacMillan, 2011).

Islamische Zeitung: Warum beschäftigt sich das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) mit islamischen Regeln der Kriegführung?

Foto: MZAS

Dr. Ahmed Al-Dawoody: Die Mission des IKRK besteht im Schutz des ­Lebens und der Würde von Opfern in bewaffneten Konflikten und anderen ­Gewaltlagen sowie der Verhinderung von Leiden durch Förderung und Stärkung des Humanitären Völkerrechts (IHL) und der allgemeinverbindlichen humanitären Prinzipien. Gegenwärtig finden rund zwei Drittel seiner Einsätze in muslimischen Ländern statt, in denen bewaffnete Konflikte geführt werden. Es verteilt einen Anteil seines Budgets proportional auf diese Operationsgebiete.

Seit fast drei Jahrzehnten hat das IKRK islamische Institutionen und Wissenschaftler in seinen Bemühungen zum Schutz und der Unterstützung von Opfern bewaffneter Konflikte in diesen Ländern einbezogen oder versucht, sie einzubeziehen. Das islamische Recht ist eines der ältesten, bestehenden Rechtssysteme und hat detaillierte Bestimmungen zur Regulierung von Kriegführung entwickelt. Daher ist es von überragender Bedeutung, dass das Internationale Komitee des Roten Kreuzes sich trotz seiner rechtlichen und einsatzbedingten Kompetenz mit verschiedensten Experten der islamischen Welt beschäftigt und von ihrem Wissen lernt, um den Respekt für das IHL zu mehren sowie die Leiden der ­Opfer bewaffneter Konflikte in muslimischen Ländern zu mindern.

Islamische Zeitung: Warum fokussieren Sie sich im Zusammenhang mit diesem Thema auf den Islam und nicht auf das Christentum beziehungsweise alle Religionen?

Dr. Ahmed Al-Dawoody: Das IKRK engagiert sich mit Gemeinschaften, die von bewaffneten Konflikten und gewalttätigen Situationen betroffen sind, und führt dabei einen Dialog mit allen Religionen, wo es arbeitet. So hat es einen umfangreichen Dialog mit buddhistischen Kreisen in Thailand, Myanmar, Sri Lanka und anderen Ländern Asiens ­entwickelt. Das Gleiche gilt für evangelikale Kirchen und Pfingstgemeinden in einigen afrikanischen Ländern sowie jüdischen Glaubensorganisationen – insbesondere in Israel und den besetzten Gebieten.

Religiöse Kreise spielen eine wichtige Rolle in lokalen Gemeinschaften. Daher kann der Austausch mit ihnen helfen, den Respekt für menschliche Würde und die Verhinderung von Leiden in bewaffneten Konflikten und anderen gewalttätigen Lagen zu stärken.

Islamische Zeitung: Sie erwähnten, dass das Humanitäre Völkerrecht und das islamische Recht der Kriegführung mehr gemein haben, als man denken würde? Worin bestehen die Schnittmengen?

Dr. Ahmed Al-Dawoody: Das islamische Recht verfügt über ausführliche Bestimmungen zur Gewaltanwendung im Krieg. Es ist bemerkenswert, dass muslimische Juristen des siebten, achten und neunten Jahrhunderts bereits Wege diskutierten, verhandelten und entwickelten, um die Art und Weise zu regulieren, wie Muslime in internationalen und internen, bewaffneten Konflikten feindselig agierten. Dabei hatten sie die gleichen Ziele wie das Humanitäre Völkerrecht: die Einhegung des Leidens der Opfer und der Schutz bestimmter Personengruppen und Ziele.

Klassische muslimische Juristen entwickelten beispielsweise eine Anzahl an Prinzipien, die unter anderem zum Ziel hatten, 1) den Schutz von Zivilisten und nicht am Kampf Beteiligter, 2) das Verbot bestimmter, unterscheidungsloser Waffen, 3) das Verbot bestimmter Methoden der Kriegführung, die zur unterscheidungslosen Tötung von Zivilisten und Nichtkombattanten führen können, 4) der Schutz des Eigentums, 5) das Verbot von Verstümmelungen, 6) die humane Behandlung von Kriegsgefangenen, 7) das sichere Geleit und Gnade sowie 8) die menschliche Würde.

Diese Prinzipien des islamischen Rechts zur Einhegung von Gewaltanwendung in bewaffneten Konflikten demonstrieren, dass die Literatur klassischer muslimischer Juristen auf die Humanisierung von Kriegen abzielte. Daher legen die Gemeinsamkeiten der zugrundeliegenden Prinzipien des Humanitären Völkerrechts und des islamischen Rechts nahe, dass beide Rechtstraditionen die gleichen Ziele haben.

Islamische Zeitung: Eine der neuen Fragen ist die Entwicklung autonomer Kampfsysteme. Wie ist das islamische Recht auf diese anwendbar und wie kann es insbesondere umgesetzt werden?

Dr. Ahmed Al-Dawoody: Das ist in der Tat eine neue Frage und die Antwort der muslimischen Lehre darauf muss noch formuliert werden.

Islamische Zeitung: Was muss getan werden, um menschliches Leiden zu beenden und zu vermeiden, was Sie als „unsere eigene Barbarei“ bezeichnen?

Dr. Ahmed Al-Dawoody: Es gibt vieles, das getan werden kann. Aber zu den Vorschlägen für das vorliegende Thema gehören unter anderem:

1.) Forschung und akademische Studien auf dem Gebiet des Humanitären Völkerrechts und korrespondierender Themen des islamischen Rechts. Dazu sollten beispielsweise der Unterricht des IHL an Jurafakultäten sowie Militär- und Polizeiakademien der arabischen Welt gehören – sowohl auf Ebene der Bachelor-Studiengänge als auch bei Postgraduierten.

2.) Auseinandersetzung mit aktuellen Situationen zeitgenössischer bewaffneter Konflikte und den jetzigen Herausforderungen dieses Bereichs, anstatt sich hauptsächlich auf historische Probleme zu konzentrieren, die in der klassischen muslimischen Rechtswissenschaft behandelt werden. Das sollte von religiösen Gelehrten, Forschern, Akademikern und Denkfabriken geleistet werden.

3.) Die Schaffung von öffentlichem Bewusstsein in der Gesellschaft für den Bedarf an Reformen sowie Förderung einer Kultur der Gleichheit und des Respekts für Menschenrechte, während rassistische, extremistische und ideologische Überzeugungen bekämpft und bestraft werden. Zu diesen Ansichten gehört die Anstachelung von Fremdenhass. Diese Bemühungen müssen auf allen Gebieten der Gesellschaft stattfinden – darunter auch Grundschulbildung, religiöse Institutionen und Medien.

Islamische Zeitung: Lieber Dr. Al-Dawoody, wir bedanken uns für das Interview.

Das Interview wurde von Christian Peschken geführt. Peschken ist unabhängiger Fernsehjournalist sowie Film- und Videoproduzent. Zwischen 2014 und 2019 war er in Genf UN-Korrespondent für Vatican Radio und später für den katholischen Fernsehsender EWTN Deutschland. Sein Hauptinteresse gilt dem interreligiösen Dialog für ein besseres Verständnis unter den unterschiedlichen Religionen, Frieden und eine bessere Welt. Weibseite: www.christianpeschken.de

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