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„Die Politik hat es verstanden“

Interview: Bekir Alboga von DITIB über die Wandlung seines Verbands und die deutsche Islam-Debatte

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Bekir Alboga ist Dialogbeauftragter des islamischen Dachverbands DITIB, der auch am kürzlich neu gegründeten Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) beteiligt ist. Die IZ sprach mit ihm über die verstärkte Öffnung seines Verbands in den letzten Jahren und die gegenwärtige Debatte über den Islam in Deutschland.

Islamische Zeitung: Herr Alboga, sie sind nun seit drei Jahren in Ihrer Position als Dialogbeauftragter für DITIB tätig. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie?

Bekir Alboga: DITIB versucht, die Bereiche seiner Dienstleistungen aufzubauen und auszubauen, die man in der Vergangenheit in dieser Intensität nicht pflegen konnte, weil damals andere Prioritäten galten als heute. Zum Beispiel hatte die Arbeit des interreligiösen Dialogs schon seit den 90er Jahren an Wichtigkeit gewonnen, aber in den letzten Jahren hat DITIB nun viel mehr Gewicht auf den interreligiösen Dialog gelegt und mehr Strukturen dafür geschaffen. Bis vor drei Jahren arbeitete nur eine Person in diesem Bereich, jetzt sind es vier Personen. Es arbeitet jetzt auch eine muslimische Theologin als Dialogbeauftragte bei uns. Auch die Öffentlichkeitsarbeit wurde von DITIB noch vor ein paar Jahren nicht mit dieser Intensität gepflegt. Darauf wird jetzt mehr wert gelegt, denn wir wissen ja alle, dass die Öffentlichkeitsarbeit momentan einen sehr hohen Stellenwert in dieser Gesellschaft hat. Das heißt, DITIB verfolgt die gesellschaftlichen Entwicklungen und versucht, die notwendigen Arbeiten zu bewerkstelligen.

Islamische Zeitung: Sie haben die erkennbare Öffnung von DITIB in Richtung eines verstärkten Dialogs mit der Gesellschaft bereits angesprochen. Was waren die Beweggründe dafür?

Bekir Alboga: Wenn man für eine bestimmte, längere Zeit in einem Land lebt, dann beginnt man, sich mit dem Land zu identifizieren. Und DITIB besteht ja aus den Menschen; die Menschen machen die Arbeit in den Moscheen, in den Vereinen. Und auch die Leitung von DITIB spürt dadurch, wohin die Gesellschaft und die Welt sich entwickelt. Was erwartet die Öffentlichkeit von uns, und wie sollen wir unsere Antworten hörbar machen? Das sind Herausforderungen, denen sich DITIB jetzt stellt.

Islamische Zeitung: Was sind die derzeitigen Schwerpunkte und Ziele der Arbeit von DITIB?

Bekir Alboga: Zunächst die Entschlossenheit, endlich einmal eine repräsentative, schöne Moschee am Ort unserer Zentrale in Köln zu errichten, die ja die Zentrale von rund 890 Moscheegemeinden ist. Viele DITIB-Gemeinden vor Ort haben schon ihre repräsentativen Moscheen errichtet, die Zentrale aber noch nicht. Wir wollen nun im Sinne der Vorbildfunktion der Zentrale auch an diesem Ort den Gläubigen einen würdigen Platz anbieten, damit sie dort in einem schönen Gebetsraum beten können.

Auch beim interreligiösen Dialog hat DITIB erkannt, dass er eine Notwendigkeit darstellt für unser friedliches Zusammenleben, und DITIB konnte vor dieser Entwicklung nicht einfach die Augen verschließen. Daher wurde dieser Bereich wie gesagt ausgebaut. DITIB hat aber auch erkannt, dass die Frauenarbeit verbessert werden muss, dass etwa in den DITIB-Moscheen mehr Frauen bei den zweijährlichen Vorstandswahlen kandidieren und sich wählen lassen. Die Jugendarbeit wird ebenfalls immer mehr unterstützt. DITIB sieht, dass die Jugend eine Orientierung und eine religiöse Erziehung braucht, und man macht sich Gedanken, wie man die Jugendarbeit verbessern kann. Dies sind die Punkte, die zur Zeit bei DITIB Priorität genießen.

