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Die Pilgerfahrt besitzt sowohl äußere als auch wichtige innere Aspekte. Von Magdy Abd Al-Shafy

Über die Bedeutungen der Hadsch (1)

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(iz). Neben dem Ramadan gehört die Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, zu den zeitlich einzugrenzenden Aspekten der verpflichtenden, rituellen Handlungen des Islam, die auch als die „Fünf Säulen“ bekannt sind. Bereits jetzt bereiten sich viele Muslime auf die kommende „schwierige Reise“ – zu der auch eine Menge an bürokratischen Formalitäten gehören – erwartungsvoll vor.

Im Islam dienen die bereits erwähnten „Fünf Säulen“ unter anderem auch zur Reinigung der Herzen der Muslime und zur Stärkung ihrer Beziehung zum Herrn der Welten. Sobald man als Muslim in den Zustand der Unterwerfung mit Allah eintritt, wird das Herz von der schweren Einwirkung des Materialismus befreit, die zur seelischen Belastung für die Menschen unserer Zeit ausgewachsen ist. Im Leben ist nichts vergleichbar mit dem Eintritt in die Sphäre der Zufriedenheit Allahs – “Allah ist mit ihnen wohlzufrieden und sie sind wohlzufrieden mit Ihm“, heißt es in der Sura Al-Bajjina.

Allah sagt im Qur’an an einer Stelle in der gleichnamigen Sure über die Hadsch: „Und rufe die Menschen zur Pilgerfahrt auf. Sie werden zu Fuß und auf jedem mageren Kamel aus allen fernen Gegenden zu dir kommen, auf dass sie allerlei Vorteile wahrnehmen und während einer bestimmten Anzahl von Tagen des Namens Allahs für das gedenken mögen, was Er ihnen an Vieh gegeben hat. Darum esst davon und speist den Notleidenden, den Bedürftigen.“ (Al-Hadsch, 25-26)

Der Prophetengefährte Abu Huraira, möge Allah mit ihm zufrieden sein, berichtete: „Ich hörte den Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagen: ‘Wer sich alleinig um Allahs Willen auf die Hadsch macht, weder Geschlechtsverkehr hat, noch entwürdigende Dinge tut, wird genauso zurückkehren wie an dem Tag, als ihn seine Mutter geboren hat.’“ (Bukhari)

Die Hadsch ist auch eine symbolische Reise auf dem Weg zu Allah, auf der ein Muslim Dinge und Menschen, die ihm oder ihr am Herzen liegen, der schwierigen Reise wegen hinter sich lässt – aber diese Schwierigkeiten werden freudig angenommen. Die Belohnung für die Hadsch ist auch die Rückkehr in den Zustand der Ursprünglichkeit, in welcher der Mensch erschaffen wurde.

Demonstration einer globalen Wirklichkeit

Die Hadsch ist die Demonstration der Wirklichkeit, dass im Din des Islam alle Wege zum Haus von Allah führen, wo Nationalität, Rasse und unterschiedliche Weltanschauungen hinweg gefegt werden. Die Pilger kommen von überall, aus jedem Land und Kontinent und haben jeden Hintergrund. Sie fliegen, segeln und reisen auf dem Land. Was immer sie antreibt und wer immer sie sind, sie werden von einer Sache und zu einem Punkt an- und hingezogen. Ihr Verlangen ist, Allah an Seinem Haus anzubeten und die Handlungen der Hadsch durchzuführen.

Individuelle wie allgemeine Schicksale

Ausgehend von jenem Punkt, an dem sich die Reisenden mit der richtigen Absicht auf die Reise machen, ist sie auch in einem gewissen Sinne nicht mehr ihre eigene – denn Millionen anderer machen genau das gleiche wie sie. Und doch ist es in einem anderem Sinne ihre oder seine ganz eigene Wegstrecke, denn sie oder er werden alleine vor ihrem Herren stehen – während sich ihr eigenes, individuelles Schicksal entfaltet. In Mekka werden diese einzelnen Elemente unter intensivsten Bedingungen vermischt, verschmolzen und dann schließlich wieder getrennt, bevor sie in ihre Heimat zurückkehren und nie mehr die gleichen sind, die sie vorher waren.

Keiner der Hadschis (diejenigen, die die Pilgerfahrt verrichten) kehrt als der selbe zurück. Gemeinsam und alleine erheben sie ihre Hände im Bittgebet und orientieren sich auf ein Ziel aus. Ihre Herzen sind erfüllt von Licht und nüchterner Trunkenheit angesichts dieses Ereignisses. So wie das berühmte Gebet des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, lautet, dass Allah ihn im Wandel halten möge, liegt in dieser Veränderung der Nutzen, von dem Allah im Qur’an spricht. Bei einigen ist die persönliche Veränderung nur oberflächlich, die neue Schicht verschwindet schnell und innerhalb kurzer Zeit sind sie so, wie sie vorher waren. Andere aber kehren als vollkommen andere zurück und ihr Leben erhält eine neue, bedeutungsvollere Qualität. Sie sind, wie der Prophet erklärte, wie die Neugeborenen. Für sie wirkt die Hadsch als Neuanfang in ihrem Leben.