Islamische Zeitung: DITIB hat sich seit etwa zwei Jahren auch dem innerislamischen Dialog und der Kooperation mit anderen muslimischen Verbänden geöffnet…

Bekir Alboga: Auch hier hat man die Notwendigkeit dafür festgestellt, einfach aus einer realistischen Betrachtung der Entwicklungen. Die Öffentlichkeit wartet auf eine einheitliche Stimme, die Politik fordert einen einheitlichen Ansprechpartner. Wenn die eine Seite einen Schritt tut und sagt „wir möchten weitere Schritte tun, aber wir brauchen einen Ansprechpartner“, dann kann keine muslimische Dachorganisation die Augen schließen und sagen, wir sind groß genug, wir können das allein machen. Ich finde es schön, dass DITIB sagt, wir machen jetzt eine Zusammenarbeit, wir bilden einen Koordinationsrat und schauen mal, wie wir weiterkommen und den Erwartungen der Öffentlichkeit und der Politik entsprechen können. Wir können sagen, jetzt sind wir da, jetzt haben Sie einen Ansprechpartner und eine Religionsgemeinschaft, mit der Sie zu tun haben, die Sie zur Verantwortung ziehen und fordern, aber auch befördern können.

Islamische Zeitung: Die bei DITIB übliche Praxis, die Imame aus der Türkei zu holen und jeweils nach vier Jahren wieder zurückzuschicken und durch einen neuen Imam aus der Türkei zu ersetzen, wird immer wieder kritisiert, da die Imame in dieser kurzen Zeit kaum ausreichend Deutsch erlernen, sich nicht hinreichend mit den Gegebenheiten vor Ort und in der Gesellschaft vertraut machen, vor Ort keine Wurzeln schlagen und auch nicht langfristiger arbeiten und Kontakte aufbauen können. Wird es auch hier zu einer Veränderung kommen?

Bekir Alboga: Es gibt da gute Fortschritte, gute Änderungsvorstellungen und Änderungsvorschläge. Die Imame lernen jetzt zunächst einmal in Ankara beim Goethe-Institut 600 Stunden Deutsch und 30 Stunden Landeskunde. Hierbei gibt es eine gute Zusammenarbeit zwischen dem deutschen Generalkonsulat, dem Goethe-Institut, dem Präsidium für Religionsangelegenheiten – Diyanet – und der Konrad-Adenauer-Stiftung, die die Kosten für den Landeskunde-Unterricht übernimmt. Das reicht natürlich noch nicht aus, und DITIB weiß das auch. Daher macht DITIB sich weiter Gedanken und hat zum Beispiel unterstützt, dass an der Universität Frankfurt eine Stiftungsprofessur für Islamische Theologie eingerichtet wird. Damit signalisieren wir, dass wir bereit sind, Schritte zu tun. Aber wir sind nicht in der Lage, alles selbst zu finanzieren. Also sollte eine bessere Zusammenarbeit stattfinden. Imame könnten zum Beispiel noch mehr Deutsch lernen und ihre Sprachkenntnisse vertiefen. Erfolgreiche Imame könnten nicht nur vier Jahre, sondern vielleicht acht Jahre in Deutschland bleiben. Das sind mögliche Optionen. DITIB stellt weitere Überlegungen dazu an und versucht, die Dinge voran zu treiben. Aber es sind mehrere Aufgaben, die man gleichzeitig anpacken muss, deswegen dauert es eine Weile und braucht auch etwas Zeit. Auch eine Islamische Universität oder islamische Fakultäten an mehreren Universitäten auf die Beine zu stellen wäre denkbar.

Islamische Zeitung: Könnte DITIB künftig als Dachverband für alle Muslime in Deutschland unabhängig ihrer Herkunft attraktiv sein – also nicht nur für türkische und türkischstämmige Muslime?

Bekir Alboga: DITIB ist immer offen für alle Muslime. DITIB ist ein nach dem deutschen Vereinsrecht gegründeter, deutscher Dachverband. Das hat DITIB vielleicht früher in dieser Deutlichkeit und Intensität nicht betont, aber jetzt tun wir es: Wir sind ein deutscher Dachverband. Der Vorstand wird in Deutschland gewählt, die Entscheidungen werden vom Vorstand in Köln getroffen. Deswegen arbeitet DITIB jetzt auch bei der Entwicklung des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland aktiv und fördernd mit.

Islamische Zeitung: Wie sehen Sie aktuell die politische und gesellschaftliche Debatte um den Islam in Deutschland? Wie schätzen Sie die Lage und die Perspektiven ein?