Unterschiede

Die Unterschiede zwischen beiden Gruppen liegen erstens in der Stärke ihrer Absichten und in der Befolgung der notwendigen und empfohlenen Gottesfurcht (Taqwa), welche die Handlungen der Hadsch mit Bedeutung erfüllen. Es reicht nicht nur, passiv an diesen teilzunehmen, so als würde man nur im Strom mitschwimmen. Die Handlungen der Hadsch sind in keiner Weise „magisch“, das heißt, sie haben keinen automatischen Segen für denjenigen, der die Riten vollzieht. Der erwähnte Nutzen, den der einzelne Reisende persönlich erleben kann, leitet sich direkt aus dem furchtsamen Bewusstsein von der Anwesenheit Allahs (Taqwa) ab. Erinnern wir uns daran, dass der Gesandte Allahs (in dem berühmten Hadith von ‘Umar) die Perfektion (Ihsan) als die Anbetung Allahs in dem Wissen definierte, dass – auch wenn wir Ihn nicht sehen können – Er uns immer sieht. Dem entsprechend sollten wir Ihn anbeten, als ob wir Ihn sehen könnten.

Dschunaid in Bagdad

Zu den treffendsten Aussagen, die über die innere Dimension der Hadsch getroffen wurden, zählt jene Begebenheit von Imam Dschunaid Al-Bagdadi, einem Rechtsgelehrten und Sufi aus dem dritten islamischen Jahrhundert.

Ein Mann besuchte Dschunaid, und dieser fragte ihn, woher er komme. Der Mann antwortete, dass er gerade von der Hadsch komme. Der Gelehrte fragte ihn: „Hast du seit der Zeit, in der du dein Heim verlassen hast, auch deine falschen Taten verlassen?“ Der Mann verneinte diese Frage. Daraufhin sagte Dschunaid: „Dann bist du niemals wirklich gegangen. Hast du bei jedem Stopp deiner Reise einen Schritt weiter auf deinem Lebensweg zu Allah gemacht?“ Wiederum verneinte der Mann. „Dann hast du nicht wirklich eine Reise gemacht. Als du deinen Ihram am Miqat angelegt hast, hast du die Eigenschaften deines Selbst abgelegt, so wie du deine normale Kleidung abgelegt hast?“ Und wieder verneinte der Mann. „Dann hast du nicht wirklich den Ihram angelegt. Als du die Ka’ba umschritten hast, hast du die Schönheit Allahs in der Heimstätte der Reinheit bezeugt?“, wollte Dschunaid wissen. „Nein, das tat ich nicht“, antwortete der Mann. „Dann hast du keinen richtigen Tawaf gemacht. Als du den Sa’i zwischen Safa und Marwa gemacht hast, erlangtest du den Rang von Safa (Reinheit) und Muruwwa (Tugend)?“ Wieder verneinte der Befragte. „Dann hast du keinen echten Sa’i gemacht. Als du dich auf den Weg nach Mina machtest, verringerten sich deine Muna (Leidenschaften)?“ Der Mann gab Dschunaid die gleiche Antwort wie zuvor. „Dann bist du gar nicht nach Mina gegangen. Als du bei ‘Arafa gestanden hast, hast du einen einzigen Augenblick der Ma’rifa (direktes Wissen) von Allah erfahren?“, fragte ihn der Schaikh. Die Antwort blieb die gleiche. „Dann hast du nicht in ‘Arafa gestanden. Als du die Nacht in Muzdalifa geblieben bist, hast du deiner Liebe zu dieser Welt abgeschworen?“ „Nein“, sagte der Mann. „Dann hast du nicht in Muzdalifa übernachtet. Als du die Dschamra gesteinigt hast, hast du alles, was zwischen dir und deinem Herrn steht, abgestoßen?“, fragte Dschunaid. „Nein.“ „Dann hast du nicht wirklich gesteinigt. Als du geopfert hast, hast du Allah dein niederes Selbst angeboten?“, war die letzte Frage des großen Lehrers in Bagdad. Auch dieses Mal verneinte der Mann wie schon alle Fragen zuvor. „Dann hast du nicht wirklich geopfert und die Hadsch überhaupt nicht korrekt vollziehen. Kehre zurück und verrichte die Hadsch auf die Art und Weise, wie ich sie dir beschrieben habe, damit du wirklich den Maqam (Rang, aber auch physischer Ort) von Ibrahim (in der Nähe der Ka’ba) erlangen kannst.“

Kein Gegensatz

Es wäre sehr schwierig, heute all diese Anweisungen umzusetzen. Es gibt wohl nur wenige, die alle von Dschunaid erwähnten Kriterien erfüllen könnten. Aber Dschunaids Worte weisen darauf hin, dass es eine wesentliche innere Dimension der Hadsch gibt. Zu gleichen Zeit ist es sehr wichtig zu erwähnen, dass es bei Imam Dschunaid keinen Widerspruch zwischen Innen und Außen gibt – eine Art von innerer Bedeutung der Hadsch, die von der äußeren getrennt ist. Was sie vielmehr belegen, ist die Wirklichkeit, dass alle Handlungen unserer Anbetung Allahs eine untrennbare Verbindung zwischen Innerem und Äußerem darstellen. Ebenso ist ein Ei ohne sein Eiweiß und -gelb kein wirkliches Ei mehr, sondern nur noch eine Schale.

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