Bekir Alboga: Die Politik in diesem Lande hat es verstanden, in Anbetracht der Tatsache, dass wir in Deutschland 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund haben, dass man auf diese Menschen nicht verzichten kann. Etwa 3,5 Millionen dieser Menschen sind Muslime. Momentan zählt in Deutschland jede Person, wir brauchen in Deutschland Menschen, um das Zusammenleben auch in Zukunft aufrechterhalten zu können. Die Politik hat dies erkannt und gibt dies offen zu. Die Bundeskanzlerin hat zugegeben, dass man es bisher versäumt habe, diesen Menschen mit hohem Integrationspotenzial zu vermitteln, dass sie in Deutschland herzlich willkommen sind. Sie hat nach dem Auftakt des Integrationsgipfels vor der Presse gesagt, dass all diese Menschen herzlich willkommen seien. Und der Innenminister hat es noch einmal auf den Punkt gebracht, als er gesagt hat, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei.

Das sind neue Töne, neue Tendenzen und Entwicklungen. Dem entsprechend werden auch die Massenmedien sich auf diese neue Situation einstellen müssen. Es ist nicht mehr wie nach dem 11. September oder unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion, sondern es ist heute eine neue Situation für Deutschland. Muslime und die 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund sind für Deutschland enorm wichtig. Dafür muss man die Bilingualität sowie die kulturelle und religiöse Vielfalt akzeptieren und fördern, und gleichzeitig fördern, dass die Kommunikationssprache deutsch ist und man, um in der Öffentlichkeit, in der Schule, am Arbeitsplatz erfolgreich zu sein, die deutsche Sprache beherrschen muss. Das bedeutet aber nicht, dass wir in Deutschland nicht weitere Sprachen haben sollen. Es gibt beispielsweise in Mannheim Menschen aus 170 Nationen – das bedeutet 170 unterschiedliche Möglichkeiten für Mannheim und für Deutschland. Ich denke, Deutschland hat begonnen, diese Vielfalt auch als einen Reichtum zu begreifen.

Islamische Zeitung: Wird DITIB auch in seinen Moscheen die Verwendung der deutschen Sprache fördern?

Bekir Alboga: DITIB fördert die deutsche Sprache bereits. Allein an der Zentrale in Köln haben in den Deutschkursen der DITIB bis heute bereits 150.000 Menschen Deutsch gelernt. Wir arbeiten als Träger von Deutschkursen mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zusammen. In der Mannheimer Moschee, in der ich früher tätig war, lernen auch 50- bis 65-jährige Frauen in den Kursen die deutsche Sprache. Es ist auch überhaupt kein Problem, zum Beispiel Vorträge in deutscher Sprache in den Moscheen anzubieten. Bei einer Sache sind wir aber sensibel: So wie die griechischen, italienischen, spanischen oder portugiesischen Christen in Deutschland in ihrer Muttersprache predigen, werden auch wir weiterhin in unserer Muttersprache predigen. Man sollte die Predigt in der Muttersprache nicht als Integrationshindernis sehen – das wäre eine falsche Wahrnehmung.

Islamische Zeitung: Können Sie etwas über den Stand des Koordinationsrates der Muslime berichten? Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang den Vorwurf, dass auch die darin vertretenen vier Dachverbände nicht für alle Muslime in Deutschland sprechen könnten?

Bekir Alboga: Der Koordinationssrat der Muslime spricht für mindestens 80 bis 85 Prozent der organisierten Muslime. Damit meinen wir nicht nur die etwa 500.000 in Vereinen eingetragenen Muslime, sondern man muss diese Zahl annähernd mal vier nehmen, um deren Familien mit einzurechnen. Um diese Zahl, also rund 2 Millionen, geht es bei der Vertretung. Das ist eine enorme Kraft für Deutschland, die die Integration fördert. Dieser Koordinationsrat ist im Begriff zu entstehen.

Man kommt zusammen und arbeitet derzeit an der Geschäftsordnung. Sobald diese erarbeitet worden ist, werden alle Vorstandsvorsitzenden und Generalsekretäre vor die Presse treten und alle Fragen, die damit zusammenhängen, beantworten. Wir nehmen uns als Religionsgemeinschaft wahr; der nächste Schritt wäre dann die Erlangung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Wir freuen uns, in Deutschland zu leben und die Religionsfreiheit des Grundgesetzes zu genießen, wir freuen uns, die deutsche Kultur und die religiöse Landschaft in Deutschland zu bereichern, und wir möchten weiterhin eine Hoffnung für dieses Land bleiben und nicht als etwas anderes wahrgenommen werden.

Islamische Zeitung: Herr Alboga, wir danken Ihnen für das Interview.

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